Der Wirtschaftsbeschleuniger Warum die Macht von Big Data überschätzt wird

Die Deutschen stehen der Sammlung großer Datenmengen eher skeptisch gegenüber. Doch muss man deswegen wirklich in Panik verfallen?
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Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.
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Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.

„Welche technische Entwicklung hat Sie in den letzten Jahren am meisten bewegt?“, fragte mich kürzlich die Reporterin einer großen deutschen Boulevardzeitung auf einer Marketingveranstaltung. „Big Data“ antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. „Und natürlich das Internet“ legte ich nach. „Ich bin mir sicher, irgendwann verkaufen die darüber Bücher und CDs.“

Die Reporterin blickte mich etwas verstört an und antwortete dann: „Aber das machen die doch heute schon ...“ Ironie ist eben nicht jedermanns Sache. Nichtsdestotrotz geht die Jagd nach Bytes und Bits an keinem von uns spurlos vorüber. Zahllose Bürger kritisieren, dass ihre persönlichen Daten in die Hände von mächtigen amerikanischen Konzernen gelangen, und teilen ihre Sorgen darüber auf WhatsApp und Facebook. Die Angst ist begründet.

Pro Tag speichert Google etwa 20 Petabyte an Daten. Das ist eine Zwei mit 16 Nullen! Zum Vergleich: Der männliche Samen enthält etwa fünf Petabyte an Datenmaterial. Dafür geht der Download meistens deutlich schneller. Allerdings muss man der Fairness halber erwähnen, dass in dem männlichen Datensatz auch eine große Menge Dubletten enthalten sind. Außerdem haben 90 Prozent des gesamten Erbmaterials nach heutigem Kenntnisstand keine eindeutige Funktion.

Ein Großteil der übertragenen DNA ist also möglicherweise kompletter Datenmüll. Warum sollte es dann bei Google und Co. grundsätzlich anders sein? Meine Vermutung: Die smarten Jungs aus dem Silicon Valley sammeln die vielen Daten nicht unbedingt deshalb, weil sie eine Vision oder einen speziellen Masterplan haben, sondern schlicht und einfach, weil sie es können. Dadurch wächst die Datenmenge unglaublich an, nicht aber unbedingt die Informationsmenge.

Das ist die Kehrseite der ganzen Sammelei. Gute Informationen sind im Gros der Daten sogar immer schwieriger zu bekommen. Denn je größer die Datenmenge ist, desto größer ist auch die Gefahr, dass das Rauschen das eigentliche Signal überstrahlt. Könnte es also sein, dass die Versprechungen, Visionen und Befürchtungen von Big Data vollkommen überschätzt sind?

Ein kleines Beispiel: Da ich exzessiver Buchbesteller bin, hat Amazon im Laufe der letzten Jahre von mir eine große Anzahl von Daten gesammelt. Doch die Kaufvorschläge, die mir Jeff Bezos regelmäßig macht, sind an Fantasielosigkeit nicht zu überbieten. Vor einem Jahr habe ich ein Geburtstagsgeschenk für einen Freund gekauft, ein Buch über Zierfische. Seitdem werde ich von Amazon Woche für Woche mit absurden Angeboten über Fischfutter, Aquarien und Angelbedarf bombardiert.

2012 entwickelte Google einen sensationellen Algorithmus, der – nachdem er zehn Millionen Youtube-Videos gescannt hatte – mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent eine Katze identifizieren konnte. Wow! Der zweijährige Sohn meiner Nachbarin kommt auf 100 Prozent. Ich kann mir nicht helfen, aber ein Unternehmen, das sich bei jeder vierten Katze fragt: „Was zur Hölle ist das???“ – ein solches Unternehmen wird vielleicht ein klein wenig überschätzt.

Auch wenn es die Nerds aus dem Silicon Valley gerne verschweigen, aber im Grunde sind Computer heute noch genauso beschränkt, wie sie vor 50 Jahren auch schon waren. Ultraschnelle Rechenmaschinen auf dem intellektuellen Stand einer Küchenschabe. Bis zum heutigen Tag „versteht“ kein Computer eine einfache Kindergeschichte, die man ihm vorliest. 

Prozessoren wissen nicht, dass man nach dem Tod nicht mehr zurückkommt, dass man mit einem Bindfaden ziehen, aber nicht schieben kann und dass die Zeit nicht rückwärtsläuft. Eine simple Fruchtfliege hat 250.000 Neuronen. Das ist ein Bruchteil der Rechnerkapazität eines iPhones. Aber sie kann problemlos in drei Dimensionen navigieren, Looping-Manöver durchführen und unseren Hausmüll in einen Swingerklub verwandeln.

Computer rechnen, Gehirne verstehen. Einen guten Freund aus 60 Metern von hinten zu erkennen, das fällt uns leicht. Ein Computer kann das nicht. Der hat keinen guten Freund. Dafür kann er blitzschnell 73 mit 26 multiplizieren. Ein Mensch, der das kann, hat meistens auch keinen guten Freund. 

Vince Ebert ist Diplom-Physiker und Kabarettist. In seinen Bühnenprogrammen, Vorträgen und Büchern vermittelt er naturwissenschaftliche Themen mit den Gesetzen des Humors in deutscher und nun auch in englischer Sprache. Mehr Infos und alle Termine unter www.vince-ebert.de.

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