Der Wirtschaftsbeschleuniger Warum Selbstoptimierung in die Irre führt

Die Health-App überwacht unsere Ernährung und rügt uns, wenn abends zu wenig Schritte gelaufen sind. Aber leben wir selbstoptimiert auch länger?
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Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.
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Der studierte Physiker Vince Ebert ist Kabarettist, Vortragsredner und Bestsellerautor. Mit seinem Bühnenprogramm „Zukunft is the Future“ ist er deutschlandweit auf Tournee.

Das Streben nach Effizienz nimmt in vielen Bereichen immer bizarrere Züge an. Inzwischen versuchen eine Menge Menschen sogar, ihr eigenes Leben zu optimieren, indem sie ihren Körper akribisch überwachen und kontrollieren, ihn untersuchen, analysieren und durchleuchten.

Auch mein Freund Jürgen macht diesen Trend mit. Von morgens bis abends lebt er nur noch vorbeugend, um irgendwann völlig gesund zu sterben. Kein Wunder, denn Jürgen ist von Beruf Controller. Optimieren und Analysieren liegt ihm im Blut. Was Gesundheit und Lebensplanung angeht, ist er absoluter Perfektionist. Penibel achtet er auf Ernährung, Schlafgewohnheiten, Cholesterinspiegel, Laktatwerte und Blutdruck.

Neulich, so erzählte er mir, habe er seine Traumfrau getroffen. Natürlich übers Internet. „Sie war fast perfekt! Laut Matching-Algorithmus 98 Prozent Übereinstimmung!“ „Und wieso hat es dann doch nicht geklappt?“, fragte ich ihn. „Na ja, als wir über unsere inneren Werte gesprochen haben, wollte ich ein großes Blutbild von ihr sehen. Daraufhin hat sie sich nie wieder bei mir gemeldet.“

Dabei kann Jürgen ein echter Romantiker sein. Als seine inzwischen geschiedene Frau 40 wurde, schenkte er ihr eine Halskette mit dem schönsten Stein von seiner Gallenoperation. Doch schon damals kriselte es in der Beziehung. Als seine Frau ihm vorwarf, dass die Dauer seines Vorspiels sich im Laufe der gemeinsamen Jahre immens verringert hat, argumentierte er nach guter Controller-Manier: „Klar, ich bin eben mit der Zeit deutlich effizienter geworden.“

Zum endgültigen Bruch kam es dann kurz nach der Geburt der Zwillingssöhne. Jürgen sah die beiden als eine Art psychologische Langzeitstudie an und erwähnte „im Scherz“, sie eventuell in eine Experimental- und eine Kontrollgruppe einzuteilen. Seine Frau konnte darüber nicht lachen und reichte die Scheidung ein.

Nun lebt Jürgen allein und optimiert sich stattdessen selbst. Ständig piept und blinkt auf seinem Smartphone irgendeine Nachricht, die ihm sagt, dass die nächste Vorsorgeuntersuchung ansteht.

Die Angst, eventuell nicht alles für die eigene Gesundheit zu tun, treibt viele Selbstoptimierer in einen ungesunden Kontrollwahn. Doch wer verkrampft versucht, alles richtig zu machen, kann viel verlieren. Den wenigsten ist bewusst: Gesund zum Arzt zu gehen, birgt ein erhebliches Risiko, krank zu werden. Es gibt harte Zahlen, die besagen, dass bei Ärztestreiks die Sterberate um mehr als 20 Prozent sinkt.

Die banale Wahrheit ist: Wer einigermaßen gesund lebt, stirbt nicht unbedingt früher als jemand, der seinen Körper 24 Stunden am Tag überwacht und dabei penibel seine Vitalwerte optimiert. Und vor allem lebt er deutlich entspannter. Das Geheimnis, das Leben zu verlängern, besteht in erster Linie darin, es nicht zu verkürzen.

Wenn Sie täglich 200 Gramm Obst essen, reduzieren Sie ihr Krebsrisiko nur um mickrige zwei Prozent. Wenn Sie dagegen 30 Zigaretten am Tag rauchen, sterben Sie 20-mal häufiger an Lungenkrebs. So gesehen ist es also 1000-mal besser mit dem Rauchen aufzuhören als mit dem Obstessen anzufangen.

Nach einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung GfK antworteten 45 Prozent der Deutschen auf die Frage, was sie mit Selbstoptimierung verbinden: Leistungsverbesserung. Nur 22 Prozent denken dabei an Selbstverwirklichung. Daran erkennt man, wie zerrissen wir sind. Für die meisten von uns bedeutet Selbstoptimierung eine Art Ich-Tuning, mit dem man sein quantitatives Wachstum steigern kann.

Auch Jürgen ist so ein Typ. Um den Tod abzuwenden, nimmt er sich paradoxerweise das Leben – in Form von unwiederbringlicher Lebenszeit.

Vielleicht sollten wir uns alle in punkto Lebenswandel ein wenig lockerer machen. Oder wie mein Opa immer gesagt hat: „Ein kleines Nickerchen bewahrt vor dem Älterwerden“ – besonders hinter dem Steuer.

Vince Ebert ist Diplom-Physiker und Kabarettist. In seinen Bühnenprogrammen, Vorträgen und Büchern vermittelt er naturwissenschaftliche Themen mit den Gesetzen des Humors. Mehr Infos und alle Termine unter www.vince-ebert.de.

 

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