Zum 100. Geburtstag von Viola Drath: Die Journalistin und ihr Mörder: Auf den Spuren eines filmreifen Lebens
Ihre Lebensgeschichte gleicht einem Spielfilm.
Foto: ArchivDüsseldorf. Der erste Schock kommt für Fran Drath um 8 Uhr morgens. Eine Nachricht blinkt auf dem Anrufbeantworter. „Ruf mich an“, sagt Albrecht Gero Muth. Frans Mutter Viola Drath sei gestorben, die Polizei im Haus. Fran Drath eilt zu Fuß die paar Straßenblocks zu dem Townhouse in der Q Street in Washington. Auf dem Weg benachrichtigt sie den Rest der Familie.
Der Tod der Mutter ist eine schmerzliche, aber nicht ganz überraschende Nachricht. Ihre Mutter, eine gebürtige Deutsche, ist bereits sehr alt gewesen. Laut ihrem Ehemann Muth sei sie „ausgerutscht und gefallen“.
Der zweite Schock kommt für die Familie Drath wenige Stunden später. Kriminalpolizisten stehen vor dem Haus von Fran Drath. Die Mutter sei ermordet worden. „Wir waren fassungslos“, sagt Connie Dwyer, die jüngere Schwester von Fran Drath. „Wer bringt eine 91-Jährige um?“
Die „Washington Post“ bringt die Nachricht vom Mord auf Seite eins, dem „New York Times Magazine“ ist sie eine Titelgeschichte wert: Ein Gewaltverbrechen in Georgetown, einem vornehmen Viertel der amerikanischen Hauptstadt. Dort war Viola Drath in einflussreiche Kreise aufgestiegen. Schriftsteller Norman Mailer, Außenminister Henry Kissinger und Präsident George H. Bush gehörten zu ihrem Freundeskreis. „Sie kannte jeden“, sagt George Schwab, ehemaliger Politikprofessor am City College of New York.
Und dann der Täter. Der ebenfalls deutsche Muth war 44 Jahre jünger als Viola Drath. Die beiden waren ganze 21 Jahre lang verheiratet – bis er seine Ehefrau 2011 zu Tode würgte und prügelte. „Die schlimmste Ehe in Georgetown“ lautete die Überschrift in der „New York Times“.
Der Artikel inspirierte den österreichischen Schauspieler und Oscar-Preisträger Christoph Waltz zu seinem Regiedebüt, das vor wenigen Monaten zum ersten Mal zu sehen war: „Georgetown“, ein Spielfilm, in dem Waltz auch die Hauptrolle des Mörders Muth spielt und Vanessa Redgrave das Opfer.
Ein Lehrstück darüber, was alles gelingen kann, wenn man zur richtigen Zeit mit der nötigen Chuzpe am richtigen Ort ist – und wie schnell sich das Leben anschließend ins Tragische wenden kann.
Eine Affäre im Wahlkampfzug des deutschen Kanzlers.
Foto: ArchivAm 8. Februar wäre Viola Drath 100 Jahre alt geworden. Viele Jahre hatte sie aus den USA für das Handelsblatt geschrieben. Ein Blick in ihr Leben und ihre Ehe lässt eine vergangene Epoche der transatlantischen Beziehungen aufleben: eine Zeit, in der Deutschland in den USA von höchster politischer Bedeutung war und ein Nachkriegsmädchen wie Drath gesellschaftlich in fast unglaublicher Weise aufsteigen konnte.
Der Höhepunkt des US-Interesses an Deutschland war wohl 1990, das Jahr der Wiedervereinigung – und das Hochzeitsjahr von Viola Drath mit dem Hochstapler Albrecht Muth. Heute sitzt Muth in einem Hochsicherheitsgefängnis in Florida, verurteilt zu 30 Jahren Haft. „Ich liebe sie“, schreibt er in zahlreichen Briefen an das Handelsblatt.
Eine transatlantische Liebe
Ein Foto von Viola Drath aus dem Jahr 1947 zeigt ein ovales Gesicht mit feinen Zügen, dazu blonde Haare und blaue Augen. „Sie war eine sehr schöne Frau“, sagt ihre Schwester Barbara Wiegmann. „Wo sie stand, versammelten sich drei Männer um sie.“
Mit 27 Jahren war sie auch für Francis S. Drath unwiderstehlich. Der Oberstleutnant war 43, er beaufsichtigte im besetzten Deutschland als stellvertretender US-Militärgouverneur die Region Schwaben. Viola arbeitete als Übersetzerin beim US-Militär. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Wiegmann.
Eine auffallende Schönheit.
Foto: ArchivViola Drath trug viele Namen in ihrem Leben. Sie wollte nur eines nicht: weiter Erika Fiedler heißen, der Name, unter dem sie 1920 geboren wurde. Sie war ein uneheliches Kind, ein Baron soll der Vater gewesen sein. Sie wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf, ihr Stiefvater war Jurist, Richter und Regierungsrat, der oft versetzt wurde. Ihr Abitur machte sie in Halle an der Saale, danach kannte sie nur ein Ziel: raus in die weite Welt.
Sie zog nach Berlin, studierte Malerei an der Kunstakademie und wählte den Künstlernamen Viola. Ihr richtiger Name erinnerte sie zu sehr an das Marschlied und den Schlager „Erika“ aus der Nazizeit. Auch nahm sie den Geburtsnamen ihrer Mutter an: Viola Herms. Es war die erste von vielen Identitätswandlungen.
Im Krieg spielte Viola Herms im Fronttheater der Wehrmacht, flog mit Militärflugzeugen zu den Truppen nach Russland. Nach dem Krieg zog sie nach München, schrieb Theaterstücke, unter anderem mit dem späteren Filmstar Curd Jürgens. „Curdchen sieht gut aus, kann aber nicht spielen“, erinnert sich Wiegmann an einem Kommentar ihrer Schwester.
Der nächste Schritt führte sie noch weiter weg von ihrer Heimat: nach Amerika. 1947 heiratete sie Francis Drath, nannte sich fortan Viola Herms Drath. 1948 zog das Paar nach Lincoln, in die Hauptstadt des US-Bundesstaats Nebraska. Im gleichen Jahr kam die erste gemeinsame Tochter zur Welt, fünf Jahre später die zweite.
Aus dem Feind des Zweiten Weltkriegs wurde Deutschland in diesen Jahren zu einem wichtigen Verbündeten der USA gegen die Sowjetunion. Viola Drath schrieb in Lincoln Bücher und Artikel für deutsche Zeitungen, meist über leichte Themen wie Mode oder Kunst für das deutsche Magazin „Madame“.
Ihre Kinder erinnern sich noch an das nächtliche Klappern der Schreibmaschine, Drath schrieb mit zwei Fingern. Anschließend die eilige Fahrt zur Fernschreiberstation, von wo sie ihre Geschichten nach Übersee kabelte. „Sie nahm ihre Arbeit sehr ernst“, sagt Connie Dwyer. „Oft schlief sie bis spät in den Vormittag, sie war eine Nachteule.“
Ihr Ehemann kümmerte sich um die Kinder, machte das Frühstück und schickte sie zur Schule. Gesellschaftliche Verpflichtungen waren dem Offizier ein Graus, lieber blieb er zu Hause und las ein Buch. „Er war der Fels in der Brandung“, sagt Fran Drath.
Im Mittleren Westen der USA lernte Viola Drath bald den späteren Kommandanten der US-Luftwaffe in Europa kennen, Curtis Emerson LeMay. Er war einer der Organisatoren der Berliner Luftbrücke, die von 1948 bis 1949 das von der Sowjetunion abgeriegelte Westberlin versorgte. Viola Drath erhielt aus dem Umkreis von LeMay Informationen und den Ablauf der Versorgungsaktion und schrieb darüber. Die Luftbrücke war für Drath „ein Grundstein für die transatlantische Partnerschaft“.
Als Reporterin flog Drath in den Jahren darauf bei Militärmanövern der US-Luftwaffe mit. So sieht man sie auf einem Foto von 1963 aus einem C-135-Tankerflugzeug steigen, das gerade am Rhein-Main-Stützpunkt gelandet war. Sie berichtete über das Manöver „Big Lift“, mit dem die USA mitten im Kalten Krieg zeigen wollten, dass sie ihre Streitkräfte rasch aus den USA nach Deutschland verlegen konnten.
1961 lernte Drath Willy Brandt kennen, den damaligen Bürgermeister von Berlin. 1975 schrieb sie ein Buch über Brandt, kurz nachdem der als Bundeskanzler zurückgetreten war. Das auf Englisch verfasste Werk „Prisoner of the Past“ wurde von der „New York Times“ in der Luft zerrissen, „ungelenk geschrieben“ hieß es dort.
Die beiden waren bis zu seinem Tod 1986 fast 40 Jahre lang verheiratet.
Foto: ArchivDer ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger lobte dagegen: „Das Buch von Drath bleibt ein unverzichtbares Buch für diejenigen, die sich für diesen wichtigen Staatsmann interessieren.“ Auch Schriftsteller Norman Mailer eilte zu Hilfe: „Wer hat jemals ein besseres Buch über Willy Brand für das amerikanische Publikum geschrieben als Viola Herms Drath?“
Was für Aufmerksamkeit sorgte: Drath schrieb offen über das Privatleben von Brandt. Ein Tabubruch. „Er war ein Frauenheld“, berichtete Drath über die vielen Liebschaften des Kanzlers. Die traditionellen Medien hätten sich mit der „chauvinistischen Einstellung männlicher Historiker“ verbündet und das Thema totgeschwiegen. Dabei sei es unverzichtbar, um die Persönlichkeit und Handlungsweise von Brand zu verstehen.
Viola Drath schilderte detailliert seine Vorgehensweise im „Drei-Schritte-Plan“: Brandt fuhr auf Wahlkampf mit dem Zug durch die Republik, sprach in den Waggons mit der Presse. Wenn er eine „attraktive Journalistin“ ausmachte, so Drath, dann setzte er sich neben sie, um nach ein paar Drinks im ersten Schritt „zufällig ihre Hand zu berühren“, um später im zweiten Schritt, „ohne den Blick von dem eifrigen Gesprächspartner zu nehmen“, seinen Fuß gegen die Schuhsohle der Frau zu stellen. Gab es „keine negative Reaktion“, wurde unter dem Tisch Händchen gehalten und es gab „eine geflüsterte Einladung zu einem Cognac in privater Umgebung“.
Drath berichtete wohl aus eigener Erfahrung. „Brand legte seine Hand auf ihre und fragte, ob sie noch etwas trinken wollte“, erinnert sich Wiegmann an die Erzählung ihrer Schwester. Viola Drath war sehr beeindruckt von dem Politiker. „Ich bin nur einmal 49“, soll sie laut Wiegmann gesagt haben. „Später war sie tief gekränkt, dass es für ihn nur eine Affäre war“, sagt Wiegmann. Ihre Schwester wollte mehr. Im Bett mit Brandt, stimmt das? „Überraschen würde es mich nicht,“ sagt Tochter Fran Drath.
Aufstieg in der US-Politik
Zugang in höchste politische Kreise.
Foto: Achiv1964 wird Francis Drath nach Washington versetzt. Es ist ein großer Wandel für die kleine Familie. Raus aus der Provinz, hinein in eine Weltstadt. Sie ziehen in ein viktorianisches Reihenhaus in Georgetown, dem Stadtteil der Wohlhabenden und Mächtigen.
Viola Drath lebt auf in der internationalen Atmosphäre mit Politikern, Intellektuellen und Diplomaten. Sie ist nun eine Journalistin und „Socialite“, eine „Dame der Gesellschaft“. Für das Handelsblatt fängt sie Mitte der Siebzigerjahre als freie Korrespondentin an zu schreiben.
Oft fuhr Viola Drath nach New York. Dort baut sie sich ein Netzwerk auf, das sich heute wie der Blick in ein Geschichtsbuch liest. Sie lernt Norman Mailer kennen und unterstützt ihn bei seinem wenig erfolgreichen Wahlkampf 1969, als der berühmte Schriftsteller Bürgermeister von New York werden will – mit damals so absurden Vorschlägen wie dem Fahrverbot für Autos in der Innenstadt.
Mailer wird ein Freund, kommt in Washington oft zu Besuch. „Einmal blieb er eine ganze Woche, um an einem Buch über die CIA zu schreiben“, erinnert sich Tochter Fran Drath. Das war wohl das Monumentalwerk „Harlot’s Ghost“, das 1992 erschien.
In New York kommt Viola Drath auch in Kontakt mit George Schwab. Der Politikprofessor vom City College gründete zusammen mit Hans Morgenthau 1974 das National Committee on American Foreign Policy. Der Thinktank versammelt lange Zeit in seinen Reihen alles, was Rang und Namen in den transatlantischen Beziehungen hat. So die ehemaligen US-Außenminister George Shultz und Henry Kissinger oder den kürzlich verstorbenen ehemaligen US-Notenbankchef Paul Volcker – alle drei einflussreiche Persönlichkeiten mit deutschen Wurzeln.
Drath baute sich mit den Jahren ein Netzwerk auf, das bis zum US-Präsidenten George H. Bush reichte. Bei dessen Wahlkampagne 1987 half sie mit, vermittelt hatte den Kontakt Bushs damaliger Sicherheitsberater Donald Gregg. „Sie pflegte enge Kontakte zur Republikanischen Partei“, sagt Markus Ziener, Professor an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Berlin, der von 2006 bis 2012 als Korrespondent für das Handelsblatt in Washington arbeitete.
Der ehemaliger US-Außenminister gehörte zum Freundeskreis der Handelsblatt-Korrespondentin.
Foto: ArchivWie schaffte es eine Deutsche in so hohe Kreise? Die Antwort lautet wohl: Sie war am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Mit Georg H. Bush zog Anfang 1989 ein Deutschlandfreund ins Weiße Haus ein, wenige Monate später fiel die Mauer, Deutschland vereinigte sich. Eine transatlantische Grenzgängerin wie Viola Drath war da eine gefragte Gesprächspartnerin. „Sie hatte sehr gute Verbindungen zu US-Politikern“, bestätigt Hans-Georg Wieck, ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes BND.
Drath schildert ihre Mission in einer Dankesrede für den „William J. Flynn Initiative for Peace Award“. Die Friedensehrung erhielt sie 2005 für ihre Verdienste um die Wiedervereinigung. Als Michael Gorbatschow 1987 ein „gemeinsames Haus Europa“ anregte „ging ein Schrecken“ durch Washington, so beschrieb es Drath. „Eine zentraleuropäische Lösung nach den Vorstellungen Moskaus war nicht akzeptabel.“ Washington musste reagieren. „Und ich wurde beauftragt, einen Gegenvorschlag zu finden.“
Sie hätte sich, sagte sie 2005, mit „ihren politischen Freunden“ konsultiert, darunter Willy Brandt, der ehemalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky und „Kanzler Kohl“. Heraus kam ein Papier mit dem Titel „Die Wiederkehr der deutschen Frage“, in dem Drath noch vor dem Mauerfall Friedensgespräche zwischen den beiden deutschen Staaten und den alliierten Siegermächten anregte.
Die Idee sei laut Drath auf „gemischte Reaktionen“ gestoßen, das Weiße Haus habe „unverbindlich“ reagiert. Aber der spätere US-Botschafter in Deutschland, Vernon Walters, las laut Drath ihr Papier im Magazin des National Committee on American Foreign Policy, wo es im Oktober 1988 erschien.
Walters setzte sich als Botschafter für die Wiedervereinigung ein. Wie sehr war er von Draths Idee beeinflusst? Walters kann man nicht mehr fragen, er starb 2002. Aber bis zuletzt erzählten Viola Drath und Albrecht Muth die Geschichte, dass Viola mit ihrem Papier die Idee zu den Zwei-plus-Vier-Gesprächen etablierte, die 1990 tatsächlich den Weg zur deutschen Einheit ebneten.
Die Journalistin heiratete ihren Mörder.
Foto: Archiv
Die Ehe, die ins Unglück führt
Eine Frau mit Hang zum Abenteuer.
Foto: ArchivFür Viola Drath brach eine Welt zusammen, als ihr Ehemann Francis 1986 an Krebs starb. Er hatte ihrem Leben Bodenhaftung gegeben, kümmerte sich bis ins hohe Alter um das Haus und alltägliche Dinge wie das Kochen und Putzen, während sie Artikel schrieb oder auf Partys ging. Die Kinder waren längst erwachsen. Plötzlich war sie allein im Haus. „Ich bin so einsam, ich bin so einsam“, sagte sie zu ihrem Freund, dem New Yorker Professor Schwab.
Albrecht Muth kannte Viola Drath schon lange, bevor sie sich trafen. „Ich habe ihre Berichte seit meinen Jugendjahren gelesen“, im Handelsblatt und anderen deutschen Zeitungen, wie er sagt. Muth war in Bergisch Gladbach aufgewachsen, die Mutter sei Oberstudienrätin „und Witwe“ gewesen, wie Muth in einem Brief schreibt. Sein Studium brach Muth ab und wanderte in die USA aus. 1982 lernte er auf einer Pressekonferenz in Washington Viola Drath kennen.
Unterschiedlicher konnten die beiden zu dem Zeitpunkt kaum sein. Der Student ist 18 Jahre alt, Viola Drath 62 Jahre. Trotzdem verstanden sie sich auf Anhieb. Seine Interessen deckten sich mit ihren: Literatur, Philosophie und Politik. Beide legten Wert auf ihre Erscheinung, hatten einen Hang zur Dramatik.
Drath hatte eine Schwäche für ungewöhnliche Menschen, ihr gefielen seine Intelligenz und Bildung. „Er konnte sehr charmant sein“, erinnert sich Tochter Connie Dwyer. Auch konnte er „wunderschön“ Klavier spielen: „Er hatte eine kultivierte Seite.“
Gegenüber ihrer Schwester beklagte sich Viola Drath über ihre „alten“ Freunde, die so verstaubt und langweilig seien. Mit Muth war es nie monoton, der junge Deutsche steckte voller Ideen, reiste gerne, war neugierig auf die Welt. Viola Drath fühlte sich geschmeichelt, von einem jungen Mann verehrt zu werden. „Das tut gut“, erinnert sich Babara Wiegmann an die Gefühle ihrer Schwester.
1990, im Jahr der Wiedervereinigung, haben Viola Drath und Albrecht Muth geheiratet. US-Präsident George H. Bush schickte seine Glückwünsche, die Ehe solle „ein Leben lang Liebe und Glück bringen“.
Dabei war die Ehe nicht nur wegen des großen Altersabstands ungewöhnlich. Es gab verschiedene Abmachungen. Muth erhielt Geld, 2011 waren es monatlich 2000 Dollar. Sie schliefen in einem Zimmer, aber in verschiedenen Betten. Familienmitglieder von Viola Drath vermuten, dass Muth homosexuell ist. „Ich habe meine Frau nicht geliebt wie dies allgemein verstanden wird“, schreibt Muth in einem Brief. „Ich habe sie verehrt!“
Viola Drath verliebte sich in den exzentrischen Deutschen, obwohl er 44 Jahre jünger als sie war.
Foto: ArchivZusammen organisierten sie Abendessen und Empfänge in ihrem Townhouse in Georgetown. Dorthin kamen Politiker, Generäle oder Journalisten aus der Hauptstadt, trafen auf deutsche Minister oder Politiker, die zu Besuch in den USA waren. Muth lernte das Kochen und servierte altmodische Gerichte wie Entenbrust à l’Orange. Der Salon sei in „Washingtoner Kreisen“ und im deutschen diplomatischen Corps „sehr geschätzt“ gewesen, sagt der ehemalige BND-Chef Wieck.
Muth nannte die Treffen in Georgetown das „Albrechtory“, ein Versuchslabor für den sozialen Aufstieg. Viola Drath und Albrecht Muth beherrschten die Kunst des Netzwerkens. Eines Abends kam beispielsweise Chuck Hagel vorbei, der lange Zeit US-Senator für Nebraska war – den früheren Heimat-Bundesstaat von Viola Drath. „Sie hatten ein intensives Verhältnis“, berichtet Karsten Voigt, lange Zeit Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit.
Aber Muth schaffte es nie, sich dauerhaft in den Kreisen seiner Frau zu etablieren. Trotz seiner Jugend wirkte er steif und formalistisch. Muth war immer korrekt gekleidet, oft bis ins Bizarre. Eine Zeit lang trug er eine Art Uniform. Bei einem Empfang Anfang der 2000er-Jahre war Bernd Ziesemer zu Gast: „Er kam mir komisch vor, wirkte deplatziert“, erinnert sich der damalige Handelsblatt-Chefredakteur.
Drath-Tochter Connie Dwyer erinnert sich noch gut an die erste Begegnung mit Muth: „Er hatte eine Augenklappe.“ Als sie ihn danach fragte, erzählte er ihr eine wilde Geschichte. Früher sei er ein Missionar in Südamerika gewesen und habe in einem Krieg sein Auge verloren. „Das nächste Mal hatte er keine Augenklappe an, trug auch kein Glasauge“, sagt Dwyer.
Einmal gab Muth vor der Schwester von Viola Drath an, er habe gerade eine Rede vor dem englischen Parlament gehalten. Ob sie die hören wolle? Barbara Wiegmann war beeindruckt, wie er auf dem Tonband im makellosen Englisch sprach. „Ob das mal stimmt“, sagte Viola Drath zu ihrer Schwester, als Muth wenig später das Zimmer verließ. Schließlich würde man auf dem Band kein Husten oder keinen Beifall hören. „Sie hat es mit Humor genommen“, sagt Wiegmann.
Anfangs hatte Viola Drath große Pläne mit Muth. Der konnte zwar eigentümlich sein, besaß aber eine ausgeprägte soziale Intelligenz, war charmant und konnte Beziehungen analysieren, sich rasch den Jargon einer Organisation aneignen. In ihren Memoiren schreibt Drath, wie sie anfangs versuchte, ihm einen gut bezahlten Job zu vermitteln, eine Karriere zu ermöglichen.
Auch die Familie war anfangs „nett zu ihm“, wie es Tochter Dwyer ausdrückt. Aber mit der Zeit änderte sich das. „Er war schwierig, konnte jemanden rasch mit unhöflichen Bemerkungen irritieren.“ Nach ein paar Jahren wurde Muth nicht mehr zur gemeinsamen Weihnachtsfeier der Familie eingeladen. „In ihm lebte noch der kleine Junge, der was ganz Großes werden wollte“, meint Barbara Wiegmann, die Schwester von Viola Drath. „Der es allen zeigen wollte und voller Aggression steckte.“
Der große Einschnitt kam 1992. Viola Drath kam von einer Reise aus Deutschland zurück, klingelte an der Tür. Muth regte sich auf, dass sie sich nicht selbst die Haustür aufschloss. Es kam zum Streit, er schlug sie. „Ihr Gesicht war voller blauer und schwarzer Flecken“, erinnert sich Connie Dwyer. Die Polizei kam, Muth musste ausziehen. Die Familie war entsetzt. Die Mutter solle sich scheiden lassen, von ihm wegbleiben, forderten die Töchter. Aber nach einer Weile holte sie Muth wieder zurück. „Wir konnten es nicht glauben“, sagt Fran Drath.
In seinem Regiedebüt nimmt sich Christoph Waltz dem Muth-Stoff an. Vanessa Redgrave (links) spielt Viola Drath.
Foto: Alan MarkfieldIn den Jahren danach kommt es zu vielen Streitigkeiten, „alle verbal“, sagt Fran Drath. „Beide waren sehr dramatische Menschen.“ Wieder und wieder wurde Muth vor die Tür gesetzt, wieder und wieder nimmt ihn Viola Drath auf.
„Wir waren machtlos“, sagt Connie Dwyer, die 1995 zu einer List griff. Ihr Ehemann hatte Beziehungen zur Einwanderungsbehörde. Als Muth von einer Auslandsreise zurückkehren wollte, wurde er auf einmal an der Grenze nicht mehr hereingelassen. „Wir haben ihn fast ein Jahr lang aus dem Land gehalten, in der Hoffnung, die Ehe zu trennen“. Die Tochter hatte aber die Rechnung ohne ihre Mutter gemacht. Die heuerte einen auf Einwanderungsrecht spezialisierten Anwalt an, um Muth zu helfen.
Hochstapler auf großer Bühne.
Noch heute bricht Bewunderung aus Tom Mason heraus, wenn er Albrecht Muth beschreibt. Der sei einer der interessantesten Menschen gewesen, denen er jemals begegnet sei. Dabei hat der 75-jährige Mason in seiner langen Karriere als Anwalt für Strafrecht einiges erlebt. „Großartig charmant“ und „wirklich brillant“ sei Muth, ein „faszinierender Charakter wie aus einem Film“, aber auch „diabolisch“: „Ihm darf man keine Sekunde über den Weg trauen.“
Ein Telefonat brachte Mason und Muth zusammen. Der Deutsche rief 2000 den Anwalt an, der damals bei den Vereinten Nationen (UN) in New York die Lobby der Waffenhersteller repräsentierte. Es war virtuos, wie sich Muth selbst einführte. Ein angeblicher Assistent war in der Leitung und fragte Mason, ob er mit „Graf Albi“ sprechen wolle.
„Natürlich wollte ich als kleiner Landjunge mit einem Grafen sprechen“, erinnert sich Mason an das Gespräch. Ein klassischer Schachzug in Amerika, um sich Zutritt zu verschaffen. Muth weiß ganz genau um die Schwäche der Amerikaner für blaues Blut und europäische Kultur.
Der Grund für den Anruf von Muth war die „Eminent Persons Group“ – die „Gruppe bedeutender Personen“, kurz EPG. Muth hatte 1999 die Idee für die Initiative mit dem bombastischen Namen: Eine Handvoll angesehener, internationaler Intellektueller sollte den UN-Generalsekretär beraten. Muth schaffte es, unter anderem den ehemaligen US-Verteidigungsminister Robert McNamara und den französischen Premierminister Michel Rocard an Bord zu holen. Der Hedgefonds-Manager George Soros gab Geld für die Gründung der EPG.
Beim Telefonat mit Mason ließ Muth die Namen Soros, McNamara oder Rocard fallen. Der gewünschte Effekt trat ein: Der Anwalt war interessiert. Die Idee von Muth: Die Waffenhersteller sollten mit den Vereinten Nationen über die „Eindämmung der Ausbreitung von Kleinwaffen“ in der Welt sprechen und am besten eine Erklärung oder einen Vertrag unterschreiben.
Die Organisation wuchs nie in die von Muth erträumte Dimension, profilierte sich aber beim Thema Kleinwaffen. 2002 und 2003 hielt die EPG Konferenzen in Washington, Paris und London ab. Auch veröffentlichte die Organisation Studien. UN-Generalsekretär Kofi Annan schrieb 2001 in einem Brief zur Arbeit der EPG: „Ich lobe ihre unermüdlichen Anstrengungen.“
Die Kosten trug nicht selten Viola Drath. „Muth lud Honoratioren aus aller Welt ein“, erinnert sich ihre Schwester Wiegmann. „Alle übernachteten in besten Hotels, die Konferenzen hatten eine detaillierte Agenda.“ Alles sehr beeindruckend, so Wiegmann, nur mit einem Schönheitsfehler: „Viele Rechnungen musste meine Schwester zahlen.“
Die EPG scheiterte nicht nur am Geld. Auch war sich Muth selbst im Weg. Das etwas nicht mit ihm stimmte, zeigte sich für Teilnehmer an bizarren Details. So organisierte Muth ein Mittagessen in dem Restaurant der UN-Delegierten in New York zu Ehren von Robert McNamara. Muth tauchte dabei in einem deutschen Diplomatenanzug aus dem letzten Jahrhundert auf: einem „Stresemann“ mit gestreiften Hosen und Weste.
Wie nah Genialität und Scharlatanerie bei Muth zusammenlagen, zeigte sich auch bei einem Abendessen der EPG im Londoner Naval and Military Club. In dem 1862 gegründeten Privatklub der britischen Streitkräfte hängen Kronleuchter an den Decken, Säulen säumen die Treppe. Muth brachte Viola Drath mit zum Dinner, „eine elegante Erscheinung“, wie sich Mason erinnert – der sich aber über den großen Altersunterschied des Ehepaars wunderte.
Beim Verlassen des privaten Klubs kam die Gesellschaft an einem Klavier vorbei. Muth fragte einen der Amerikaner aus dem Außenministerium, aus welchem Bundesstaat er komme. „Arizona“, antwortete der – und Muth setzte sich laut Mason ans Klavier und spielte aus dem Kopf den „Arizona March Song“ vor. „Alle waren hingerissen“, erinnert sich Mason. Die Stimmung trübte sich allerdings etwas ein, als der Oberkellner mit der unbezahlten Rechnung in der Hand angelaufen kam.
Mason ärgerte sich über Muths „bombastische“ Pressemitteilungen, die der nach jedem Treffen verschickte. Dort schrieb Muth, dass die Waffenhersteller mit den Vereinten Nationen kooperieren würden. Davon konnte aber nicht die Rede sein, laut Mason waren die politischen Differenzen zwischen der Waffenbranche und den UN „intensiv“.
Die Zusammenarbeit von Mason und Muth endete so merkwürdig und abrupt wie sie angefangen hatte. Anfang 2004 erhielt er ein Fax mit der Polizeiakte von Muth, in der von häuslicher Gewalt die Rede war. Mason verfolgte die Faxnummer zu einem Kopiergeschäft in der Nähe von Viola Draths Wohnsitz zurück. Er glaubt, dass Muths Ehefrau ihm das Fax geschickt hatte, vielleicht um sich an ihrem Gatten zu rächen. Die beiden lebten damals über längere Zeiträume getrennt.
Wie konnte solch ein exaltierter Mensch wie Muth so weit kommen und aufsteigen? Die Grundlage dafür bildeten die exquisiten Beziehungen seiner Ehefrau. Daran knüpft sich ein viel schwierigeres Rätsel, das sich nicht mit letzter Sicherheit lösen lässt: Warum ließ sich Viola Drath auf Muth ein – und kam bis zu ihrem Tod nicht von ihm los?
Ein Prozess in Abwesenheit
Der Raum ist klein, spärlich eingerichtet mit Stuhl und Tisch, eine Art Gefängniszelle und Verhörraum zugleich. Die Kriminalpolizisten James Wilson und Gus Giannakoulias sitzen gegenüber von Muth. Der eine Polizist ist leger gekleidet, die Hemdsärmel hochgekrempelt, lehnt sich nach vorne, spricht freundlich. Muth presst sich gegen die Stuhllehne, trägt ein graues Jackett, eine weiße Weste und ein weißes Hemd mit schwarzer Krawatte, spricht kurz und gepresst.
Oben in dem Polizeivideo ist das Datum des Verhörs eingeblendet: 13. August 2011, der Tag nach dem Tod von Viola Drath. Wilson eröffnet Muth, dass laut dem Bericht des Gerichtsmediziners ein Mord vorliegt. Mehr als sechs Minuten dauert das Video. Muth rutscht hin und her, stützt mit seiner Hand seinen Kopf.
Auf die Frage, ob er seine Frau umgebracht habe, antwortet er: „Ich habe sie nicht getötet.“ Wie das denn sein könne, das Haus sei abgeschlossen gewesen, niemand habe einen Schlüssel und es gebe keine Spuren eines Einbruchs. „Ich habe keine Ahnung“, sagt Muth.
Beim Prozess kam heraus, dass Viola Drath die monatliche Zahlung an Muth von 2000 auf 1800 Dollar gesenkt hatte. Dass er mehrfach versucht hatte, ihre Unterschrift für eine Vollmacht oder für eine größere Geldzahlung zu erhalten. Die beiden stritten sich, Muth wollte ausziehen, mit einem Freund nach Florida gehen.
Einer der Zeugen beim Prozess war Barbara Wiegmann. Sie erzählte, wie sie 2010 zu Besuch bei ihrer Schwester in Washington war. Dass Muth viel Alkohol trank, Whiskey, und immer rabiater wurde. Irgendwann habe sie ihm gesagt, dass es jetzt reiche und er aus dem Haus gehen solle. Er habe sie daraufhin angeschrien. „Da habe ich ihm eine gelangt“, sagt Wiegmann. Muth sei zur Tür gegangen und habe dabei vor sich hin gemurmelt: „Irgendwann erwürge ich sie.“
In der Untersuchungshaft verweigerte Muth jede Nahrungsaufnahme. Er magerte so stark ab, dass sein Transport als zu riskant galt. Vier Jahre lang verzögerte Muth auf diese Weise den Prozess. Schließlich entschied der Richter, ihn per Video in die Verhandlung zuzuschalten. Das Urteil kam schnell: 50 Jahre Haft. Die Beweislage sei „überwältigend“, sagte Richter Russell Canan.
Muth schaffte es in einer Nachverhandlung, die Strafe auf 30 Jahre zu senken. Um einen weiteren langen Prozess zu vermeiden, willigte die Staatsanwaltschaft ein. Die Familie von Viola Drath war dennoch dankbar, dass endlich ein Abschluss gefunden war. Fran Drath beschreibt den Augenblick der Urteilsverkündigung als „zutiefst befriedigend“.
Muth sitzt heute in einem Hochsicherheitsgefängnis in Florida. Seine Lage hört sich prekär an. In Briefen berichtet der Endfünfziger von Misshandlung durch Mitgefangene, von Vergewaltigung, einer hätte ihn gar versucht umzubringen: „Mein Leben ist täglich in Gefahr.“ Es ist das traurige Ende und der tiefe Fall eines Deutschen, der in Amerika groß herauskommen wollte.
Mehr: Christoph Waltz verfilmt das Leben der exzentrischen Handelsblatt-Korrespondentin Viola Herms Drath. Es geht um Mord in feinsten Kreisen, legendäre Empfänge und eine besonders üble Ehe.