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Selten gab es auf der Frankfurter Buchmesse so viele gute Wirtschaftsbücher wie 2018.

30 Rezensionen in Kurzform Die besten Wirtschaftsbücher der Buchmesse

McAfee, Harari, Keese – selten erschien so viel guter Lesestoff geballt wie diesen Herbst. Die besten Wirtschaftsbücher im Überblick.
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DüsseldorfDie Welt wird immer komplexer, die Krisenszenarien werden umfangreicher und die Herausforderungen größer. Wie gut, dass es in Zeiten von immer mehr Fake News und Twitter-Getöse noch Menschen gibt, die intensiv über ihre Thesen nachdenken und Zeit genug haben, sie ordentlich aufzuschreiben. In diesem Herbst gibt es eine derart große Fülle von guten Wirtschaftsbüchern wie lange nicht mehr.
Oft geht es um die Frage, wie wir in Zukunft leben und arbeiten werden. Die Finanzelite bekommt gleich mehrfach ihr Fett weg inklusive der Frage, ob China die neue wirtschaftliche Großmacht darstellen oder eine große Krise produzieren wird. Wie es um die Welt wirklich bestellt ist und wie die Zukunft aussieht – das beurteilen Autoren sehr unterschiedlich. Die Bandbreite an Ansichten ist groß:

Beginnen wir mit dem Wirtschaftsbuch, dass sich derzeit in Deutschland wohl am besten verkauft – obgleich es andere noch mehr verdient hätten: Dirk Müller sieht sich als Deutschlands „Dolmetscher zwischen den Finanzmärkten und den Menschen außerhalb der Börse“. Bekannt geworden ist er als „Mr. Dax“ vom Frankfurter Parkett und aus TV-Interviews (Dutzende davon führte auch der Autor dieser Zeilen), dann kamen die Bücher. In seinem neuen Werk „Machtbeben“ (Heyne Verlag) malt er düstere Szenarien: Es drohe die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten. Aber die biete auch Chancen.

Quelle: imago/Future Image
Dirk Müller alias Mr Dax signiert sein neues Buch "Machtbeben"
(Foto: imago/Future Image)

Klingt widersprüchlich? Ja, Dirk Müller ist so: extrem sympathisch im Auftreten, aber auch ein stückweit streitsüchtig. Mal argumentiert er klar und quellenreich, mal vergisst er, Argumente gegen seine Thesen aufzulisten, sodass es beinahe nach Verschwörungstheorie klingt. Mal schreibt er sehr humorvoll, dann wieder düster. Mal geht die Welt vor die Hunde, und zwei Seiten später wird das Leben danach schon weitergehen. Das kann man gut finden. Man darf halt nur keine streng-journalistischen oder gar wissenschaftlichen Grundsätze anlegen.

Eine große Stärke des Buches ist die Klarheit der Sprache und Argumente. Man kann dem Autor auch durch das Dickicht der Finanzprodukte leicht folgen. Der Leser kapiert, warum steigende Zinsen zu einem enormen Problem werden und wieso der chinesische Aufschwung eine gigantische Blase sein könnte. Da steht allerdings vieles im Konjunktiv. Es muss nicht so kommen. Da braucht es beim Lesen spitze Finger.

Mindestens bei einer Sache sind sich Adam Tooze und Dirk Müller einig: dass die Leitzinserhöhungen der US-Notenbank Fed seit 2014 massive Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft haben, weil die Finanzwelt inzwischen so intensiv vernetzt ist. Aber abgesehen von solchen inhaltlichen Parallelen könnten ihre Bücher von der Herangehensweise kaum unterschiedlicher sein: Tooze hat mit seinen Büchern „Die Ökonomie der Zerstörung“ und „Sintflut“ viele Leser begeistert. Jetzt ist „Crashed“ (Siedler Verlag) erschienen. Der Professor für Zeitgeschichte belegt alles und braucht 800 Seiten für seine Aufarbeitung der Finanzkrise von 2008 und der Staatsschuldenkrise, die 2010 begann.
Der langjährige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble würde Argumente gegen so manche These finden, die Tooze hier setzt. Allein schon, weil der Autor die europäischen Maßnahmen abkanzelt („entmutigendes Drama der verpassten Gelegenheiten und das Versagen kollektiver Aktionen“), während die Reaktionen in den USA ziemlich gute Wirkung gezeigt hätten. Immerhin geht nicht unter, dass es Amerika bei seiner „sensationellen Liquiditätsbeschaffung“ ein wenig leichter hat als das einzige Land, das so viele Dollar drucken kann, wie es gerade braucht. Aber unterm Strich muss man Tooze zugutehalten, dass die Finanzkrise und ihre Folgen so ganzheitlich noch nicht aufgeschrieben wurden.

Quelle: ddp/interTOPICS /Gary Doak
Adam Tooze hat sich an die Riesenaufgabe gewagt, zehn Jahre Finanzkrise aufzuarbeiten.
(Foto: ddp/interTOPICS /Gary Doak )

Wer dem Autor nicht immer in die Untiefen der Finanzprodukte folgen will, kann solche Passagen auch gut überspringen und versteht dennoch die wesentlichen Schlussfolgerungen. Allein die Einleitung ist eine brillante Leistung mit viel Erkenntnisgewinn. Tooze erklärt die Bedeutung der Finanzkrise und wie sie den Glauben an die Allmacht der USA genauso pulverisierte wie den Glauben an die Selbstheilungskräfte der Märkte. Ironisch ist für ihn, dass vor allem in Europa die Finanzkrise von 2008 – obwohl viel größer – von der Staatsschuldenkrise inklusive der jahrelangen Diskussion über das „winzige“ Griechenland überdeckt wird. Vor allem für uns Deutsche ist die Lektüre schmerzlich, aber notwendig, um gewisse Fehler nicht noch einmal zu machen.
Merkel und Schäuble hätten nicht verstanden, dass man mehr Geld unter die Leute bringen muss, wenn das System zusammenbricht. So habe man gerade den Ländern im Süden Europas zusätzlich geschadet. Überhaupt geizt Tooze nicht mit Vorwürfen, aber er entschuldigt die handelnden Personen auch ein stückweit: Angesichts der Komplexität sei es schwer gewesen, die Krise vorherzusehen.

Wenn Hans-Werner Sinn urteilt: „Ein Buch, das jeder lesen sollte“, dann soll das etwas heißen: Norbert Häring gilt als streitbarer Journalist, aber mit dem Thema Bargeld kennt er sich bestens aus, und seine Thesen regen zur Diskussion an. Übrigens lobt auch Dirk Müller in „Machtbeben“ Härings neues Buch über den grünen Klee. In „Schönes, neues Geld“ (Campus Verlag) erklärt der Handelsblatt-Finanzredakteur, warum uns eine „totalitäre Weltwährung“ droht.
Er fürchtet, dass Bargeld eines Tages abgeschafft werden könnte und es eine breite Koalition zwischen Politik und Unternehmen gibt, die dies vorantreiben. Nicht zuletzt bei Adam Tooze kann man ja nachlesen, wie unangenehm ein Bankrun sein kann, wenn die Menschen in Krisenzeiten Bargeld horten wollen.
Quasi alle mit Macht ausgestatteten Institutionen hätten Vorteile, wenn es kein Bargeld mehr geben würde, sondern alle Transaktionen digital abliefen. Mit seinen gut recherchierten Erkenntnissen rüttelt Häring auf und wirft einen großen Stein ins Wasser. Leben muss der Leser damit, dass die Vorzüge digitaler Währungen zu kurz kommen und so manches Argument nicht genannt wird.

Taleb, Lanier, McAfee und der Niedergang der Deutschen Bank

Adam Tooze schreibt in seinem Buch, dass die Deutsche Bank zuletzt von US-Gerichten abhängig war. Je nachdem, wie hoch die Strafe ausfiel, hätte sie Deutschlands größtes privates Geldhaus in Bedrängnis bringen können. Und dabei habe die Deutsche Bank doch über ein Jahrhundert lang die Wirtschaft hierzulande so stark nach vorn gebracht. Wie es dazu kommen konnte, dem hat sich Dirk Laabs umfangreich angenommen: Sein Werk „Bad Bank“ (DVA Verlag) erzählt präzise, wie die Deutsche Bank das große Rad drehen wollte, sich in unsauberen Geschäften verlor und krachend auf dem Boden der Tatsachen landete.

Der Journalist zeigt ausführlicher denn je, wie der frühere CEO Josef Ackermann den Händlern die Macht überließ und die Deutsche Bank dorthin geriet, wo sie heute ist. Dem geübten Handelsblatt-Leser ist vieles bekannt, aber Laabs hat seine Recherchen so weit ausgedehnt, dass Neues dazukommt. Das gilt vor allem für die Geschichte des Risikomanagers Bill Broekshmit, der zu einem der Protagonisten des Buchs avanciert. Nicht nur für Banker lesenswert, allein weil die Art und Weise, wie gegen Grundprinzipien der guten Unternehmensführung verstoßen wurde, in vielen Unternehmen auftritt.

Quelle: dpa
Reichlich dunkle Wolken über der Zentrale der Deutschen Bank

Der „Schwarze Schwan“ machte ihn weltberühmt, mit „Antifragilität“ könnte der Vorausahner der Finanzkrise nachlegen – jetzt hat Nassim Nicholas Taleb sein neues Buch herausgebracht. Und es wird zur Freude des Lesers reichlich gekeult in „Das Risiko und sein Preis“ (Penguin Verlag): Der Risikoforscher zeigt sich mal wieder als Enfant terrible der Wissenschaftlerzunft. Sein Schlachtbegriff „Skin in the Game“ handelt stark vereinfacht gesagt von der Frage, wie Menschen für ihr Handeln wirklich zur Rechenschaft gezogen werden können.

„Leben ist gleichbedeutend mit Opfer- und Risikobereitschaft, und nichts, das nicht einen gewissen Anteil von Ersterem enthält unter dem Zwang, Letzterem gerecht zu werden, kommt auch nur in die Nähe dessen, was wir als Leben bezeichnen könnten.“
Der unverwechselbare Schreibstil lässt den Leser bisweilen fragen, ob man so manches 30-Seiten-Kapitel nicht auch in wenigen Sätzen hätte zusammenfassen können. Aber Taleb schreibt nicht, um komplexe Sachverhalte zu vereinfachen, sondern um verborgene Symmetrien sichtbar zu machen. Er will unter anderem drei Schwächen behandeln: dass wir oft nicht die zweiten, dritten und vierten Schritte einer Handlung vorausdenken können. Dass wir zwischen multidimensionalen Problem und ihrer eindimensionalen Darstellung oft nicht unterscheiden können. Und dass wir zu sehr in Aktionen denken anstatt in Interaktionen.

Der „Economist“ wählte es zum Buch des Jahres 2017 – und auch das „Wall Street Journal“ sah in „Anbruch einer neuen Zeit“ (Hoffmann und Campe Verlag) das beste Buch des vergangenen Jahres. Nun ist es auf Deutsch erschienen. Ironischerweise ist der Autor Jaron Lanier hierzulande mit einem anderen Buch für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis nominiert, nämlich mit „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“, über das wir im Frühjahr viel geschrieben haben. Dem Tech-Guru ist mit beiden Büchern ein großer Wurf gelungen, und lesen sollte man beide; „Anbruch einer neuen Zeit“ ist aber das wichtigere.
Wenn sich jemand als Virtual-Reality-Pionier bezeichnen darf, dann Lanier. Seit den 80er-Jahren forscht er an der Technologie. In dem Buch geht es sehr biografisch zu. Der Leser muss sich gedulden, bis er alles Wesentliche über VR erfährt. Aber auch diese Exkurse sind extrem lesenswert. Laniers Biografie ist atemberaubend spannend, und über das Silicon Valley erfährt man reichlich Neues. Pflichtlektüre für alle, die sich für die Zukunft interessieren.

Apropos Zukunft: Mit „The Second Machine Age“ haben sie einen weltweiten Bestseller abgeliefert und sind berühmt geworden – jetzt ist auch das nächste Buch von Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson auf Deutsch erscheinen: „Machine, Plattform, Crowd“ (Plassen Verlag) ist jede Minute Zeitinvestition wert, auch wenn das Buch wohl nicht die Wirkung erzeugen wird wie sein Vorgänger. Die beiden MIT-Professoren beschreiben den Status quo der Digitalisierung anhand der drei Trends, die sich im Titel wiederfinden – zu Deutsch:

  1. Geist und Maschine
  2. Produkt und Plattform
  3. Core und Crowd

Im Kern geht es den beiden Autoren um die häufig gestellte Frage, welche Auswirkungen Technologie auf unser Leben hat. Doch sie sagen selbst, dass die Formulierungen in die Irre führen. Technologie sei auch in Zukunft nicht mehr als ein Werkzeug. Und „Werkzeuge entscheiden nicht, was mit Menschen passiert. Wir entscheiden.“ Sie schaffe den Menschen mehr Optionen, und es hängt an uns, diese möglichst gut zu nutzen. Bücher wie dieses helfen uns dabei.

Quelle: dpa
Der Investor Frank Thelen, bekannt aus "Die Höhle der Löwen", hat nun auch eine Autobiografie.

Für Investitionen in die Zukunft steht in Deutschland neben den Samwer-Brüdern und Frank Maschmeyer vor allem Frank Thelen. Nach der Lektüre von dessen Autobiografie „Frank Thelen“ (Murmann Verlag) fragt man sich allerdings, wer genau die Zielgruppe ist. Die Lebensgeschichte des Investors ist spannend, aber sie bietet kaum konkrete Lehren für junge Gründer. Deutschlandweit bekannt wurde Frank Thelen durch die TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“, wo junge Gründer pitchen und die „Löwen“ ihr eigenes Geld investieren, falls sie von den Geschäftsmodellen überzeugt sind.
Das Besondere an Frank Thelens Biografie ist, dass er mit Mitte 20 ganz unten angekommen war. Er hatte seine Firma an die Wand gefahren und war hochverschuldet. Doch er kämpfte sich da heraus, hatte neue Ideen und verdiente viel Geld, dass er nun in junge Firmen investiert. Thelen wirkt grundehrlich in dem Buch, weil er sich selbst immer beschimpft, also Fehler überaus offen eingesteht. Dennoch: Im Verkaufsranking ist das Buch höher, als es sein sollte im Vergleich zu den anderen in diesem Herbst veröffentlichten Werken.

Keese, Harari, Foer und die Gefahren aus dem Silicon Valley

Auch Deutschlands Zukunftsbeschreiber der Gegenwart hat wieder nachgelegt. 2016 gewann Christoph Keese mit „Silicon Germany“ den deutschen Wirtschaftsbuchpreis, jetzt ist „Disrupt Yourself“ (Penguin Verlag) erschienen. Der Titel ist nun eher nicht so disruptiv – übrigens heißt nicht zuletzt Whitney Johnsons Standardwerk genauso. Und Keese kann vielleicht nicht an die Wissenswucht seiner beiden vorangegangenen Bücher „Silicon Valley“ und „Silicon Germany“ anknüpfen.
Das ist aber erklärbar, denn die Aufgabe ist in „Disrupt Yourself“ (Penguin Verlag) eine deutlich schwierigere: „Erfinden Sie sich neu, bevor es jemand anders für Sie tut!“, lautet die Botschaft, und das Buch ist die Anleitung dafür. Es ist im Wesentlichen zweigeteilt: Zunächst kommt Keese recht psychologisch daher – und das macht der frühere Journalist und heutige Springer-Manager gekonnt. Er ist im Geiste der realitätsnahe Pragmatiker geblieben, der mit jedem auf der Straße gut über Digitalisierung sprechen kann.

Quelle: picture alliance / Frank May
Christoph Keese hat 2016 den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis gewonnen und hat nun "Disrupt yourself" veröffentlicht.
(Foto: picture alliance / Frank May)

Keese führt den Leser schwungvoll und immer wieder mit tollen Lebensgeschichten von Vorbildern durch die Stufen der persönlichen Entwicklung hin zum disruptiven Charakter. Im zweiten Teil gibt der Autor praxisnahe Tipps, welche Punkte zum Erneuern dazugehören. Also was es wirklich heißt, den Kunden in den Fokus zu stellen. Das tut er erst für das Individuum, dann aus Sicht der Führungskraft bzw. aus Sicht des Unternehmers. Und zum Schluss bekommt die Politik auch noch ein paar Ratschläge mit auf den Weg.
Grundsätzlich hat sich Kesse von der ganz großen Silicon-Valley-Begeisterung distanziert. Das Hohelied aufs Scheitern ist ihm nicht geheuer: „Bei dieser Überhöhung handelt es sich um eine narzisstische Verarbeitung des eigenen Scheiterns, die eigentlich gar keine Verarbeitung ist.“
Aber manchmal wünscht man sich mehr Distanz zu den disruptiven Geschäftsmodellen. Ja, bei Amazon kann man alles problemlos umtauschen. Aber werfen die nicht auch ganz viel Neuware weg? Ja, Apple hat viele Berater und braucht nur wenig Personal zum Kassieren. Aber helfen die Berater mir auch sofort, wenn mein iPhone defekt ist?

Wo diverse Autoren die Chancen der neuen Technologien beschreiben, hebt seit Jahren ein Mann den Finger, dessen Bücher derzeit vermutlich auf mehr Nachttischen von Topentscheidern liegen als die von jedem anderen Autor. Yuval Noah Harari warnt intensiver denn je vor den potenziellen Gefahren, die von den Errungenschaften der IT-Technologie und der Biotechnologie ausgehen.
Seine (gar nicht so) „Kurze Geschichte der Menschheit“ handelte vor allem von der Vergangenheit. In „Homo Deus“, das 2017 den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis gewann, ging es um Zukünftiges. Jetzt bemüht sich der Israeli um die Darstellung der Gegenwart: Statt historischer Erzählung legt Harari „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ (C.H. Beck Verlag) vor. Wie der Titel schon erahnen lässt, kann man das Buch nicht in zwei Sätzen zusammenfassen. Auf praktisch jeder Seite steht eine These oder Frage, über die der Leser auch dank der aufgeführten Fakten wunderbar sinnieren kann.
Hararis große Stärke ist, wie er Alltagsbeobachtungen, Fachwissen und die historische Einordnung miteinander verwebt. Wenn er im Vorwort schreibt, dass ihn Journalisten in all den Interviews auf viele Ideen gebracht hätten, dann sagt das einiges. Viel Neues also, aber was bleibt, ist der begeisternde Schreibstil: präzise, geistreich sowie eine optimale Mischung aus Optimismus und brutal-kritischer Betrachtung.

Doch Harari ist keinesfalls der Einzige, der vor den Machenschaften vor allem im Silicon Valley warnt. Franklin Foer tut das auch, und zwar sehr gekonnt in „Welt ohne Geist“ (Blessing Verlag). Wenn es bei dem Nachnamen des Autors klingelt, beim Vornamen aber nicht – dann ist das erklärbar: Safran Foer ist dem deutschen Leser vor allem durch sein Buch „Tiere essen“ ein Begriff. Franklin ist dessen älterer Bruder, renommierter Journalist, und hat mit „Wie man die Welt erklärt“ einen weltweiten Bestseller geschrieben.
In seinem neuen Buch zieht Franklin Foer – da sei an seinen Bruder erinnert – zum Start einen schönen Vergleich zwischen der IT-Welt von heute und wie die Gesellschaft in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Revolution ihrer Ernährungsgewohnheiten erlebte: Das zeitraubende Einkaufen und Kochen mussten nicht mehr sein, denn es gab nun Fertiggerichte. Die Folgen zeigten sich längst auf unseren Hüften, aber auch überall in der Umwelt.
Bei der digitalen Revolution sei es vergleichbar: Auf der einen Seite geben wir unser wertvollstes her, nämlich unsere Daten. Und wofür? Für Katzenvideos und vermeintliche Vereinfachung. Und wir geben sie Konzernen, die laut Foer unser freies Denken und unsere Selbstbestimmung bedrohen: „Unternehmen, denen die Demokratie gleichgültig ist, spielen heute eine übergeordnete Rolle.“
Ein möglicher Ausweg für den Einzelnen – und hier schließt sich der Kreis – ist wie bei der Ernährung möglich: Auch hier gibt es ja einen Trend zum ökologischen Konsum, zum gesunden Essen, zum Selbstkochen. Wenn wir bei der Nahrung ein Bewusstsein für deren Herkunft als neues Statussymbol definieren können – warum nicht auch bei den Informationen, die wir zu uns nehmen?

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Hans Christian Müller (links) und Achim Wambach stellen ihr gemeinsames Buch vor.
(Foto: imago/Mauersberger)

Dasselbe Thema aus anderem Blickwinkel. Auch diese beiden Autoren kümmern sich um das Problem der Monopolisierung. Hier kommt wie so oft Gutes dabei heraus, wenn sich ein profunder Wissenschaftler und ein Redakteur zusammentun, um ein Buch zu schreiben: Digitaler Wohlstand“ (Campus Verlag) von Achim Wambach und Hans Christian Müller ist zu Recht in der Shortlist für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis. Wambach ist Präsident beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und gehört zu den einflussreichsten Ökonomen in Deutschland. Müller ist Datenjournalist beim Handelsblatt.

Die beiden begründen auf gut 200 leicht zu lesenden Seiten, warum die Idee der Sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard heute noch passt, die aktuelle Politik aber nicht mehr. Der Umgang mit Daten und die Neudefinition des Wettbewerbsgedankens spielen genauso eine wichtige Rolle wie die Frage, wie viele Arbeitsplätze im Zuge der Digitalisierung verloren gehen könnten. Das Buch bietet mit überschaubarem Zeitaufwand viel Hintergrundwissen und Einordnung, geht aber nicht so in die Tiefe wie zum Beispiel McAfee und Brynjolfsson.

Wer sich richtig intensiv mit den Folgen des digitalen Wandels beschäftigen will – und zwar auch inklusive des wissenschaftlichen Unterbaus – der kommt an Shoshana Zuboff nicht vorbei. Vielen deutschen Lesern mag der Name nicht sehr geläufig sein. Die US-Ökonomin hat bereits 1988 mit dem Standards setzenden Buch „In the Age of the Smart Machine“ auf die Gefahren durch den technologischen Wandel hingewiesen. Nun definiert sie in „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ (Campus Verlag) einen tauglichen Begriff, den sie auch klar vom Kapitalismus der bekannten Prägung abgrenzt.
„Erfunden und perfektioniert hat den Überwachungskapitalismus Google“, erklärt die Autorin. Facebook und Microsoft hätten ihn rasch übernommen. Apple gehöre nicht dazu, weil hier Daten „nur“ zur Verbesserung des eigenen Produkts erhoben würden. Amazon sei noch in einer Übergangsphase. Zuboff erklärt, warum die Tyrannei des Überwachungskapitalismus so gefährlich für die Menschen ist. Aber auch, warum wir ihn zulassen: „Seine Lösung für die immer lauter werdenden Forderungen nach einem effektiven Leben fußt auf dem allmählichen Ausmerzen von Chaos, Ungewissheit, Anomalien und Konflikt zugunsten von Vorhersagbarkeit, Transparenz, Konfluenz, Überredung und Befriedung.“
Zuboff, übrigens Schwester im Geiste und gute Freundin des inzwischen verstorbenen „FAZ“-Herausgebers Frank Schirrmacher, verlangt dem Leser dabei einiges ab. Allein schon die Länge des Buchs (600 Seiten + 130 Seiten Anmerkungen) schreckt so manchen ab. Und es ist eben ein Buch mit hohen wissenschaftlichen Ansprüchen.

Gabriel, Spahn, Graeber, und warum wir die Welt falsch einschätzen

An dieser Stelle seien auch zwei Politikbücher erwähnt, weil sie für Wirtschaftsinteressierte spannend sind. Sigmar Gabriel ist nicht mehr Außenminister der Bundesrepublik, macht sich aber immer noch dieselben Gedanken – und hat Zeit genug, sie auf Papier zu bringen. Das lohnt sich für den Leser. In seinem Buch „Zeitenwende in der Weltpolitik“ (Herder Verlag) macht der SPD-Politiker deutlich, wie viel sich gerade tut und was alles erledigt werden müsste. Eine der vielen Thesen: „Wir müssen jetzt auf uns selbst aufpassen.“ Die Amerikaner werden uns nicht mehr beschützen. Und besonders aufpassen müsse die EU auf ihre Ostflanke. Damit meint er, mehr Soldaten an der Grenze zu Russland zu stationieren.

Im Rückblick spart Gabriel nicht mit Kritik – außer vielleicht an sich selbst. Ein Beispiel: „Man darf davon ausgehen, dass keine Bundesregierung zuvor, kein Kanzler von Adenauer über Brandt bis Schröder, so wenig Rücksprache mit unseren europäischen Nachbarn gehalten hat.“ Und nicht jedem dürfte bei seinen diversen Ratschlägen und To-do-Aufträgen der besserwisserische Ton gefallen, aber der hat Gabriel schon immer ausgezeichnet. Vieles von dem, was er sagt, ist ja auch nicht falsch. Dem Leser empfiehlt sich eine Lektüre mit spitzem Finger, aber dann bekommt er auch einen effektiven Überblick über das aktuelle Weltgeschehen.

Quelle: imago/Mike Schmidt
Der ehemalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) äußert in seinem Buch viele Ideen.
(Foto: imago/Mike Schmidt)

Gabriel war mal Vizekanzler – das wäre Jens Spahn zu wenig. Sein Ziel ist klar, der Ehrgeiz groß. Und nun hat das jüngste Kabinettsmitglied auch eine erste Biografie, die mit reichlich Blitzlicht im September vorgestellt wurde. Geschrieben hat sie mit Michael Bröker ein renommierter Journalist. Der Chefredakteur der „Rheinischen Post“ musste den Spagat meistern, intensiv zu recherchieren, aber nicht zu nah dran zu sein an Jens Spahn. Das gelingt überwiegend.
Der Autor hält Spahn für kanzlertauglich. Als wesentliche Konkurrentin sieht Bröker derzeit Annegret Kamp-Karrenbauer. Und dass Spahn ehrgeizig ist, kommt auf jeder Seite durch. Er hat sich gegen den Willen von Kanzlerin Angela Merkel ins Kabinett geboxt und steht dafür, die CDU wieder weiter nach rechts zu rücken. Die Biografie erzählt in schwungvollem Stil, den man gern liest, wie Spahn zum Gesundheitsminister wurde.
„Bekannt bin ich jetzt, beliebt muss ich noch werden“, hat Spahn kürzlich gesagt. Was da helfen könnte, ist die Doppelrollentaktik, auf die der Autor verweist: In fachfremden Themen gibt Spahn sich kontrovers und konservativ, bei der Gesundheitspolitik macht er das Populäre.

Im Frühjahr habe ich Hans Roslings Buch „Factfullness“ sehr gelobt, weil es anschaulich machte, warum die Menschen (vor allem in Deutschland) die Realität viel negativer wahrnehmen, als sie ist. Steven Pinker hat sich zeitgleich dasselbe Ziel gesetzt, ist aber noch viel tiefer gegangen. Nun ist sein Buch „Aufklärung jetzt!“ (S. Fischer Verlag) auf Deutsch erschienen. Bill Gates hält es für „mein absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten“. Die „FT“ sagt: „Es strotzt nur so vor überraschenden Fakten und unterhaltsamen Anekdoten“, und die „Zeit“ urteilt: „Das Buch dürfte zur Bibel des faktengesättigten Optimismus werden.“
Das Lob ist nachvollziehbar, aber auch die Bibel hätte aus Sicht mancher Leser kürzer sein können, und sie enthält Aussagen, denen man nicht unumwunden zustimmen muss. Wenn Pinker bei Themen wie Gerechtigkeit oder Ökologie sagen will, dass die Debatten oft von den Menschen nicht so wahrgenommen werden, wie es die Fakten hergeben – dann stimmt das. Aber seine Darstellung ist dann andererseits bisweilen auch zu einseitig. Das muss der Leser einschätzen können für den maximalen Erkenntnisgewinn. Übrigens liefert sich Pinker mit Nassim Taleb illustre Wortgefechte – vornehmlich über Twitter. Taleb wirft ihm kurz gefasst vor, den Faktor Zufall bei statistischen Entwicklungen zu sehr zu ignorieren. Für Journalisten Pflichtlektüre, für Politiker allemal – und allen anderen sei gesagt: Es lohnt sich, einen Monat lang auf TV-Nachrichten und Social Media zu verzichten, um dieses Buch zu lesen.

Quelle: Andreas Fechner/laif
Thilo Bode blickt sehr skeptisch auf die Macht der Konzerne.
(Foto: Andreas Fechner/laif)

Wer zu einem Buch von Thilo Bode greift, bereut es in der Regel nicht, weiß aber, was ihn erwartet. Und so drischt der frühere Greenpeace-Geschäftsführer auch in seinem neuen Werk kräftig auf die Wirtschaft ein. In „Die Diktatur der Konzerne“ (S. Fischer Verlag) versucht der Foodwatch-Gründer zu belegen, wie global tätige Unternehmen die Demokratie zerstören wollen und den Menschen schaden. Die großen Firmen seien mächtiger als Staaten, diktierten Gesetze, zahlten keine Steuern und schädigten die Umwelt. Nichts von all dem ist falsch, und man darf den Autor dafür loben, diese Diskussion mit Nachdruck zu entfachen.
Aber die Frage bleibt: Was verallgemeinert Thilo Bode zu Recht, und wo macht er schlicht eine Ausnahme zur Regel? Und der Leser sollte sich stets fragen, was Thilo Bode weglässt: Argumente für die andere Seite. Beispiele, die seine These nicht stützen. Ein objektiver Journalist als Co-Autor hätte dieses Buch zu einem richtig guten machen können. Jemand, der das Altera-pars-Prinzip bedacht hätte: also auch mal die Beschuldigten zu Wort kommen lassen, um sich verteidigen zu können.

Wie es um die Umwelt wirklich steht, und welche Gefahr uns von China droht

Wer das Thema Umwelt vertiefen möchte, sollte „Die große Transformation“ (S. Fischer Verlag) lesen. Geschrieben hat es Uwe Schneidewind. Und dem Präsidenten des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie ist da wirklich ein 500 Seiten starker Überblick gelungen, der auch für normalsterbliche Leser einen idealen Mittelweg bietet zwischen Tiefe und Breite.
Der Autor ist ein realistischer Optimist und schreibt viel über Chancen. Wie viele in den vergangenen 30 Jahren vergeben wurden – sprich was rund um die Energiewende in Deutschland gerade alles schiefläuft –, spart er aus. Schneidewind erklärt, was jetzt nötig ist. Und das sind sieben Wenden: Konsumwende, Energiewende, Ressourcenwende, Mobilitätswende, Ernährungswende, urbane Wende und industrielle Wende. Was das Buch nicht leisten will, ist eine Detailanleitung zur Umsetzung jedes To-dos.

Im ersten Halbjahr haben Wolfgang Hirn und Stefan Baron exzellente Bücher über China und seine Unternehmen geschrieben – Letzterer ist mit „Die Chinesen“ auch für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis nominiert. Nun hat Karl Pilny den Rahmen etwas breiter gesetzt und sich nicht nur China angeschaut, sondern auch die Nachbarn: Korea, Japan, Indien und die „Tiger“ Südostasiens. Der Wirtschaftsanwalt und Investmentexperte beschreibt, wie der Titel „Asia 2030“ (Campus Verlag) schon sagt, aber nicht nur den Status quo, sondern was der globalen Wirtschaft in Zukunft blüht.

Pilny sieht die Asiaten auf der Überholspur, und er begründet, warum wir im Westen das Nachsehen haben dürften. Das klingt objektiv und kritisch, und der Leser lernt auf vergleichsweise wenigen Seiten viel über die Länder. Kritikpunkt ist, dass Themen wie Menschenrechte, Werte und Moral nur gestreift werden – immerhin macht der Autor klar, wie die totale Überwachung der chinesischen Bürger vonstatten geht.

Handelsblatt-Redakteur Stephan Scheuer zur Vorstellung seines Buches "Der Masterplan".

Bei Pilny finden sich kaum warnende Worte über Chinas Wirtschaft – ganz anders bei Dirk Müller, der das Wirtschaftswachstum für gefaked hält und glaubt, dass in China eine Blase platzen könnte. Den vielleicht objektivsten Eindruck über das Land vermittelt Stephan Scheuer. Der Handelsblatt-Redakteur berichtete fünf Jahre aus Peking. Sein Buch heißt „Der Masterplan“ (Herder Verlag), und treffender könnte der Titel kaum sein. Denn in China ist alles geplant.

Google traute China nicht zu, dass Internet zensieren zu können – die Chinesen haben es geschafft. Ihre Firmen sind in einigen Bereichen zu Innovationstreibern geworden. Dies alles beschreibt Scheuer zugegeben nicht als Erster, aber stets mit einem direkten Bezug zum deutschen Leser: Was heißt das für uns? Was kommt auf uns zu? Was muss Europa tun? Bei all dem betont Scheuer kritisch distanziert, dass „noch längst nicht ausgemacht ist, ob das Großexperiment des Staatskapitalismus am Ende gelingt“.

Michael Hartmann gilt als ein streitbarer, aber profunder Elitenforscher. Diverse Bücher hat er darüber schon geschrieben, jetzt erschien „Die Abgehobenen“ (Campus Verlag). Der Professor für Soziologie neigt zu einer gewissen Polemik und bietet in seiner Argumentation durchaus Schwachstellen. Aber es spricht auch einiges für dieses Buch, das eine Fleißarbeit darstellt: Hartmann kennt sich sehr gut aus und vermittelt viele neue, zum Teil auch überraschende Informationen.
Der Autor beschreibt die Rückkehr des nach dem Zweiten Weltkrieg verpönten Begriffs Elite, als der Ostblock zusammenbrach. Seine These ist, dass es getrennte Lebenswelten gibt: Die Menschen hätten sich spätestens nach der Finanzkrise 2008 von der herrschenden Klasse und ihren Handlungen abgewendet. Die Mitglieder der Eliten würden ihre neoliberale Politik aber weiterhin für alternativlos halten. Diese Spannung führe auch zum Erstarken des Rechtspopulismus.

Ähnlich wie Michael Hartmann erheben auch Michael Hardt und Antonio Negri schwere Kritik am Neoliberalismus. Ersterer ist Literaturprofessor, Letzterer Politikwissenschaftler. Sie haben mit „Assembly“ (Campus Verlag) ein dickes Buch verfasst, das weltweit Furore gemacht hat und nun auch auf Deutsch erschienen ist. Es sei die Warnung erlaubt, dass die Lektüre nicht einfach ist: Bandwurmsätze, viele Fachbegriffe und ein Detailreichtum, der manchen Leser vom Wesentlichen ablenken könnte.
Aber die beiden Autoren sind genial darin, Themen wie Führung neu zu denken. Sie wollen Antworten auf die Frage finden, warum in zahlreichen Ländern weltweit politische Kräfte erstarken, die rechtsstaatliche Normen außer Kraft setzen und die Überwachung ihrer Bürger immer weiter ausbauen. Hardt und Negri zerlegen die komplexe Problematik rund um die Frage, ob Menschen selbst bestimmen können, wie sie miteinander kooperieren.

Kein Wirtschaftsbuch im strengen Sinn, aber die Integration von Migranten ist auch für jedes Unternehmen ein bedeutendes Thema. Ein sehr gutes Buch zu diesem Komplex hat der aus Funk und Fernsehen bekannte Psychologe Ahmad Mansour geschrieben. Sein Buch „Klartext zur Integration“ (S. Fischer Verlag) steht in der Bestsellerliste nur leider nicht – wie es sich gehören würde – weit vor dem neuen Buch von Thilo Sarazin.
Die Lektüre lohnt sich, weil Mansour sehr viel weiß und eine in diesen Zeiten selten gesehene Objektivität hereinbringt. Der arabische Israeli beurteilt den Islam genauso kritisch wie das Verhalten der deutschen Behörden. Er räumt mit Vorurteilen auf und verändert Blickwinkel. Vor allem aber munitioniert er den Leser mit Argumenten.

Sprenger, Multerer, Wehrle, und warum uns die Jugend nicht mehr versteht

Natürlich gibt es auch in diesem Herbst wieder eine Reihe von Managementratgebern. Kritiker sagen: Die schreiben doch immer nur dasselbe auf. Verleger entgegnen: Manager machen ja auch immer noch dieselben Fehler. Es folgen ein paar frische Werke, deren Lektüre sich lohnt:

Bereits im Frühjahr haben wir ein neues Buch von Reinhard K. Sprenger rezensiert – nun legt der Managementberater nach: Das Kompendium „Sprengers Spitzen“ (Handelsblatt Fachverlag) sublimiert die gleichnamigen 42 Kolumnen, die Sprenger über Jahre hinweg in der „Wirtschaftswoche“ veröffentlicht hat. Darin ist Sprenger – noch intensiver, als man es von seinen Büchern kennt – unbequem. Er sieht Hypes kritisch und bürstet gegen den Strich. Ein sehr geeignetes Buch vor allem für Führungskräfte, die nicht viel Zeit für die Lektüre eines Buchs haben.

Quelle: Stefan Kröger/WirtschaftsWoche
Reinhard K. Sprenger hat in diesem Jahr fleißig Bücher veröffentlicht.
(Foto: Stefan Kröger/WirtschaftsWoche)

Vor sieben Jahren erschien ein neuer Stern am Wirtschaftsbuchhimmel: Martin Wehrle veröffentlichte „Ich arbeite in einem Irrenhaus“ und blieb damit 150 Wochen lang in der „Spiegel“-Bestsellerliste. Er verweist darauf gern in seinem neuen Buch „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch!“ (Mosaik Verlag). Da auch dazwischen weitere Bestseller von ihm erschienen, muss man Wehrle anrechnen, da offenbar einen Nerv zu treffen – auch wenn sich gelinde gesagt nicht alle Titel inhaltlich erheblich unterscheiden.
Das neue Buch trägt den Untertitel „Was Mitarbeiter in den Wahnsinn treibt“. Seien Sie sich bewusst: Das Buch kann auch den Leser in den Wahnsinn treiben. Denn wenn das, was Wehrle beschreibt, die Regel ist und nicht die Ausnahme, dann wären deutsche Unternehmen nur aus unerfindlichen Gründen so erfolgreich – oder die Situation von Firmen in anderen Ländern wäre noch schlechter.
Wehrle beschreibt auf 300 Seiten mit konkreten Beispielen, die er verallgemeinert, wie Mitarbeiter sklavenartig ausgebeutet werden, wie Meetings zur Farce geraten oder wie Bürokratie ausufert. Nichts davon ist per se falsch. Und Wehrle bringt das äußerst kurzweilig rüber mit wunderbarem schwarzem Humor. Aber er liefert erstens keine Anhaltspunkte, ob diese Fälle Ausnahmen oder die Regel sind. Und zweitens bietet er keine nennenswerten Ideen, wie es besser geht. Die bewusste Lektüre lohnt sich dennoch, auch für Vorgesetzte: Denn erstens stimmt seine These „Die Wirtschaft boomt, aber die Qualität der Arbeit leidet.“ Und zweitens gibt es die von Wehrle beschriebenen Missstände in vermutlich fast jedem Unternehmen. Da ist ein Wachmacher immer nützlich.

Gemeinsam mit Daniel H. Pink gehört Daniel Shapiro zu den weltweit beliebtesten Autoren, wenn es um das Thema Deals aushandeln geht (ja, es gibt auf diesem Gebiet objektiv betrachtet nicht nur Donald Trump). Mit „Verhandeln“ (Campus Verlag) beweist Shapiro, dass es kaum mehr als 250 gut lesbare Seiten braucht, um die Tonnage an Forschungsergebnissen und Rückschlüssen rüberzubringen. Ein Professor, der verständlich schreibt und sich kurz fassen kann, um das Wesentliche rüberzubringen. Und hinreichend Praxisbezug hat.
Shapiro schreibt dabei nicht nur über klassische Managementsituationen, sondern tiefer und zerlegt die Gründe für Streit in ihre Bestandteile. „Um Konflikte zu lösen, muss man sie an der Wurzel packen, doch diese sitzt viel tiefer als unsere Vernunft und sogar noch tiefer als unsere Emotionen in unserem eigentlichen Seinsgrund: unserer Identität.“ Auf welchen fünf Säulen diese beruht und was jeder tun kann, das lohnt sich wirklich zu lesen.

Das Handelsblatt wird geschrieben „für die, die handeln“. Allein schon deshalb sei ein Hinweis auf das neue Buch von Dominic Multerer erlaubt, der diesem Ethos mit seinem neuen Buch Auftrieb verleihen will. In „Man müsste mal“ (Midas Management Verlag) wettert der Berater gegen Aufschieberitis und Vorbehalte. Der Leser hat kaum Möglichkeit, ihm zu widersprechen, und Multerer sortiert das Thema sehr ordentlich.
Allerdings ist der Neuigkeitswert der Aussagen nicht immer irrsinnig hoch. Aber Erinnerung tut gut, und diese gewisse agile Penetranz auch, mit der Multerer sein Credo vorlebt. Kleiner Wermutstropfen ist, dass viele der genannten Best Cases mehr oder weniger zufällig aus seiner Kundschaft und seinem direkten Umfeld bestehen. Da hätte mehr Distanz gut getan.

Zum Schluss noch ein Buch für die, die die junge Generation besser verstehen wollen: Madeleine Hofmann, Jahrgang 1987, hat sich in „Macht Platz“ (Campus Verlag) an einer Typologie versucht, die ihrem hohen Anspruch zwar nicht ganz gerecht wird, aber dennoch spannende Aspekte bietet. Die Journalistin will den „Alten“ die Jugend von heute erklären.
Unvermeidlicherweise changiert sie dabei zwischen harten Fakten und weichen Einschätzungen, was die Aufgabe kompliziert macht. Leider vergisst sie auch, die erhebliche Widersprüchlichkeit der „Generation Z“ zu erklären (vegan aus Liebe zur Tierwelt, aber dreimal pro Jahr um die Welt fliegen ...).

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