Selten gab es auf der Frankfurter Buchmesse so viele gute Wirtschaftsbücher wie 2018.

30 Rezensionen in Kurzform Die besten Wirtschaftsbücher der Buchmesse

McAfee, Harari, Keese – selten erschien so viel guter Lesestoff geballt wie diesen Herbst. Die besten Wirtschaftsbücher im Überblick.
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DüsseldorfDie Welt wird immer komplexer, die Krisenszenarien werden umfangreicher und die Herausforderungen größer. Wie gut, dass es in Zeiten von immer mehr Fake News und Twitter-Getöse noch Menschen gibt, die intensiv über ihre Thesen nachdenken und Zeit genug haben, sie ordentlich aufzuschreiben. In diesem Herbst gibt es eine derart große Fülle von guten Wirtschaftsbüchern wie lange nicht mehr.
Oft geht es um die Frage, wie wir in Zukunft leben und arbeiten werden. Die Finanzelite bekommt gleich mehrfach ihr Fett weg inklusive der Frage, ob China die neue wirtschaftliche Großmacht darstellen oder eine große Krise produzieren wird. Wie es um die Welt wirklich bestellt ist und wie die Zukunft aussieht – das beurteilen Autoren sehr unterschiedlich. Die Bandbreite an Ansichten ist groß:

Beginnen wir mit dem Wirtschaftsbuch, dass sich derzeit in Deutschland wohl am besten verkauft – obgleich es andere noch mehr verdient hätten: Dirk Müller sieht sich als Deutschlands „Dolmetscher zwischen den Finanzmärkten und den Menschen außerhalb der Börse“. Bekannt geworden ist er als „Mr. Dax“ vom Frankfurter Parkett und aus TV-Interviews (Dutzende davon führte auch der Autor dieser Zeilen), dann kamen die Bücher. In seinem neuen Werk „Machtbeben“ (Heyne Verlag) malt er düstere Szenarien: Es drohe die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten. Aber die biete auch Chancen.

Quelle: imago/Future Image
Dirk Müller alias Mr Dax signiert sein neues Buch "Machtbeben"
(Foto: imago/Future Image)

Klingt widersprüchlich? Ja, Dirk Müller ist so: extrem sympathisch im Auftreten, aber auch ein stückweit streitsüchtig. Mal argumentiert er klar und quellenreich, mal vergisst er, Argumente gegen seine Thesen aufzulisten, sodass es beinahe nach Verschwörungstheorie klingt. Mal schreibt er sehr humorvoll, dann wieder düster. Mal geht die Welt vor die Hunde, und zwei Seiten später wird das Leben danach schon weitergehen. Das kann man gut finden. Man darf halt nur keine streng-journalistischen oder gar wissenschaftlichen Grundsätze anlegen.

Eine große Stärke des Buches ist die Klarheit der Sprache und Argumente. Man kann dem Autor auch durch das Dickicht der Finanzprodukte leicht folgen. Der Leser kapiert, warum steigende Zinsen zu einem enormen Problem werden und wieso der chinesische Aufschwung eine gigantische Blase sein könnte. Da steht allerdings vieles im Konjunktiv. Es muss nicht so kommen. Da braucht es beim Lesen spitze Finger.

Mindestens bei einer Sache sind sich Adam Tooze und Dirk Müller einig: dass die Leitzinserhöhungen der US-Notenbank Fed seit 2014 massive Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft haben, weil die Finanzwelt inzwischen so intensiv vernetzt ist. Aber abgesehen von solchen inhaltlichen Parallelen könnten ihre Bücher von der Herangehensweise kaum unterschiedlicher sein: Tooze hat mit seinen Büchern „Die Ökonomie der Zerstörung“ und „Sintflut“ viele Leser begeistert. Jetzt ist „Crashed“ (Siedler Verlag) erschienen. Der Professor für Zeitgeschichte belegt alles und braucht 800 Seiten für seine Aufarbeitung der Finanzkrise von 2008 und der Staatsschuldenkrise, die 2010 begann.
Der langjährige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble würde Argumente gegen so manche These finden, die Tooze hier setzt. Allein schon, weil der Autor die europäischen Maßnahmen abkanzelt („entmutigendes Drama der verpassten Gelegenheiten und das Versagen kollektiver Aktionen“), während die Reaktionen in den USA ziemlich gute Wirkung gezeigt hätten. Immerhin geht nicht unter, dass es Amerika bei seiner „sensationellen Liquiditätsbeschaffung“ ein wenig leichter hat als das einzige Land, das so viele Dollar drucken kann, wie es gerade braucht. Aber unterm Strich muss man Tooze zugutehalten, dass die Finanzkrise und ihre Folgen so ganzheitlich noch nicht aufgeschrieben wurden.

Quelle: ddp/interTOPICS /Gary Doak
Adam Tooze hat sich an die Riesenaufgabe gewagt, zehn Jahre Finanzkrise aufzuarbeiten.
(Foto: ddp/interTOPICS /Gary Doak )

Wer dem Autor nicht immer in die Untiefen der Finanzprodukte folgen will, kann solche Passagen auch gut überspringen und versteht dennoch die wesentlichen Schlussfolgerungen. Allein die Einleitung ist eine brillante Leistung mit viel Erkenntnisgewinn. Tooze erklärt die Bedeutung der Finanzkrise und wie sie den Glauben an die Allmacht der USA genauso pulverisierte wie den Glauben an die Selbstheilungskräfte der Märkte. Ironisch ist für ihn, dass vor allem in Europa die Finanzkrise von 2008 – obwohl viel größer – von der Staatsschuldenkrise inklusive der jahrelangen Diskussion über das „winzige“ Griechenland überdeckt wird. Vor allem für uns Deutsche ist die Lektüre schmerzlich, aber notwendig, um gewisse Fehler nicht noch einmal zu machen.
Merkel und Schäuble hätten nicht verstanden, dass man mehr Geld unter die Leute bringen muss, wenn das System zusammenbricht. So habe man gerade den Ländern im Süden Europas zusätzlich geschadet. Überhaupt geizt Tooze nicht mit Vorwürfen, aber er entschuldigt die handelnden Personen auch ein stückweit: Angesichts der Komplexität sei es schwer gewesen, die Krise vorherzusehen.

Wenn Hans-Werner Sinn urteilt: „Ein Buch, das jeder lesen sollte“, dann soll das etwas heißen: Norbert Häring gilt als streitbarer Journalist, aber mit dem Thema Bargeld kennt er sich bestens aus, und seine Thesen regen zur Diskussion an. Übrigens lobt auch Dirk Müller in „Machtbeben“ Härings neues Buch über den grünen Klee. In „Schönes, neues Geld“ (Campus Verlag) erklärt der Handelsblatt-Finanzredakteur, warum uns eine „totalitäre Weltwährung“ droht.
Er fürchtet, dass Bargeld eines Tages abgeschafft werden könnte und es eine breite Koalition zwischen Politik und Unternehmen gibt, die dies vorantreiben. Nicht zuletzt bei Adam Tooze kann man ja nachlesen, wie unangenehm ein Bankrun sein kann, wenn die Menschen in Krisenzeiten Bargeld horten wollen.
Quasi alle mit Macht ausgestatteten Institutionen hätten Vorteile, wenn es kein Bargeld mehr geben würde, sondern alle Transaktionen digital abliefen. Mit seinen gut recherchierten Erkenntnissen rüttelt Häring auf und wirft einen großen Stein ins Wasser. Leben muss der Leser damit, dass die Vorzüge digitaler Währungen zu kurz kommen und so manches Argument nicht genannt wird.

Taleb, Lanier, McAfee und der Niedergang der Deutschen Bank
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