Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

30 Rezensionen in Kurzform Die besten Wirtschaftsbücher der Buchmesse

Seite 3 von 6:
Keese, Harari, Foer und die Gefahren aus dem Silicon Valley

Auch Deutschlands Zukunftsbeschreiber der Gegenwart hat wieder nachgelegt. 2016 gewann Christoph Keese mit „Silicon Germany“ den deutschen Wirtschaftsbuchpreis, jetzt ist „Disrupt Yourself“ (Penguin Verlag) erschienen. Der Titel ist nun eher nicht so disruptiv – übrigens heißt nicht zuletzt Whitney Johnsons Standardwerk genauso. Und Keese kann vielleicht nicht an die Wissenswucht seiner beiden vorangegangenen Bücher „Silicon Valley“ und „Silicon Germany“ anknüpfen.
Das ist aber erklärbar, denn die Aufgabe ist in „Disrupt Yourself“ (Penguin Verlag) eine deutlich schwierigere: „Erfinden Sie sich neu, bevor es jemand anders für Sie tut!“, lautet die Botschaft, und das Buch ist die Anleitung dafür. Es ist im Wesentlichen zweigeteilt: Zunächst kommt Keese recht psychologisch daher – und das macht der frühere Journalist und heutige Springer-Manager gekonnt. Er ist im Geiste der realitätsnahe Pragmatiker geblieben, der mit jedem auf der Straße gut über Digitalisierung sprechen kann.

Quelle: picture alliance / Frank May
Christoph Keese hat 2016 den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis gewonnen und hat nun "Disrupt yourself" veröffentlicht.
(Foto: picture alliance / Frank May)

Keese führt den Leser schwungvoll und immer wieder mit tollen Lebensgeschichten von Vorbildern durch die Stufen der persönlichen Entwicklung hin zum disruptiven Charakter. Im zweiten Teil gibt der Autor praxisnahe Tipps, welche Punkte zum Erneuern dazugehören. Also was es wirklich heißt, den Kunden in den Fokus zu stellen. Das tut er erst für das Individuum, dann aus Sicht der Führungskraft bzw. aus Sicht des Unternehmers. Und zum Schluss bekommt die Politik auch noch ein paar Ratschläge mit auf den Weg.
Grundsätzlich hat sich Kesse von der ganz großen Silicon-Valley-Begeisterung distanziert. Das Hohelied aufs Scheitern ist ihm nicht geheuer: „Bei dieser Überhöhung handelt es sich um eine narzisstische Verarbeitung des eigenen Scheiterns, die eigentlich gar keine Verarbeitung ist.“
Aber manchmal wünscht man sich mehr Distanz zu den disruptiven Geschäftsmodellen. Ja, bei Amazon kann man alles problemlos umtauschen. Aber werfen die nicht auch ganz viel Neuware weg? Ja, Apple hat viele Berater und braucht nur wenig Personal zum Kassieren. Aber helfen die Berater mir auch sofort, wenn mein iPhone defekt ist?

Wo diverse Autoren die Chancen der neuen Technologien beschreiben, hebt seit Jahren ein Mann den Finger, dessen Bücher derzeit vermutlich auf mehr Nachttischen von Topentscheidern liegen als die von jedem anderen Autor. Yuval Noah Harari warnt intensiver denn je vor den potenziellen Gefahren, die von den Errungenschaften der IT-Technologie und der Biotechnologie ausgehen.
Seine (gar nicht so) „Kurze Geschichte der Menschheit“ handelte vor allem von der Vergangenheit. In „Homo Deus“, das 2017 den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis gewann, ging es um Zukünftiges. Jetzt bemüht sich der Israeli um die Darstellung der Gegenwart: Statt historischer Erzählung legt Harari „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ (C.H. Beck Verlag) vor. Wie der Titel schon erahnen lässt, kann man das Buch nicht in zwei Sätzen zusammenfassen. Auf praktisch jeder Seite steht eine These oder Frage, über die der Leser auch dank der aufgeführten Fakten wunderbar sinnieren kann.
Hararis große Stärke ist, wie er Alltagsbeobachtungen, Fachwissen und die historische Einordnung miteinander verwebt. Wenn er im Vorwort schreibt, dass ihn Journalisten in all den Interviews auf viele Ideen gebracht hätten, dann sagt das einiges. Viel Neues also, aber was bleibt, ist der begeisternde Schreibstil: präzise, geistreich sowie eine optimale Mischung aus Optimismus und brutal-kritischer Betrachtung.

Doch Harari ist keinesfalls der Einzige, der vor den Machenschaften vor allem im Silicon Valley warnt. Franklin Foer tut das auch, und zwar sehr gekonnt in „Welt ohne Geist“ (Blessing Verlag). Wenn es bei dem Nachnamen des Autors klingelt, beim Vornamen aber nicht – dann ist das erklärbar: Safran Foer ist dem deutschen Leser vor allem durch sein Buch „Tiere essen“ ein Begriff. Franklin ist dessen älterer Bruder, renommierter Journalist, und hat mit „Wie man die Welt erklärt“ einen weltweiten Bestseller geschrieben.
In seinem neuen Buch zieht Franklin Foer – da sei an seinen Bruder erinnert – zum Start einen schönen Vergleich zwischen der IT-Welt von heute und wie die Gesellschaft in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Revolution ihrer Ernährungsgewohnheiten erlebte: Das zeitraubende Einkaufen und Kochen mussten nicht mehr sein, denn es gab nun Fertiggerichte. Die Folgen zeigten sich längst auf unseren Hüften, aber auch überall in der Umwelt.
Bei der digitalen Revolution sei es vergleichbar: Auf der einen Seite geben wir unser wertvollstes her, nämlich unsere Daten. Und wofür? Für Katzenvideos und vermeintliche Vereinfachung. Und wir geben sie Konzernen, die laut Foer unser freies Denken und unsere Selbstbestimmung bedrohen: „Unternehmen, denen die Demokratie gleichgültig ist, spielen heute eine übergeordnete Rolle.“
Ein möglicher Ausweg für den Einzelnen – und hier schließt sich der Kreis – ist wie bei der Ernährung möglich: Auch hier gibt es ja einen Trend zum ökologischen Konsum, zum gesunden Essen, zum Selbstkochen. Wenn wir bei der Nahrung ein Bewusstsein für deren Herkunft als neues Statussymbol definieren können – warum nicht auch bei den Informationen, die wir zu uns nehmen?

Quelle: imago/Mauersberger
Hans Christian Müller (links) und Achim Wambach stellen ihr gemeinsames Buch vor.
(Foto: imago/Mauersberger)

Dasselbe Thema aus anderem Blickwinkel. Auch diese beiden Autoren kümmern sich um das Problem der Monopolisierung. Hier kommt wie so oft Gutes dabei heraus, wenn sich ein profunder Wissenschaftler und ein Redakteur zusammentun, um ein Buch zu schreiben: Digitaler Wohlstand“ (Campus Verlag) von Achim Wambach und Hans Christian Müller ist zu Recht in der Shortlist für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis. Wambach ist Präsident beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und gehört zu den einflussreichsten Ökonomen in Deutschland. Müller ist Datenjournalist beim Handelsblatt.

Die beiden begründen auf gut 200 leicht zu lesenden Seiten, warum die Idee der Sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard heute noch passt, die aktuelle Politik aber nicht mehr. Der Umgang mit Daten und die Neudefinition des Wettbewerbsgedankens spielen genauso eine wichtige Rolle wie die Frage, wie viele Arbeitsplätze im Zuge der Digitalisierung verloren gehen könnten. Das Buch bietet mit überschaubarem Zeitaufwand viel Hintergrundwissen und Einordnung, geht aber nicht so in die Tiefe wie zum Beispiel McAfee und Brynjolfsson.

Wer sich richtig intensiv mit den Folgen des digitalen Wandels beschäftigen will – und zwar auch inklusive des wissenschaftlichen Unterbaus – der kommt an Shoshana Zuboff nicht vorbei. Vielen deutschen Lesern mag der Name nicht sehr geläufig sein. Die US-Ökonomin hat bereits 1988 mit dem Standards setzenden Buch „In the Age of the Smart Machine“ auf die Gefahren durch den technologischen Wandel hingewiesen. Nun definiert sie in „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ (Campus Verlag) einen tauglichen Begriff, den sie auch klar vom Kapitalismus der bekannten Prägung abgrenzt.
„Erfunden und perfektioniert hat den Überwachungskapitalismus Google“, erklärt die Autorin. Facebook und Microsoft hätten ihn rasch übernommen. Apple gehöre nicht dazu, weil hier Daten „nur“ zur Verbesserung des eigenen Produkts erhoben würden. Amazon sei noch in einer Übergangsphase. Zuboff erklärt, warum die Tyrannei des Überwachungskapitalismus so gefährlich für die Menschen ist. Aber auch, warum wir ihn zulassen: „Seine Lösung für die immer lauter werdenden Forderungen nach einem effektiven Leben fußt auf dem allmählichen Ausmerzen von Chaos, Ungewissheit, Anomalien und Konflikt zugunsten von Vorhersagbarkeit, Transparenz, Konfluenz, Überredung und Befriedung.“
Zuboff, übrigens Schwester im Geiste und gute Freundin des inzwischen verstorbenen „FAZ“-Herausgebers Frank Schirrmacher, verlangt dem Leser dabei einiges ab. Allein schon die Länge des Buchs (600 Seiten + 130 Seiten Anmerkungen) schreckt so manchen ab. Und es ist eben ein Buch mit hohen wissenschaftlichen Ansprüchen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Gabriel, Spahn, Graeber, und warum wir die Welt falsch einschätzen
Seite 123456Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: 30 Rezensionen in Kurzform - Die besten Wirtschaftsbücher der Buchmesse

0 Kommentare zu "30 Rezensionen in Kurzform: Die besten Wirtschaftsbücher der Buchmesse"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.