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500. Todestag von Leonardo da Vinci Der Mann, der alles wissen wollte

Leonardo da Vinci gilt nicht nur im Silicon Valley als Vater des disruptiven Denkens – und als das größte Genie, das je auf Erden wandelte.
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Eine einfache Marmorplatte erinnert in der Schlosskapelle Saint Hubert in Amboise daran, dass vor 500 Jahren hier ein Universalgenie gestorben ist. (Foto: Leonard de Serres/Schloss Amboise/dpa)
Leonardo da Vincis Grab

Eine einfache Marmorplatte erinnert in der Schlosskapelle Saint Hubert in Amboise daran, dass vor 500 Jahren hier ein Universalgenie gestorben ist.

(Foto: Leonard de Serres/Schloss Amboise/dpa)

DüsseldorfAls Elon Musk vor rund einem halben Jahr seine detaillierten Pläne vorstellte, wie er bis 2025 den Mars besiedeln will, pflegte er damit auch sein Image als kühner Visionär. Verglichen mit den Vorhaben des Tesla-Gründers könnte man sagen: Dinge wie Marsmissionen plante Leonardo da Vinci zum Frühstück. Denn selbst im Vergleich mit den wildesten Plänen, die vor allem Menschen im Silicon Valley heutzutage umtreiben, war der Renaissance-Meister eine Ideenmaschine.

„Als Künstler kamen ihm nur wenige gleich, als Erfinder kaum jemand und als universalem Genie keiner“, urteilt der Historiker Bernd Roeck in seiner gerade veröffentlichten Biografie „Leonardo“. Er sei so facettenreich wie widersprüchlich, einem Hamlet ähnlich: Leonardo war Vegetarier, der keinem Floh etwas zuleide tun konnte – und diente gleichzeitig grausamen Herrschern wie Ludovico Sforza oder Cesare Borgia. Er nannte den Krieg „bestialischen Wahnsinn“ und erfand Waffen von „teuflischer Phantasie“, wie Roeck schreibt.

Aber vor allem gilt für den am 2. Mai 1519 verstorbenen Mann aus Vinci: Er gab sich mit so gut wie nichts zufrieden. Das, was wir heute als disruptives Denken feiern, war für Leonardo Lebensmaxime. Wenn der Begriff agiles Arbeiten für einen Menschen wirklich passt, dann für ihn. Wer heute Elon Musk einen Besessenen nennt, der sollte Biografien über Leonardo da Vinci lesen. Und da dessen Leben auch noch zur Zeit der Renaissance stattfand, einer Epoche mit ähnlich umfangreichen Veränderungen wie bei der Digitalen Revolution heute, ist Leonardo so modern.

In so einer Ära der neuen Möglichkeiten können wir ein Vorbild wie ihn gut gebrauchen. Um ein Zitat des Philosophen Karl Popper abzuwandeln: Leonardo studierte nicht Disziplinen, sondern Probleme. Fragen gingen ihm nie aus. Er war mehr als ein Universalgelehrter im Humboldt’schen Sinne; jemand, der stets Lehrling blieb – und gerade so über sich hinauswuchs. Ein Übermensch dank Neugier und Genialität, der das vermeintliche Wissen seiner Zeit permanent infrage stellte.

Legendär war sein „Mut zum Gegendenken“, wie es der Historiker Volker Reinhardt ausdrückt. Oder seine „zelebrierte Kunst des Scheiterns“, was ja heutzutage nicht nur bei Start-ups eine, ja, Renaissance erlebt. Leonardo lebte eine innere Freiheit vor, wie sie zu seiner Zeit undenkbar schien: Es habe wohl keinen zweiten Menschen in der Geschichte gegeben, so Reinhardt, der sich „so weit vom herrschenden Weltbild entfernt hat“.

Das undatierte Porträt zeigt den italienischen Maler, Bildhauer, Baumeister, Ingenieur, Zeichner und Naturforscher. Quelle: dpa
Leonardo da Vinci

Das undatierte Porträt zeigt den italienischen Maler, Bildhauer, Baumeister, Ingenieur, Zeichner und Naturforscher.

(Foto: dpa)

Und das auf diversen Gebieten: Ökologie, Medizin, Architektur, Ingenieurskunst, Astronomie, Mathematik, Physik, Biologie, Eventplanung – und natürlich in der Kunst. Man kann ihn als denjenigen betrachten, der als Erster in Gänze begriff, wie wertvoll Natur ist.

Die Kehrseite dieser enormen Vielseitigkeit war allerdings seine berüchtigte Unzuverlässigkeit, „empörend“ und „unbegreiflich“ selbst aus Sicht seiner Wohlgesonnenen, wie Volker Reinhardt schreibt. Besteller mussten eine „Warte- und Leidenszeit“ durchleben, „die fast immer in der totalen Enttäuschung endete“. Sie bekamen kein Bild, zumindest kein vollendetes, aber dafür „jede Menge juristischer Scherereien“.

Ganz anders als sein Zeitgenosse Michelangelo war Leonardo ein lausiger Unternehmer und meistens auf finanzielle Zuwendungen von Gönnern angewiesen. Er wäre wohl als armer Mann gestorben, hätte ihm der französische König Franz I. nicht einen gemütlichen Lebensabend in Paris spendiert.

Zwar war Leonardo ein „überzeugender Verhandlungspartner“, wie Biograf Roeck urteilt – schließlich wurden ihm die waghalsigsten Projekte anvertraut und man bezahlte ihn fürstlich. Aber er brachte beileibe nur wenig zu Ende und musste so manchen Vorschuss zurückzahlen. Dafür gab es mehrere Gründe: Manchmal kam ihm ein anderes spannendes Projekt dazwischen, oft lag es aber an seinen eigenen Anforderungen: „Den Maßstäben, die er formuliert hatte, auch nur annähernd zu genügen, war vollkommen unmöglich,“ schreibt Roeck. Es sei erstaunlich, dass er überhaupt etwas fertigstellte. Das lag auch an dem immensen theologischen Überbau, dem Sinn hinter der Kunst.

Was für ein Unterschied zur Silicon-Valley-Mentalität, gern auch mal halbfertige Produkte auf den Markt zu werfen und am Kunden zu testen. Unsere heutige Welt kommt uns ungemein komplex vor. Mittelständische Firmen spezialisieren sich immer weiter und suchen sich in der Nische eine Weltmarktführerschaft.

Berufe – eine Idee, die es zu Zeiten Leonardos noch gar nicht gab, das ging erst später mit Martin Luther los – werden immer ausgefeilter. Rund die Hälfte der heutigen Abiturienten werden in „Jobs“ tätig sein, die es heute noch gar nicht gibt. Was kann man da von Leonardo lernen? Welche Verhaltensmuster übernehmen?

Vielleicht so einiges. Denn es gibt sicher einen Grund, warum das wertvollste deutsche Unternehmen SAP seine Kernmarke für Internet-of-Things-Produkte „Leonardo“ nennt. Zwar wirken historische Parallelen bisweilen bemüht und schief sind sie auch manchmal, aber die Geisteshaltung dreht sich ja in diesen Jahren spürbar – ähnlich wie damals zum Start der Renaissance: Wir kommen aus einer Wissensgesellschaft, die Gefahr läuft, das Staunen und Fragen zu verlernen. Und die Digitalisierung bietet uns nun die Möglichkeit, das Menschsein neu zu definieren. Mit all den Möglichkeiten und Risiken.

Leonardos Haltung des Sich-nie-Zufriedengebens und Alles-Hinterfragens passt da in die Zeit. Das spüren auch Museen und Buchverlage. 2019 wird allenthalben als Leonardo-Jahr begangen – nicht zuletzt unterstützt durch diverse neue Biografien. Zwei davon sind hervorzuheben: Volker Reinhardt mit „Leonardo da Vinci. Das Auge der Welt“ und eben Bernd Roecks „Leonardo. Der Mann, der alles wissen wollte“. Die Autoren sind Historiker und führende Kenner der Renaissance. Sie schaffen es, das Wirken des großen Meisters gekonnt in die historischen Zusammenhänge einzubetten.

Volker Reinhardt: Leonardo da Vinci – Das Auge der Welt
C.H. Beck
2018
383 Seiten
28 Euro
ISBN: 9783406724732

Beide Werke überzeugen auch durch das, was nicht drinsteht: Es wurde nämlich recht viel Unfug geschrieben in Biografien über Leonardo da Vinci. Hier überzeugen Roeck und Reinhard durch große Ausgeglichenheit, indem sie stets darauf hinweisen, was nicht belegt ist. Dadurch verzichten sie auf so manch wilde Geschichte, die sich vermeintlich zugetragen haben könnte. Aber die belegten Fakten sind ja auch aufregend genug.

„Über keinen Künstler der Renaissance ist so viel bekannt wie über Leonardo da Vinci. Zugleich ist kein zweiter von so vielen Rätseln umwittert“, urteilt Roeck. Die Quellenlage ist üppig, aber auch chaotisch. Dass der Meister mit beiden Händen schreiben konnte, also praktisch über zwei Handschriften verfügte, machte es Historikern auch nicht einfacher. Leonardos Homosexualität übrigens gilt beiden als hinlänglich belegt.

Obwohl seine Mutter keine Rolle in Leonardos Leben spielte, weil er als Bastard zur Welt kam, kann man die Kindheit des am 14. April 1452 in der Toskana geborenen Jungen als behütet bezeichnen. Als Teenager kam er nach Florenz; nirgendwo konnte man damals das Maler- und Bildhauerhandwerk besser erlernen als in der damaligen Weltstadt. Sein Leben lang musste Leonardo auf Kriege und neue politische Lagen reagieren. Oder, wie es Bernd Roeck ausdrückt: „Auch heute berühmte Meister wie Leonardo waren nur kleine Rädchen im Getriebe der Höfe und der internationalen Politik.“

So trieben ihn die Umstände 1481 dann 19 Jahre lang nach Mailand zum zur Gewalt neigenden Ludovico Sforza. In dieser Zeit wurden zwar nur wenige Kunstwerke fertig, aber immerhin das berühmte „Letzte Abendmahl“. Nach der Zeit in Mailand ging es für den Adligen, Kardinal und Feldherrn Cesare Borgia, wieder ein Mann mit zweifelhaftem Ruf, quer durch Italien, bis Leonardo wieder nach Florenz zurückkehrte und sich – längst berühmt geworden – über gewisse Freiräume freuen durfte.

Bernd Roeck: Leonardo – Der Mann, der alles wissen wollte
C.H. Beck
2019
429 Seiten
28 Euro
ISBN: 9783406735097

1513 wechselte der zu diesem Zeitpunkt 61-Jährige nach Rom, aber er wurde auch bei diesem erstmaligen längeren Aufenthalt in der Vatikan-Stadt nicht heimisch. Kunstwerke entstanden kaum, er hielt sich mit technischen Arbeiten über Wasser. 1517 rief ihn der frisch gekrönte König von Frankreich nach Paris. Franz I. schätzte Leonardo sehr und versorgte ihn bis zu seinem Tod 1519 gut. Leonardo wurde 67 Jahre alt, für damalige Verhältnisse ein stattliches Alter.

Helfer beim Kriegshandwerk

Eine Biografie voller Wendungen. Und so widersprüchlich wie Leonardo war aber auch die Zeit, in der er lebte. Wenn man dem Künstler spontan die versprochene Bronze vorenthält, um Kanonen statt Kunst daraus zu machen, dann wundert es vielleicht nicht, dass ein Genie wie Leonardo auch beim Kriegshandwerk hilft, um sich seine Gönner gewogen zu halten.

Die Renaissance war keineswegs nur eine Zeit der aufstrebenden Großgeister. Sie war ein rumpelnder Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, mit all den Irrungen und Wirrungen, die es dafür braucht. Für Bernd Roeck waren die wissenschaftlichen und technischen Umbrüche der Epoche „notwendige Bedingung“ der Industriellen Revolution und des sogenannten Europäischen Jahrhunderts, als der Zeit von 1800 bis 1900 – wie er in seinem Opus Magnum „Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance“ schreibt. Ein „Triumphmarsch“ sei dies beileibe nicht gewesen: Es wurde „versklavt, gemordet und Kulturen zerstört“.

Leonardo war also eine „seltsame Mischung aus nervösem Bastler und Genie, Perfektionisten und Experimentator“ (Bernd Roeck). Davon können sich Interessierte auch in diversen Ausstellungen überzeugen. Museen rund um die Welt haben sich seit Jahren warmgelaufen für das Leonardo-Jahr, besonders der Pariser Louvre. Hier gibt es die meisten Werke Leonardos zu sehen, allen voran die berühmte Mona Lisa. Womöglich schaut ja auch Elon Musk mal vorbei.

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