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Ariadne von Schirach im Interview „Die Krise ist eine Einladung nachzudenken“

Die Philosophin spricht über die Gesellschaft im Corona-Alltag und darüber, dass wir keine andere Welt brauchen, nur einen anderen Umgang mit ihr.
01.05.2020 - 15:11 Uhr Kommentieren
Die Philosophin beobachtet, dass Menschen in der Lage sind, ihre Lebensweise radikal zu verändern. Quelle: Opale/Leemage/laif
Ariadne von Schirach

Die Philosophin beobachtet, dass Menschen in der Lage sind, ihre Lebensweise radikal zu verändern.

(Foto: Opale/Leemage/laif)

Düsseldorf Die Philosophin und Autorin Ariadne von Schirach hofft auf eine bessere Wertschätzung und Bezahlung im Pflege-Bereich nach der Coronakrise. Diese gesellschaftlichen Missstände sowie zum Beispiel die rückständige Digitalisierung an Schulen und Unis würden durch die Pandemie erst sichtbar, so von Schirach im Interview mit dem Handelsblatt.

Die Philosophin vergleicht das Gefühl, das viele Menschen in der aktuellen Corona-Pandemie haben, mit einem klassischen Filmthema: „Jemand erfährt, dass er nur noch kurz zu leben hat.“ In Filmen würden dann alle ihren blöden Job kündigen, ans Meer fahren, die Liebe wagen, aufhören zu lügen und anfangen zu leben.

Für die Zeit nach der Krise zeichnet sie keine positiven Aussichten, denn sie weiß: „Auch die Normalität vor der Krise war brüchig.“ Dennoch möchte sie aufmuntern: „Die existenzielle Angst, die Corona auslöst, ist eine Möglichkeit, bewusster mit unserem Leben und Zusammenleben umzugehen.“

Was sich durch die Krise tatsächlich ändern wird, will die Philosophin nicht vorhersagen – und sie nennt keine konkreten Lösungsansätze. „Ich bin keine Prophetin. Und kein Fan von kollektivem Deutungsporno, der noch mitten in der Krise genau erklärt, was wir alles daraus gelernt haben“, sagt von Schirach. „Es geht eher darum, den Sinn für das Mögliche wachzuhalten.“

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    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Frau von Schirach, die Corona-Pandemie beherrscht zurzeit die weltweiten Nachrichten und unseren Alltag. Wir sitzen zu Hause, machen uns Sorgen, vergleichen täglich Zahlen von Neuerkrankten und Gestorbenen. Was macht das mit uns?
    Wir machen eine Endlichkeitserfahrung. Corona erinnert uns daran, dass hier niemand lebend rauskommt. Wir Menschen sind sterblich. Sich das zu vergegenwärtigen tut gut.

    Warum?
    Der Mensch ist das einzige Tier, das bei lebendigem Leib sterben kann. Wie wenn man denkt, dass es so, wie es jetzt ist, immer bleiben wird und man eh nichts machen kann. Dieser innere Tod vergisst, dass wir lebendig sind und Entscheidungen treffen können, die unsere Zukunft beeinflussen.

    Und was passiert, wenn man sich daran plötzlich wieder erinnert?
    Das ist doch ein klassisches Filmthema: Jemand erfährt, dass er nur noch kurz zu leben hat. Was machen dann alle? Sie kündigen ihren blöden Job, fahren ans Meer, wagen die Liebe, hören auf zu lügen und fangen an zu leben.

    Lässt der Zustand nach der Corona-Pandemie nicht schnell wieder nach?
    Das kann schon sein. Der Mensch ist nämlich auch das Tier, das sich selbst vergessen kann. Das kennen wir ja alle, wenn wir an gute Vorsätze denken wie: In diesem Jahr will ich endlich anfangen, mein Leben zu ergreifen, will ehrlicher sein, mutiger, sportlicher. Und dann kommt der Februar – und alles ist wie immer.

    Das sind keine positiven Aussichten für die Zeit nach der Krise. Wir werden also schnell wieder in den Alltagstrott zurückfallen?
    Auch die Normalität vor der Krise war brüchig. Vor Corona war der Anschlag in Hanau, die ungelöste Frage nach dem Klimawandel, Menschen sind im Mittelmeer ertrunken. Und auch sonst gibt es viele drängende Probleme – vom Lehrermangel über die Pflegekatastrophe bis hin zu dem immer stärkeren Auseinanderdriften von Armen und Reichen oder Jungen und Alten. Privilegierte Leute wie ich können hier noch sehr gut leben, aber dass es gesamtgesellschaftliche Schieflagen gibt, da sind wir uns ja alle einigermaßen einig.

    Zugleich ist die Krise wie ein Brennglas, das gesellschaftliche Missstände scharf stellt und sichtbar macht.

    Aber was bewahrt uns als Gesellschaft davor, nicht wieder genau dorthin zurückzukehren?
    Die existenzielle Angst, die Corona auslöst, ist eine Möglichkeit, bewusster mit unserem Leben und Zusammenleben umzugehen. Viele besinnen sich ja gerade darauf, was ihnen wirklich am Herzen liegt und was sie wirklich brauchen. Zugleich ist die Krise wie ein Brennglas, das gesellschaftliche Missstände scharf stellt und sichtbar macht.

    Welche sind das?
    Die mangelnde Wertschätzung und schlechte Bezahlung im Care-Bereich. Die rückständige Digitalisierung in Schulen und Unis. Das eng-, aber bei uns wenigstens noch nicht totgesparte Gesundheitssystem. Doch zugleich machen wir gerade die Erfahrung, dass wir unauflöslich verbunden sind; eine vom Virus bedrohte Menschheit, für die endlich – und sei es nur temporär – jedes einzelne Leben zählt. Dieses neue Bewusstsein des Ganzen ist eine Chance auf das Mündigwerden unserer Spezies.

    Inwiefern erleben wir ein Mündigwerden?
    Es gibt da diesen berühmten Satz: Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. Gerade erleben wir aber, dass das gemeinsame Überleben wichtiger ist als der Fortgang der Geschäfte. Wir merken, dass Prioritäten sich verschieben können und wir in der Lage sind, sofort und radikal unsere Lebensweise zu ändern.

    Dinge, die zum Beispiel „Fridays for Future“ seit über einem Jahr fordert.
    Ja. Diesbezüglich haben wir gerade echte Erfahrungen gesammelt. Wir haben als Gesellschaft unsere gemeinsame Realität verändert und begriffen, dass die Zukunft wesentlich offener ist, als wir gedacht haben. Dieses Feuer wurde gelegt. Wobei wir wachsam bleiben müssen. Dazu (der römische Dichter) Juvenal: „Es ist schändlich, um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren.“ Kunst ist eventuell doch wichtiger als Klopapier.

    Was könnte sich durch dieses Feuer nach der Krise ändern?
    Ich bin keine Prophetin. Und kein Fan von kollektivem Deutungsporno, der noch mitten in der Krise genau erklärt, was wir alles daraus gelernt haben. Es geht eher darum, den Sinn für das Mögliche wachzuhalten.

    Ariadne von Schirach: Die psychotische Gesellschaft. Wie wir Angst und Ohnmcht überwinden.
    Tropen
    260 Seiten
    20 Euro

    Was sehen Sie denn, wenn Sie heute auf die Gesellschaft schauen?
    Geburtswehen. Die Mündigkeit unserer Spezies beginnt mit einem offenen Blick in unsere Betriebsanleitung. Wir Menschen sind widersprüchliche Wesen, eine Spezies, die aus Individuen besteht. Diesen Universalismus der Partikularität macht Corona gerade sehr greifbar.

    Das müssen Sie uns erklären.
    Alle machen gerade eine Corona-Erfahrung, sie ist universal. Gleichzeitig trifft sie jeden und jede total unterschiedlich. Ob du eine Wohnung hast oder in einem Lager wie Moira leben musst, ob du dich um Kinder kümmern musst oder um alte Eltern. Das ist höchst individuell oder eben partikular.

    Es trifft uns also alle gemeinsam, aber jeden auf unterschiedliche Weise?
    Genau. Und das betrifft natürlich nicht nur Corona, sondern das Leben selbst. Aber auch wenn wir alle einzigartig sind, gibt es doch viel mehr, was uns verbindet, als das, was uns trennt. Wir gehören alle zusammen, keiner darf zurückgelassen werden.

    Trotzdem müssen wir uns gerade zuallererst räumlich distanzieren. Was macht das mit dem Einzelnen?
    Wir haben Sehnsucht nacheinander. Ich vermisse meine lieben Menschen und spüre das körperlich. Eine Glücksstudie der Harvard University besagt, dass uns tiefe soziale Beziehungen am glücklichsten machen. Dass das stimmt und wir einander wirklich brauchen, ist eine weitere Erfahrung, die wir gerade alle gemeinsam machen.

    Warum ist diese Erfahrung so wichtig?
    Weil wir uns dadurch sehr konkret damit beschäftigen, was wir einander bedeuten und welchen Wert das Leben hat. Diesen Wert anzuerkennen heißt aber auch, dafür zu sorgen, dass kein Mitglied unserer Spezies mehr hungern muss. Es heißt ebenso, die Leute, die sich um die Kinder, Alten und Kranken kümmern, angemessen zu bezahlen. Ein mündiger Umgang mit unserem Menschsein beginnt damit, dem vielfach missachteten Leben und Zusammenleben wieder etwas zurückzugeben.

    Wir brauchen keine andere Welt, sondern einen anderen Umgang mit der Welt.

    In Ihrem Buch „Die psychotische Gesellschaft“ haben Sie geschrieben, dass wir als Gesellschaft den Sinn verloren haben. Finden wir ihn durch diese Erfahrungen gerade wieder?
    Die Krise ist eine Einladung nachzudenken. Wir brauchen keine andere Welt, sondern einen anderen Umgang mit der Welt. Heilung ist das Finden eines neuen Sinns durch ein angemesseneres Bewusstsein dessen, was ist. Und was zählt.

    Und was könnte das konkret für ein neuer Sinn sein?
    Ich hüte mich vor allzu konkreten Deutungen. Die Zukunft ist offen. Daran sollten wir festhalten.

    Frau von Schirach, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Ein gutes Gespräch – wie geht das?

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