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Buchrezension „A Warning“ Das neue Enthüllungsbuch über Trump verfehlt seine Wirkung

Ein ranghoher Mitarbeiter Donald Trumps hat eine „anonyme Anklage“ gegen den US-Präsidenten vorgelegt. Überraschend oder spektakulär ist das Buch nicht.
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Er sei „eine „toxische Kombination aus Amoralität und Gleichgültigkeit“, urteilt der Buchautor zu US-Präsident Trump. Quelle: Reuters
Kapitol in Washington

Er sei „eine „toxische Kombination aus Amoralität und Gleichgültigkeit“, urteilt der Buchautor zu US-Präsident Trump.

(Foto: Reuters)

Washington Mit der anonymen Autorenschaft ist das so eine Sache. Man kann vieles, wenn nicht alles behaupten, ohne die Verantwortung tragen zu müssen oder juristisch belangt zu werden. Der Anonyme wirkt oft ein Stück weit perfide, weil die Attackierten sich nicht wirklich wehren können. Und zu guter Letzt geht mit dem Schutz der Anonymität zwangsläufig ein Verlust von Authentizität einher.

All diese Defizite verschärfen sich noch einmal, wenn es um eine hochpolitische sowie -brisante Sache geht. Ganz ohne Zweifel ist „A Warning“ ein solcher Fall. Das aktuell in den USA erschienene Buch ist ein Politikum. Es geht um nichts Geringeres als die Integrität des amerikanischen Präsidenten.

Der Zeitpunkt könnte brisanter nicht sein: Donald Trump sieht sich derzeit mit Ermittlungen für ein Amtsenthebungsverfahren konfrontiert. Fast täglich fördern Zeugen – meist verdiente Diplomaten oder andere hohe Beamte – im Geheimdienstausschuss vor laufenden Kameras wenig Schmeichelhaftes über den Präsidenten zutage. Wie Trump den ukrainischen Präsidenten um Amtshilfe bittet, um seinen wichtigsten politischen Rivalen, Joe Biden, zu diskreditieren. Wie der US-Präsident offenbar auch nicht davor zurückschreckt, amerikanische Sicherheitsinteressen aufs Spiel zu setzen.

Nun also die große „Enthüllung“, wie es der Verlag mit dem Verkaufsstart angekündigt hat. Der Titel ist Programm – „eine Warnung“ vor einem Präsidenten mit großen Charakterschwächen. Als „dümmlich, rachsüchtig, kindisch, psychisch labil“ beschreibt „Anonymous“, so lautet der Tarnname des Autors, den Präsidenten. Und aufgrund dieser Eigenschaften sei Donald Trump vor allem eines: „gefährlich“. Er sei eine „toxische Kombination aus Amoralität und Gleichgültigkeit“, was ihn zur Gefahr für die nationale Sicherheit mache.

Die 259 Seiten lesen sich wie eine Anklageschrift – unterhaltend ist die Lektüre nicht. Im Gegenteil: Vieles von dem, was der Autor beschreibt, ist ebenso skandalös wie wenig überraschend. Donald Trump wird inzwischen – zu Recht – alles zugetraut. Knapp drei Jahre Präsidentschaft geben Zeugnis davon.

Anonymous: A Warning
Little, Brown 2019
272 Seiten
15,90 Euro

„Anonymous“ bezeichnet sich selbst als ranghohen Mitarbeiter im engsten Umfeld Trumps und sieht sich als Teil des „Widerstands“, was der interessanteste Aspekt dieses Buchs ist. „Mitternachts(selbst)massaker“ („Midnight Self-Massacre“) nennt der Autor einen Plan der „Widerständler“ im Weißen Haus, der doch erstaunlich ist.

Bereits im vergangenen Jahr habe „eine ganze Reihe hochrangiger Mitarbeiter Trumps“ vorgehabt, geschlossen zurückzutreten – als Zeichen des Protests gegen eine ebenso erratische wie gefährliche Politik des Präsidenten. Anonymous nennt den Plan – oder ist es schon eine Verschwörung? – bewusst „Midnight Self-Massacre“, weil er Parallelen zum legendären „Saturday Night Massacre“ im Oktober 1973 ziehen will. Damals, auf dem Höhepunkt der Watergate-Affäre um Präsident Richard Nixon, hatte es viele Rücktritte und Entlassungen in Washington gegeben.

Dieses Mal allerdings seien die Rücktritte ausgeblieben, „weil das die Situation nur verschlimmert hätte“. Aber, so der Autor weiter: „Wir alle haben Rücktrittsschreiben in der Schublade.“

Auch diese Aussage ist verwunderlich: Denn bislang ist die weit überwiegende Zahl der Mitarbeiter, die gegangen ist, nicht freiwillig aus dem Amt geschieden – sie wurden „gefeuert“, und zwar auf eine Art und Weise, wie Trump es liebt: über Twitter – und nicht selten verbunden mit despektierlichen Äußerungen des Präsidenten über die entlassene Person.

An anderer Stelle heißt es, man habe mehr oder weniger offen in diesem hochrangigen Kreis darüber debattiert, „den Präsidenten mit dem 25. Verfassungszusatz wegen mangelnder Zurechnungsfähigkeit zu stürzen“. Ja – und das ist in der Tat überraschend –, Vizepräsident Mike Pence habe das „unterstützt“.

Aber auch diese Behauptung ist mindestens kontraintuitiv. Bislang jedenfalls sind die republikanischen Parteikollegen Trumps nicht dadurch aufgefallen, dass sie einen ausgeprägten Widerstandsgeist an den Tag legten. Das Gegenteil ist der Fall: Wie eine Einheitsfront scheinen die Republikaner hinter Trump zu stehen – selbst in der Ukraineaffäre, in der niemand ernsthaft leugnen kann, dass der Präsident schwerwiegende Fehler begangen hat.

Der Skandal dieser Tage, so scheint es manchmal, ist nicht Trump selbst, sondern die Tatsache, dass die einst so stolze, konservative und traditionsbewusste Partei ihn nicht nur duldet, sondern sein Verhalten mit allen Mitteln zu verteidigen bereit ist.
Streckenweise ist das Buch in beleidigendem Ton verfasst – einem Ton, der es den Verteidigern des Manns im Weißen Haus eher einfach macht: „Nichts als Lügen eines Feiglings“, sagte denn auch Regierungssprecherin Stephanie Grisham – ganz im Stil des Buchs.

„Die intellektuelle Faulheit des Präsidenten ist erstaunlich“, schreibt Anonymous. Er sei „geistig verwirrt und reizbar“ und vergesse, „was er gesagt hat oder ihm gesagt wurde“. „Er benimmt sich wie ein Zwölfjähriger in einem Fluglotsen-Tower, der willkürlich Schalter drückt und schaut, was dann passiert.“

Die eigentliche Groteske, so grotesk das Ganze ist: Es überrascht oder erschreckt niemanden mehr. Die frauen- und fremdenfeindliche Haltung des Präsidenten ist ebenso bekannt wie seine Zuneigung zu Autokraten à la Putin, Erdogan oder Duterte.

Das ist wohl der Grund dafür, warum das Mittel der anonymen Anklage, nach diversen anderen Büchern, inzwischen schräg wirkt. Die eigentlichen Helden sind jene, die öffentlich im Zeugenstand des Kongresses, unter Eid Rede und Antwort stehen. Sie setzen nicht nur Karriere und Ruf aufs Spiel, sondern riskieren auch, sich zum Hassobjekt der Nation zu machen. Denn es gibt sie ja, die unzähligen Trump-Anhänger überall im Lande, die, wie ihr Idol selbst, jegliche Kritik als Verrat auslegen.

Deshalb gilt es nicht nur, den amerikanischen Präsidenten zu beschreiben und zu analysieren, sondern vor allem die Umstände, die ihn möglich machten. Zu diesen Umständen gehört auch ein Mangel an Zivilcourage, die man dem Autor, so redlich sein Bemühen um Aufklärung auch sein mag, leider vorwerfen muss.

Mehr: Schriftsteller Salman Rushdie: „Alles ist besser als Trump

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