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Buchrezension Das neue Buch von Friedrich Merz ist eine Bewerbung für das Kanzleramt

Der CDU-Politiker präsentiert ein Buch, das das Programm seiner erhofften Kanzlerschaft skizzieren soll. Das macht das Werk leider auch sehr langweilig.
30.10.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Die klare Kante, die er gern verspricht, verschwimmt bisweilen in einem grauen Da-wurde-ich-völlig-falsch-verstanden-Nebel. Quelle: imago images/photothek
Friedrich Merz

Die klare Kante, die er gern verspricht, verschwimmt bisweilen in einem grauen Da-wurde-ich-völlig-falsch-verstanden-Nebel.

(Foto: imago images/photothek)

Düsseldorf Friedrich Merz hat ein Buch geschrieben. Das an sich wäre noch nicht sonderlich bemerkenswert, denn er hat schon viele Bücher verfasst. Sie hießen „Mehr Kapitalismus wagen“ oder – mit anderen Autoren – „Was jetzt zu tun ist“ und „Nur wer sich ändert, wird bestehen“.

Bei seinem neuen Buch liegt die Sache etwas anders, auch wenn der Titel den anderen ähnelt: Es heißt „Neue Zeit. Neue Verantwortung“ und ist das Buch zum CDU-Parteitag, der gerade verschoben wurde, was die Sache nicht einfacher macht. Denn das Buch flankiert Merz’ zunehmend verzweifelten Kampf um den Parteivorsitz und also seine Kanzlerkandidatur.

Kurz: Das Buch ist ein Wahlprogramm und zeigt deshalb schon auf dem Cover vor allem einen Faktor der „Neuen Zeit“: Merz selbst in Anzug und Krawatte. Im Hintergrund, unscharf, ein bisschen Reichstag. Das Parlament ist also schon ziemlich unwichtig neben Friedrich I., wobei es das gleiche Bild auf seiner Homepage auch ohne Krawatte gibt. Ein Merz für alle Fälle.

Es ist nicht ganz klar, warum der Verlag für das Buch 22 Euro verlangt. Der Autor könnte es auch verschenken und als Marketingaufwendung steuerlich geltend machen. Auch mit Steuern kennt sich Friedrich Merz sehr gut aus. Vor vielen Jahren hat er die „Bierdeckel-Steuer“ erfunden. Bis heute werde er deshalb „immer wieder gebeten, Bierdeckel mit meinem Autogramm zu versehen“, schreibt er selbst in seinem Buch.

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    Merz ist also ein Fuchs, ein Fachmann. Vielleicht ein bisschen wie seine Bierdeckel-Steuer: durchaus populär, aber – das muss man auch mal sagen dürfen – am Ende bisweilen glücklos, wenn’s zum Beispiel um Wahlen oder mühsame Abstimmungsprozesse geht.

    Das ist das Problem des Friedrich Merz, und das ist bedauerlicherweise auch das Problem seines Buchs, das man als persönliche Standortbestimmung lesen darf. Als Glaubensbekenntnis lesen kann. Als Bewerbungsschreiben lesen muss. Man nickt bei der Lektüre viel und nickt und nickt – bis man eingenickt ist.

    Friedrich Merz: Neue Zeit. Neue Verantwortung. Demokratie und Soziale Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert.
    Econ
    Berlin 2020
    240 Seiten
    22 Euro

    Merz schreibt nichts Falsches, er schüttelt seine Expertise routiniert aus dem Ärmel. Wenn er zum Beispiel über den Klimawandel schreibt, ist er sofort beim Emissionshandel: „Eine solche Bepreisung wird ihre Wirkung allerdings im Hinblick auf das Ziel, nämlich den CO2-Ausstoß zu verringern, nur erreichen, wenn es einen sektorübergreifenden, einheitlichen CO2-Preis gibt und die Belastung der privaten Haushalte mit Steuern und Abgaben insgesamt nicht weiter steigt.“ Genau.

    Aber eben auch: Genau so gewinnt man nicht unbedingt Herzen. Übrigens auch nicht damit, einen schwedischen Teenager zu beschimpfen: „Die Behauptung von Greta Thunberg, die heute politisch Verantwortlichen hätten ihrer Generation ‚die Träume und die Kindheit gestohlen‘, ist ein abwegiger und anmaßender Vorwurf.“

    Man kann zu Thunberg wirklich stehen, wie man will. Aber das ist schon erstaunlich scharf formuliert, wenn man bedenkt, wie kanzlerhaft diplomatisch Friedrich Merz an anderen Stellen mit anderen Akteuren der Weltpolitik umgeht in seinem Buch.

    Es fehlt ihm da bisweilen an emotionaler Intelligenz, an Fachwissen fehlt es nie. Er kennt sich mit „Thorium-Flüssigsalzreaktoren“ aus, kann Überhangmandate erklären und Karl Popper zitieren. Aber er wird selten persönlich, nur programmatisch.

    Statt zum Beispiel mal über seine eigene Corona-Erkrankung zu sprechen und was die vielleicht mit ihm gemacht hat, fallen Sätze wie: „Das Miteinander von Staat und Gesellschaft in allen Ländern der Welt steht vor harten Bewährungsproben.“

    Seine Tragik ist facettenreich

    Das Unterhaltsamste an seinem Buch ist, dass man damit wunderbar Phrasen-Quartett spielen kann: „In keinem Land der Welt liegen Licht und dunkler Schatten in der Geschichte so dicht nebeneinander wie in Deutschland … Der Staat muss Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems … So viel Freiheit wie möglich und so viel Staat wie nötig, diese Maxime eröffnet Chancen und mobilisiert Potenziale in unserer Gesellschaft … Das Vertrauen der Bürger in unseren Rechtsstaat hat in den letzten Jahren gelitten … Klimaschutz gelingt nicht im nationalen Alleingang … Auf Dauer und nachhaltig kann nur ausgegeben werden, was vorher auch erwirtschaftet wurde … Die einst junge deutsche Demokratie ist erwachsen geworden …“

    Da würde man gern mal antworten: Was ist ihr auch anderes übrig geblieben, dieser jungen deutschen Demokratie, als erwachsen zu werden? Und wenn man denkt, Mensch, jetzt muss Merz doch noch was zur Migration sagen, kommt: „Integration ist keine Einbahnstraße.“

    Der erste interessante Gedanke findet sich auf Seite 52: „Der Bund ist eine der größten Private-Equity-Gesellschaften in Deutschland, möglicherweise sogar die größte.“ Und? Was folgt daraus? Das wäre doch jetzt interessant. Immerhin war Merz ein paar Jahre lang Deutschlandlobbyist von Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt. Aber er ist da schon wieder weiter.

    Familienpolitik, Digitalisierung, Bildung, Europas Einheit müssen auch noch abgehandelt werden. Merz entwirft ein „Deutschland 2030“. Als Bonustrack gibt’s einen „Zehn-Punkte-Plan für einen neuen Generationenvertrag“. Mehr kann man sich nicht wünschen.

    Man nickt bei der Lektüre von Friedrich Merz’ Buch viel und nickt und nickt – bis man eingenickt ist.

    Unbestreitbar liebt ihn nicht nur die Parteibasis, sondern vor allem der Wirtschaftsflügel der CDU. Merz ist nun mal der größte Fachmann in der Partei, was weniger über Merz aussagt als über die Union. Wie kam das eigentlich, dass dort bisweilen eine sozialdemokratischere Politik gemacht wird als in der SPD? Wie konnte Merz der große, einsame Wirtschafts-Waise der CDU werden? Man darf ja nicht vergessen: Die Wirtschaft liebt ihn, weil er so kompromisslos wirkt. Das kann er aber nur sein, weil er die Politik in den vergangenen Jahrzehnten eher von der Seitenauslinie verfolgt hat, wo sich das Spiel meist etwas leichter analysieren lässt.

    Die Tragik des Friedrich Merz ist facettenreich. Sie reicht vom verlorenen Kampf gegen Angela Merkel und zuletzt sogar gegen Annegret Kramp-Karrenbauer bis zu seinem Glauben, dass die Springer-Medien für seinen Weg ins Kanzleramt immer noch eine besondere Relevanz haben. Man darf das bezweifeln, denn einige seiner größten Pannen verdankt der Sauerländer ausgerechnet dem Berliner Medienhaus.

    Als „Bild-TV“ ihn neulich fragte, ob er sich einen schwulen Kanzler vorstellen könnte, nuschelte Merz erst was von Klar-ich-hab-doch-kein-Problem-mit-Schwulen, geriet dann aber in den Morast der eigenen Altväterlichkeit. Dieses Schwulsein müsse natürlich im Rahmen der Gesetze, und bei Kindern sei ganz klar Schluss…

    In den Shitstorm haben ihn seine Springer-Freunde gekonnt reinlaufen lassen. Das Problem bei seinen dann oft einsetzenden Rechtfertigungsversuchen ist die Frage: Rudert er jetzt, weil er sich wirklich missverstanden fühlt oder weil er fürchtet, wieder irgendeine wahlrelevante Zielgruppe verprellt zu haben?

    Ein bisschen wie „Stromberg“

    Politiker wie Trump wirken in ihrer bornierten Verrücktheit da erstaunlicherweise authentischer, also gradliniger. Die klare Kante, die Merz so gern verspricht, verliert sich bei genauerem Hinsehen öfter mal in einem grauen Ich-wurde-da-völlig-falsch-verstanden-Nebel. Wie soll das erst werden als Kanzler einer Koalitionsregierung, wo man ohnehin um steten Ausgleich bemüht sein muss, Kompromisse und Konsens zum Tagesgeschäft werden?

    Bei öffentlichen Auftritten wirkt Merz immer ein bisschen geduckt, was nicht nur daran liegt, dass er eben sehr hoch gewachsen ist. Er schaut automatisch auf die anderen herunter. Wenn er dann einen Witz machen will, erinnert er sehr an die fiktionale Chefkarikatur „Stromberg“ und deren „Lass das mal den Papa machen“-Attitüde. Und das soll nun wirklich keine Kritik an seinem Alter sein.

    Merz ist erst 64. Es gibt viele, oft als „alte weiße Männer“ diskreditierte alte weiße Männer, die weit moderner denken als manche 20-Jährigen. Es geht darum, dass Merz chronisch Veränderungsbereitschaft, Disruption und Umbau anmahnt. Und dass er es zugleich nicht schafft, sich das alles selbst mal anmerken zu lassen.

    Es ist ja nicht so, dass die anderen Kandidaten um den CDU-Vorsitz weniger Worthülsen parat hätten. Es gibt aber auch keinen Grund, Merz für so alternativlos zu halten, wie vor allem Merz das tut.

    Vielleicht musste deshalb kürzlich sogar seine Frau Charlotte ran. Sie ist eine erfahrene Richterin und wurde von der „Bunten“ dann als „die Frau an der Seite des Spitzenpolitikers“ Merz interviewt. Man darf annehmen, dass sie damit auch Teil seines Wahlkampfs werden sollte, denn in dem Society-Fachorgan ging es vor allem darum, „wie sie ihrem Mann bei seiner großen Mission den Rücken stärkt“.

    Es ist ebenso anzunehmen, dass Merz tatsächlich denkt, mit solchen Auftritten könne er bei Frauen punkten. Und dass er gut findet, was seine Frau da so erzählt hat. Charlotte Merz sagte zum Beispiel: „Ich finde ihn unverändert sehr attraktiv, und er ist super in Form!“ Oder: „Ich glaube, dass er gut für Deutschland ist.“ Und auch: „Manche sagen, er sei arrogant. Das stimmt überhaupt nicht.“

    Nein, das stimmt sicher nicht, denn: „Er geht auch einkaufen oder bügelt seine Hosen selbst.“ Neue Zeit eben. Neue Verantwortung.

    Mehr: Harsche Kritik von Friedrich Merz: Die CDU bemüht sich um Deeskalation

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