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Buchrezension Demonstration der Macht: Drei Bücher, die China erklären

Bücher über China gibt es zuhauf. Das Handelsblatt hat drei Titel ausgewählt, die helfen, die Mechanismen hinter dem wachsenden Machtanspruch des Landes zu verstehen.
11.07.2021 - 10:15 Uhr Kommentieren
Hinter Chinas rasantem Wirtschaftswachstum stehen viele Schicksale. Etwa wurden geschätzt 40 bis 50 Millionen Bauern während des Immobilienbooms von ihrem Land vertrieben. Quelle: dpa
Bauarbeiter in Chongqing

Hinter Chinas rasantem Wirtschaftswachstum stehen viele Schicksale. Etwa wurden geschätzt 40 bis 50 Millionen Bauern während des Immobilienbooms von ihrem Land vertrieben.

(Foto: dpa)

Peking Eine Szene hat sich bei Thomas Reichart, ehemaliger ZDF-Korrespondent in China, bei seinen Recherchen in der Volksrepublik eingebrannt. Es ist der Moment, in dem das Wanderarbeiter-Ehepaar Zhou Junming und Tang Hongmei zum Neujahrsfest zurück ins Heimatdorf fährt. Dort leben die kleinen Kinder der beiden, zwei Töchter und ein Sohn, bei ihren Großeltern.

Wie Millionen andere Chinesen müssen Zhou und Tang ihre Kinder zurücklassen, um Hunderte Kilometer entfernt von ihnen zu arbeiten. Meist sehen sie ihren Nachwuchs nur einmal im Jahr. Der Sohn von Zhou und Tang freut sich, als er seine Eltern sieht. Doch die Töchter bleiben vor dem Fernseher sitzen.

Es habe sich eingebrannt, schreibt Reichart, „wie die Mutter zu ihnen ging, vor ihnen kniete, verzweifelt und flehend auf sie einredete und dabei in die verschlossenen Gesichter ihrer Kinder blickte, die nicht begreifen konnten, warum sie zurückgelassen worden waren“. Eine Szene, wie sie alltäglich ist in China. In einem Land, das seinem Volk viel abverlangt, um zur größten Wirtschaftsmacht der Welt aufzusteigen.

Über einen Mangel an China-Büchern kann man sich derzeit nicht beschweren. Doch welche lohnen sich zu lesen, welche Themen sind wichtig? Das Handelsblatt hat drei Bücher ausgewählt. Für China-Einsteiger ist das jüngst erschienene Buch von Thomas Reichart geeignet.

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    Er gibt Eindrücke aus seinen Treffen mit Chinesen, aber auch sehr persönliche Erfahrungen als Korrespondent in dem Land wieder und deckt im Schnelldurchlauf alle Themen ab, die aktuell im Umgang mit China Fragen aufwerfen. Der Konflikt um Taiwan, der Kampf um Hongkong, Chinas Seidenstraße, die immer weiter gehende Überwachung der chinesischen Bürger durch den Staat.

    Der Aufstieg Chinas ist noch lange nicht zu Ende. Quelle: Xinhua / eyevine / laif
    Aufführung in Peking mit dem Titel „The Great Journey“

    Der Aufstieg Chinas ist noch lange nicht zu Ende.

    (Foto: Xinhua / eyevine / laif)

    Peter Martin, Reporter bei der Finanznachrichtenagentur Bloomberg, geht in seinem Buch auf eines der Themen, die Reichart nur anreißt, genauer ein: das Phänomen von Chinas „Wolfskriegern“, seinen aggressiv auftretenden Diplomaten, die nicht nur in Deutschland mit ihren Äußerungen und Drohungen immer häufiger für Irritationen sorgen. Martin dringt tief in die wechselhafte Geschichte von Chinas außenpolitischen Beziehungen ein und erklärt, wie es in den vergangenen Jahren zu dem Phänomen der Wolfskrieger gekommen ist.

    Das dritte Buch dreht sich um Chinas Finanzmarkt. Immer wieder ist darüber zu lesen, wo in China überall Risiken für dessen Stabilität lauern. Etwa die immense Verschuldung des Staates, insbesondere der Lokalregierungen, und der Unternehmen; oder die sich immer weiter aufblähende Blase am Immobilienmarkt. Bloombergs Chefökonom Thomas Orlik bietet eine tiefe Analyse von Chinas Finanzsystem und geht der großen Frage nach, warum es angesichts der vielen Risiken noch nicht zusammengebrochen ist.

    Thomas Reichart: Das Feuer des Drachen

    Thomas Reichart beschreibt in einem sehr persönlichen Buch, was er in fünf Jahren als ZDF-Korrespondent in Peking und darüber hinaus über China gelernt hat. Das ist streckenweise recht einfach gehalten und besteht aus wenig repräsentativen Anekdoten, manchmal sogar aus stereotypen Stammtischweisheiten wie der, dass Chinesen „uns für faul halten“. Wer über diese Schwächen aber hinwegsieht, findet einen lesenswerten Überblick über die Themen, die mit Blick auf China derzeit beschäftigen.

    Reichart erzählt viel davon, wie er persönlich das Land mit seinen Kollegen bereist hat. Das gibt an vielen Stellen einen spannenden Einblick in den Alltag der Chinesen, der über die großen Schlagzeilen hinausgeht. Wie jene Szene vom Besuch der Eltern bei ihren Kindern, die sie bei den Großeltern zurücklassen müssen, um Geld zu verdienen. So ergeht es Millionen Menschen in der Volksrepublik, die als sogenannte Wanderarbeiter leben.

    Reichart räumt teilweise mit Stereotypen auf, indem er die Lust der Chinesen an stellenweisem Anarchismus beschreibt. Stark ist das Buch auch dort, wo er von seinem schwierigen Alltag als Korrespondent berichtet, etwa bei Recherchen in Xinjiang.

    Thomas Reichart: Das Feuer des Drachen.
    dtv
    München 2020
    272 Seiten
    20 Euro

    In der westchinesischen Region unterdrückt die chinesische Regierung Angehörige der muslimischen Minderheit der Uiguren unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung. „Zu Beginn meiner Zeit in China konnten wir in Xinjiang noch Interviews führen“, schreibt Reichart. Es habe zwar Checkpoints, strenge Kontrollen und eine Atmosphäre der Angst gegeben, „aber wir konnten noch in den unsanierten Teil der Altstadt von Kaschgar fahren und dort Handwerker treffen“.

    Ab Ende 2016 habe sich „die Atmosphäre grundlegend verändert“. Als er das letzte Mal mit seiner Familie dort gewesen sei, hatten sie das bedrückende Gefühl, sich in einem dystopischen Polizeistaat zu befinden, der eine Art von Apartheid pflegt.

    So fällt Reicharts Resümee nach gut 250 Seiten denn auch geteilt aus: „China ist ein aufregendes Land“, schreibt er, „es ist nichts, wovor wir uns fürchten sollten. Aber wir sollten uns auch keine Illusionen machen.“ China werde regiert von einer diktatorischen Partei, die im Inneren wie im Äußeren ihre Macht und ihre Regeln durchsetzen wolle.

    Deutschland und Europa müssten sich zwar nicht entkoppeln von China. Aber sie müssten klarmachen, welche Werte sie vertreten und wo rote Linien sind. Und sie müssten sich wappnen gegen chinesisches Powerplay, das in Zukunft noch viel stärker werde.

    Peter Martin: Chinas Civilian Army – The Making of Wolf Warrior Diplomacy 

    2018 häuften sich Vorfälle, in denen einige chinesische Diplomaten im Ausland rhetorisch alle Hemmungen ablegten. Sie beschimpften und bedrohten ihre Gastgeber zu deren Überraschung immer häufiger öffentlich und verbreiteten Unwahrheiten. Das aggressive Verhalten bescherte den Vertretern der Volksrepublik im Ausland die Bezeichnung „Wolfskrieger“.

    Als Vorbild diente Zhao Lijian, der als Belohnung für seine scharfen Äußerungen gegen die USA als Botschafter in Islamabad mit einer Beförderung belohnt wurde. Zhao ist heute Sprecher des chinesischen Außenministeriums. Anfang 2020 verärgerte er die US-Regierung, als er die Behauptung verbreitete, dass Coronavirus stamme in Wahrheit aus einem amerikanischen Labor und sei von US-Soldaten in China verbreitet worden.

    Der Leser erfährt in dem Buch von Peter Martin, einem Reporter der Nachrichtenagentur Bloomberg, auf gut 250 eng bedruckten Seiten sehr viel über die Ursprünge von außenpolitischen Prinzipien, die China noch heute im Umgang mit anderen Nationen propagiert – oft ohne sich selbst daran zu halten. Dazu gehören etwa die „Fünf Prinzipien der Koexistenz“.

    Martin beschreibt, wie Chinas erster Außenminister Zhou Enlai die Grundlage für das Verständnis von Außenpolitik legte, die auch heute noch das diplomatische Korps prägt. Er forderte absolute Loyalität und prägte die Bezeichnung der Diplomaten als „Armee in ziviler Kleidung“. Viele Jahrzehnte später, im Jahr 2013, wiederholte der heute amtierende chinesische Außenminister Wang Yi diese Beschreibung in einer Ansprache gegenüber neu rekrutierten Diplomaten.

    Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber insbesondere in den 1990er-Jahren, nachdem zahlreiche Nationen die diplomatischen Beziehungen infolge der brutalen Niederschlagung studentischer Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking abgebrochen hatten, bemühte sich China sehr um die Verbesserung und den Aufbau außenpolitischer Beziehungen. Dabei half, dass China 2008 die Olympischen Spiele ausrichtete, dabei half aber noch viel mehr Chinas Verhalten in der weltweiten Finanzkrise im gleichen Jahr.

    Peter Martin: China's Civilian Army: The Making of Wolf Warrior Diplomacy.
    Oxford University Press
    Oxford 2021
    272 Seiten
    24,99 Euro

    Die Staatsführung hatte sich dazu entschlossen, ein riesiges Stimuluspaket zu schnüren – eine Maßnahme, die China in den Augen vieler Beobachter zum Retter der Weltwirtschaft machte. „Während es zwei Jahrzehnte mühsamer Arbeit bedurfte, um die Glaubwürdigkeit zu erlangen, die für die Ausrichtung der Olympischen Spiele notwendig war, veränderte die Finanzkrise Chinas internationale Position schneller, als seine Führer jemals hätten vorhersehen können“, schreibt Martin.

    2010 kam es – auch hervorgerufen durch das neue Selbstbewusstsein, das China aus dieser Anerkennung zog – zu einer Anhäufung von Konflikten, etwa im Territorialkonflikt im Südchinesischen Meer. Eine deutliche Veränderung der außenpolitischen Strategie der Volksrepublik folgte, als der heutige Staats- und Parteichef Xi Jinping die Führung übernahm.

    Xi forderte mehr Loyalität gegenüber der Partei und verbreitete mit einer groß angelegten Antikorruptionskampagne Angst und Schrecken in den Ministerien. „Während sich die politische Atmosphäre zu Hause verschärfte, wurden die chinesischen Diplomaten im Ausland immer aggressiver“, schreibt Martin. Unter Xi wurden auch die Wirtschaft und der Zugang zum chinesischen Markt immer häufiger für außenpolitische Zwecke instrumentalisiert, wie derzeit Australien schmerzhaft erfahren muss.

    Obwohl das Thema eher trocken ist, ist Peter Martins Buch erstaunlich leicht zu lesen. Es ist in einem angenehm ruhigen und sachlichen Ton geschrieben. Sein Buch zeugt von intensiver Recherche in verschiedenen Berichten von ehemaligen Diplomaten, Memoiren von Außenministern und Begegnungen mit Zeitzeugen.

    Thomas Orlik: China – The Bubble that Never Pops 

    Eine hohe Staatsverschuldung, eine schnell alternde Bevölkerung, immer weiter steigende Immobilienpreise – die Probleme, die auf Chinas Finanzsystem lasten, sind nicht neu. In jedem anderen Land würden Investoren wohl vor Sorgen nicht schlafen können. Doch warum platzt in China die Blase nicht? Und wie hat das Land den drohenden Kollaps in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder abwenden können? Dieser Frage geht Thomas Orlik, Chefökonom bei Bloomberg Economics, nach.

    Sein Buch ist streckenweise keine leichte Kost, wer sich aber darauf einlässt, kann viel über das chinesische Finanzsystem lernen und teilweise auch über die Schicksale, die hinter Chinas rasantem Wirtschaftswachstum standen. Etwa die geschätzt 40 bis 50 Millionen Bauern, die während des Immobilienbooms von ihrem Land vertrieben wurden – teilweise mit einer lächerlich niedrigen Entschädigung.

    Thomas Orlik: China: The Bubble that Never Pops.
    Oxford University Press
    Oxford 2020
    240 Seiten
    24,66 Euro

    Orlik erklärt, wie die Ein-Kind-Politik den Konsum drückte und zusammen mit dem ungerechten Sozialsystem und den Folgen des Landraubs in den 2000er-Jahren insgesamt die Sparrate hochtrieb. Die Sparquote wiederum trieb den Immobilienboom noch weiter an. Doch auch das führte nicht zum Kollaps.

    „Kollaps-Theorien gibt es viele und unterschiedliche“, schreibt Orlik. „Bislang hatten sie eins gemeinsam: Sie sind alle falsch gewesen.“ Er führt das unter anderem auf die großen Eingriffsmöglichkeiten des Staates zurück. Zudem profitiere China immer noch von seiner „Rückständigkeit“. Orlik schreibt: „Länder mit Entwicklungsspielraum haben Raum, um durch finanzielle Probleme zu wachsen, die eine fortgeschrittenere Wirtschaft aufhalten könnten.“ Die drei Bücher helfen, dieses Land, dessen rasante Entwicklung noch lange nicht am Ende ist, besser einzuschätzen.

    Mehr: Alles unter Kontrolle: Wie die KP in China Wirtschaft und Gesellschaft beherrscht.

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