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Buchrezension Die Wiedervereinigung war nicht das „Ende der Geschichte“ – im Gegenteil

Ein politischer Zeitzeuge zeichnet das schwankende Bild Deutschlands auf der Suche nach sich selbst. Der Umfang des Werks sollte niemanden schrecken.
28.01.2021 - 14:00 Uhr Kommentieren
Ost-West: Fakten zum Fortschritt des Einheitsprozesses Quelle: dpa
Menschen vor dem Brandenburger Tor am 3. Oktober 1990

Die nationale Wiedervereinigung weckte die Hoffnung auf ein goldenes Zeitalter.

(Foto: dpa)

Mülheim/Ruhr Frühe historische Analysen und Zusammenfassungen schweben über dem Abgrund. Zu viele Sachen sind noch Ansichtssachen. Die Quellen liegen im Abklingbecken. Viele Dokumente sind unter Verschluss. Ereignisse und Fakten aus eigener Erinnerung sind noch emotional kontaminiert, schon gar, wenn ein ehedem politisch Aktiver die Regale öffnet.

Aber – solche Bedenken im Sinn – ist es reizvoll, am Experiment einer zeitgeschichtlichen Sondierung teilzunehmen. Der Leser ist „Probant“ für erste Periodisierungen, vorläufig und auf Probe, aber gesehen durch ein Temperament und hoffentlich mit dem einen oder anderen Geistesblitz.

Jede Geschichtsschreibung ist immer auch „Prophetie nach rückwärts“ (Arnold Toynbee). Egon Friedell brachte es auf den aphoristischen Punkt: Vielleicht könnte jemand etwas absolut Unparteiisches schreiben, dann bräuchte es aber einen Zweiten, „der die Kraft fände, etwas so Langweiliges zu lesen“. In jedem Fall muss man es können, um es zu dürfen.

Hubert Kleinert kann es. Gerade hat er den zweiten Band seiner deutschen Nachkriegsgeschichte „Das vereinte Deutschland 1990 – 2020“ aufgelegt. Der Autor, Jahrgang 1954, war von 1983 – 1990 prägend in seiner Partei und herausragendes Mitglied des Deutschen Bundestages für die Grünen. Seit 2000 hat er eine Professur an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung in Gießen.

Der Stoff gliedert sich in acht große Kapitel. Die ergeben das schwankende Bild eines westeuropäischen Staates auf der Suche nach sich selbst in einer sich krisenhaft wandelnden Welt. Viele Zeitgenossen fühlen sich bedroht, „abgehängt“, überfordert. Andere entdecken Chancen und die Chance, sie zu ergreifen.

Hubert Kleinert: Das vereinte Deutschland. Die Geschichte 1990-2020.
Springer
Wiesbaden 2020
892 Seiten
29,99 Euro

Die nationale Wiedervereinigung und der Zusammenbruch des Ost-West-Schemas weckten die Hoffnung auf ein goldenes Zeitalter globaler Entspannung. Mancher delirierte schon vom „Ende der Geschichte“ überhaupt. Das erwies sich jedoch bald als Illusion. Die grundstürzenden Veränderungen öffneten Türen und Fenster, aber nun zog es im deutschen und europäischen Haus an allen Ecken und Enden. Deutschland wirkt heute politisch instabiler als vor dreißig Jahren.

Kleinerts faktenreiches Buch will verstehen und verstanden werden. Manches liest sich autobiografisch, klar doch, da der Autor als politischer Akteur mit Hoffnungen und Befürchtungen beteiligt war. Aus dem gleichen Grund lockt es dann den Rezensenten, seine persönliche Wahrnehmung dagegenzuhalten. Muss er hier aber nicht, denn der Autor stellt mehrere Sichten optional vor.

War zum Beispiel Gerhard Schröders „Nein“ zu einer deutschen Beteiligung am Irakkrieg die isolationistische Wahrung deutscher Interessen („was eine unionsgeführte Regierung gegenüber der ,Schutzmacht‘ USA nimmer riskiert hätte“) oder „Glücksfall für das Land“ mit weltpolitischer Weitsicht und „Verantwortungsübernahme“? War die Agenda-Politik der ersten rot-grünen Koalition Verrat an den kollektiven Träumen der 68er von einem sozial gerechteren Gemeinwesen, oder war sie die bitter nötige Therapie für den „kranken Mann“ Europas?

Das voluminöse Werk sollte niemanden schrecken. Kleinert schreibt klar und zielführend. Sein Buch ist mitteilsam, ohne geschwätzig zu werden. Es wendet sich nicht nur an die Kollegen seiner Zunft. Auch der Normalverbraucher hat mit ihm einen nützlichen Cicerone durch die „unvollendete Vergangenheit“. Mitten im „Zerfall einer räsonierenden Öffentlichkeit zur medialen Erregungsgesellschaft“ drückt dieses Buch auf die Resettaste.

Besonders lesenswert: „Das neue Deutschland“, die Zusammenfassung am Ende. Hier gelingt diesem „Bericht zur Lage der Nation“ die Dichte und Offenheit eines kühlen und zugleich brillanten Essays. Besser kann ein solches Buch nicht enden.
Frei nach Brecht: Man schlägt es zu, und alle Fragen sind offen.

Mehr: Buchtipps zum Mauerfall: 30 Jahre wiedervereint – und von der Einheit keine Spur

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