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Buchrezension Dieser Roman schafft ein meisterhaftes Porträt der Kryptoszene

Der Thriller „Montecrypto“ handelt von einem toten Bitcoin-Investor und seinen Rätseln aus dem Jenseits. Beinahe beiläufig vermittelt er die Grundlagen der Kryptowährungen.
04.04.2021 - 09:48 Uhr Kommentieren
Tom Hillenbrands Thriller spielt in einer Welt, in der Cyberdevisen längst den Einzug in den Alltag der breiten Masse geschafft haben. Quelle: Reuters
Bitcoin-Repräsentationen über Dollar-Noten

Tom Hillenbrands Thriller spielt in einer Welt, in der Cyberdevisen längst den Einzug in den Alltag der breiten Masse geschafft haben.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Es könnte sich tatsächlich genau so zutragen: Der Start-up-Unternehmer und Krypto-Investor Gregory Hollister, Vordenker der ersten Stunde und seinerzeit Mitentwickler der ersten Kryptowährungen, stürzt mit seinem Flugzeug über dem Golf von Mexiko ab. Seine Schwester vermutet, dass er einen großen Teil seines Vermögens in Kryptowährungen angelegt hat – und erteilt dem Privatdetektiv Ed Dante einen Auftrag: „Irgendwo liegt ein riesiger Schatz, der nicht in Gregs Büchern auftaucht. Ich will, dass Sie den für mich finden.“ Dante macht sich an die Arbeit – und wird durch seine Recherchen selbst vom Suchenden zum Gesuchten.

Denn Hollister, zeit seines Lebens eine Berühmtheit in der Krypto-Szene, sendet seiner Gefolgschaft Nachrichten aus dem Jenseits, die er vor seinem Tod präzise vorbereitet hat. So beginnt schon nach kurzer Zeit ein Wettrennen zwischen Privatermittler Dante und der digital vernetzten Krypto-Community, um „Montecrypto“, den Schatz des Investors, zu bergen.

Dabei geht es nicht nur darum, wer Hollisters Rätsel am schnellsten lösen kann – sondern um nichts Geringeres als die Rettung des globalen Finanzsystems, die Bewahrung der Welt vor einem globalen Crash, der die Finanzkrise von 2008 wie eine Nichtigkeit erscheinen ließe.

Mit „Montecrypto“ ist Tom Hillenbrand ein Finanzkrimi gelungen, der von Los Angeles nach Frankfurt führt, in die Schweiz, nach New York und Mexiko, und zugleich die persönliche Entwicklung eines ehemaligen Wall-Street-Bankers nachzeichnet, der in der Finanzkrise neben seinem Job auch jegliche Anerkennung von Freunden und Familie verloren hat und sich die Welt neu erklären muss.

Technisch akkurat und doch verständlich beschreibt Hillenbrand dabei, unter welchen Umständen eine Kryptowährung, die an den Dollar gekoppelt ist – ein sogenannter Stablecoin –, in der Lage ist, das Finanzsystem aus den Fugen zu heben.

Dabei kratzt er nie nur an der Oberfläche, sondern dringt tief ein in die Frage, ob die Regierungen und Aufsichtsbehörden dieser Welt Kryptowährungen zu lange ignoriert haben – und wie es Dante mithilfe der Reporterin Mercy Mondego gelingen kann, die Kernschmelze des Finanzsystems noch abzuwenden.

Tom Hillenbrand: Montecrypto. Thriller.
Kiepenheuer&Witsch
Köln 2021
448 Seiten
16 Euro

Denn die Handlung trägt sich in einer Welt zu, in der Cyberdevisen längst den Einzug in den Alltag der breiten Masse geschafft haben und Menschen auf der ganzen Welt tagtäglich mit Kryptowährungen bezahlen. Was auf den ersten Blick utopisch anmuten mag, ist womöglich nur wenige Jahre entfernt.

Das Unternehmen Juno etwa, das in „Montecrypto“ die alltagstaugliche Kryptowährung „Moneta“ verantwortet, erinnert stark an Facebooks Kryptoprojekt, das als „Libra“ bekannt wurde, sich mittlerweile „Diem“ nennt und keine großen Wellen mehr schlägt – zumindest aktuell. Im Buch ist das verlorene Kryptovermögen verwoben mit den Machenschaften des Unternehmens – und damit entscheidend für die Stabilität des Systems.

Auch die Prominenz sogenannter Stablecoins ist keinesfalls aus der Luft gegriffen, sondern in Form von Kryptowährungen wie Tether oder USDC bereits heute Realität.

Und der digitale Schatz, den der Unternehmer mit seinem Tod hinterlässt, ist weit mehr als eine Spinnerei: Jedes Jahr gehen große Mengen an Kryptowährungen für immer verloren – weil die Besitzer versterben oder ihre Zugangsdaten verlieren. 2018 starb etwa der Bankenerbe Matthew Mellon, der einen beträchtlichen Teil seines Vermögens in Kryptowährungen angelegt hatte. Weil er die Zugangsdaten versteckt hatte, konnte nach seinem Tod niemand je wieder an sein Vermögen – für Hillenbrand die Inspiration für „Montecrypto“.

Literarisch ist „Montecrypto“ kein Meisterwerk. Doch meisterhaft ist das Szeneporträt, das Hillenbrand mit „Montecrypto“ schafft. Über die Urväter, Hardliner und technischen Visionäre der Kryptobranche bis hin zu jenen, die die ursprünglichen Ideen verraten, indem sie durch den Schulterschluss mit dem traditionellen Finanzsystem schnelles Geld machen, beschreibt er die Charaktere, die die Branche prägen, aus nächster Nähe, ohne dabei die nötige kritische Distanz zu verlieren – mit feiner Ironie und einem Gespür für Witz und Details.

Beinahe beiläufig vermittelt er noch die Grundlagen der Kryptowährungen, erörtert die Ideengeschichte von Bitcoin und Co., und sogar die des Geldes an sich: Nie lässt er aus dem Blick, warum Menschen Kryptowährungen geschaffen haben – und wie sich diese immer weiter ins Finanzsystem vorarbeiten. Bis sie so tief verwurzelt sind, dass sie das Potenzial haben, sogar den Dollar zu Fall zu bringen.

Mehr: Der große Krypto-Report: Wie der Bitcoin die Finanzwelt spaltet

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