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Buchrezension Dopamin-Bomben und erfundene Blumenläden: Eine Reise durch das Innenleben von Wirecard

15 Jahre lang war Jörn Leogrande bei Wirecard. Nun hat er ein Buch geschrieben, das völlig neue Einblicke in die Abläufe innerhalb des Skandal-Konzerns liefert.
14.02.2021 - 10:46 Uhr Kommentieren
Gerade im operativen Geschäft klafften Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander. Quelle: action press
Wirecard-Zentrale in Aschheim

Gerade im operativen Geschäft klafften Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander.

(Foto: action press)

München Eines vorweg: Der Verbleib der vermissten 1,9 Milliarden Euro wird den Lesern auch nach 286 Seiten eines weiteren Wirecard-Buchs nicht klar werden. „Bad Company“ von Jörn Leogrande ist aber bewusst anders, das zeigt schon der Untertitel „Meine denkwürdige Karriere bei der Wirecard AG“. Hier schreibt einer, der sich in 15 Jahren bei dem insolventen Zahlungsdienstleister vom Mitarbeiter im Marketing über die Leitung der Produktentwicklung bis hin zum Innovationschef hochgearbeitet hat.

Dabei hatte der 57-Jährige, der im August vergangenen Jahres seinen Auflösungsvertrag unterschrieben hat, tiefe Einblicke in den Konzern, der es in zwei Jahrzehnten vom Start-up zum Dax-Konzern geschafft hat, um sich anschließend zum größten Finanzskandal in der deutschen Nachkriegsgeschichte zu entwickeln.

„Bad Company“, die Rocker-Hymne der gleichnamigen britischen Band aus den frühen 1970er-Jahren, ist der passende Titel. Auch wenn die beiden Ex-Vorstände Markus Braun und Jan Marsalek schon in der Frühphase des Unternehmens zu Maßanzügen wechselten.

Schonungslos beschreibt Leogrande den langjährigen CEO Braun als entrückten Sonderling, der bereits 2002 die Wachstumsstory von datengetriebenen Services rund um das bargeldlose Bezahlen entdeckt und sie in immer neuen Variationen bis zum bitteren Ende erzählt. Allein dieser wiederkehrende Plot hilft beim Verständnis des Skandals.

Jan Marsalek, der flüchtige Organisations-Vorstand, sei dagegen eine „operative One-Man-Show“ gewesen. „Nie Bandenführer, nie Mafia-Capo, nie Teamleiter des Bösen.“ Einer der meistgesuchten Wirtschaftsflüchtlinge im Moment, der aber mit Wiener Charme, besten Manieren und Austria-Englisch jahrelang Kunden begeistern konnte. Und der sich bereits zwei Wochen vor dem Oktoberfest mit halblegalen Dopamin-Bomben dopte, um für Wirecard dann 16 Tage lang für internationale Topmanager den Zeremonienmeister zu geben.

Es hätte somit alles sehr lustig sein können, wären da nicht noch viele andere Details aus dem Innenleben von Wirecard. Die waren bisher so noch nirgendwo zu lesen.

Jörn Leogrande: Bad Company. Meine denkwürdige Karriere bei der Wirecard AG.
Penguin Verlag
München 2021
288 Seiten
22 Euro

Gerade im operativen Geschäft klafften Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander. Leogrande war bei den angedachten und vielmals gescheiterten Großprojekten über all die Jahre dabei. Er beschreibt die Details, wie die Einnahmen aus Glücksspiel und Porno schon früh kaschiert wurden, indem für jeweils 2500 Dollar frei erfundene Blumenläden angemeldet wurden.

Über die lief in den USA dann das Geschäft mit Onlinepoker. An anderer Stelle liefert er Details zu einem gescheiterten Megaprojekt mit der Moskauer Metro, bei dem Brauns Zukunftsvision aus Bezahlen, Informieren und Konsumieren wieder einmal den Praxistest nicht bestand.

Jahrelange Täuschung

Ähnlich erfolglos verliefen die jahrelangen Verhandlungen mit dem Internet-Giganten Facebook, die unter dem Motto stehen sollten „Facebook erobert die Innenstädte“. Die Idee, dass Kunden jeden Einkauf im stationären Handel gleich bei Facebook teilen, ähnlich wie Urlaubsfotos, die Freunde und Bekannte dann ebenfalls zum Kauf animieren, galt bis zum Scheitern im Jahr 2015 als Megaprojekt im Vorstand. Es scheiterte laut Leogrande wie so oft, weil bei Wirecard nie ernsthafte Strukturen aufgebaut oder Produktkonzepte abgeschlossen wurden.

Der Autor sieht in dem gescheiterten Facebook-Deal auch den letzten Versuch von Marsalek, den Kurs noch herumzureißen. Danach sei er immer weniger in Aschheim zu sehen gewesen. Stattdessen habe er die meiste Zeit in Asien verbracht, wo die Zentrale in Singapur zum wichtigsten Wachstumstreiber für den Konzern wird und wo angeblich viermal mehr Geld pro Kunde verdient wird als bei der Konkurrenz.

Das System von komplexen Zahlungsströmen über zahlreiche ferne Landesgesellschaften, bei dem es keine Kosten für Vertrieb, Support oder Marketing gibt und bei dem Umsatz gleich Gewinn zu sein scheint, täuscht Anleger, Aufseher und Prüfer so über Jahre. Und fällt erst auf, als angebliche 1,9 Milliarden Euro aus philippinischen Konten unauffindbar sind.

Jörn Leograndes Buch ist ein rasanter Ritt durch 15 Jahre Wirecard-Geschichte. Wer es gelesen hat, kann besser verstehen, warum viele die Wachstumsstory vom erfolgreichsten deutschen Start-up der jüngeren Geschichte so lange geglaubt haben. Und wie es gelang, hinter einer visionären Fassade so lange ein wenig erfolgreiches Kerngeschäft zu verbergen.

Mehr: Inside Wirecard: Die zwei Gesichter des Markus Braun

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