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Buchrezension Eine Streitschrift für eine moderne, bessere BWL

Die Lehre vom guten Betrieb hat an Bedeutung verloren. Ein Autorenteam erklärt, wie sich das ändern kann. Zum Beispiel mit einer steilen These.
17.01.2021 - 16:19 Uhr Kommentieren
Es gehe darum, sich gelegentlich auch „die Hände schmutzig zu machen“, heißt es im Buch „Erfolgsfaktor Betriebswirtschaftslehre“. Quelle: dpa
Echte Handarbeit

Es gehe darum, sich gelegentlich auch „die Hände schmutzig zu machen“, heißt es im Buch „Erfolgsfaktor Betriebswirtschaftslehre“.

(Foto: dpa)

München Der Stachel saß tief. Zwei Bücher hatten eine wissenschaftliche Disziplin zerrissen, die immerhin fast 250.000 Studenten in Universitäten lockt. Aus denen wiederum sich regelmäßig die Managergarde der Republik rekrutiert.

Da wirkte es 2019 wie eine Revolte, als der Volkswirt Axel Gloger ironisch von der „Betriebswirtschaftsleere“ schrieb und Ex-Investmentbanker Christian Kreiß zusammen mit Co-Autor Heinz Siebenbrock in „BWL: Blenden, Wuchern, Lamentieren“ sogar wegen einseitiger, schneller Gewinnorientierung eine „Verrohung der Gesellschaft“ befürchtete.

Wer das las, musste Wissenserwerb rund um die gute alte Betriebswirtschaftslehre, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden war, für das überflüssigste, dümmste Studium der Welt begreifen.

Den verabreichten Lesegiftstoff begriff Burkhard Schwenker als Polemik – und als Aufforderung zur prompten Gegenrettung inklusive Reformprogramm. Und so arbeitete der Betriebswirt und langjährige Chef der Unternehmensberatung Roland Berger von Herbst 2019 an mit Gleichgesinnten an einem Plädoyer für eine gute, bessere BWL, an einem „Überzeugungstäterbuch“, wie er selbst sagt: „Erfolgsfaktor Betriebswirtschaftslehre“.

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    Ziel sei es, diese Lehre „für eine breitere Zielgruppe sichtbarer zu machen“, führt der bekannte Consultant und Multiaufsichtsrat aus. Denn sie stifte Nutzen, Unternehmen besser zu führen, und gut geleitete Unternehmen würden einen Beitrag für die Gesellschaft leisteten.

    Erfreulicherweise ist es nicht einfach ein Buch von Beleidigten und Provozierten, die sich rechtfertigen. Es handelt sich vielmehr um einen – geglückten – ersten Versuch, BWL aus dem Sumpfloch zunehmender Irrelevanz in die Moderne zu bringen.

    Hieran versuchen sich neben Schwenker dessen Roland-Berger-Kollege Tobias Raffel sowie drei angesehene Professoren vom Fach: Marketingspezialist Sönke Albers von der Kühne Logistics University Hamburg, Controlling-Expertin Barbara Weißenberger von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität sowie der emeritierte Wolfgang Ballwieser, ein Doyen des Rechnungswesens.

    Keine Dogmen, mehr Experimente

    In langen, heftigen Debatten hat sich das Team in dieser Streitschrift eine Dramaturgie erarbeitet, die wegführt vom ewig gleichen Schema solcher BWL-Bücher – Betrieb, Produktion, Absatz, Finanzierung. Auf einmal tauchen Begriffe wie „Purpose“, „New Work“ oder „Plattformökonomie“ auf, Chiffren einer neuen Zeit, in der nicht mehr wie früher Sachgüter im Vordergrund stehen, sondern zunehmend immaterielle Güter wie Algorithmen oder Lizenzen.

    In der es auch um gesunde Umwelt, glückliche Mitarbeiter und Sinnhaftigkeit der Arbeit geht, nicht einfach nur um Gewinnmaximierung, wie sie etwa auch Eugen Schmalenbach nahegelegt hat, der Nestor einer anwendungsorientierten BWL: „Nun arbeitet der Inhaber eines Betriebes im Allgemeinen nicht, um der Gemeinwirtschaft aufs Beste zu dienen, sondern er arbeitet des eigenen Nutzens wegen.“

    Schwenker und Co. zeigen den Betrieb als Mikrokosmos einer Gesellschaft mit all seinen Bezugspersonen („stakeholder“): Mitarbeiter, Kunde, Lieferant, Financier. Im Mittelpunkt steht hier der Lebenszyklus einer Firma und die Frage, was BWL in konkreten Phasen der Entwicklung leisten kann, bis hin zum Exit oder zum Neustart.

    Burkhardt Schwenker, Sönke Albers, Wolfgang Ballwieser, Tobias Raffel, Barbara E. Weißenberger: Erfolgsfaktor Betriebswirtschaftslehre. Was sie leistet und warum wir sie brauchen.
    Vahlen
    München 2020
    167 Seiten
    24,90 Euro

    „Menschen und Produkte sterben zwangsläufig, Unternehmen nicht, und doch scheitern auch sie in der Wirklichkeit“, erklärt Autor Schwenker. Der Anreiz für die BWL bestehe darin, das Ende einer Firma zu verhindern und für „Trade-offs“ Hilfen zu bieten, für Entweder-oder-Fragen: diversifizieren oder konzentrieren, Liquidität oder Rentabilität, Nachhaltigkeit oder starkes Wachstum.

    Die Gewinnfrage sieht er ganz pragmatisch: „Nach der langen Diskussion zwischen Shareholder-Value und Stakeholder-Value hat sich ein vernünftiger Kompromiss durchgesetzt: Einerseits sollen die Interessen aller Bezugspersonen eines Unternehmens beachtet werden, andererseits muss es langfristig Gewinne machen.“

    Zudem werden hier interdisziplinäre Ansätze gepriesen, Fächer wie Psychologie, Soziologie, Geschichte oder Rechtswissenschaften sollten miteinbezogen werden. Schwenker nennt es als seinen Beweggrund, betriebswirtschaftliche Forschung wieder ganzheitlicher zu denken: „Man kann heute ohne Blick auf Politik und Geopolitik keine Strategie mehr lehren. Wenn sich aber immer mehr Methodik auf immer kleinere Probleme konzentriert, interessiert das keinen mehr.“

    Tatsächlich stehen jene BWL-Vertreter hoch im Kurs, die in wissenschaftlichen A-Journals möglichst viel zu Detailfragen des betrieblichen Alltags publizieren. Schon 2013 warnten BWL-Professoren in einem „Saarbrücker Plädoyer“, nicht dem amerikanischen Ansatz der reinen Empirie zu folgen, sondern das Fach weiter als normative, als empfehlende Wissenschaft zu begreifen.

    Dieses Verständnis will das – für diese Disziplin – ungewöhnlich lesbare und flüssig geschriebene Buch fortschreiben. Sein Geist ist: keine Dogmen, keine Rechthaberei, mehr Experiment. Erkennt die Welt, wie sie ist, lasst frische Luft durchs Fenster.

    Das ist ein erstaunlicher Gegenimpuls zu dem ebenfalls im Verlag Vahlen erscheinenden „Wöhe“, dem Standardwerk „Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ des einstigen Saarbrücker Professors Günter Wöhe (1924–2007). Es sei das noch immer am besten verkaufte Lehrbuch, kommentiert Schwenker, „jeder weiß aber, dass es Limitationen hat“. Mit seiner klassischen Aufbereitung sei es „aus der Welt gefallen“. Der Verlag denke nun daran, das neue Buch zusammen mit Wöhes Werk in einem Schuber anzubieten.

    Vom notwendigen Überfluss

    Was noch fehlt, ist jemand, der einen ganz neuen „Wöhe“ schreibt, eine BWL-Einführung für die digitale Informationsgesellschaft.

    In der Coronakrise sind vor allem Virologen und Volkswirte zu Wort gekommen, Betriebswirte spielten keine Rolle. Allein das bezeugt ihre Bedeutungslosigkeit. Um ihren Anspruch zu bekräftigen, haben die Verfasser von „Erfolgsfaktor Betriebswirtschaftslehre“ auch der Pandemie ein Kapitel gewidmet. Die Lehre daraus sei, „organizational slack“ zuzulassen, einen gewissen Überfluss im Unternehmen, formulieren sie, um so Puffer in der Krisenbewältigung zu haben.

    Just in time und Outsourcing sind unter Corona-Bedingungen auf einmal Exzessmodelle von gestern. Man müsse ganz gezielt und ganz bewusst Ressourcen aufbauen, die nicht unmittelbar gebraucht würden, sagt Schwenker: Sie könnten überall liegen, im Kreativen, im Finanziellen, in Lagerkapazitäten. Sein Fazit: „Die Sucht nach Effizienz kann in die Irre führen.“

    Allerdings ist die Frage, wo genau Ineffizienzen tolerabel seien, kaum beantwortbar und den Kapitalmärkten schwer zu erklären. Es erfordere „meinungsstarke Manager, die begründen, warum sie etwas anders als der große Rest machen“, sagt Schwenker. Er rät zu Orientierung im „agilen Management“, dem neuen Zauberwort der Chefetagen.

    Die Covid-19-Krise zeigt: Die Sucht nach Effizienz kann in die Irre führen. Burkhard Schwenker (Buchautor und Berater)

    Das Hinterfragen gängiger betriebswirtschaftlicher Modelle und Methoden bezeichnet der Chairman des Advisory Councils von Roland Berger als Lieblingsthema: „Wahrscheinlichkeiten nutzen nicht mehr viel, wenn man jeden Tag überrascht werden kann. Die Wahrscheinlichkeit für eine Pandemie war in den letzten Jahren nie null, aber zeigen Sie mir ein betriebswirtschaftliches Konstrukt, wo das eine Rolle gespielt hat!“ Es gehe nicht darum, Anwendungen zu lehren und zu lernen, sondern ihre Annahmen zu diskutieren, schlussfolgert er.

    Im November wird der Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft 100 Jahre alt. Es gibt rund um das Jubiläum etliche Initiativen, etwa „Accounting for transparency“. Die nun vorliegende Antwort auf die ketzerische These von der „Betriebswirtschaftsleere“ ist auch eine.

    Zum Schluss widmen sich die fünf Autoren in 16 Thesen der Zukunft der universitären BWL. Plädiert wird angesichts des wachsenden Zuspruchs für weniger Studenten (vor allem im Masterbereich), für weniger Universitäten, für mehr Forschung, für fächerübergreifend neue Themen, für Englisch als Verkehrssprache und für die „steile These“.

    Das zielt auf das Bonmot von Dwight D. Eisenhower, er würde „einhändige“ Wissenschaftler präferieren, wobei sich der US-Präsident auf eine akademisch übliche Argumentation bezieht: „On the one hand, on the other hand“. So aber, zweihändig, kommt man nicht in die Öffentlichkeit. Es gehe darum, heißt es in dem Buch, klare Empfehlungen zu geben – und sich gelegentlich auch „die Hände schmutzig zu machen“.

    Mehr: Purpose: Corona wird zum Stresstest für den Managementtrend

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