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Buchrezension „Europas Stunde“ Europa und die USA: Keine Zukunft ohne gemeinsame Werte

Ein „europäisches Europa“ kann sich gegen das Narrativ des Nationalismus stellen, schreibt Handelsblatt-Redakteur Torsten Riecke. Jenseits des Atlantiks wird das anders gesehen.
  • John Kornblum
23.10.2020 - 14:02 Uhr Kommentieren
„Entweder Europa ändert sich, oder die sich radikal verändernde Welt verändert Europa“, schreibt Thorsten Riecke in seinem neuen Buch. Quelle: E+/Getty Images
Flaggen der USA und der EU

„Entweder Europa ändert sich, oder die sich radikal verändernde Welt verändert Europa“, schreibt Thorsten Riecke in seinem neuen Buch.

(Foto: E+/Getty Images)

Berlin Zu Beginn eine Definition: „Europas Stunde“ begann nicht 2020, sondern vor 75 Jahren mit der amerikanischen Verpflichtung zu einer atlantischen Partnerschaft. So schrieb der Soziologe Ulrich Beck 2003: „Die Geburt des unkriegerischen Europas nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch die Organisationskraft und die Präsenz Amerikas auf dem Kontinent ermöglicht. ... In welchem Ausmaß ein rein europäisches Europa ... möglich ist, ist höchst fraglich.“

Aber die unsichere Weltlage hat Europäer und Amerikaner dazu gebracht, über die atlantische Zukunft nachzudenken. Über Donald Trump zum Beispiel. Oder über Deutschland zu Beginn der 1980er-Jahre während der Debatte über die nuklearen Mittelstreckenraketen. Oder in den Jahren vor der Wiedervereinigung.

Ich kann aus persönlicher Erfahrung bestätigen, dass sowohl Europäer als auch Amerikaner oft glauben, dass das deutsche Beharren auf dem eigenen Standpunkt die Kooperation behindert. Man braucht bloß an Handelsungleichgewichte, den Verteidigungsetat, Austerität oder die Diskussion über Nord Stream 2 zu denken.

Was ist also der wahre Grund des Problems? Dass Amerika von Europa erwartet, mit den eigenen Problemen fertigzuwerden? Torsten Riecke schreibt ausführlich über die Folgen der europäischen Schwäche, mit der digitalen Revolution Schritt zu halten. Sein Blick aufs Detail und seine Fähigkeit, technische, soziale und politische Themen zu verweben, ist nach meiner Meinung unübertroffen. Allein schon aus diesem Grund empfehle ich das Buch.

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    Dennoch hätte ich in Übereinstimmung mit Heinrich August Winkler den Titel des Buchs geändert in „Stunde des Westens“. Für Europa ist eine globale atlantische Sicht äußerst wichtig, die westliche Werte als Basis für eine neue, auf Regeln beruhende integrierte digitale Weltordnung etabliert. Außerdem vermisse ich das Engagement für Solidarität mit Amerika in der Zeit der Not. Oder sind wir nur Freunde, wenn Amerika Europas Probleme löst?

    Abgesehen von Corona ist die existenzielle Frage für die Zukunft, ob die Nationen auf beiden Seiten des Atlantiks die Herausforderungen der Globalisierung und des Klimawandels als gemeinsame Aufgabe angehen oder ob sie in verschiedene Richtungen gehen.

    Der Autor kritisiert scharf Konzepte wie das der digitalen Souveränität. Aber er sagt nichts darüber, wie gewährleistet werden soll, dass die demokratische Zivilgesellschaft das operative System des digitalen Zeitalters bleibt. Er scheint auf der Linie von Herfried Münkler zu sein, der „Großräume“ vorhersagt, „die nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht eine stärkere Autarkie bilden, sondern auch in normativer Hinsicht“. Münkler sieht Europa und Amerika nicht im selben Großraum.

    Torsten Riecke: Europas Stunde. Der Kampf gegen die großen Mächte und die Renaissance eines unterschätzten Kontinents.
    Orell Füssli
    Zürich 2020
    240 Seiten
    20 Euro

    Riecke schreibt: „(Europa) braucht ein Narrativ, das in die Zukunft weist und dessen sinnstiftende Erzählung die Köpfe und Herzen der Europäer erreicht. Eine Geschichte, die auch über die Grenzen Europas hinausstrahlt und dort den Narrativen des Nationalismus Europas eine eigene Erzählung entgegenstellt.“ Ich glaube ganz ehrlich, dass ich Ludwig Erhard mehr oder weniger dasselbe habe sagen hören, als ich in den 1960er-Jahren in Hamburg lebte.

    John C. Kornblum ist ehemaliger US-Botschafter in Deutschland. Er lebt in Berlin. Quelle: Steffen Roth für Handelsblatt
    Der Autor

    John C. Kornblum ist ehemaliger US-Botschafter in Deutschland. Er lebt in Berlin.

    (Foto: Steffen Roth für Handelsblatt)

    Ein neuer US-Präsident wird viel dazu beitragen, die transatlantische Kooperation zu verbessern, aber er wird auf so einen Euro-Jargon nicht antworten. Das scheint der Autor verstanden zu haben: „ Entweder Europa ändert sich, oder die sich radikal verändernde Welt verändert Europa.“

    Aber in welche Richtung? Eine Erzählung zu kreieren, die dazu beiträgt, dass die Werte des Westens die Grundlage der digitalen Welt bilden, ist eine Herausforderung, die ebenso wichtig ist wie seinerzeit der Fall der Berliner Mauer. Das wird die größte politische und philosophische Herausforderung des 21. Jahrhunderts sein. Sowohl Trumps Nationalismus als auch der Traum eines „europäischen Europas“ können bloß zu Stagnation führen.

    Mehr: Europa muss die Krise als Chance begreifen

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