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Buchrezension Fitnesskur für Vater Staat: Autor Daniel Stelter versucht sich an einer „Agenda 2040“

In etlichen Büchern hat sich Daniel Stelter mit den Krisen der Gegenwart beschäftigt. Nun blickt der Ökonom in die Zukunft. Doch er bleibt in seinen Thesen diffus.
07.02.2021 - 08:11 Uhr Kommentieren
Die Deformationen des Systems erklärt Daniel Stelter mit Staatsversagen. Quelle: Tim Hüfner/Unsplash
Reichstagsgebäude in Berlin

Die Deformationen des Systems erklärt Daniel Stelter mit Staatsversagen.

(Foto: Tim Hüfner/Unsplash)

München Eine Sehnsucht macht sich breit im Land. Es ist die Sehnsucht nach einem Bauplan der Zukunft, nach so etwas wie einer „Agenda 2010“, mit der Altkanzler Gerhard Schröder vor fast 20 Jahren den „kranken Mann im Euro-Raum“ („Economist“) therapierte. Zugleich ist ein solches unbändiges Zukunft-Wollen auch eine Absage an das Auf-Sicht-Fahren der Ära Angela Merkel, an die Politik des Situativen, die reichen muss für die nächste „Tagesschau“-Ausgabe.

Zu einem Fanfarenspieler der Plan-Sehnsüchtigen hat sich der Ökonom Daniel Stelter emporgeschrieben, ein langjähriger Unternehmensberater, der sich in etlichen Büchern mit den Krisen der Gegenwart beschäftigt hat: den Schulden, dem bedrohten Vermögen der Bürger, den „Coronomics“ oder dem „Märchen vom reichen Land“.

Dem schickt er jetzt „Ein Traum von einem Land – Deutschland 2040“ hinterher. Es ist der Versuch einer „Agenda 2040“, die uns erlösen soll vom Abrutschen im globalen Wettbewerb – also von Merkels Erbe.

Die Botschaft ist die eines guten Beraters: Wir sind kränker, als wir glauben. Wir alle hätten vor Beginn der Coronakrise eine „Illusion von Wohlstand“ erlebt, geißelt der Autor, quasi als „letzte Party“ eines Landes, das mit alten Industrien die Vorzüge der Globalisierung noch mal in voller Blüte nutzen konnte.

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    Und jetzt? Party over, Katerstimmung – und nirgendwo ein Kurarzt à la Schröder. Aber wir haben Stelter, der sehr detailliert und wissend alles aufschreibt, was des Beraters Kladden hergeben, mit internationalem Blick, aber doch auch redundant und überfrachtet.

    Hilfreich immerhin, wie zwei deutsche Lebenslügen vorgeführt werden: einmal das Phänomen der schwindenden Produktivität. Das sei „ein schlechtes Omen“ für ein Land, das aufgrund seiner Überalterung künftig mit weniger Erwerbsfähigen auskommen müsse, warnt Stelter.

    Der zweite Problemtrend betrifft den „windfall profit“ der niedrigen Zinsen, die dem Staat seit 2009 mehr als 400 Milliarden Euro Ersparnis brachten. Damit schuf er sich seine „schwarze Null“ – und verpasste, in die Zukunft zu investieren. Stelter: „Bei der wichtigsten Infrastruktur des 21. Jahrhunderts, dem Internet und dem Mobilfunk, hinkt Deutschland hinterher.“

    Daniel Stelter: Ein Traum von einem Land. Deutschland 2040.
    Campus
    Frankfurt 2021
    407 Seiten
    26 Euro
    Das Buch erscheint am 10. Februar.

    Der Autor ist in seiner Analyse glasklar, bei der Therapie und dem Reformkatalog ungemein fleißig, aber nicht nachhaltig erhellend. Sein Programm, mit dem er im Bundestagswahljahr einen „Produktivitäts-Champion“ schaffen will, besteht aus lauter Spiegelstrichen und „Bullet Points“.

    Nichts wird ausgelassen: ein Index für Glück muss her, Atomkraftwerke sollen länger laufen, Zuwanderung ist besser zu steuern, Sozialstaat auf Effizienz zu trimmen, die Bundeswehr muss neu gegründet und Wohneigentum gestärkt werden, und im Gegenzug zur CO2-Steuer müsste die Umsatzsteuer sinken. Manches kennt man aus Stelters früheren Büchern.

    Auffällig ist der „Bias“ des Autors: Überall scheint er Sozialismus und „Neodirigismus“ zu spüren, auch in Gestalt der Grünen, die den Deutschen ihr Einfamilienhäuschen nehmen wollen. Und dann erst die Journalisten, die eine „tendenziell ablehnende Haltung gegenüber unserer Wirtschaftsordnung“ hätten.

    Die Deformationen des Systems – Finanzkrise, Autokrise – werden nicht mit Fehlleistungen von Wirtschaftsführern erklärt, sondern mit Staatsversagen. Dass der Staat unter dem jahrelangen Mantra der Deregulierung regelrecht verzwergte, spielt hier keine Rolle. Was man aus „Dieselgate“ und dem Wirecard-Betrugsskandal lernen kann, kommt nicht vor.

    „Fridays for Future“ hält Stelter für Spinnerei, als habe nicht längst Blackrock die Finanzgemeinde darauf eingeschworen, dass Klimarisiken Investitionsrisiken sind. Auch die nötige Digitalisierung von Wirtschaft und Staat ist seltsamerweise kein Thema. Stelters Kernthese ist richtig: Es geht nicht um mehr Staat, sondern um einen besseren Staat. Aber was das konkret bedeutet, bleibt eben diffus.

    2040 wird Kevin Kühnert 51 Jahre alt und vielleicht Finanzminister sein. Christian Lindner wäre mit 61 Jahren weiter ein guter Außenminister. Ob sie dann blättern werden, was Daniel Stelter 2021 empfohlen hat, darf bezweifelt werden. Obwohl dieser sich als Mann des Volkes gibt: „Fordern Sie unsere Politiker heraus! Machen Sie mit!“

    Mehr: Wie sich 80 „Vorausdenker*innen“ Deutschlands Zukunft vorstellen

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