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Proteste in Paris

Seit November demonstrieren Tausende Franzosen mit leuchtend gelben Westen.

(Foto: dpa)

Buchrezension Houellebecqs neuer Roman „Serotonin“ – Freibrief zum Saurauslassen

Michel Houellebecqs neuer Roman wurde zur seherischen Vorwegnahme der Gelbwesten-Proteste hochgejazzt. Zu Unrecht. „Serotonin“ ist vor allem eines: auf arrogante Art vulgär.
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ParisAls Schlüsselroman der Gelbwesten-Proteste vermarktet Michel Houellebecqs Verleger dessen neuen Roman „Serotonin“. Der Autor selber zeigt sich auf Fotos zum Verkaufsstart weder in Leuchtweste noch im sonst unvermeidlichen Houellebecq-Parka. Er trägt stattdessen einen grauen Frack und eine gleichfarbige Hose, auf dem Kopf eine Melone mit einer kecken Feder an der Seite. Mit innigem Lächeln hält er seiner ihm gerade angetrauten Frau einen Grashalm hin.

Um seinen neuen Roman zu bewerben, hat Houellebecq bislang unveröffentlichte Farbfotos seiner Hochzeit im September 2018 freigegeben. Es war seine dritte.

Die Bilder zeigen einen neuen, augenscheinlich zufriedenen Schriftsteller von großbürgerlichem Habitus. Nichts erinnert an das alkoholbenebelte, zahnlose Wrack, als das sich Houellebecq 2015 anlässlich des Erscheinens seines Romans „Unterwerfung“ ins Bild setzte.

Auch die konservative Tageszeitung „Le Figaro“ hat keine Mühe gescheut, den neuen Houellebecq zu vermarkten: drei Seiten in der Zeitung, fünf mit vielen Hochzeitsfotos im „Figaro“-Magazin, geschrieben von seinem Trauzeugen Frédéric Beigbeder, ebenfalls Romancier („99 Francs“).

„Ein Skandal, dass ich das mache“, kommentiert Beigbeder, schließlich wisse doch jeder, dass er der beste Freund von „Frankreichs wichtigstem Gegenwartsschriftsteller“ sei. Wir wussten es noch nicht, aber jetzt sind wir im Bilde, danke!

Hat sich der Aufwand wenigstens gelohnt? Ja, „Serotonin“ ist prompt auf Platz eins der französischen Beststellerlisten gelandet. Angeblich wurden schon am ersten Wochenende mehr als 90.000 Exemplare allein in Frankreich verkauft.

Michel Houellebecq: Serotonin.
Dumont
Köln 2019
330 Seiten
24 Euro
ISBN: 978-3832183882

Trotz des neuen edlen Outfits: Houellebcq schickt in „Serotonin“ einmal mehr einen depressiven Icherzähler ins Rennen, frauenfeindlich, zynisch, am Leben gescheitert. Florent-Claude Labrouste hängt an einem neuen Antidepressivum, das den Spiegel des Hormons Serotonin anhebt.

Das Werk ist ein Test: Houellebecq probiert aus, wie weit er die Banalisierung treiben kann, ohne dass ihm die Leser untreu werden. „Serotonin“ liest sich über weite Strecken wie ein Schundroman. Kostproben: „Ein weißes Schlauchtop bedeckte knapp ihre Brüste ... es war unmöglich, nicht von ihrem Arsch hypnotisiert zu sein.“ Über die Vorzüge einer vergangenen Freundin des Helden: „Man hatte ständig die Wahl zwischen drei Löchern, wie viele Frauen können das von sich sagen?“

Über eine Gelegenheitsbekanntschaft: „Sie war hinreißend, diese kleine Schwarze, vor allem ihr kleiner Hintern … sie blies wie eine Königin.“ Einem Freund rät der Erzähler zur Heirat mit einer devoten Osteuropäerin oder Asiatin: „Sie steht um fünf morgens zum Melken auf, danach weckt sie dich mit einem Blowjob, und das Frühstück ist auch schon fertig.“

Houellebecqs penetrante Frauenverachtung wird in den französischen Medien kaum erwähnt und wenn, dann mit dem routinierten Hinweis, man müsse das Werk und seinen nonkonformistischen Autor halt trennen. Aber wenn in praktisch jedem seiner Bücher Frauen nur als Sexualobjekte in Erscheinung treten, will der Autor offenbar eine Botschaft loswerden.

Brav loben viele französische Kritiker „Serotonin“, wie es von ihnen erwartet wird. Houellebecqs Verlag Flammarion gehört zu einer Gruppe, die im Eigentum des Prestigeverlags Gallimard und von Frankreichs reichstem Mann Bernard Arnault ist. Die machen „la pluie et le beau temps“, wie man in Frankreich sagt, sind also Herren des Regens und des Sonnenscheins im französischen Kulturbetrieb – zumindest in finanzieller Hinsicht.

Aber Houellebecq stößt auch auf Widerspruch. Frankreichs erfolgreichste – und einzig wirklich unabhängige – Zeitung „Le Canard enchaîné“ widmet „Serotonin“ nur eine knappe Kritik, die zum Schluss kommt, das habe man bereits alles gelesen und gesehen, „ein tristes Buch, das man vergessen kann“.

Seiner Icherzähler sind depressiv, frauenfeindlich, zynisch, am Leben gescheitert. Quelle: AFP
Michel Houellebecq

Seiner Icherzähler sind depressiv, frauenfeindlich, zynisch, am Leben gescheitert.

(Foto: AFP)

Flammarion dagegen sieht in „Serotonin“ die sensible Vorwegnahme der Gelbwesten-Proteste. Der Autor habe geradezu seherisch die Verzweiflung in der französischen Gesellschaft gespürt und literarisch verarbeitet.

Das ist ein Schmarrn oder, um näher am Schauplatz des Buchs zu bleiben: Käse. Die Franzosen, die heute in Leuchtwesten unterwegs sind, kommen in „Serotonin“ nicht vor. Ein paar Seiten des Buchs sind Protesten normannischer Milchbauern gewidmet, zu denen es bereits 2017 kam, als „Serotonin“ geschrieben wurde.

Houellebecq ist wie sein Romanheld Labrouste studierter Agrarwissenschaftler. Er hätte das Zeug dazu, den Zusammenprall von Erzeugern, verarbeitenden Konzernen, Weltmarkt und EU-Landwirtschaftspolitik literarisch zu verarbeiten, ähnlich wie es Robert Menasse in seinem Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“ getan hat.

Aber Houellebecq wählt das Minimalprogramm, nah an den Thesen des Front National, der „allein eine völlig klare Position in diesem Punkt“ vertrete, wie es im Buch heißt: Frankreichs Landwirte würden nach einem geheimen Plan der Globalisierung geopfert, „und die Europäische Union hatte sich mit dieser Milchquoten-Geschichte wie eine alte Schlampe verhalten“.

Diese vulgäre Polemik veredelt Houellebecqs deutscher Verlag in seiner Werbung für das Buch zu einer gefühlvollen Schilderung „der gesichtslosen EU-Bürokratie“.

Sich mit „Serotonin“ zu befassen lohnt allenfalls von einer Metaebene aus. Houellebecq liefert keinen Roman zu den Gelbwesten. Aber die Verschwörungstheorien, mit denen er das Bauernsterben in Frankreich erklärt, ähneln den Thesen, die einem die radikalsten Gelbwesten auftischen. Auch sie sehen überall dunkle Mächte und die EU am Werk. Jeder wirtschaftliche und soziale Wandel wird da zu einem Anschlag auf das französische Sozialmodell.

Das Fahren eines alten Diesel-Geländewagens stilisiert Houellebecq zum Akt des Widerstands gegen Gutmenschen, die das Klima retten wollen. Damit ist er näher an Trump, als vielen seiner Leser lieb ist. „The Donald“ riet bekanntlich, „Frauen an die Muschi zu packen“, hält Politik gegen den Klimawandel für Blödsinn und sich selbst für einen Nonkonformisten.

Der Standardverweis aus dem literaturwissenschaftlichen Proseminar, dass man Äußerungen in einem Roman nicht mit den Überzeugungen seines Autors gleichsetzen dürfe, funktioniert bei Houellebecq nur eingeschränkt. 2018 hielt er eine Rede gegen die europäische Integration, die Aufklärung hält ihm zufolge „nur Unglück“ für die Menschen bereit.

„Serotonin“ spiegelt den Gemütszustand vieler Franzosen wider: Ob Frauen oder Klima, man möchte wie Donald Trump die Sau rauslassen, gleichzeitig aber systemkritisch erscheinen.

Als vor einiger Zeit ein Gesetz zur Einschränkung der Prostitution beschlossen wurde, startete Houellebecqs Trauzeuge Beigbeder einen Aufruf: „Hände weg von meiner Nutte!“ „Serotonin“ ist ein Ablassbrief für Leute, denen die Welt zu kompliziert, Trump aber zu prollig ist. Das Angebot Houellebecqs: Bei mir könnt ihr richtig dreckig sein und euch trotzdem als Intellektuelle fühlen.

Viele Franzosen sind in solch einer regressiven Phase: Sie haben einen reformerischen Präsidenten gewählt, entziehen ihm aber nach anderthalb Jahren die Gunst. Die Selbstkritik, die Macron von Frankreich verlangt, wird vielen zu anstrengend. An die Stelle der Debatte, was sich am politischen Zusammenleben ändern müsste, setzen Houellebecq und seine Freunde den Ausdruck von Überdruss und Weltekel.

Die versoffenen, von ihren Ehefrauen – nein „Schlampen“ – verlassenen Bauern, die durch „Serotonin“ torkeln, sind kein Ausdruck von Empathie des Autors. Die Menschen am Rande der Gesellschaft werden hier literarisch so kühl abgefertigt, wie die französischen Eliten es in der sozialen Wirklichkeit vollziehen. So gesehen hat sich Houellebecq seinen großbürgerlichen Frack redlich verdient.

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