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Buchrezension Ist die angebliche Leistungsgerechtigkeit ein Irrweg?

Harvard-Philosoph Michael Sandel regt eine Besinnung auf das Gemeinwohl an. Den sogenannten Kredentialismus kritisiert er als „das letzte akzeptierte Vorurteil“.
30.10.2020 - 12:27 Uhr Kommentieren
Den Aufstieg von Donald Trump sieht Michael Sandel als eine Gegenreaktion auf den sogenannten „Kredentialismus“. Quelle: DOUG MILLS/The New York Times/Re
Trump-Rally in North Carolina

Den Aufstieg von Donald Trump sieht Michael Sandel als eine Gegenreaktion auf den sogenannten „Kredentialismus“.

(Foto: DOUG MILLS/The New York Times/Re)

Hamburg Wenn es zwei Schlagworte gibt, auf die sich Politiker jeder Couleur schnell verständigen können, dann sind das Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit. Alle Menschen sollen die gleichen Möglichkeiten haben, es im Leben zu etwas zu bringen. Und wer mit Fleiß und Talent aus diesen Möglichkeiten etwas macht, dem soll es besser gehen als jenen, die nur faul herumsitzen: Wer wollte gegen diese Prinzipien ernsthaft etwas einwenden?

Michael Sandel will. Der Professor für Politische Philosophie an der Harvard-Universität hält die angebliche Leistungsgerechtigkeit für das Gegenteil dessen, was der Name suggeriert: nämlich für eine große Ungerechtigkeit. In seinem Buch „Vom Ende des Gemeinwohls“ verwendet er viel Raum darauf, seine Argumente auszubreiten.

Und auch wenn man seiner Argumentation nicht in jedem Punkt folgen mag, ist sie doch ein faszinierendes Gedankenexperiment: Wenn die seit Jahrzehnten in allen Industriestaaten gepredigte Leistungsgerechtigkeit ein Irrweg wäre, wie müsste dann eine wirklich gerechte Gesellschaft aufgebaut sein?

Das Elend beginnt laut Sandel schon bei der vorgeschalteten Chancengerechtigkeit, gegen die der Autor zwar nichts hat, die er aber für ein unerreichbares Ideal hält. Kinder aus wohlhabenden und/oder bildungsbürgerlichen Elternhäusern werden es seiner Meinung nach immer vergleichsweise leicht haben, es an eine der Topuniversitäten zu schaffen, die zumindest in den USA einen gutbezahlten Arbeitsplatz garantieren.

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    Und selbst wenn die Chancengerechtigkeit perfekt wäre, wären es ihre Ergebnisse noch lange nicht: Bei gleicher Anstrengung würden es immer noch manche Menschen durch Zufall weiter bringen als ihr ebenso fleißiger Nachbar. Auch seien manche Talente am Markt mehr wert als andere, sodass bei den Einkommen niemals Leistungsgerechtigkeit herrschen werde.

    Michael Sandel: Vom Ende des Gemeinwohls. Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt.
    S. Fischer
    Frankfurt 2020
    448 Seiten
    25 Euro

    Detailliert beschreibt Sandel, wie diese an sich simplen Zusammenhänge im politischen Diskurs der USA in Vergessenheit gerieten und ersetzt wurden durch eine Ideologie, die Sandel als „Kredentialismus“ bezeichnet und als „das letzte akzeptierte Vorurteil“ kritisiert: Während es heute zu Recht undenkbar sei, Menschen aufgrund ihrer Rasse ein besseres Leben zuzubilligen, gelten solche Unterschiede als akzeptabel, solange sie auf angeblichen Leistungsunterschieden beruhten. Mit dieser Begründung seien dann etwa unter US-Präsident Bill Clinton die Leistungen für angeblich arbeitsunwillige Sozialhilfeempfänger abgesenkt werden.

    Den Aufstieg von Donald Trump sieht Sandel als eine Gegenreaktion auf diesen Kredentialismus: Im Unterschied zu all seinen Vorgängern, von Ronald Reagan bis Barack Obama, predige Trump nicht das Mantra der Leistungsgerechtigkeit, sondern verspreche allen Amerikanern ein besseres Leben. Das komme gut an bei jenen, die sich als Verlierer im Leistungswettstreit wiederfinden – und nach der Lehre der Kredentialisten an ihrem Abstieg auch noch selbst schuld sein sollen.

    Als politische Alternative sieht Sandel allerdings nicht den Trump’schen Populismus und auch keinen Urzeitkommunismus, in dem alle das Gleiche erhalten. Sondern eine Gesellschaft, die stark ans europäisch-sozialdemokratische Sozialstaatsmodell erinnert: Leistung darf sich durchaus lohnen, aber nicht jeder muss sozial aufsteigen wollen, und auch die Verlierer des Leistungswettstreits sollen in Würde leben und arbeiten können.

    Das klingt für europäische Ohren ziemlich konventionell. Und neben der stellenweisen Langatmigkeit ist das auch der Hauptkritikpunkt an Sandels Buch: Aus einem Trend in den USA macht er mal eben ein bis heute andauerndes globales Phänomen, zu dem er auch Tony Blairs „New Labour“ und Gerhard Schröders „Agenda 2010“ zählt.

    Tatsächlich verläuft der Trend zumindest in Deutschland seit 2013 eher in die Gegenrichtung. Mit politischen Maßnahmen wie der Mütterrente oder der geringeren Anrechenbarkeit von Privatvermögen bei Hartz IV ist der „Kredentialismus“ in Deutschland derzeit eher auf dem Rückzug.

    Die USA sind nicht überall, auch wenn das auf dem Harvard-Campus so wirken mag.

    Mehr: US-Politphilosoph Michael Sandel im Interview: „Wir sitzen nicht alle in einem Boot“

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