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Buchrezension Nerdwissen, Fakes – und ein Welterfolg: Das Prinzip Wikipedia

Ein Insider beschreibt Entstehung und Alltag einer der erfolgreichsten Webseiten der Welt. Die Faszination der Online-Enzyklopädie bleibt dabei ein Rätsel.
10.01.2021 - 11:01 Uhr Kommentieren
Das Online-Lexikon ging 2001 aus dem erfolglosen Projekt Nupedia hervor. Quelle: dpa
Wikipedia

Das Online-Lexikon ging 2001 aus dem erfolglosen Projekt Nupedia hervor.

(Foto: dpa)

Hamburg Wikipedia ist etwas Besonderes im Netz: Die Online-Enzyklopädie gehört zu den zehn erfolgreichsten Seiten – und doch hat sie niemanden zum Milliardär gemacht. Stattdessen steht hinter dem detailverliebten Nachschlagewerk eine Community aus Ehrenamtlichen, grob verwaltet von Stiftungen und Vereinen.

Der frühere Geschäftsführer des deutschen Ablegers, Pavel Richter, erklärt nun in seinem Buch „Die Wikipedia-Story“, wie der Erfolg funktioniert. Aus der Sicht eines überzeugten Wikipedianers schildert er Entstehung und Alltag von der Seite – und kennt auch die Schattenseiten.

Dabei bleibt Richter, obwohl er seinen Job beim Verein 2014 für ihn überraschend verlor, ein starker Fürsprecher für Wikipedia. Er habe heute verstanden, dass er den ehrenamtlichen Autoren damals zu wenig Anerkennung entgegengebracht habe, schreibt Richter, der nach Wikimedia Deutschland die Open Knowledge Foundation leitete und heute beim Bundesverband Deutscher Stiftungen arbeitet.

2001 ging Wikipedia aus dem von Jimmy Wales gegründeten, erfolglosen Onlinelexikon Nupedia hervor. Als Schlüssel zum Erfolg schildert Richter das Prinzip, nach dem jedermann ohne große Anmeldung mitarbeiten kann. Die Leistung von Wikipedia ist demnach, viele Freiwillige dazu zu bringen, an einem Ziel zu arbeiten. Nach immer neu ausgehandelten Regeln entstehen dabei Hundertausende Einträge. Wikipedia ist dabei so wirkmächtig, dass längst auch andere Projekte nach dem offenen Wiki-Prinzip entstanden sind.

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    Aus der Offenheit entstehen jedoch oft Probleme, die Richter nah miterlebt hat. Etwa schildert er einen epischen Kampf um die Frage, ob der Wiener Donauturm der Kategorie „Fernsehturm“ zuzuordnen sei oder nicht. Häufig ziehen sich nach solch monatelang tobenden inhaltlichen Konflikten gerade fleißige Autoren frustriert zurück.

    Pavel Richter: Die Wikipedia-Story: Biografie eines Weltwunders.
    Campus
    Frankfurt 2020
    232 Seiten
    22,95 Euro

    Andere Dinge sind gar über die Community hinaus folgenreich. Polnische Nationalisten etwa konnten jahrelang unbemerkt Lügen über ein vermeintliches Vernichtungslager für nicht jüdische Polen in Warschau im Zweiten Weltkrieg verbreiten. Auch PR-Agenturen und Unternehmenssprecher nehmen Einfluss, wie Richter am Beispiel des Springer-Verlags schildert. Denn Wikipedia hat Deutungsmacht: Weil sie auch etwa von Google übernommen werden, gehören die Darstellungen zu den Dax-Konzernen zu den meistaufgerufenen Basisinformationen über die Unternehmen.

    Kenntnisreich schildert Richter auch die Geschichte der Enzyklopädien an sich – von Plinius dem Älteren bis heute. Die bekannteste deutsche gedruckte Variante, der Brockhaus, wurde dabei ein Opfer des Wikipedia-Erfolgs. Dabei waren die damaligen Macher um die Jahrtausendwende sogar bei dem Verlag zu Besuch und zeigten sich beeindruckt von dessen Onlineplänen. Das abfahrbereite Produkt ging jedoch laut Richter nie ins Netz, weil der neue Eigner Bertelsmann um die Buchverkäufe fürchtete – letztlich das Todesurteil für die weit 200 Jahre alte Wissensreihe.

    Doch auch der allein aus Spenden finanzierten Wikipedia drohen Gefahren. Die Zahl der aktiven Autoren in Deutschland schrumpft – wohl auch wegen des rüden internen Kommunikationsklimas. Der Anteil weiblicher Autorinnen liegt nur bei rund zehn Prozent – zu wenig für ein wirklich diverses Produkt. Auch konnte Wikipedia westlich geprägte Kulturkreise kaum überschreiten und floriert vor allem dort, wo zuvor gedruckte lokale Enzyklopädien erfolgreich waren.

    Was Richter trotz seiner Detailkenntnis mit seinem Buch kaum vermag, ist zu vermitteln, worin die Begeisterung der Autoren liegt, die oft Tausende Artikel beisteuern, sich an buchdicken Diskussionen beteiligen oder ehrenamtlich Beiträge sichten.

    Diese zentralen Akteure kommen auf den 232 Seiten nicht zu Wort. Bei Richter erscheinen sie beinahe als getriebene Nerds, ältere fachversessene Männer mit Rechthabedrang. Das steht im Kontrast zu dem sonst positiven Ton, in dem Richter über den Erfolg des kollaborativen Projekts schreibt.

    Trotz gegenteiliger Intention bleibt das Buch damit so sachlich, dass es kaum dazu einlädt, aktiv in das kollektive Abenteuer einzugreifen.

    Mehr: Prüfers Kolumne: Warum auf Wikipedia nur Männer vertreten sind

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