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Buchrezension Paul Krugmans „Der Kampf gegen Zombies“ ist seine eigene Siegeserklärung

Der Weltökonom zieht Bilanz in einem fast zwei Jahrzehnte langen Kampf gegen überholte Erkenntnisse und falsche Ideologien. Nicht immer mit der richtigen Konsequenz.
03.07.2021 - 12:38 Uhr Kommentieren
Das Wirtschaftskonzept des US-Präsidenten hätte Krugman selbst nicht besser formulieren können. Quelle: laif
Joe Biden

Das Wirtschaftskonzept des US-Präsidenten hätte Krugman selbst nicht besser formulieren können.

(Foto: laif)

Düsseldorf Wer sich mit Paul Krugman unterhält, erlebt einen unprätentiösen, freundlichen mitunter witzigen Mann. In sein kleines Büro auf der New Yorker Fifth Avenue passen gerade mal ein Schreibtisch, ein paar Regale – voll gestopft mit Büchern – und am Boden ein kleines ausklappbares Notbett für ein Schläfchen zwischendurch, falls es doch mal später wird – und das ist recht oft der Fall.

Denn der 68-jährige Nobelpreisträger für Ökonomie hat eine kraftraubende Mission. Ohne Zweifel ist der kleine Mann einer der wirkmächtigsten Ökonomen der vergangenen 20 Jahre. Er ist Bestsellerautor – und wohl Amerikas berühmtester Kolumnist. Seine wöchentliche Kolumne in der „New York Times“ ist nicht nur in den USA eine feste Größe in der wirtschaftspolitischen Debatte, sondern findet auch international eine große Resonanz.

Das neueste Buch ist so etwas wie ein Vermächtnis seines Schaffens. Der Band versammelt Essays, Untersuchungen, Kommentare und Blogbeiträge aus den vergangenen Jahrzehnten – mit jeweils aktueller Einordnung. Der Buchtitel lockt den erstaunten Leser zunächst einmal auf die falsche Fährte.

„Der Kampf gegen Zombies“, heißt es. Zombies – sind das in der Welt der Ökonomen nicht jene staatlich und geldpolitisch gepäppelten Unternehmen, die wie Untote dahinvegetieren – und den Fortschritt aufhalten, weil die schöpferische Zerstörung nicht stattfindet?

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    Nein, unter Zombies versteht Krugman jene mächtigen Ideen der Ökonomie, die gegen jegliche wissenschaftliche Evidenz einfach nicht totzukriegen sind. Einfach deshalb, weil die ökonomischen wie politischen Interessen dahinter zu stark sind. Das klingt zunächst nach Klassenkampf oder gar Verschwörungstheorie. Und mutet mit Blick auf den neuen Präsidenten Joe Biden etwas befremdlich an.

    „Schulden für gute Investitionen"

    Denn „Bidenomics“ – das steht im Wesentlichen für ein Wirtschaftskonzept, das Krugman selbst nicht besser hätte formulieren können. Gigantische Investitionen für den ökologischen Umbau des Landes, nie gekannte Staatshilfen für all jene, die in den Jahren des Neoliberalismus nicht berücksichtigt wurden, Steuererhöhungen für all jene Reichen, die als die großen Gewinner der Hyperglobalisierung gelten – und natürlich insgesamt ein keynesianischer Politikansatz, der auch eine Staatsverschuldung von 30 Billionen Dollar (fast 130 Prozent der Wirtschaftsleistung) für unbedenklich hält, sofern die Milliarden gut investiert sind.

    Es ist eine Politik, die Krugman seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten fordert – und zwar mit einer für einen Wissenschaftler unüblichen Vehemenz. Insofern kann man das Buch auch als Siegeserklärung eines Ökonomen deuten, eines Wissenschaftlers, der den Paradigmenwechsel hin zum „Progressiven“, wie es in den USA heißt, eingeleitet hat.

    „Ich sehe mich nicht als Technokrat – also als jemanden, der politischen Entscheidern leidenschaftslos Informationen darüber zukommen lässt, was funktioniert und was nicht“, schreibt Krugman. Tatsächlich ist der New Yorker Ökonom über die Jahre immer politischer und entschlossener, seine Kritiker sagen radikaler geworden.

    Sein Ziel: die Zombies, „die Gegenbeweise längst hätten aus der Welt schaffen müssen, die stattdessen jedoch weiter durch die Gegend schlurfen und sich in den Gehirnen der Menschen festsetzen, zu vertreiben.

    Wenn Sie sich mit Argumenten auseinandersetzen, die in böser Absicht vorgebracht werden, sollte die Öffentlichkeit nicht nur erfahren, dass diese Argumente falsch sind, sondern auch, dass sie in böser Absicht angeführt werden. Paul Krugman (Ökonom und Autor)

    Mehr noch: „Wenn Sie sich mit Argumenten auseinandersetzen, die in böser Absicht vorgebracht werden, sollte die Öffentlichkeit nicht nur erfahren, dass diese Argumente falsch sind, sondern auch, dass sie in böser Absicht angeführt werden“, so Krugman.

    Das alles klingt nicht nach intellektueller Bescheidenheit, ist aber andererseits intellektuell so anregend, dass sich die Lektüre lohnt. Kapitel für Kapitel arbeitet der Nobelpreisträger ab, um die Zombies der Ökonomie zu enthüllen.

    Beispiel Trickle-Down-Theorie: „Kein Zombie hält sich so hartnäckig wie die Aussage, dass eine Besteuerung der Reichen verheerende Folgen für die gesamte Wirtschaft hat und Steuersenkungen für Spitzenverdiener deshalb ein wundersames Wirtschaftswachstum nach sich ziehen.“

    Und Krugman macht sich gleich an die Arbeit, beides durchaus überzeugend zu widerlegen. Krugmans Argumente sind nicht neu. Die Doktrin, die sich insbesondere Ronald Reagan in den 1980er-Jahren zu eigen gemacht hatte, wurde auch schon von anderen Ökonomen widerlegt.

    Das sieht auch Krugman so: „Nur wenige wirtschaftliche Theorien sind derart gründlich getestet und derart gründlich widerlegt worden wie die Behauptung, eine niedrige Besteuerung der Reichen würde Großartiges für alle bedeuten“, schreibt er. Dennoch halte sie sich hartnäckig.

    Beispiel Austerity: Nichts regt Krugman mehr auf als der Glaube, man könne gegen eine Krise ansparen. „Wenn praktisch jeder auf der Welt versucht, weniger Geld auszugeben, als er einnimmt, ist das Ergebnis ein übler Schrumpfungsprozess, denn meine Ausgaben sind Ihre Einnahmen und Ihre Ausgaben sind meine Einnahmen. Um den Schaden zu begrenzen, muss irgendjemand bereit sein, mehr auszugeben, als er einnimmt“, so Krugman.

    Und diese wichtige Aufgabe hätten die Staaten zu übernehmen. So weit, so gut. Es war das unbestrittene Verdienst des großen Ökonomen John Maynard Keynes, den Krugman geradezu verehrt, diese Zusammenhänge systematisch nachgewiesen zu haben.

    Paul Krugman: Kampf den Zombies.
    Plassen Verlag
    Kulmbach 2021
    528 Seiten
    29,90 Euro

    Der New Yorker geht durchaus hart ins Gericht mit seinen Kollegen, die die hohen Staatsschuldenstände problematisieren – etwa mit dem Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff oder seiner Kollegin Carmen Reinhart. Überzeugend ist das nicht immer. Und die Nonchalance, mit der Krugman die derzeitige Nullzinswelt, die die durchaus bedenklichen Schuldenstände vieler Industriestaaten als langfristig gegeben hinnimmt, kann man durchaus mit Skepsis betrachten.

    Beispiel Markteffizienztheorie: „So wie ich das sehe, ist die Wirtschaftswissenschaft vom rechten Weg abgekommen, weil sämtliche Ökonomen Schönheit, die in beeindruckend wirkende Mathematik gekleidet war, fälschlicherweise für Wahrheit hielten“, schreibt Krugman. Keines der schönen, vorherrschenden Modelle deutete auf die Möglichkeit eines Zusammenbruchs des Weltfinanzsystems im Jahr 2008 hin, stellt der Autor richtig fest.

    Die Ökonomen hätten sich in das „alte, idealisierte Bild einer Volkswirtschaft verliebt, in der rational handelnde Individuen in perfekten Märkten interagieren“. Markteffizienztheorie nennt sich das – und wer wollte bestreiten, dass es sich hier um einen der großen Irrtümer des Fachs handelt. Nicht zuletzt die große Finanzkrise sollte auch dem letzten Anhänger dieser Theorie vor Augen geführt haben, dass die unsichtbare Hand des Marktes an Arthrose leidet und gelegentlich ziemlich daneben langt.

    Das Fazit Krugmans: „Ökonomen müssen lernen, mit Unordnung zu leben. Was ich damit meine: Sie werden sich eingestehen müssen, wie wichtig irrationales und oftmals unvorhersehbares Verhalten ist, sie werden sich den häufig idiosynkratischen Mängeln der Märkte stellen müssen, und sie werden akzeptieren müssen, dass wir von einer eleganten ,Weltformel der Ökonomie‘ sehr weit entfernt sind.“

    Nationale Regierungen vergessen die Mittelschicht

    Krugman lässt keines der wichtigen zeitgenössischen polit-ökonomischen Probleme aus. Er unterstützt den Green Deal des US-Präsidenten, empfiehlt im Kampf gegen den Klimawandel ökonomische Anreize, fordert also, „Emissionen zu bepreisen und dadurch Umweltverschmutzung unattraktiv zu machen“.

    Er streift das Gebiet Handelspolitik, auf dem Krugman eine Kapazität ist, schließlich habe er dafür „diesen Preis aus Schweden“ bekommen. Schuld für das Abgleiten der amerikanischen Mittelschicht gibt der Weltökonom allerdings nicht dem internationalen Warentausch, sondern den nationalen Regierungen, die nicht in der Lage seien, die Globalisierungsgewinne gerecht zu verteilen.

    Und natürlich darf auch das Thema Trump nicht fehlen, jener „pathologische Lügner, der unaufrichtigste Mann, der je ein hohes Amt in Amerika bekleidete“. Für Krugman ist Trump allerdings „weniger ein Bruch mit der Vergangenheit als vielmehr die Krönung dessen, wohin uns die neue konservative Bewegung seit Jahrzehnten steuert“.

    Donald Trump macht sich Gedanken über Kandidatur 2024

    Insgesamt fordert Krugman eine starke Rolle des Staats, ist aber nicht staatsgläubig. Seine Haltung ist klar keynesianisch, aber er schätzt ebenso die freie Marktwirtschaft. So wie schon Keynes will auch er den Kapitalismus nicht ersetzen, sondern reparieren. Der Markt sei weder dem Staat überlegen noch umgekehrt: „Beide können konstruktive wie auch zerstörerische Rollen spielen.“

    Krugman besitzt das große Talent, die komplexen Zusammenhänge in einfacher Sprache und durchaus auch unterhaltsam zu schildern – obwohl auch ihm ein gewisser Pathos nicht fremd ist. So sieht er sich in einem „Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit“ – darunter geht es nicht.

    Dabei wäre es schon eine denkbar große Leistung der Ökonomen, beim Verständnis zeitgenössischer Probleme zu helfen – in dem Bewusstsein, dass es die eine beste Lösung nie gibt.

    Mehr: Gigantische Ausgaben, fragliche Finanzierung – US-Präsident Biden geht eine riskante Wette ein

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