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Buchrezension: „Sackgasse“ Ein ehemaliger VW-Vorstand teilt gegen Politik und Wirtschaft aus

In seinem neuen Buch übt Daniel Goeudevert Generalkritik. Das mag berechtigt sein. Aber es bräuchte mehr als geschilderte Erfahrungen.
21.05.2020 - 16:22 Uhr Kommentieren
Autobauer versuchen weiterhin, ihre diesel- und benzinbetriebenen SUVs zu verkaufen, obwohl Kunden eigentlich Elektroautos nachfragen. Quelle: dpa
Keine Nachfrage

Autobauer versuchen weiterhin, ihre diesel- und benzinbetriebenen SUVs zu verkaufen, obwohl Kunden eigentlich Elektroautos nachfragen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Wochenlang hat sich die Autoindustrie nach der Corona-Zwangspause auf den Hochlauf der Produktion vorbereitet. Alles wurde bedacht, um das Infektionsrisiko für die Mitarbeiter zu minimieren. Nur auf eines hat die Industrie keinen Einfluss: auf die Auto-Nachfrage.

In der Coronakrise haben die Menschen andere Sorgen, als über den Kauf eines Autos nachzudenken. Das löste in der Branche einen bekannten Reflex aus: den Ruf nach Kaufprämien. Der Staat soll wie schon zur Finanzkrise die Nachfrage nach Autos mit finanziellen Anreizen ankurbeln – am besten unabhängig von der Antriebsart.

Es ist ein aktuelles Beispiel für Daniel Goeudeverts richtige Beobachtung, die er in seinem neuen Buch „Sackgasse – Wie Politik und Wirtschaft den Wandel verschlafen“ schildert. Autobauer versuchen weiterhin, ihre diesel- und benzinbetriebenen SUVs zu verkaufen, obwohl Kunden eigentlich Elektroautos nachfragen.

Goeudevert kennt die Branche aus seiner Zeit in der Autoindustrie. In den 1980er-Jahren war er Chef von Ford Deutschland, bis 1993 verantwortete er den Einkauf bei VW. Der gebürtige Franzose bemängelt in seinem aktuellen Werk den fehlenden Willen für einen Kulturwandel in der Wirtschaft.

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    Vor allem die Autoindustrie erweise sich als resistent. Sie habe es „seit Jahrzehnten versäumt, absehbaren Entwicklungen durch strategische Neuausrichtungen zu begegnen“. Mehr noch: Sie leide nach wie vor an einer „linearen Wachstums- und Großmannssucht“.

    Ein vernichtendes Urteil. Im Buch steht die Autoindustrie stellvertretend für viele weitere Unternehmen, die den Menschen nur als Mittel zum Zweck verstehen, ihre marktbeherrschende Position auszubauen. Der ehemalige Automanager spannt damit einen weiten Bogen – der leider zu groß gerät.

    Daniel Goeudevert: Sackgasse – Wie Wirtschaft und Politik den Wandel verschlafen.
    Dumont
    270 Seiten
    20 Euro

    Goeudevert schweift zu oft ab. Ein Beispiel: Da beginnt ein Kapitel mit der Abwrackprämie, springt dann zur Agenda 2010, zur Riester-Rente, um am Ende seitenlang über die Versicherungsbranche zu referieren. Es folgen Gedanken zu SUVs, Chinas Lithium-Schürfrechten, die eine „geostrategische Verschiebung“ zur Folge haben werden, und der industrialisierten Landwirtschaft. All das macht den Leser ein wenig atemlos.

    Was zudem sehr schade ist: Der frühere Topmanager verzichtet allzu oft auf Belege seiner durchweg interessanten Thesen. So seien die mächtigen Weltkonzerne gut darin, materielle Bedürfnisse zu stillen. Die Menschen blieben aber „irgendwie bedürftig, empfinden eine Unzufriedenheit, die sie nur schwer erklären können“.

    Goeudevert führt das auf den marktwirtschaftlichen Wettbewerb zurück, in dem Gerechtigkeit keine Rolle spiele. Der Mangel löse „Phantomschmerz“ aus: Stress, Burn-out und Depressionen. Goeudevert mag mit seinen Beobachtungen nicht ganz falsch liegen, besser wäre es jedoch gewesen, sie mit Studien, Zahlen und vielen Expertenstimmen zu untermauern.

    Eine weitere These des Buchs: Die „Selbstverlorenheit“ münde in eine Art Authentizitätswahn, was unter anderem dazu führe, dass es „draußen ruppiger und rücksichtsloser“ zugehe. Dann folgen die Belege: Busfahrer würden heraneilenden Passagieren die Tür vor der Nase verschließen, und „Menschen werden immer unhöflicher, weil sie in der Öffentlichkeit laut telefonieren“.

    Nun schießt der ehemalige Automanager wohl über das Ziel hinaus. Er behauptet, dass die „kollektive Entsprechung der individuellen Authentizität die nationale oder gar völkische Identität“ sei. Von schlichten Alltagsbeobachtungen bis dahin ist es aber ein Riesenschritt, den der Leser kaum nachvollziehen vermag.

    Mögen die einzelnen Beobachtungen des Autors auch stimmen – seine Folgerungen bleiben anfechtbar, weil zu wenig belegt. Viele Menschen werden ihm zustimmen, dass seine Kritik am Wirtschaftssystem, insbesondere an der Autoindustrie, berechtigt sein mag. Umso wichtiger wären klare Belege gewesen.

    Das Buch bleibt daher eine Art individueller Erfahrungsbericht. Damit fährt sich der Autor leider selbst in eine Sackgasse hinein.

    Mehr: Karl-Heinz Streibich: „Die Autobranche leidet auch, weil wir 2020 online noch keine Autos anmelden können“

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