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Buchrezension Sophies Welt: Über „Alte weiße Männer“ schreiben, aber nicht mit ihnen reden

Sophie Passmann begibt sich auf die Spur des reaktionären Patriarchats. Konfrontiert hat sie dessen prominenteste Akteure nicht – schade eigentlich.
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Die 25-Jährige fing als Poetry-Slammerin an, tritt bei Jan Böhmermann auf und moderiert für 1 Live Radioshows. Quelle: Asja Caspari
Sophie Passmann

Die 25-Jährige fing als Poetry-Slammerin an, tritt bei Jan Böhmermann auf und moderiert für 1 Live Radioshows.

(Foto: Asja Caspari)

DüsseldorfSophie Passmann ist SPD-Mitglied, 25, Veganerin und in bestimmten bundesdeutschen Zielgruppen ein Weltstar. Sie fing als Poetry-Slammerin an, hat bei Twitter rund 73.000 Follower, tritt bei Jan Böhmermann auf und moderiert für 1 Live Radioshows.

Bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht sie jetzt mit der Unterstützung von Altverleger Helge Malchow himself ein Buch mit dem Titel „Alte weiße Männer“. Darin schreibt sie in der Doppelrolle „zornige junge Frau“ und „Feministin“ gegen das alles dominierende, mal nur gönnerhafte, mal reaktionäre Patriarchat an.

Für das Buch traf sie im vergangenen Jahr eine bunte Schar prominenter Herren, die aber überwiegend selbst biologisch allenfalls mittelalte weiße Männer sind: Sascha Lobo zum Beispiel, Robert Habeck oder Christoph Amend, Chefredakteur des „Zeit-Magazins“, bei dem Frau Passmann seit Januar ebenfalls eine Kolumne schreibt. So viel Cross-Promotion darf schon sein.

Der frühere „Bild“-Chef Kai Diekmann bedauert im Buch, dass Männer immer noch besser netzwerken könnten. Frau Passmann schreibt dazu: „Keine Frau, die ich kenne, würde das dementieren.“ Damit ist eigentlich alles gesagt über Autorin und Buch.

In jedem Fall wird es dank so viel Null-Netzwerk-Power sicher ein großer Verkaufserfolg, zumal Jan Fleischhauer bereits im letzten „Spiegel“ mit der Autorin darüber diskutierte, die zudem schreibt: „Die deutsche Medienbranche ist eine brutale Jungsclique.“ Genau, endlich spricht auch das mal jemand so mutig und „unbestechlich“ aus, wie Anne Will das Buch im Klappentext bewirbt.

Schade nur, dass es nie bei denen landen wird, die das Thema Gleichberechtigung auch angeht: je nach soziodemografischem Hintergrund Migranten aus allenfalls religiös gefestigten Herkunftsländern, die Hinterher-Pfeifer, Po-Grapscher und Penisfoto-Verschicker, die schmierigen Abteilungsleiter und übergriffigen Filialchefs, die den Schuss immer noch nicht gehört haben.

Sophie Passmann: Alte weiße Männer
Kiepenheuer & Witsch
Köln
306 Seiten
12 Euro
ISBN-13: 978-3462052466

Alte weiße Männer, wie Frau Passmann sie als monströse Phantome präsentiert, lesen keine Bücher über alte weiße Männer. Und so erreicht das Buch eben auch nicht die Opfer solcher Täter: die afrikanische Putzfrau oder die bosnische Halbtags-Supermarktkassiererin, die alleinerziehende Mutter, die Kellnerin, Krankenschwester …

Es gibt ja jede Menge Sexismus da draußen, in hippen Start-up-Butzen wie in öffentlichen Verwaltungen. Und es gibt himmelschreiende soziale und ökonomische Ungerechtigkeiten. Aber da wird es eben auch komplex. Einfacher ist es, sich ein paar Wochen lang mit Leuten wie Kevin Kühnert, 29, oder Jörg Thadeusz, 50, über das – merkwürdig altbackene – Feindbild „alter weißer Mann“ zu unterhalten, was am Ende ähnlich facettenreich wirkt wie ein Ornithologen-Stammtisch.

Denn natürlich haben Frau Passmanns Gesprächspartner allesamt viel Verständnis für die Belange der Frau an sich. Sie sind gebildet, umgänglich und zeigen bei all ihrer Macht auch Manieren und Veränderungswillen. Wie die Autorin leben sie in einer Welt, in der man selbst die Johannisbeerschorle auf dem Tisch ironisiert und dabei auch mal gemeinsam lächelnd auf den Wannsee blickt. Allenfalls unter Netzwerkaspekten hat Frau Passmann ihre Gesprächspartner geschickt gewählt.

Gauland als Endgegner

Ihr Feminismus ist deshalb, trotz aller von ihr selbst bemühten Underdog-Attitüde, bereits der Eliten-Feminismus einer jungen weißen deutschen Frau, die sich den Beifall dort holt, wo er ihr gewiss ist: in der eigenen bürgerlich-akademischen Fanbase links von Thorsten Schäfer-Gümbel.

Die, um die es ihr eigentlich geht, trifft sie gar nicht. Weder für ihr Buch noch zwischen die Augen. Das Feindbild „alter weißer Mann“ wird allenfalls kurz touchiert wie Lord Voldemort in „Harry Potter“: Horst Seehofer sei so einer, findet die Autorin. Wolfgang Kubicki. Auch Matthias Matussek. Alexander Gauland wäre wohl eine Art Endgegner in diesem feministischen Blame Game.

Mit all denen wird aber gar nicht geredet, obwohl Dialog in sprachlosen Zeiten doch so wichtig sei, wie Frau Passmann ausdauernd betont.

Ein bisschen verräterisch wird ihr Buch leider in jenen Details, wo sie die Realität jenseits ihrer eigenen Filterblase als Kulisse nutzt. Zum früheren Kai Diekmann fällt ihr dessen „schmierlappige Gelfrisur“ ein, „nach der zu urteilen er auch Immobilienmakler hätte sein können“.

Berlin-Mitte-Eltern sind eh ausnahmslos bescheuert und deren Kinder laut und schmutzig. Und als beim Date mit Robert Habeck ein „Touristendampfer“ über die Spree zuckelt, legt Frau Passmann einer der neugierig herüberschauenden Rentnerinnen (gern „mit lilastichigen Dauerwellen“) einfach mal in den Mund: „Erna, guck, du kennst doch immer so gut Gesichter.“

Alte Frauen heißen bei ihr eben „Erna“, und Immobilienmakler (hier bewusst ohne „*innen“?) repräsentieren grundsätzlich das Böse in Frau Passmanns Community. Karikaturen und Klischees machen eben auch in ihrer Hood das Leben leichter, wie man das den alten weißen Männern ja sicher nicht zu Unrecht oft unterstellt. Es sind alles Mittel der Abgrenzung.

Einmal fällt Frau Passmann das sogar selbst auf: Die Digitalisierung mit all ihren neuen Codes und Chiffren schließt vor allem die Ü40-Fraktion aus. Aber das sei halt so. Würden die alten weißen Männer eben auch mal Ausgrenzung erleben.

Was tun mit all den alten weißen Männern?

Der Untertitel ihres Buches lautet „Ein Schlichtungsversuch“, was offenkundiger Etikettenschwindel ist. Wenn Frau Passmann ihr Buch als Entgegenkommen begreift, will man sie nie richtig sauer erleben. In ihrer Vorstellung werden nach wie vor beim gemeinsamen „Saunabesuch“ der alten weißen Alphamänner „Beförderungen und Teilhaben besiegelt“. Das glaubt sie offenbar wirklich. Ihr Credo: „Jeder Mann ist sexistisch.“

Es gibt einige solcher Stellen, wo sie keinerlei Widerspruch duldet, was schade ist, weil sie damit viele ihrer analytisch sehr lehrreichen Passagen glatt überschreit. Dabei könnten gerade da die jungen und die alten, schwarzen und weißen, roten und braunen, schwulen und heterosexuellen, mächtigen und ohnmächtigen Männer viel lernen.

Vor allem bleibt sie die Antwort schuldig auf die Frage: Was tun mit all den alten weißen Männern? Das Wahlrecht aberkennen? In Umerziehungslager sperren? Über eine Klippe stoßen? Es könnte Frau Passmann trösten: Für die Klischee-Kerle aus ihrem aufopferungsvoll gepflegten Feindbild ist die Zukunft eigentlich in vielerlei Hinsicht längst vorbei.

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