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Die Welt auf dem Präsentierteller

Der industrialisierende Westen steht nicht für Humanität – sondern für Gier nach Reichtum.

(Foto: picture alliance/Ikon Images via AP)

Buchrezension Warum eine Reform des Kapitalismus so schwierig ist

Exzesse des Kapitalismus zu kritisieren kann helfen. Unendlich schwerer ist es, das System zu reformieren. Ganzheitliche Ansätze scheitern an eigenen Ansprüchen.
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Düsseldorf Wer wollte bestreiten, dass die Globalisierung zwar unseren Wohlstand steigerte, gleichzeitig aber auch die Ungleichheit innerhalb unserer Gesellschaften förderte – sodass die Demokratien um ihre Legitimation fürchten müssen? Wer wollte leugnen, dass der Westen im Namen der Freiheit die halbe Welt eroberte, seine Kolonien ausbeutete und sich die Menschen dort untertan machte? 

Und wer schließlich wollte bezweifeln, dass der Kapitalismus oder, genauer, der Finanzkapitalismus die Idee der Sozialen Marktwirtschaft ad absurdum führte – indem zockende Banken während der Finanzkrise mit Steuergeldern in gigantischem Ausmaß gerettet wurden, weil deren Pleite die Weltwirtschaft mitgerissen hätte?

Kein vernunftbegabter Mensch würde all das in Abrede stellen – und die Liste ließe sich beliebig fortsetzen: die anhaltende Umweltzerstörung, der Klimawandel, unser wachstumsabhängiges Wirtschaftsmodell als Ganzes, das den Menschen mit seiner Ideologie des „Immer mehr, immer größer und immer schneller“ kaum Raum zur Nachdenklichkeit lässt. 

Das eigentliche Wunder unserer Zeit – es besteht darin, dass Philosophen, Politologen, Ökonomen oder auch Naturwissenschaftler angesichts dieser existenziellen Probleme nicht ständig die Systemfrage stellen. Dass diese Entwicklungen als notwendige Ereignisse, gleichsam als Naturgesetz, wahrgenommen werden.

Und dass uns allenfalls in „schwachen Momenten“ der Selbstreflexion der Gedanke ereilt, dass unsere Lebenswelt eine künstliche, von uns selbst geschaffene ist, die keineswegs notwendig so sein muss, wie sie ist. 

Einen solchen Gedanken haben jetzt der Ökonom Raj Patel und der Historiker Jason W. Moore in ihrem Buch mit dem Titel „Entwertung“ zusammengefasst und in einer beachtlichen historischen Analyse systematisch entwickelt.

Raj Patel, Jason Moore: Entwertung – Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen Rowohlt
Berlin 2018
352 Seiten
24 Euro
ISBN: 978-3737100526

Mehr noch: Die Autoren haben versucht, mehr als 500 Jahre Kapitalismusgeschichte in eine Schablone zu pressen, eine Schablone, die uns das verheerende Prinzip unseres Wirtschaftssystems veranschaulichen soll – die „Ökologie des Kapitalismus“. 

Fragwürdiges Verständnis von der Aufklärung

Dabei verstehen Patel und Moore unter Kapitalismus allerdings mehr als ein Wirtschaftssystem. Sie begreifen Kapitalismus als eine bestimmte „Art und Weise, die Beziehungen zwischen den Menschen und der übrigen Natur zu organisieren“. Das Prinzip, das dieser Beziehung zugrunde liegt, ist die „Entwertung“.

Die Verbilligung von Natur, Geld, Arbeit oder auch Nahrung seien Ausdruck einer jahrhundertelangen Ausbeutung. Was billig ist, habe auch keinen Wert und könne so nach Belieben zerstört werden – etwa unser ökologisches System.

Die kapitalistische Ideologie durchdringt nach Auffassung der Autoren alle Lebensbereiche, weshalb sie nicht mehr vom „Anthropozän“ sprechen wollen, einem Zeitalter also, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren für die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist, sondern vom „Kapitalozän“. Von noch größerer Bedeutung als der Mensch selbst sei das von ihm geschaffene Prinzip der Entwertung.

Für die meisten Menschen ist es einfacher, sich das Ende des Planeten vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. Jason W. Moore, Raj Patel

„Für die meisten Menschen ist es einfacher, sich das Ende des Planeten vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“, schreiben Patel und Moore. Kulturpessimistischer geht es nicht.
Dabei gehen die Autoren auch mit einigen Säulenheiligen der Geistesgeschichte recht schonungslos um.

René Descartes? Der erste Aufklärer der Neuzeit und Begründer des Rationalismus habe den Grundstein allen Übels gelegt. Mit seiner Unterscheidung von „ausgedehnter Substanz“ (res extensa) und „denkender Substanz“ ( res cogitans) – wobei Frauen gerne Ersterer zugeordnet wurden – gab er den Mächtigen jener Zeit ein Herrschaftsinstrument an die Hand.

Francis Bacon? Der Vater der modernen Naturwissenschaft habe nicht nur dazu aufgerufen, der Natur mit empirischen Methoden die Geheimnisse zu entlocken und sie damit zu entzaubern. Der Mensch habe vor allem auch die Pflicht, die Natur zu beherrschen.

John Locke schließlich, den Vordenker des Liberalismus, verunglimpfen die Autoren als „Aushängeschild des liberalen Imperialismus“, obwohl dieser doch propagierte, dass das Recht auf „Eigentum an seiner eigenen Person niemand haben könne als diese Person selbst“ – was im 17. Jahrhundert alles andere als eine Selbstverständlichkeit war.

Das ganze Projekt der Aufklärung, nach Immanuel Kant der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, deuten die Autoren in ein Projekt des revolutionären Materialismus um, dessen ebenso schädliche wie inhumane Folgen wir heute im globalen Finanzkapitalismus überall besichtigen können.

Man muss diese unerhörte Verkürzung des Begriffs der Aufklärung, die in erster Linie ein freiheitliches Emanzipationsprojekt war, letztlich auch zum Schutz des Menschen vor Willkürherrschaft, nicht gutheißen.

Aber einen gewissen Respekt nötigt dieser geradezu tollkühne Ansatz der beiden Wissenschaftler dann doch ab. Holistische Herangehensweisen an ein derart komplexes Thema wie den Kapitalismus sind selten – und das aus einem guten Grund. Denn: Ansätze dieser Art sind am Ende oft nur holzschnittartige Abbilder der Realität.

Umstrittene Rolle der Banken

Die Stärke des Buchs liegt daher eher in der historischen Analyse der Kapitalismusdefizite – etwa die schon im Frühkapitalismus umstrittene Rolle der Banken und deren Verhältnis zum Staat. So verpfändete schon Karl V. (1500 –1558) Ansprüche auf amerikanisches Silber, um mithilfe von Bankkrediten seine unzähligen Kriege zu finanzieren.

Ganze zwei Jahrhunderte lang waren Bankerfamilien aus Genua an den wichtigsten politischen und militärischen Entscheidungen der spanischen Könige beteiligt.

Monarchen führten Kriege, denn ohne Kriege keine Beute, kein Reichtum. Aber kriegerische Auseinandersetzungen waren teuer: Mit Krediten wurde der Soldatensold finanziert, die mögliche Kriegsbeute diente den Banken als Sicherheit. Ein zynisches Geschäft.

Am Ende nährte der Krieg den Krieg, und nicht selten gingen Völkermord – etwa im von Kolumbus entdeckten Amerika – und moderne Geschäftsbeziehungen Hand in Hand. Auch das ist Kapitalismus.

Goldman Sachs – eine Zweigstelle des Weißen Hauses

Es sei nicht nur das Streben nach Profit, das dem Kapitalismus seine ungeheure Kraft verleiht, sondern vor allem das Beziehungsgefüge zwischen Gewinnstreben, Finanzierung und Regierungen, stellen die Autoren richtig fest. Die Finanzkrise hat die fatale Dynamik dieses Beziehungsgeflechts noch einmal deutlich vor Augen geführt. Goldman Sachs sehen Patel und Moore als „Zweigstelle des Weißen Hauses“. Es könnte sogar umgekehrt sein, möchte man hinzufügen.

Ob der Trend zur Verbilligung das allumfassende Kriterium eines kapitalismuskritischen Ansatzes sein kann, darf bezweifelt werden. Letztlich nutzen die Autoren eine grobe Schablone, weshalb auch der Text an vielen Stellen schablonenhaft bleibt – getreu dem Motto: Wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel.

Recht haben die Autoren, wenn sie sagen, im postmodernen Kapitalismus komme die menschliche Seele zu kurz: „Wir müssen von einem Wandel träumen, der radikaler ist als das, was uns die Politik anbietet.“ Wohl wahr. Das ist der Stoff, aus dem Revolutionen gemacht sind. Nur, wohin die Revolution führen soll, das bleibt weitgehend offen.

Auch die größte Stärke des Kapitalismus oder marktwirtschaftlicher Systeme insgesamt lassen die Autoren unerwähnt: Im Gegensatz zum Kommunismus wähnt sich der Kapitalismus nicht im Besitz der absoluten Wahrheit, was ihn nicht nur weltoffener macht, sondern ihm vor allem auch Spielräume zur Selbstkorrektur eröffnet. Der Preismechanismus ist nicht das Problem des Kapitalismus. Er sollte im besten Fall für Effizienz und das heißt letztlich auch für einen ressourcenschonenden Umgang mit der Natur sorgen.

Rasante Veränderungsgeschwindigkeit

Das akute Problem ist ein anderes: Die Veränderungsgeschwindigkeit ist aufgrund der Digitalisierung und auch der Innovationen in der Finanzbranche so hoch, dass die Politik nicht mehr nachkommt, über Regulierungen einen vernünftigen Wettbewerbsrahmen zu schaffen.

Schon Karl Marx wusste, dass die Monopole den Kapitalismus von innen heraus gefährden – und er hatte recht. Die Krise der Demokratie und der globale Trend zur Autokratie lassen sich letztlich auch als mangelnde Bewältigung dieses Problems interpretieren: Nicht die Macht der Politik ist das Problem, sondern die Ohnmacht.

Ja, wir sind „Geschöpfe der kapitalistischen Ökologie“, wie die Autoren feststellen. Und unser Handeln ist auch an den „geistigen Kontext unserer Zeit gebunden“. Deshalb ist es ein durchaus erstrebenswerter Ansatz, über diesen Kontext hinauszudenken.

Aber ein solch holistischer Anspruch ist kaum zu erfüllen – und führt am Ende nicht selten zu Enttäuschungen. So legitim ein solcher Anspruch ist: Am Ende ist es vielleicht doch „effizienter“ und vor allem intellektuell bescheidener, im Kleinen mit der Verbesserung der Welt zu beginnen.

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