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Buchrezension Wie vier Philosophinnen in finsteren politischen Zeiten die Freiheit verteidigten

Simone de Beauvoir, Hannah Arendt und Simone Weil mögen in Europa bekannter sein. Doch Ayn Rand ist der finstere Star des neuen Buchs von Wolfram Eilenberger.
02.10.2020 - 09:48 Uhr Kommentieren
Die Bücher der gebürtigen Russin gefallen auch US-Präsident Trump. Quelle: University of California Press
Ayn Rand

Die Bücher der gebürtigen Russin gefallen auch US-Präsident Trump.

(Foto: University of California Press)

Berlin Wolfram Eilenberger legt mit „Feuer der Freiheit“ ein weiteres Meisterwerk vor. Der Publizist beschreibt in seinem neuen Buch vier Frauen, die von 1933 bis 1943, also in finstersten politischen Zeiten, die Philosophie retten. Das ist jedenfalls die These des Philosophen Eilenberger: Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Simone Weil und Ayn Rand fanden in den 1930er-Jahren zu ihrer Stimme und verteidigten die Freiheit gegen Stalinismus und Nationalsozialismus.

Es sind vier eng miteinander verwobene Geschichten über mutige Denkerinnen entstanden, die bis heute großen Einfluss auf das Handeln von Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft haben.

Das Buch, das an Eilenbergers internationalen Bestseller „Zeit der Zauberer“ von 2018 anknüpft, ist nicht nur etwas für Philosophieexperten. Es ist geschrieben wie ein Roman, den man an drei oder vier Abenden durchliest und gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Eilenberger verknüpft die wechsel- und entbehrungsreichen Biografien und stellt dabei die Lebensgeschichten seiner Protagonistinnen vor. Er leitet daraus gekonnt deren philosophische Denkmuster ab.

Bei allen geht es um das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft. Während sich Simone de Beauvoir langsam zu einer Existenzphilosophin entwickelt, die später daraus einen feministischen Klassiker mit dem Titel „Das andere Geschlecht“ schreibt, geht es bei Hanna Arendt viel um Identität. Philosophie und Ethik sind nach ihrer Ansicht nur zu zweien denkbar. Simone Weil, die in der französischen Gewerkschaftsbewegung sozialisiert wurde, entdeckt irgendwann das spirituelle Christentum als ihren Denkanker für sich.

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    Ayn Rand ist der eigentliche Star des Buchs, aber ein finsterer. Wer den Geist des amerikanischen Kapitalismus verstehen will, muss ihre Gedankenwelt kennen. Die jüdische Russin kam 1905 als Alissa Sinowjewna Rosenbaum in St. Petersburg zur Welt. Ihre Familie musste aus erster Hand erfahren, was die totalitäre Sowjetunion bedeutet. Ihr Vater, ein angesehener Apotheker, wurde seiner bürgerlichen Existenz im stalinistischen Russland beraubt.

    Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit.
    Stuttgart 2020
    400 Seiten
    25 Euro

    Ayn Rand emigrierte 1926 in die USA und verschrieb sich dort dem amerikanischen Traum. Eilenberger beschreibt eindrücklich die Russin, die sich einem philosophischen Selbstversuch unterzog. Sie will sich komplett neu erfinden und legt sofort ihren Geburtsnamen ab. Für sie steht fest: „Alles, nur kein Mittelmaß! Alles, nur keine Bescheidenheit!“

    Sie stellt in ihrem eigenen Leben das Ego radikal über das Kollektiv. Wer mit der Masse schwimmt und Empathie für die Bedürfnisse anderer zeigt, gilt für die Freiheitsfanatikerin als versklavt. Ein ultraradikales Gegenmodell zum Kommunismus. Sie startet als Drehbuchschreiberin in Hollywood, dann geht es weiter nach New York. Dort träumt sie davon, dass Gary Cooper die Hauptrolle in der Verfilmung einer ihrer Romane spielt.

    Bis es so weit ist – Cooper spielt 1949 in „The Fountainhead“ dann wirklich die Hauptrolle –, schlägt sie sich zunächst mit schlecht bezahlten Jobs durch, bevor sie vom Schreiben leben kann. Immer mit der Sorge um ihre Familie, die sie in Leningrad zurückgelassen hat und die in der Gefahr steht, den Säuberungen der Stalinisten zum Opfer zu fallen.

    Säulenheilige im Silicon Valley

    Während vor allem Simone de Beauvoir und Hannah Arendt zum europäischen Kanon des Denkens gehören, wird Ayn Rand kaum Beachtung geschenkt. Jenseits des Atlantiks ist es ganz anders. Bis heute werden ihre Romane in riesigen Auflagen verkauft. Allein in der englischsprachigen Welt haben sich Rands Bücher Stand heute über 25 Millionen Mal verkauft, „Fountainhead“ dabei mit mehr als acht Millionen Exemplaren. Ihr zweites Hauptwerk, „Atlas Shrugged“ (deutsch: „Der Streik“), gilt nach der Bibel als das seit den Sechzigerjahren meistverkaufte Buch in den USA.

    Rand ist heute mit ihrem Individualismus und dem unbedingten Glauben an das schöpferische Genie die Säulenheilige im Silicon Valley. Der Gedanke, dass ein Individuum die ganze Welt verändern kann, passt in das Narrativ der Tech-Gläubigen im Valley.

    Nach „Zeit der Zauberer“ geht es jetzt um Philosophie. Quelle: imago/Christian Grube
    Autor Wolfram Eilenberger

    Nach „Zeit der Zauberer“ geht es jetzt um Philosophie.

    (Foto: imago/Christian Grube)

    Rand ist die Priesterin der Internet-Tycoons. Insbesondere der deutschstämmige Investor und Paypal-Gründer Peter Thiel aus Kalifornien ist ein Verehrer ihrer Werke. Auch der Gründer des Fahrdienstvermittlers Uber, Travis Kalanick, orientiert sich an ihr.

    Ayn Rands Romanhelden zahlen voll auf ihre Gedankenwelt ein. In dem berühmten Monolog, den auch Eilenberger zitiert, sagt Ayn Rands Alter Ego und Romanheld Howard Roark mit Bezug auf Prometheus, den Hüter des Feuers in der Antike: „Vor Jahrtausenden entdeckte ein Mensch als Erster, wie man Feuer macht. Vermutlich wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt, den anzuzünden er seine Brüder gelehrt hatte. Das innovative Individuum ist damit die eigentliche Kraft des Fortschritts. Das mutige, fortschrittswillige Ich steht aber gegen die angstgetriebene Stagnationssehnsucht der Masse“, so Eilenberger.

    Es ist damals Rands Antwort auf ein Amerika, das nach ihrer Ansicht unter staatlicher Überregulierung zusammenbricht. Sie pries in ihren Romanen die Bedeutung von Wirtschaftsführern. Damals eine Seltenheit, heute eine Selbstverständlichkeit in den USA, wenn man sich etwa ansieht, dass der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs heute eine öffentliche Ikone ist.

    Selbst Trump liest Ayn Rand

    Die Kehrseite, das arbeitet der Autor exzellent heraus, ist die fehlende Empathie. Mit der Sozialen Marktwirtschaft, wie wir sie kennen, hat das nichts zu tun. Bei den Verehrern der Atheistin Rand kommt es so zu einem Glauben an einen Tech-Kapitalismus, der die Welt retten kann. Jedes Abweichen von der eigenen Überzeugung gleicht einem Verrat.

    Rand geht davon aus, dass es einzelne Genies gibt, die für den Fortschritt sorgen. Die große Masse wendet sich gegen diese Entwicklung aus Angst davor, die eigene Komfortzone verlassen zu müssen. Eilenberger spricht davon, dass sein Buch eine Flaschenpost ist und damit eine Relevanz für die Gegenwart hat.

    Er nennt US-Präsident Donald Trump nicht beim Namen. Aber die Ichbezogenheit und die Empathielosigkeit des amerikanischen Präsidenten passen zum Romanhelden Roark aus „Fountainhead“. Trump, der als wenig belesen gilt, bezeichnet ihren Roman „Der ewige Quell“ als eines seiner Lieblingsbücher. Auch sein Außenminister Mike Pompeo gilt als Rand-Fan.

    Insofern hat Eilenbergers Buch kurz vor den Präsidentschaftswahlen in den USA eine ungeahnte Aktualität. Wer die ideengeschichtlichen Wurzeln von Donald Trump und Mike Pompeo und der konservativen Republikaner verstehen will, findet in „Feuer der Freiheit“ eine gut zugängliche und zugleich aus Sicht eines nicht libertären Lesers erschreckende Interpretation.

    Greenspan in ihrem engsten Kreis

    Ein solcher Ansatz ist in Europa kaum zu vermitteln. Aber Rands Einfluss in den USA war so gewaltig, dass es ein Mann aus ihrem engsten Kreis an die Spitze der amerikanischen Zentralbank brachte. Sein Name ist Alan Greenspan, er war von 1987 bis 2006 Chef der US-Notenbank. Beim ersten Roman von Rand gehörte er zu einem ausgesuchten Kreis, der quasi an dem Werk mitschrieb.

    Anders als bei Trump nennt Eilenberger Greenspan beim Namen und deutet die Schneisen an, die das Denken von Rand bei ihm hinterlassen hat. Davon hätte man gerne mehr erfahren. Aber das zeitliche Setting des Buchs von 1933 bis 1943 lässt das nicht zu.

    Wolfram Eilenberger schärft mit seinem Buch den Blick darauf, dass Philosophie nicht unbedingt in systematischen Werken stehen muss. Simone de Beauvoir und Ayn Rand haben ihre philosophischen Ansätze vor allem in Romanen verarbeitet und damit großen Einfluss genommen. Bei Eilenberger hütet nicht Prometheus das Feuer, sondern seine vier Heldinnen.

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