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Buchrezensionen Johnson gegen Merkel: Wer ist erfolgreicher?

Der Deutsche Jan Ross hält große Stücke auf Boris Johnson, der Brite John Kampfner ist voll des Lobes für Angela Merkel. Ein Duell in Buchform.
25.09.2020 - 12:28 Uhr 1 Kommentar
„Prototyp des exzentrischen Engländers.“ Quelle: AFP
Boris Johnson

„Prototyp des exzentrischen Engländers.“

(Foto: AFP)

London Boris Johnson fasziniert die Deutschen mehr als andere britische Premierminister. Als Peiniger der EU ist der Brexit-Frontmann eine wandelnde Zumutung für aufrechte Europäer, aber selbst seine Kritiker auf dem Kontinent können sich ein Schmunzeln häufig nicht verkneifen. „Bumbling Boris“ ist der Prototyp des exzentrischen Engländers

In seinem neuen Buch „Boris Johnson – Porträt eines Störenfrieds“ versucht der Außenpolitikexperte und Journalist Jan Ross „eine Einführung in die Welt des Boris Johnson für deutsche Leser“.

Bei aller professionellen Distanz ist Ross durchaus angetan von dem Premierminister. Er hat mehrere Recherchereisen nach Großbritannien unternommen und mit Experten, Politikern und Bürgern gesprochen. Sein Buch ist kenntnisreich und gut geschrieben. Es bietet dem politisch interessierten Laien einen kurzweiligen Überblick über den Aufstieg des Konservativen in die Downing Street.

Das erklärte Ziel des Autors ist die Ehrenrettung Johnsons. Gleich zu Beginn beklagt er das „Johnson-Bashing“ in den deutschen Medien. Über keinen Politiker seien so viele Klischees im Umlauf, schreibt er. Diese Behauptung löst sich bei näherem Blick schnell in Luft auf: Angela Merkel geistert als dröge Naturwissenschaftlerin durch die Öffentlichkeit, Wladimir Putin ist der skrupellose Autokrat und Donald Trump der unberechenbare Egoist. In dieser Gesellschaft ist Johnson eben der unseriöse Alleinunterhalter.

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    Ross verspricht einen „neuen, frischen Blick“ auf den „vermeintlichen Clown“. Doch greift er selbst im Laufe des Buches immer wieder auf altbekannte Johnson-Attribute zurück: So beschreibt er den Tory als Witzbold, Lausbub, Stümper und Rollenspieler, attestiert ihm Unernst, Flegelhaftigkeit und einen Hang zur Provokation. Im Klischee scheint also doch eine gewisse Wahrheit zu stecken.

    Inszenierung als Taugenichts

    Aus dieser Persönlichkeit speist sich Johnsons Anziehungskraft. Er sei „eine einmalige Politikergestalt, die nicht mit ihren Stärken wirbt, sondern mit ihren Schwächen“, schreibt Ross. Den Premierminister umgebe eine „Aura der nie überwundenen, nie endenden Pubertät“. Diese Selbstinszenierung als „ewiger Schultaugenichts“ sei sein politisches Erfolgsgeheimnis, weil er die Menschen so für sich einnehme.

    Die Briten verziehen Johnson seinen Dilettantismus, bei den Deutschen hingegen löse er Empörung aus, meint Ross. Das liege an der „Verkniffenheit unserer nationalen Kultur“. Es sei auch unvorstellbar, dass jemand wie Johnson, der als Journalist einst „kolonialrassistische Klischees“ bediente, in Deutschland Regierungschef werden könne. In Großbritannien sei ihm das gelungen, weil er die „Boris-Lizenz“ habe.

    Hanseaten wird eine Schwäche für die englische Upper Class nachgesagt, und Ross ist keine Ausnahme. Er bewundert Johnsons Witz, Bildung und Schreibstil, lobt seinen Liberalismus und seine Abneigung gegen Spießer. Er nimmt ihn auch gegen den Vorwurf in Schutz, ein Nationalpopulist vom Schlage eines Donald Trump, Nigel Farage oder Viktor Orbán zu sein.

    Es stimmt, dass Johnson kein Protektionist, kein Klimawandelleugner und kein Einwanderungsgegner ist. Der Brexit jedoch war sein Sündenfall. Ross räumt ein, dass die Kampagne eine „radioaktive Verseuchung“ des positiven Boris-Images bedeutete. Aber fremdenfeindlich sei der Tory nicht. Johnson war in seinen Augen bloß „der Starperformer einer Kampagne, die ihre Energie aus der Fremdenfeindlichkeit zog“. Er habe den populistischen Impuls der Ukip/Brexit-Partei in den Mainstream umgeleitet und die Populisten als eigenständige politische Kraft zum Verschwinden gebracht.

    Jan Ross: Boris Johnson. Porträt eines Störenfrieds.
    Rowohlt Berlin
    176 Seiten
    18 Euro

    Warum Johnson sich für den Brexit entschieden habe, werde man wohl nie abschließend wissen, meint Ross. Das Kalkül, auf diese Weise den Sprung in die Downing Street zu schaffen, habe sicher eine Rolle gespielt, aber „es war auch Überzeugung dabei“. Als weiteren Grund führt er Johnsons „poetische und theatralische Bedürfnisse“ an. Das Eintreten für den Brexit versprach schlicht am meisten Aufmerksamkeit.

    Ross begnügt sich nicht damit, Johnsons Werdegang zu beschreiben. Er versucht auch eine historische Einordnung. Er traut Johnson einen Paradigmenwechsel in der britischen Politik zu – ähnlich wie Margaret Thatcher es mit ihrem Neoliberalismus und Tony Blair mit dem „dritten Weg“ gelungen ist. Der „Johnsonismus“ sei ein Volkskonservatismus, der die politische Landschaft neu ordnen könne, glaubt Ross. Mit einer stärkeren Rolle für den Staat werde er traditionelle Labour-Wähler dauerhaft an die Tories binden.

    Hier liegt der große Schwachpunkt des Buches, denn dieses Urteil kommt zu früh. Das Buch ist letztlich eine Momentaufnahme vom Februar 2020, als Johnson auf dem Höhepunkt seiner Macht war. Er hatte einen glänzenden Wahlsieg eingefahren, die Labour-Hochburgen erobert und das Land aus der EU geführt. Es schien wie der Beginn einer Johnson-Ära.

    Doch dann kam die Coronakrise – und damit die Entzauberung des Boris Johnson. Die Pandemie hat Zweifel an seiner Führungsstärke geweckt und wird seine Amtszeit entscheidend beeinflussen. Die Rolle des Staates wird zwar wachsen – aber nicht so, wie Johnsons Strategen sich das vorgestellt hatten. Angesichts von Rezession und Rekordschulden ist für die groß angekündigte Sanierung des ganzen Landes weniger Geld da. Die regionalen Ungleichheiten, die Johnson verringern wollte, dürften eher weiter zunehmen.

    Ross’ Urteil, dass Johnson der „erfolgreichste bürgerliche Politiker Westeuropas“ sei, wirkt daher bereits überholt. In London wird inzwischen spekuliert, dass Johnson nicht einmal seine erste Amtszeit zu Ende bringen könnte, so tief ist sein Ansehen in der eigenen Partei gesunken. Hinzu kommt, dass die Konservativen bereits seit zehn Jahren an der Macht sind. Weitere zehn Jahre sind unwahrscheinlich.

    Leise Kompetenz

    Fragt man einen Briten nach dem erfolgreichsten Politiker Europas, würde ihm wahrscheinlich nicht Johnson als Erster einfallen, sondern Merkel. Zu ihnen zählt John Kampfner. Der britische Journalist hat mit seinem neuen Buch „Why the Germans do it better“ eine Ode an die Deutschen verfasst. Es ist zugleich eine Abrechnung mit dem englischen Dilettantismus à la Johnson.

    Die Coronakrise sei der „ultimative Führungstest“ gewesen, sagte Kampfner kürzlich beim Launch des Buchs. „Angela Merkel hat die Herausforderung bestanden“. Johnson und seine Anhänger hingegen hätten gezeigt, wie man es nicht macht. „Sie erfinden wie Donald Trump Kulturkriege, um davon abzulenken, dass ihre Verwaltung zusammenbricht.“

    John Kampfner: Why the Germans do it better. Lessons from a grown-up country
    Atlantic Books
    312 Seiten
    14,99 Euro

    Kampfner war zur Wendezeit der erste und letzte DDR-Korrespondent des „Daily Telegraph“ und hatte vorher bereits die Bundesrepublik aus Bonn gecovert. Für das Buch ist er im vergangenen Jahr noch einmal durch Deutschland gereist und hat Interviews geführt. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass „die Deutschen viel besser sind, als sie selber denken“.

    Die von sich selbst stark überzeugten Londoner Eliten könnten von der „leisen Kompetenz“ Deutschlands viel lernen, sagt er. Diese These scheint in der Pandemie einen Nerv zu treffen, das Buch wurde umgehend zum Bestseller.

    Manchen Deutschlandkennern in Großbritannien geht Kampfners Begeisterung zu weit. So verweist der Ex-Chefredakteur der „Financial Times“, Lionel Barber, auf den Wirecard-Skandal als Beispiel für die Nachteile der deutschen Konsenskultur. Doch ist der neidische Blick auf das deutsche Modell eine Konstante in der britischen Öffentlichkeit. Gelobt werden in der Regel der Mittelstand, die Mitbestimmung, die dezentrale Regierung und ein gewisser Bürgersinn.

    Kampfner würdigt besonders den ökonomischen Kraftakt der Wiedervereinigung und die Integration der Flüchtlinge. Beides hätten die meisten anderen Länder in einer ähnlichen Lage wohl nicht so gut gemeistert, meint er. Das deutsche Corona-Krisenmanagement bestätigt ihn in seinem Urteil.

    Nicht zuletzt sind die Bücher des Briten und des Deutschen eine Erinnerung daran, dass das Gras anderswo immer grüner erscheint. Lernen lässt sich von beiden Regierungschefs etwas.

    Mehr: Boris Johnson braucht den Brexit-Befreiungsschlag

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    1 Kommentar zu "Buchrezensionen: Johnson gegen Merkel: Wer ist erfolgreicher?"

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    • schön gesagt...das grün in anderen Ländern ist halt grüner ;-)

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