Historiker Yuval Noah Harari

„In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht.“

(Foto: dpa)

Buchtipp: „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ Dieser Geschichtsprofessor will uns das 21. Jahrhundert erklären

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari profiliert sich mit seinem neuen Buch als Lebensberater in wirren, digitalen Zeiten.
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MünchenZu den Stars der neuen Zeit gehören Influencer. Das sind Menschen mit großer Aura und noch größerem Fankreis, die das Leben kommentieren. Üblicherweise gilt der Begriff jungen Erklärern, Millennials, die sich in sozialen Netzwerken des Internets verbreiten und die zum neuen Zwischenzielobjekt der globalen Marketingindustrie geworden sind.

Influencer sind aber auch all jene modernen (Vor-)Denker, die ihrer Social-Media-Präsenz dicke Bücher, Live-Auftritte und Presseartikel vorschalten, ein ganzes Kanalsystem also, um dem Publikum zu höheren Einsichten zu verhelfen. Zu einem Überblick über eine aus den Fugen geratene Welt, zu einem geistigen Helikopterflug über eine geschundene Landschaft, die ihre innere Ordnung längst verloren hat.

Solche Influencer im Chaos der Wirklichkeit sind wie Missionare, die mit ihren Adepten übers Land ziehen. Alle werden bedient, auf eigenen Youtube-Kanälen oder TED-Konferenzen, gerne auch mit Erklärtafeln im Stil der Zehn Gebote. Weiße Männer, die eine konservative Weltsicht haben und unter dem Diktat der politischen Korrektheit leiden, spricht beispielsweise der kanadische Psychologe und Kulturkritiker Jordan Peterson an, der in diesem Jahr mit „12 Rules for Life“ einen Bestseller landete.

Im linksliberalen Spektrum ist der israelische Geschichtsprofessor Yuval Noah Harari schon seit längerem zur intellektuellen Instanz geworden, der mit „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ (2011) sowie „Homo Deus“ (2016) den verunsicherten Homo sapiens beschrieb.

Der wiederum nach all den Findungen der Philosophen und Erfindungen der Pionier-Unternehmer ein Gut am stärksten nachfragt: Orientierung. „In einer Welt, die überflutet wird von belanglosen Informationen, ist Klarheit Macht“, schreibt Harari. So viel muss klar sein.

Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21.Jahrhundert
C. H. Beck
München 2018
459 Seiten
24,95 Euro
ISBN: 978-3406727788

Natürlich ist sein jetzt erschienenes Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“, anders als vom Verlag und von ihm behauptet, überhaupt nicht trennscharf gegen die beiden Vorgängerwerke abzugrenzen. Sie alle handeln von der in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ge- und überforderten menschlichen Kreatur, der jetzt freilich der Algorithmus als großer Verführer erscheint, der sie in Himmel oder Hölle führen kann – eine letzte Wahl, wenn der Mensch bloß den von Harari georteten größten Feind überwindet, die Dummheit.

Der Autor kann da, je nach Sichtweise, als Lord Voldemort oder Messias wirken. Etliche bereits von ihm publizierte Artikel hat er für das neue Buch der Einfachheit halber neu kuratiert und erweitert, was den Gewinner des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises 2017 elegant im Geschäft hält. Weltweit finden prompt auch seine 21 Lektionen Aufmerksamkeit, er ist ein gesuchter Redner, der etwa nächste Woche bei den deutschen Zeitungsverlegern auftritt. Alle wollen Klarheit. Und bekommen Erzählungen.

Das Narrativ dieses Jahrhunderts

Harari schafft es, ein Narrativ zu bieten, etwas, was er in der großen Weltgemeinschaft vermisst. Klar, vor 80 Jahren gab es gleich drei große Narrative – Faschismus (Hitler, Mussolini, Franco), Kommunismus (Stalin) und Liberalismus (Roosevelt, Churchill).

Dann verabschiedeten sich zunächst die Faschisten, später die marxistischen Heilsversprecher des Warschauer Pakts (1989) und schließlich aktuell auch noch der Liberalismus, der in der postfaktischen Kulissenschieberei des Donald Trump genauso unter die Dampfwalze kommt wie unter der orbanisierten Nationalstaaterei der neuen europäischen Alt-Right-Helden. Wo Gestaltungsoptimismus war, ist Nihilismus.

Demokratie, Diskurs, Vernunft und Toleranz sind in diesen Kreisen nicht oberste Kategorien, und Harari meuchelt das Modell der Aufklärung gleich selbst noch mal lustvoll mit der Analyse, dass wir bei Wahlen nicht denken, sondern fühlen. Der Mensch wägt nach dieser Lesart nicht Argumente und entscheidet dann, sondern ist permanent Produkt von Emotionen.

Der persönliche, freie Wille ist damit ebenso sehr Illusion wie der Liberalismus. Wenn er sich sexuell zu Männern hingezogen fühle, habe er nicht die Freiheit, „mich stattdessen zu Frauen hingezogen zu fühlen“, formuliert Harari, der immer unterhaltend ist, manchmal aber auch ziemlich krude.

Wenn wir also nicht so frei sind, wie wir denken, dann kann man uns auch leicht programmieren, das ist der nächste kühne Zug des Historikers aus Tel Aviv, der sich in seiner Karriere zunächst auf Militärgeschichte des Mittelalters spezialisiert hatte, ehe er zum Porträtisten der Cyborgs wurde.

Immer wieder schildert er den Siegeszug zweier Entwicklungen – von Big Data und Biotechnologie. Eine „doppelte Revolution“, die digitale Diktaturen schaffen könne und eine joblose Wirtschaft, mit der Macht einer göttlichen Elite (eben „Homo Deus“) und einem menschlichen Massenheer. Solche Alarmismen machen den Ruf nach einem kleinen digitalen Erziehungsberater erst nötig.

Glorreich – und auch gefährlich – sind für Harari die Forschertaten in Konzernen und Start-ups, denn künstliche Intelligenz und Bioengineering würden auch noch zu einer einzigen Groß-Macht verschmelzen, die uns völlig verwandeln kann. Die Revolution kommt hier nicht mehr aus Gewehrläufen, sondern aus Laboratorien. Und die Arbeiter, die Aufständischen der Karl-Marx-Zeit, kämpfen nicht gegen Ausbeutung, sondern gegen Bedeutungslosigkeit.

Von nationalen Identitäten als Stärkungsmittel gegen digitale Disruption hält der Autor so wenig wie von Religionen: „Wenn tausend Menschen einen Monat lang an eine erfundene Geschichte glauben, dann ist das Fake News. Wenn eine Milliarde Menschen daran tausend Jahre glauben, dann ist es Religion.“

Natürlich ist das alles stärkster Tobak. Es ist, was die Leute lesen wollen. Anders als von Harari in den Raum gestellt, ist es jedoch alles andere als ausgemacht, ob die komplizierten biochemischen Abläufe des Gehirns wirklich einmal per Software nachzubilden sein werden. Eine große Zahl von Wissenschaftlern hat daran Zweifel.

Eindrucksvolle Siege von Schachcomputern („Alpha Zero“) sind da noch kein Beweis. Harari aber behauptet flott, dass praktisch auch jede geistige Arbeit künftig irgendwann von Maschinen geleistet werden kann. Dass er Religionen radikal in den Wertstoffhof der Geschichte schickt, kontrastiert mit jüngsten akademischen Forschungen, wonach Glaube durchaus Menschen glücklicher machen kann.

Lektionen im Lebensberater-Format

Ein Buchmarketing im Listicle-Format à la „21 Lektionen“ verspricht konkrete Lebensberatung. Beim Big Influencer Harari sieht sie so aus, dass wir nicht länger permanent über Migration und Terrorismus reden, sondern uns lieber mit Klimawandel, Atomkrieg und Data-Tech-Kapitalismus beschäftigen sollten, den wirklich wichtigen Themen.

Und darauf achten, dass Mitgefühl weiter eine wichtige Rolle spielt. Technologie und künstliche Intelligenz seien nicht deterministisch, so Harari, alles könne zum Guten gewendet werden.

Der wichtigste Hinweis des akademischen Lebensberaters zum Schluss: Konzentriert Euch! Vergesst all den Mist, den Euch die Welt da draußen ins Gehirn „hacken“ will. All die Fake-News-Stories, Handy-Spiele aus der Hölle wie „Candy-Crush“ oder Katzenvideos.

Wie das am besten geht, erklärt Harari am eigenen Beispiel. In einem früheren Stadium der Verzweiflung war er zur Vipassana-Meditation gelangt, die aus dem Buddhismus stammt. Ein spiritueller Lehrer brachte ihm bei, zwei Stunden täglich zu meditieren und ein bis zwei Monate im Jahr eine Rede- und Sendediät zu machen. Dann steigt er auf Zeit aus – kein Lesen, kein Reden, kein Handy. Er habe erkannt, nicht der CEO seiner persönlichen Marke zu sein, sondern „allenfalls der Türsteher“, sagt Harari.

Das ist die Dialektik des 21. Jahrhunderts: Der Mensch erfindet sich immer wieder neu bis zur Erschöpfung, um danach zu entgiften. Nur so ist der digitale Kapitalismus auszuhalten. Worin der Sinn des Lebens bestehe, fragt der Autor irgendwann in seinem Buch und offenbart dem zahlenden Publikum dabei die Grenzen eines Influencers: „Nun, das ist Ihr Problem, nicht meines.“

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