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Buchtipp: „Agentterrorist“ Wie ein deutscher Journalist zu Erdogans politischem Spielball wurde

Deniz Yücel hat ein Buch über seine Haftzeit in der Türkei geschrieben. Es ist weder eine aggressive Abrechnung mit Erdogan noch ein sprödes Knasttagebuch.
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Seine Verhaftung im Februar 2017 machte den damaligen Türkei-Korrespondenten selbst zum Objekt der Berichterstattung. Quelle: dpa
Deniz Yücel

Seine Verhaftung im Februar 2017 machte den damaligen Türkei-Korrespondenten selbst zum Objekt der Berichterstattung.

(Foto: dpa)

Istanbul Deniz Yücel akzeptiert keine Bedingungen. Anfang Februar 2018 ist der deutsch-türkische Journalist seit fast einem Jahr im Gefängnis. Da gibt es für Yücel die Möglichkeit eines „Deals“, der ihm die Freiheit schenken könnte. Doch der Inhaftierte lehnt ab. Der deutsche Generalkonsul in Istanbul sagt bei einem Gefängnisbesuch: „In Deutschland wird es niemand verstehen, wenn Sie dieses Angebot ablehnen. Sie verlieren die Unterstützung der Öffentlichkeit.“ Yücel entgegnet lakonisch: „Glaub ich nicht.“

Spätestens seit seiner Verhaftung im Februar 2017 ist Yücel aus deutscher Sicht der wohl bekannteste politische Häftling der Türkei. Mehr als 290 Tage saß der damalige „Welt“-Korrespondent wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ in Untersuchungshaft, bis er endlich freikam.

In seinem Buch über die Haftzeit beschreibt der 46-Jährige nun nicht nur minutiös sein Leben hinter Gittern, sondern analysiert mit klugem Blick die damalige politischen Großwetterlage – und das durchaus selbstkritisch.

Der Fall drückte die deutsch-türkischen Beziehungen auf einen Tiefpunkt. Yücel schafft es im Buch, persönliche Erlebnisse mit einer journalistisch-korrekten Analyse zu kombinieren. „Ihr Fall ist rein politisch“, sagt einer der Gefängniswärter zu ihm. „Wenn ich Leute wie Sie hier sehe, schäme ich mich für mein Land.“

Die Verhaftung ist aber nicht nur politisch brisant gewesen. Der Journalist, der sonst unabhängig berichten soll, ist hier selbst zum Objekt der Berichterstattung geworden. Und mit ihm alle seine Kollegen, in Deutschland und der Türkei. Das zeigt der Dialog kurz vor seiner Freilassung mit dem deutschen Beamten.

Deniz Yücel: Agentterorrist
Kiepenheuer & Witsch
2019
400 Seiten
22 Euro

Seine Inhaftierung war für die Bundesregierung zum Klotz geworden, der die deutsch-türkische Wiederannäherung behindert hatte. In Berlin muss allen klar gewesen sein: Das Thema Yücel muss vom Tisch. „Nützt oder schadet mir diese enorme öffentliche Präsenz?“, fragt Yücel in seinem Buch. Seine Ehefrau Dilek meint: „Zu viel Aufmerksamkeit ist kontraproduktiv.“

Vorwurf der Folter

Das Buch ist weder eine aggressive Abrechnung mit dem System Erdogan noch ein sprödes Knasttagebuch. Yücel bettet seine Erlebnisse und Ideen stets in einen klugen Kontext ein. Dabei hätte vermutlich jeder nachvollziehen können, wenn der Autor und Ex-Inhaftierte Yücel sich mit „Agentterrorist“ einfach nur den Frust von der Seele hätte schreiben wollen.

Einzig das letzte Kapitel des Buches wirkt, als wolle Yücel doch noch einmal nachtreten. Er beschreibt darin eine erniedrigende Begegnung mit Gefängniswärtern, die er selbst nach seiner Freilassung als „Folter durch Erdogan“ der Öffentlichkeit bekanntmachte. Ohne dem Autoren zu nahe treten zu wollen: Die Vorwürfe klingen stellenweise übertrieben, mindestens passen sie nicht zum analytischen Charakter des Buches.

Das zeigt jedoch nur: Auch ein Journalist ist nicht immer objektiv – erst recht nicht, wenn es um ihn selbst geht.

Mehr: Der Journalist Deniz Yücel verbrachte ein Jahr lang im türkischen Gefängnis – ohne Anklage. Eine Forderung auf Schadensersatz wurde nun jedoch abgewiesen.

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