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Buchtipp: „Das braune Netz“ Warum die braune Vergangenheit noch nicht vergangen ist

Der Wiederaufbau Deutschlands basierte auf Nazis und deren Sympathisanten. Willi Winkler zeichnet nach, wie der braune Spuk in der Gesellschaft neu auflebte.
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In seinem aktuellen Buch legt der Journalist dar, wie die Bundesrepublik nach dem Krieg von früheren Nazis wiederaufgebaut wurde. Quelle: imago stock&people
Willi Winkler

In seinem aktuellen Buch legt der Journalist dar, wie die Bundesrepublik nach dem Krieg von früheren Nazis wiederaufgebaut wurde.

(Foto: imago stock&people)

DüsseldorfMuss das sein? Dass wir uns immer und immer wieder mit Deutschlands brauner Vergangenheit beschäftigen?

Um es klar vorwegzunehmen: Ja, es muss sein. Daran lässt Buchautor Willi Winkler, Journalist und Autor, keinen Zweifel aufkommen. In seinem aktuellen Buch „Das braune Netz“ legt er kenntnisreich dar, wie stark die junge Bundesrepublik nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von alten Nazis und deren Sympathisanten dominiert wurde.

Die Spuren führen von den Nachkriegsjahren in ein Heute, in dem der braune Spuk neu auflebt: Antisemitische Äußerungen finden wieder Gehör, die Fremdenfeindlichkeit nimmt zu. Gerne beruft sich ein Teil der Gesellschaft auf das Recht der freien Meinungsäußerung, um dann zu formulieren, dass man nichts von Toleranz und Demokratie halte. Deutschlands Schuld an der Massenvernichtung der Juden, an Krieg und Vernichtung, werden relativiert – genau wie damals.

Ein Blick zurück: Der Wiederaufbau Deutschlands basierte auf dem „Personal von gestern“, erinnert Winkler. „Nazis saßen im Bundestag, in den Länderparlamenten, in sämtlichen Behörden und Ministerien, in der Polizei, in der Justiz, sie saßen in der Regierung und sie saßen zu Gericht, in manchen Fällen sogar über ihre ehemaligen Opfer.“

Exemplarisch schildert der Autor den Fall des Generals Hasso von Manteuffel. Noch 1944 ließ dieser einen Gefreiten wegen eines Vergehens hinrichten, obwohl ihn das Militärgericht zu nur zwei Jahren Haft verurteilt hatte. Umso erstaunlicher, dass sich nach dem Krieg sogar Vertreter der Kirche für ihn starkmachten.

Willi Winkler: Das braune Netz – Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde
Rowohlt
316 Seiten
22 Euro
ISBN: 9783737100397

Nach nur vier Monaten Haft wurde der General vom braunen Netzwerk aufgefangen: Max Prinz zu Waldeck und Pyrmont schrieb Briefe an alte Kriegskameraden und Industrielle, bat darum, sich des armen Generals anzunehmen. Er bat um Spenden für den Bau „eines kleinen Heims am Ammersee“.

Die Deutschen litten in den Nachkriegsjahren unter „Gekränktheitsnationalismus“, urteilt Winkler. Bombennächte und Vertreibung „schienen das Gefühl zu rechtfertigen, selbst das Opfer zu sein“ – erst das Hitlers, dann das der Besatzer. Statt sich der Vergangenheit zu stellen, sprachen die Deutschen lieber von sich als „Vaterlandsverteidigern, die das Land vor dem Bolschewismus bewahrt hatten“. Auch die Besatzer, die USA, Frankreich und Großbritannien fürchteten die angeblich drohende Herrschaft des Proletariats.

So galt es als legitim, über die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik zu diskutieren. Selbst „die evangelische Kirche bewies in Gestalt ihrer Spitzenkräfte (mit Ausnahme von Männern wie Martin Niemöller und Gustav Heinemann), dass sie die Nähe zum Militär nicht scheute“ und die Wiederaufrüstung wohlwollend begleitete.

Die Relativierung der braunen Vergangenheit zog sich durch alle Schichten der Gesellschaft – durch die Medien bis hinauf zu Bundeskanzler Konrad Adenauer. Fast erstaunlich, wie Deutschland sich vor diesem Hintergrund schließlich doch noch in ein modernes, weltoffenes Land wandelte. Winkler appelliert daran, dafür zu sorgen, dass es so bleibt.

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