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Buchtipp: „Das Ende der Mittelschicht“ Das sind die wirklichen Probleme der Mittelschicht

Der Journalist Daniel Goffart ist nicht der erste Autor, der das Ende der Mittelschicht ausruft. Seine ökonomische Analyse zeigt: Recht hat er dennoch.
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Der Autor überrascht die Leser mit einem Interview des Bundesarbeitsministers Hubertus Heil (SPD). Quelle: imago images / Mauersberger
Daniel Goffart

Der Autor überrascht die Leser mit einem Interview des Bundesarbeitsministers Hubertus Heil (SPD).

(Foto: imago images / Mauersberger)

Berlin„Das Ende der Mittelschicht“. Schon der Titel des Buches von Daniel Goffart, Chefkorrespondent beim Nachrichtenmagazin Focus, garantiert eine spannende Kontroverse. Genau diese Debatte brauchen wir in Zeiten des Brexits, des Freihandelsstreits, der Globalisierung und der enormen Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung.

Der frühere Handelsblatt-Politikchef stellt gleich zu Beginn zwei zentrale Fragen, die das Vertrauen der arbeitenden Mitte in die Zukunft untergräbt: Wie war es möglich, in der alten Bundesrepublik als Durchschnittsverdiener mit einem Gehalt eine ganze Familie zu ernähren? Und warum können sich heute normale Angestellte kaum noch eine Wohnung in einer Großstadt leisten – und das, obwohl die Zahl der Doppelverdiener-Haushalte sprunghaft gestiegen ist?

Auf 400 spannend und unterhaltsam geschriebenen Seiten analysiert der gelernte Jurist die Lage vieler Leistungsträger. Die Politik verweist auf die derzeit noch glänzenden Arbeitsmarktzahlen, doch Goffart macht die wirklichen Probleme der Arbeitnehmer schonungslos in seiner ökonomischen Analyse sichtbar.

Während die Gehälter der Top-Manager explodierten, stiegen die Realeinkommen der Arbeitnehmer in den vergangenen 30 Jahren nur sehr moderat. Der Durchschnittsverdiener musste danach sogar Stagnation oder Reallohnverluste verkraften. Flaute herrscht laut Goffart auch bei den Sparguthaben und Lebensversicherungen der Mittelschicht. Die lange Phase der Niedrigzinsen hat tiefe Spuren in den Bilanzen der Assekuranzen hinterlassen.

Goffart spricht die relevanten Ursachen für die Sorgen der Menschen an. Seit einigen Jahren explodieren die Mieten. Nur 45 Prozent der Deutschen besitzen Wohneigentum. Reguläre Festanstellungen werden in atypische Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt. Leih- und Zeitarbeit nehmen seit Jahren zu, ebenso geringfügige und befristete Beschäftigung. Inzwischen befindet sich fast jeder vierte Arbeitnehmer in einem solchen prekären Arbeitsverhältnis, das sind rund 7,7 Millionen Menschen.

Daniel Goffart: Das Ende der Mittelschicht.
Berlin Verlag
2019
400 Seiten
22 Euro
ISBN-13: 978-3827013965

Die Analyse von Goffart ist richtig, dieser Niedriglohnsektor macht auch Teilen der Mittelschicht Angst. Doch hier bleibt etwas Skepsis zurück. Der Abgesang trifft nicht auf den Großteil der knapp 45 Millionen Beschäftigten zu. In der Momentaufnahme gibt es eine Prekarisierung, die sich allerdings noch nicht stark in die Mitte reingefressen hat. Hier ist die These vielleicht etwas zu steil.

Nicht zuletzt sorgt laut Goffart auch das kontinuierlich sinkende Rentenniveau für Verunsicherung und wachsende Angst vor Altersarmut. Die Mittelschicht schrumpft, ebenso ihr Anteil am Volksvermögen. Den offensichtlichsten Beweis für die permanente Ausplünderung der Mittelschicht durch den Staat, sieht Goffart in der Tatsache, dass man ab einem Jahresgehalt von 54.450 Euro bereits mit dem Spitzensteuersatz belegt wird. Für Goffart ist die Mittelschicht der Lastesel des deutschen Sozial- und Steuerstaats.

Am Beginn der digitalen Epoche

Der größten Veränderung des vertrauten Lebens, die der Mittelschicht noch bevorsteht, widmet der Autor weite Strecken seines Buches. „Die Digitalisierung wird nicht nur die gesamte Industrie und damit die Basis unseres Wohlstands radikal verändern. Algorithmen und künstliche Intelligenz stellen auch das bisherige Arbeitsleben und die Beschäftigungsstruktur von Millionen Menschen auf den Kopf“, so die Analyse von Goffart. Für ihn stehen wir am Beginn der digitalen Epoche und wollen nicht wahrhaben, dass es die Welt, wie wir sie kannten, in wenigen Jahren nicht mehr geben wird.

Die Reformvorschläge am Schluss des Buchs sind auf 40 Seiten zusammengefasst. Im Kern plädiert Goffart für einen neuen Gesellschaftsvertrag für die digitale Zukunft, der zehn konkrete Punkte umfasst. Zentraler Bestandteil ist dabei die Wahrung und Durchsetzung des Rechts im Internet. Das Recht muss für Start-ups wie für große Internetkonzerne gelten, wie für jedes andere Unternehmen in der analogen Welt auch.

Der Umgang mit den Daten entscheidet aus der Sicht Goffarts über die Zukunft der digitalen Gesellschaft. Als Überraschung am Ende des Buches präsentiert uns Goffart noch ein Interview mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) über die Arbeitswelt von morgen. Das Gespräch enthält viel Nachdenkenswertes. Vor allem die Frage nach der Verteilung der gewaltigen digitalen Rendite und die Kosten der Disruption werden uns noch lange beschäftigen.

„Das Ende der Mittelschicht“ ist ein starkes Debattenbuch. Es wird von den Entscheidungsträgern in Berlin genauso gelesen werden wie von politischen interessierten Bürgern aus der Mittelschicht. Es bietet genug Stoff für Diskussionen. Das Buch ist ein Weckruf zur rechten Zeit.

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