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Cyberkriminalität

Digitale Überwachung: Der Mensch zahlt mit seinen Daten, so die Aussage des neuen Buchs von Shoshana Zuboff.

(Foto: dpa)

Buchtipp „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ – Wenn Kunden zu Datenquellen werden

Die Friedman-Schülerin Shoshana Zuboff warnt vor exzessiven Digitalkonzernen. In ihrem neuen Buch erklärt sie, warum Freiheit und Markt in Gefahr sind.
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München Unter Ökonomen ist der Begriff der „Geldillusion“ eine feste Größe. Üblicherweise wird so die Neigung von Arbeitnehmern charakterisiert, vor allem auf den Nominallohn zu schauen und nicht auf den Reallohn, der nach Abzug der Inflation übrig bleibt. Man zeigt sich in solchen Fällen mit mehr Arbeitsentgelt auf dem Konto zufrieden, obwohl die Preise ebenfalls gestiegen sind. Der Mensch rechnet sich gern reich.

Das gleiche Phänomen tritt auf im „Digitalismus“, dem Zusammenwirken von Kapitalismus und Internetmonopolen. Noch immer glauben viele Menschen, die Suchmaschine von Google oder das soziale Netzwerk von Facebook seien gratis, also preisfrei – dabei bezahlen sie mit etwas viel Wertvollerem als Geld, ihren persönlichen Daten.

Dank dieser Daten machen Google und Co. in der Vermarktung gegenüber der Werbewirtschaft riesige Gewinne. Diese Gewinne sind Maß der Illusion bei den Nutzern, die glauben, alles umsonst zu bekommen.

Die tatsächliche Lage: Die Kunden sind nicht mehr Kunden, sondern vielmehr Datenquellen, die den Rohstoff für die wirklichen Kunden der Onlinegiganten liefern, nämlich die großen und kleinen Markenunternehmen, die ihre Botschaften loswerden wollen.

Diese neue Form der Geldillusion ist die Basis des Digitalismus. Und weil wir immer stärker in die Gratisfalle hineingehen und ständig neue, bessere Daten produzieren, wachsen auch Kontrolle und Manipulation im Netz. Eher als wir selbst wissen die Datenkonzerne, was wir morgen nutzen werden.

Wie kaum eine andere Publizistin hat Shoshana Zuboff diese Zusammenhänge erkannt. Die Eroberung des Individuums durch den Digitalismus ist ihr Lebensthema. Kaum jemand hat so früh wie die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin, die als 19-Jährige beim marktradikalen Monetaristen Milton Friedman in Chicago studiert hat, den Aufstieg der Algorithmus-Intelligenz beschrieben, nämlich 1988 in ihrem Buch „In the Age of the Smart Machine“.

Ihre unbarmherzigen Analysen gipfeln in ihrem neuesten Buch über die Ära des „Überwachungskapitalismus“, in dem ihre vor 30 Jahren beschriebenen potenziellen Möglichkeiten zur Realität geworden sind.

Shoshanna Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus
Campus Verlag
2018
727 Seiten
29,95 Euro

Die 67-jährige, emeritierte Professorin der Harvard Business School pflügt das Geschäft mit den Daten voller Verve um. Das sei mittlerweile ein globaler Markt, der wie jeder andere Markt aus dem Kaufen und Verkaufen von Gütern entstanden sei. Shoshana Zuboff zieht sozusagen dem rentablen Geschehen den schönen Schleier der Geldillusion weg und eröffnet den Blick in das wahre Purgatorium einer speziellen Ökonomie, die mittlerweile den Alltag von drei Milliarden Menschen prägt.

Den so entstandenen Überwachungskapitalismus definiert die Professorin gleich eingangs als „parasitäre ökonomische Logik“, als „aus der Art geschlagene Form des Kapitalismus“ oder sogar als „Enteignung kritischer Menschenrechte, die am besten als Putsch von oben zu verstehen ist“.

Damit ist der Ton gesetzt für ein 600-Seiten-Buch voller Philosophie und Geschichtswissenschaft, für eine ungewöhnliche Inspirationsreise mit Denkern wie Jean-Paul Sartre, Hannah Arendt oder Theodor W. Adorno, für eine anthropologische Abrechnung mit den Auswüchsen im System rund um Google, den Pionier dieser neuen Welt.

Ganz so, als ob die Google-Eigner Larry Page und Sergej Brin die Buchthesen bestätigen wollten, präsentieren sie in diesen Tagen ein neues Geschäftsmodell, bei dem Suchanfragen nicht mehr möglichst schnell möglichst viele Treffer anzeigen, sondern sich vielmehr auf eine engere Vorauswahl beschränken, die dem Profil des jeweiligen Nutzers entsprechen soll.

Zuboffs einfache Grundfrage bei so viel Kommerzialisierung lautet: Kann die digitale Welt uns eine Heimat sein? Die Antwort ist kompliziert, aber eines wird bei ihrem Rund- und Einblick klar: Lieber ins Exil als eine solche Heimat zu haben, wie sie die Zentralen in Mountain View (Google), Menlo Park (Facebook) oder Redmond (Microsoft) für uns entwerfen. Zuboffs Hauptaugenmerk gilt diesen drei Unternehmen, ihren „Petrischalen“, um die DNA des neuen Kapitalismus am besten studieren zu können.

„Verhaltensüberschuss“ nennt sie das XXL-Datenwissen, mit dem Google und Co. Geschäfte machen.

„Big Other“ is watching you

Shoshana Zuboff ist vielleicht die gefährlichste, weil intelligenteste Gegnerin der Allmacht von der amerikanischen Westküste. Längst ist dort das Ende der Utopie Silicon Valley zu beklagen. Die wunderschönen Grassroot-Pläne zu Beginn des World Wide Web vor 25 Jahren sind zu Big-Data-Mechanismen einer permanenten Ausbeutung geworden; aus dem „bewussten Zuhause“, das Zuboff preist, entstand das Fremdgebiet eines „Verhaltensterminkontraktmarkts“.

In diesem Feld sichert künstliche Intelligenz, gespeist durch einen immer größeren Strom menschlicher Daten, allerlei „Vorhersageprodukte“ – also Dienstleistungen rund um das, was wir in Kürze tun werden. Wie an der Börse handelt der Digitalismus jene Zukunft ab, die das Volk billigst verkauft hat.

Es sei ein „faustischer Pakt“ entstanden, warnt Shoshana Zuboff und sieht einen antidemokratischen „Instrumentarismus“ am Werk, ein „Big Other“ („das Große Andere“), wie sie die moderne rechnergestützte Infrastruktur nennt. „Big Other“ entwickele, teste, schleife und normalisiere seine Elemente, „und wir werden dickfellig gegenüber seiner Monstrosität“. Wenn wir nicht aufpassen, entstehe „die keimfreie Friedhofsstille der Tyrannei“. Anders gesagt: „Big Other“ macht „Big Brother“ möglich.

In der bildhaften Beschreibungswelt der US-Expertin wächst eine Gesellschaft heran als „Human-Simulation von Maschinenlernsystemen“, als ein riesiges „Schwarmhirn“, in dem jedes Element im Verein mit jedem anderen Element lernt und funktioniert. Zuboff geht es um die Gesetzmäßigkeiten dieses Überwachungskapitalismus, dessen Bedeutung durch die NSA-Enthüllungen des Edward Snowden vor fünf Jahren klar geworden ist.

Die Gesetzmäßigkeiten dieses Systems seien „die Puppenspieler, die hinter dem Vorhang die Drähte der Maschinen ziehen“, meint sie. Und merkt verblüfft an, dass die Bühne mitten im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts stehe, wir selbst uns aber „nach wie vor in den Klauen des ökonomischen und sozialen Wettstreits des 20. Jahrhunderts sehen“.

Ein Fazit dieses faszinierenden Buchs lautet, dass der neue Digitalismus stark abweicht von der klassischen Marktwirtschaft. Die erledigt sich demnach quasi von allein, da das System zwar wie ehedem im Liberalismus völlige Freiheit fordert, andererseits aber auch totales Wissen anstrebe. Es erzwinge eine „kollektivistische Version des Lebens im Schwarm“, folgert Zuboff, da die Überwachungskapitalisten und ihre „Datenpriesterschaft“ über totale Kontrolle verfügten.

Es gibt dann eben keine „unsichtbare Hand“ mehr wie bei Adam Smith, die den Markt steuert, sondern nur die Totalität der Daten. Der klassisch unverständliche Markt wird verständlich und in ein paar Konzernzentralen gemacht. „Nicht die besten Produkte gewinnen, sondern die, die jeder benutzt“, schrieb ein Facebook-Manager in einem internen Memo.

„Seid Sand im Getriebe“

Denkt man diese Beobachtung zu Ende, kommt man zwangsläufig zu einer Konvergenz der Systeme, zu einem Aufeinanderzudriften des westlichen Datenkapitalismus made in USA und des östlichen Datenkapitalismus made in China. In der roten Volksrepublik ist die Digitalkollektivierung sogar weiter fortgeschritten, bei gleichzeitig großen Freiheiten im Konsumwesen und wenigen Freiheiten in der Politik.

Diesem Trend will Zuboff Widerstand entgegensetzen, ohne allzu ausführlich zu sagen, wie der aussehen soll. Nur so viel: Konsequente Datenschutzverordnungen, so wie in Europa eingeführt, seien nötig, da ja kein Datenkapitalist freiwillig über seine gesammelten „Schattentexte“ informiere. Das beweise der Facebook-Skandal um Cambridge Analytica.

Die digitale Revolution will die Verfasserin durch eine Bürgerrevolution konterkarieren. Nur ein entschiedenes „Wir, das Volk ...“ könne die Entwicklung noch umkehren. Es gelte, das Beispiellose zu benennen und neue Formen gemeinsamer Aktion zu mobilisieren.

Zuboff fordert, was sie oft gefordert hat: „Seid Sand im Getriebe!“ Sie will den Neuanfang, einen sozialen Re-Start des Kapitalismus und dafür zunächst einmal – ganz wie von Lehrmeister Friedman einst gepredigt – die öffentliche Meinung beeinflussen. Gesetze folgen, so die Erkenntnis, à la longue dem Willen der Öffentlichkeit.

Trotzig besteht sie auf dem Primat einer florierenden menschlichen Zukunft als Fundament der Informationszivilisation und will die Hoffnung nicht aufgeben: „Wenn die digitale Zukunft uns eine Heimat, ein Zuhause sein soll, dann ist es an uns, sie dazu zu machen.“

Es liegt etwas Romantisch-Kämpferisches über diesem Buch, in dem oft der Lyriker Wystan Hugh Auden und sein Zyklus „Sonette aus China“ zitiert werden, ein Werk rund um die Geschichte der Menschheit mit ihrem Ringen um Herrschaft und Unterdrückung und der Frage: Herr oder Knecht, Meister oder Sklave? Eine Frage, die sich im Datenkapitalismus – wenn die Geldillusion der Leute erst einmal verflogen ist – ganz neu stellen wird.

Wie heißt es so schön bei Zuboffs Lieblingspoeten Auden: „Nur weil wir müssen, leben wir in Freiheit, ein Bergvolk, das sich in den Bergen bläht.“

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