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Buchtipp: „Die Kunst des digitalen Lebens“ Rolf Dobelli: „Der Konsum von ‚Breaking News‘ ist unnötig“

Der Schweizer Bestsellerautor spricht über das „Breaking News“-Dauerfeuer, seine radikale Entwöhnung davon und die Chancen, die sich für guten Journalismus ergeben.
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Der Autor war süchtig nach News. Quelle: Marcus Hoehn/laif
Rolf Dobelli

Der Autor war süchtig nach News.

(Foto: Marcus Hoehn/laif)

Düsseldorf Rolf Dobelli ist seit Jahren ein verlässlicher Bestsellerautor: Ratgeber-Bücher wie „Die Kunst des klugen Handelns“ oder zuletzt die „Die Kunst des guten Lebens“ schafften es immer wieder an die Spitze der Verkaufscharts. Was kaum bekannt ist: Der Schweizer Autor war auch mal ein Süchtiger. Er selbst beschreibt sich als „extremen News-Junkie“.

Viele Jahre lang habe er geglaubt, dass der stete Nachrichtenfluss aus Terror- und Klatschmeldungen, Promi-Hochzeiten oder Naturkatastrophen ihn als Bürger, Manager und Unternehmer klüger mache. „Eigentlich ist das krankhaft, eine Sucht. Der Konsum dieser ‚News‘ ist unnötig, frisst Zeit, macht krank“, bilanziert er nun in seinem neuen Buch „News-Diät“.

Die News-Sucht sei gefährlicher als Alkohol, warnt er – und skizziert zugleich einen radikalen Ausweg: Dobelli selbst hat alle Online-Newsletter, RSS-Feeds und Zeitungs-Abos abbestellt. Zugleich glaubt er aber mehr denn je an die Kraft von tiefgehendem Erklär- und Enthüllungsjournalismus. „Soziale Netzwerke dagegen bergen jede Menge Gefahren und sind ein Zeitfresser ohnegleichen.“ Dobellis Tipp: Jetzt aussteigen!

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Dobelli, Ihr neues Buch heißt „News-Diät“. Sie beklagen, dass wir uns tagtäglich an kleinen Info-Happen überfressen. Wann haben Sie das Problem dieser medialen Überfütterung an sich selbst diagnostiziert?
Schon vor weit über zehn Jahren: Immer, wenn ich eine schwierige Aufgabe vor mir hatte, lenkte ich mich lieber auf allen Kanälen mit solchen „News“ ab …

… womit Sie jene Kurznachrichten meinen, die uns wie ein nicht enden wollender Strom durch den Tag begleiten via Handy, TV, Onlineangeboten: Promi-Hochzeiten, Staatsbesuche, Terrorangriffe, Katastrophen, Affärchen aller Art …
Genau. Und je lauter diese vermeintlichen „Breaking News“ angeboten werden, umso irrelevanter sind sie. Das meiste davon hat man morgen schon vergessen. Und ich merkte irgendwann: Eigentlich ist das krankhaft, eine Sucht. Der Konsum dieser „News“ ist unnötig, frisst Zeit, macht krank. Sie schaffen nur die Illusion, man verstehe mit ihrer Hilfe die Welt besser. Das Gegenteil ist der Fall. So schrieb ich vor zehn Jahren ein erstes Essay zu dem Thema. Und damals habe ich auch – zunächst für mich persönlich – beschlossen: So kann’s nicht weitergehen.

Sie selbst waren „voll auf Droge“: Newsletter, RSS-Feeds, Websites, Pushnachrichten. Woran merkten Sie, dass Ihnen der stetige Nachschub nicht guttat?
Ich war wirklich zum News-Junkie geworden. Weil ich dachte, das gehöre sich so als Manager, Unternehmer, aufgeklärter Bürger. Und ich ahne heute, dass mich das damals in einen derart chronischen Stress gestürzt hat, irgendwas zu verpassen, dass mein Leben sicher ein paar Monate verkürzt wurde.

Sie klagen, das „News“-Dauerfeuer würde falsche Prioritäten setzen. Es führe dazu, dass etwa Terrorismus oder Promi-Nachrichten über-, viele komplexe Langfrist-Themen aber unterschätzt werden. Haben wir zu viel IS und Lady Gaga und zu wenig Klimawandel?
Wer News konsumiert, zimmert sich eine falsche Risikokarte im Kopf. Wir überschätzen systematisch die Wichtigkeit greller, personalisierbarer und sich schnell entwickelnder Events. Und wir unterschätzen systematisch die Wichtigkeit von Entwicklungen, die langsam vonstattengehen, komplex und nicht personalisierbar sind. Das sind etwa so existenziell wichtige Themen wie die wachsende Resistenz von Krankheitserregern aller Art, die schwer vermittelbar sind – und entsprechend in dieser globalen News-Industrie keine Rolle spielen.

Rolf Dobelli: Die Kunst des digitalen Lebens – Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern.
Piper Verlag
256 Seiten
20 Euro
ISBN: 978-3-492-05843-8

Sie haben sich dazu zwei Grundfragen gestellt: Versteht man die Welt dank solcher „News“ besser? Trifft man durch sie bessere Entscheidungen?
Und beide musste ich konsequent verneinen. Tausend Meldungen über blutige Details des Syrienkriegs sorgen nicht dafür, dass Sie diesen Konflikt verstehen. Dazu braucht es lange Artikel von informierten Fachleuten – und vor allem Bücher, Bücher, Bücher.

Aber weiß man denn immer so genau, was einem etwas bringt? Ist nicht genau das auch das Wesen des Menschen, dass er neugierig Dinge ausprobiert – auch Nachrichten? Auch ergebnislos?
Das stimmt natürlich. Man soll sich Neuem nicht verschließen. Aber im Jahr konsumiert ein durchschnittlicher Nachrichtennutzer bis zu 20.000 solche Meldungen. Fragen Sie sich selbst mal: An welche zehn aus dem vergangenen Jahr erinnern Sie sich? Und welche erlaubten es Ihnen, eine bessere Entscheidung zu treffen – für Ihre Familie, Ihren Beruf oder die Welt –, als wenn Sie diese Meldung nicht gehabt hätten?

Wenn man mal Prioritäten der medialen Risiken setzen will: Was ist problematischer – soziale Medien wie Youtube und Instagram oder kuratierter Journalismus?
Natürlich ist der kuratierte Journalismus nach wie vor enorm wichtig. Soziale Netzwerke dagegen bergen jede Menge Gefahren und sind ein Zeitfresser ohnegleichen.

Was ist nützlicher: Audioquellen, also etwa Radio und Podcast – oder die Schrift?
Beides kann hilfreich sein, wenn die Formate sich Zeit lassen und in die Tiefe gehen, weg von der Schnipselwelt der Oberfläche.

Sind lange Texte eigentlich a priori gut?
Natürlich gibt es auch schrecklich ausgewalzte Bücher, Reports und Podcasts. Gerade in der Managementliteratur tauchen immer wieder dicke Werke auf, denen für 250 Seiten eine einzige These genügt. Aber das merkt man dann ja doch nach den ersten 20 Seiten – und sollte das Buch dann auch getrost weglegen. Generell gilt: je kürzer, desto schlechter.

Letztes Kontrastpaar. Was ist besser: Print oder Digital?
Ich favorisiere Print. Online wird man dauernd von Hyperlinks abgelenkt, die einen auf falsche Fährten locken.

Die News-Sucht sei gefährlicher als Alkohol, schreiben Sie. Wie sah dann Ihre persönliche Detox-Kur aus?
Ich habe mich von allen Onlineportalen abgemeldet, die News-Webseiten im Handy gelöscht und bin auch nie mehr zurückgekehrt. Fernseher und Radio wurden verbannt. Auch die Tageszeitungen. Das ist der erste und zugleich wichtigste Schritt. Eine Lightversion dieser Entwöhnung wäre, sich nur noch auf ein Printprodukt pro Woche zu konzentrieren – und auch da nur die ausführlichen Texte zu studieren.

Sie persönlich sind radikaler vorgegangen.
Ich habe auf alles verzichtet, ja. Und ich kann nur empfehlen, es zumindest mal 30 Tage lang zu versuchen. Das ist übrigens auch die härteste Phase so einer Entwöhnung. Und wenn’s zu schwierig wird: Man kann ja jederzeit zurückkehren. Aber ich garantiere Ihnen: Sie werden sich freier fühlen ohne diese ganzen News-Splitter im Kopf. Sie werden mehr Zeit haben, ruhiger agieren und klarer denken. Und das Erstaunliche: Sie werden nichts Wichtiges verpassen.

Sie selbst konzentrieren sich bei der Medienauswahl seither nur noch auf Ihre zwei wichtigsten „Kompetenzkreise“: Familie und Beruf. Das Konzept der „Kompetenzkreise“ haben Sie von Warren Buffett und seinem langjährigen Geschäftspartner Charlie Munger übernommen …
… und es scheint mir perfekt für jede Profession: Egal, ob Sie Arzt sind oder Gärtner, Ingenieur oder Manager – es gibt Fachmedien, Kollegen, Kongresse, denen Sie vertrauen können und durch die Sie klüger werden. Die dürfen natürlich auch genutzt werden.

Ist das unsere Chance als Wirtschaftszeitung?
Absolut. Und da können dann natürlich auch kleine Meldungen wieder relevant sein: Börsenkurse, Bilanzzahlen, Arbeitsmarktdaten – die sind für Wirtschaftsleute ja durchaus wichtig. Generell wäre es ideal, wenn das mediale Dauerfeuer Platz machen würde für saubere, kuratierte Angebote, die dann natürlich auch nicht gratis sind, sondern ihren Preis haben.

Den Journalismus wollen Sie erfreulicherweise nicht abschaffen, sondern fokussieren: auf Investigatives und „Erklärungspublizistik“. Sind wir Teil der Lösung oder doch des Problems?
Das hängt ganz davon ab, was Sie Ihren Lesern bieten wollen. Je tiefgründiger das Handelsblatt ist, umso optimistischer bin ich. Tatsächlich glaube ich, dass die beiden skizzierten Felder die Zukunft des Journalismus sind: Enthüllungen über Missstände einerseits, Analysen und Erklärungen andererseits. Übrigens: Je abhängiger Journalisten von Werbegeldern sind, umso eher werden sie zu Drogendealern des süßen Giftes „News“. Wer dagegen für Abonnenten schreibt, kann und muss dauerhaft hohe Qualität liefern.

Sind Ihre „Kompetenzkreise“ nicht auch ein anderes Wort für „Filterblase“?
Nein, im Gegenteil! „Filterblase“ bedeutet: Sie nehmen ideologisch nur jene Meinungen wahr, die Sie ohnehin teilen. „Kompetenzkreis“ bedeutet eben gerade, dass man auch ganz andere, aber fachlich fundierte Standpunkte abwägt. In Ihrem Kompetenzkreis suchen Sie aktiv nach Informationen, die Ihre Sicht der Dinge unterminieren. Und das macht Sie am Ende schlauer.

Angesichts von Twitter, Facebook und Co. sprechen Sie auch von „brodelnden Meinungsvulkanen“ allerorten.
Schauen Sie sich um: Es werden viel zu viele Meinungen produziert – und zu wenig Fakten. Wir alle haben nur 24 Stunden pro Tag. Schon wenn man in den beiden Kompetenzkreisen Familie und Beruf gut sein will, hat man wirklich genug zu tun.

Ist Donald Trump Spross, Profiteur und Fanal unserer „News“-Sucht gleichermaßen?
Ich denke schon. Erfreulicherweise kriege ich von ihm kaum etwas mit. Ich bekomme ihn quasi nur über die Empörung meines Bekanntenkreises gespiegelt, der mir dauernd sagt, dass man den Mann einfach nicht mehr aushalten könne. Und meine Antwort ist dann: Man kann auch gut auf Trump verzichten.

Haben Sie überhaupt mitbekommen, dass er neulich einen Staatsbesuch in Dänemark absagte, weil ihm die Regierung Grönland nicht verkaufen wollte?
Hahaha! Nein. Wirklich? Verrückt! Und macht mich das nun klüger, dass ich es weiß? Sie sehen: So absurd ist die „News“-Industrie. Und so irrelevant.

Ihr Resümee: News sind sogar demokratieschädlich.
Sie sind gefährlich, ja, weil sie ja fortwährend weiter pervertieren. Es geht längst nicht mehr nur um dummen Schrott. Der Anteil von Fake News am gesamten Nachrichtenaufkommen wächst stetig.

Was wird die Zukunft bringen?
Vier Trends: Die News-Flut nimmt exponentiell zu. Sie umgibt uns immer und überall. Algorithmen verstehen uns immer besser und erschaffen die „Nachrichten“ immer öfter selbst – personalisiert auf unsere Interessen zugeschnitten. Und News lösen sich zunehmend von der Wahrheit. Wenn Sie den Mut haben auszusteigen, tun Sie es jetzt noch! Schon in wenigen Jahren werden die künstlichen News-Aggregatoren so perfekt sein, dass Sie den Ausgang nicht mehr finden. Auch da helfen Bücher, die selbst für die beste Künstliche Intelligenz noch lange nicht reproduzierbar sein werden. Fake News sind einfach zu produzieren. „Fake Books“ hingegen schwierig.

Droht uns ein von Maschinen generiertes, totalitäres Lügengewitter?
Dagegen wären wir nur gefeit, wenn wir als Gegenwaffe andere Agenten Künstlicher Intelligenz entwickeln könnten, die für uns die Wahrheit noch erkennen. Wir als Menschen allein kriegen das nicht mehr hin. Davon bin ich überzeugt.

Wer ist der wahre Gegner? Klassische Boulevardmedien oder Medienkonzerne wie Google?
Auf jeden Fall Google und andere IT-Konzerne. Gegen deren technologische Fähigkeiten ist der Boulevard harmlose Unterhaltung.

Wünschen Sie sich von der Politik Regelungen gegen die Droge „News“?
Schwierige Frage, auf die ich noch keine Antwort habe. Ich vertraue eigentlich gern dem Markt und der Kraft rationaler Konsumenten, die diesen Markt durchaus beeinflussen können. Aber manchmal versagen auch Märkte.

Wie geht eigentlich der Rest Ihrer Familie mit Ihrer Mission um?
Lustigerweise hat meine Frau schon viel früher mit dem News-Konsum aufgehört. Aber bei ihr ergab es sich einfach so, während ich mich aktiv entwöhnen musste.

Herr Dobelli, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Infografik – Politik wird heute auch per Twitter gemacht. Viele Abgeordnete nutzen das soziale Netzwerk intensiv, bewegen sich dabei aber oft in einer Filterblase.

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