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Buchtipp: „Die Neue Heimat“ Wie aus großen Ideen große Bausünden wurden

Die Bauhaus-Schule schaffte in den 60er-Jahren den Nährboden für Bauten der Neuen Heimat. Ein Sammelband zeigt, was aus diesen Ideen später wurde.
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Das Hotel „Atlantic“ im Vordergrund wirkt plötzlich winzig. Quelle: Hamburgisches Architekturarchiv
Planung für Hamburger Alsterzentrum

Das Hotel „Atlantic“ im Vordergrund wirkt plötzlich winzig.

(Foto: Hamburgisches Architekturarchiv)

HamburgEinhundert Jahre Bauhaus, das bedeutet auch: einhundert Jahre Utopie. Die Gründer der Gestaltungsschule verbanden 1919 mit ihren Stahlrohrmöbeln und Flachdachbauten nicht nur eine Revolution der Gestaltung. Sondern auch einen tiefen Glauben an die gesellschaftsverändernde Kraft von Architektur und Design.

Darauf baute im wahrsten Sinne des Wortes die Neue Heimat in den Sechzigerjahren auf. Auch der gewerkschaftseigene Immobilienkonzern heftete sich nichts weniger als Weltverbesserung durch Bauen auf die Fahnen und prägte gut zwei Jahrzehnte lang das Baugeschehen in Deutschland, errichtete über 460.000 Eigenheime und Wohnungen. Hinzu kommen Krankenhäuser wie das Universitätsklinikum Aachen und Gewerbebauten wie das Elbe-Einkaufszentrum in Hamburg. Viele der Betonbauten im typischen Fertigformat gelten heute als wenig lebenswert.

Das Architekturmuseum der Technischen Universität München widmet der Neuen Heimat jetzt eine Ausstellung und einen lesenswerten Sammelband. Darin wird klar: Die Neue Heimat liefert uns eine Parabel, wie gut gemeinte Ideen in ihr Gegenteil verdreht werden können.

Zwar führt außer dem weltverbessernden Anspruch und der Vorliebe für Flachdächer und rechte Winkel keine direkte architekturgeschichtliche Ahnenlinie vom Bauhaus zur Neuen Heimat. Aber es lohnt sich dennoch, im Bauhaus-Jahr an die Neue Heimat zu erinnern. Daran, dass große Ideen und große Strukturen das Risiko erhöhen, groß zu scheitern – in der Architektur, in der Politik, im Management.

Das Märchen der Wohnungsnot

Bewusst spielte die Neue Heimat in ihrem Marketing mit dem Gegensatz zwischen den heruntergekommenen Altbau-Arbeitervierteln der Innenstädte und den lichten, modernen Betonbauten der Neuen Heimat. Ein konzerneigenes Forschungszentrum strickte am Narrativ von der Befreiung des Bürgers durch besseres Wohnen.

Andreas Lepik und Hilde Strobl (Hg.): Die Neue Heimat
Edition Detail
2019
236 Seiten
29,90 Euro

Bis die Wirklichkeit den Konzern einholte. 1986 versank die Neue Heimat erst in einem Korruptionsskandal und dann in einer spektakulären Pleite. Auch von der sozialen Utopie ist wenig geblieben. In vielen Städten gelten die Hochhaussiedlungen der Neuen Heimat als Problemviertel. Die von der Neuen Heimat so vehement attackierten Altbauviertel hingegen bilden heute den Stoff, aus dem die Wohnträume der Mittelschicht sind.

Der neue Sammelband trägt den provokanten Untertitel „Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“. Das ist vielleicht ein bisschen ungerecht formuliert, aber eben auch nur ein bisschen. Die Siedlungen der Neuen Heimat gehörten unter Willy Brandt zur Standardkulisse von SPD-Wahlwerbespots. Wohnhochhäuser aus Betonfertigteilen standen damals für sozialdemokratischen Fortschritt im Dienste des Menschen, ebenso wie Atomkraftwerke und Autobahnen.

Auch hätte der Gewerkschaftskonzern niemals so ungehindert seine Pläne durchsetzen können, wäre er nicht aufs Engste mit den Rathäusern der damals meist sozialdemokratisch regierten Großstädte vernetzt gewesen. Wie nonchalant die Auftragsvergabe eines Berliner Staatssekretärs an Neue-Heimat-Chef Albert Vietor vonstattenging, schildert ein Zeitzeuge im Sammelband: „Das lief relativ formlos ab und wurde durch eine Umarmung unter Genossen besiegelt.“

Niedliche Namen für schwere Betonklötze

Und so konnte die Neue Heimat bauen, was die Betonmischer hergaben. Die Namen der neuen Großsiedlungen waren meist niedlich (München-Hasenbergl, Lübeck-Buntekuh, Mannheim Vogelstang), die Sprache im Konzern hingegen militärisch: Da wurden „Wohneinheiten“ verschoben und für die Betonfertigteile „Feldfabriken“ errichtet. Der architektonische Marschallgestus gipfelte in Vietors berüchtigtem Zitat: „Wenn Sie wollen, können Sie bei der Neuen Heimat eine ganze Stadt bestellen.“

Der reich bebilderte Sammelband widerlegt auch Rechtfertigungen für die Brutalo-Architektur. Etwa, dass man damals halt Wohnraum um jeden Preis habe schaffen müssen, um die Wohnungsnot nach dem Krieg zu lindern.

Doch als der Mangel in den 50er-Jahren am größten war, baute die Neue Heimat luftige Gartenstädte wie in Kassel-Auefeld, die auch nach heutigen Maßstäben eine hohe Wohnqualität aufweisen. So richtig geklotzt wurde erst, als die schlimmste Wohnungsnot bereits beseitigt war. Nun ging es vor allem um ideologisch motivierte Stadterneuerung.

Den Höhe- und Wendepunkt markierte Mitte der 60er-Jahre der geplante Komplettabriss des Hamburger Stadtteils St. Georg. Mit geschickter Fotopropaganda dokumentierte die Neue Heimat den angeblich hoffnungslos verwahrlosten Zustand des Viertels. Die verwinkelten Altbauten zwischen Hauptbahnhof und Alster, heute eine angesagte Adresse, sollten durch eine einzige gigantische Großstruktur namens „Alsterzentrum“ ersetzt werden. Das Projekt scheiterte 1971 nicht etwa an der Hamburger Politik, sondern am Widerstand der Bewohner von St. Georg. Für andere Altstädte, etwa in Fürth, kam die aufkeimende Denkmalschutzbewegung zu spät. Die Abrissbirnen der Neuen Heimat waren schneller.

Hochhäuser sparen keinen Platz

Ein Mythos ist es auch, dass die Großsiedlungen der Neuen Heimat eine besondere effiziente, weil flächensparende Wohnform darstellen. Die Bevölkerungsdichte im teuren Münchener Altbauviertel Schwabing, so rechnen die Autoren eines Beitrags im Sammelband vor, liegt nahezu dreimal so hoch wie in den Neue-Heimat-Projekten München Neuperlach oder Bremen-Neue Vahr. Die vielen Freiflächen zwischen den Hochhäusern tragen dort nicht zur Lebensqualität bei, sondern werden oft als unwirtlich empfunden.

Was in Sammelband und Ausstellung ebenfalls deutlich wird: All diese Kritikpunkte am Bau- und Planungsstil der Neuen Heimat gab es schon vor 50 Jahren. Doch die Kritiker wurden mit geübter Geste als fortschrittsfeindliche Nörgler abgetan.
Angesichts von steigenden Mietpreisen und unbestrittenem Bedarf an Wohnraum gilt heute in der Wohnungsbau- und Stadtplanungspolitik vielerorts wieder das Prinzip: Neubau hat Vorrang, Bedenken werden nicht gehört. Doch das Beispiel der Neuen Heimat lehrt: Kommunalpolitiker sollten die Zukunft ihrer Städte nicht erneut von einigen Großprojekten abhängig machen.

Gelungene Stadtplanung lebt von der Kleinräumigkeit und der Vielzahl der parallel betriebenen Projekte. Wenn von denen am Ende einige als misslungen gelten, lässt sich das Ergebnis leichter korrigieren als bei einigen wenigen Megaplanungen.

Wie man es besser nicht macht, daran werden uns noch auf Jahrzehnte hinaus die architektonischen Hinterlassenschaften der Neuen Heimat erinnern.

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