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Buchtipp: „Edge of Chaos“ Wahlpflicht statt Wahlrecht – Wie eine Ökonomin die Demokratie retten will

Mit ihrer Entwicklungshilfe-Kritik „Dead Aid“ wurde Dambisa Moyo zur Bestsellerautorin. In ihrem neuen Buch stellt sie provokante Thesen zur Zukunft liberaler Demokratien auf.
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Die Ökonomin studierte in Washington und Harvard, promovierte in Oxford. Quelle: Robert Tjalondo für Handelsblatt
Dambisa Moyo

Die Ökonomin studierte in Washington und Harvard, promovierte in Oxford.

(Foto: Robert Tjalondo für Handelsblatt)

Den HaagAls Dambisa Moyo ein Jahr alt war, gehörten ihre Eltern zu den ersten schwarzen Absolventen der Universität von Sambia. Das war 1970. Und es klingt fast wie ein Märchen aus der Zeit der Globalisierung, dass Moyo heute in New York und London in den Aufsichtsräten von drei Großkonzernen sitzt und Millionen Bücher verkauft hat. Wer ist diese Ausnahmefrau?

Fast zehn Jahre ist es her, dass Moyos schonungslose Kritik an der westlichen Entwicklungshilfe in ihrem ersten Buch „Dead Aid“ für eine weltweite Diskussion sorgte. „Es ist Zeit, dass wir aufhören vorzuheucheln, dass das gegenwärtige hilfebasierte Entwicklungsmodell in den ärmsten Ländern der Welt nachhaltiges Wirtschaftswachstum generieren wird. Das wird es nicht“, schrieb sie.

Solche Sätze bekamen aus der Feder einer Schwarzafrikanerin, die gerade sieben Jahre bei der Investmentbank Goldman Sachs hinter sich hatte, eine besondere Wucht. Das Buch verkaufte sich siebenstellig, wurde in viele Sprachen übersetzt und von Staatschefs immer wieder zitiert.

Moyo hätte diese Rolle zu ihrem Markenkern machen können: als eine eloquente Stimme Afrikas im Westen. Doch das wollte und will sie nicht. Sie sträubt sich geradezu, in Vorträgen oder Interviews auf das Thema Afrika reduziert zu werden, sieht sich als globale Vor- und Querdenkerin.

„Ich verbringe die meiste meiner Zeit damit, kritische Risiken zu eruieren – Risiken, bei denen wir uns in einigen Jahren vor den Kopf schlagen und sagen: ‚Mensch, wie konnte ich das übersehen?‘“, erzählt sie als Gastrednerin auf dem „International Pension Summit“, einer Fachkonferenz der Finanzbranche in Den Haag. Sie spricht über wachsende Einkommensunterschiede, über Überschuldung und eine arbeitslose Unterklasse in Zeiten neuer Technologien wie Künstlicher Intelligenz und Quantencomputing.

Dambisa Moyo: Edge of Chaos
Little, Brown
London 2018 (englischsprachiges Taschenbuch)
320 Seiten
ca. 14 Euro
ISBN: 978-0465097463

Alles Themen, die Moyo wahrlich nicht als Einzige besetzt. Und dennoch lauschen die Manager und Managerinnen milliardenschwerer Pensionsfonds ihrer tiefen, klaren Stimme fast andächtig. Mittlerweile setzt die britische Bank Barclays ebenso auf Moyos Einschätzungen wie der US-Energiekonzern Chevron und das Technologieunternehmen 3M. In allen drei Unternehmen ist sie Aufsichtsratsmitglied.

Den nötigen Hintergrund für die breite thematische Aufstellung hat Moyo: studiert in Washington und Harvard, promoviert in Oxford. Gearbeitet bei der Weltbank und bei Goldman Sachs. Vier Bücher hat sie mittlerweile veröffentlicht – China und die globalen Rohstoffmärkte hat sie im zweiten und dritten behandelt. Ökonomische Zusammenhänge, mutige Thesen, logische, schonungslose Folgerungen und eine klare, mitunter mitreißende Erzählweise sind das Erfolgsrezept der 49-Jährigen.

Die Bedrohung liberal-demokratischer Systeme

In ihrem neuesten Buch „Edge of Chaos“, das 2018 erschienen ist, behandelt sie die Bedrohung liberal-demokratischer Systeme weltweit. Bedroht durch den Aufstieg von autokratischen Gegenmodellen wie China, aber auch durch hausgemachte politische, wirtschaftliche und soziale Probleme in den USA und Europa.

Moyo beschreibt darin zum Beispiel, wie und warum die Wahlbeteiligung in den USA in den vergangenen 50 Jahren um zehn Prozentpunkte abgerutscht ist. Wie wachsende Einkommensunterschiede, Diskriminierung und Korruption, schlechte Bildungschancen und Infrastruktur die Akzeptanz des Systems in der Bevölkerung unterminieren. „Viele der heutigen Herausforderungen sind ein Produkt zu kurzfristigen Handelns in der Politik und in der Wirtschaft“, sagt sie. „Wir setzen die falschen Anreize.“

Auch der Westen sei empfänglich dafür, seine Werte aufzugeben, so die Autorin. Jüngstes Beispiel in ihren Augen: die verhaltene Reaktion vieler westlicher Regierungen, allen voran der USA, auf die Ermordung des regimekritischen saudischen Journalisten Jamal Khashoggi Anfang Oktober.

„Wenn die Wirtschaft wächst, egal wo, löst das schon viele Probleme.“ Quelle: Robert Tjalondo für Handelsblatt
Dambisa Moyo im Gespräch mit HB-Redakteurin Nicole Bastian

„Wenn die Wirtschaft wächst, egal wo, löst das schon viele Probleme.“

(Foto: Robert Tjalondo für Handelsblatt)

Deshalb stehe es dem Westen nicht zu, aus einer scheinbar moralisch überlegenen Position heraus mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen, findet Moyo. „Die beste Werbung für liberale Demokratie und Marktwirtschaft ist, wenn unsere Systeme funktionieren und performen. Wir sollten erst einmal an ihrer Verbesserung arbeiten.“ Im Marathon, so die passionierte Läuferin, dürfe man auch nicht nach links oder rechts schauen.

So müssten die Regierungen in Europa angesichts der hohen Schuldenlast und der demografischen Entwicklung einige ihrer Sozialversprechen zurücknehmen. Dambisa Moyo liebt Zahlen und hat auch hier schnell eine Zahlenfolge parat: 7–25–50. Europa stelle sieben Prozent der Weltbevölkerung, 25 Prozent der Wirtschaftsleistung und 50 Prozent der Sozialleistungen.

Differenzierte Meinung über Donald Trump

Schnell wird klar: Die Ökonomin steht als liberale Marktwirtschaftlerin hohen Sozialkosten skeptisch gegenüber. Die derzeit in Europa vieldiskutierten Modelle für ein bedingungsloses Grundeinkommen sieht sie ähnlich kritisch wie die Entwicklungshilfe an Afrika. Solche Transferleistungen seien keine langfristigen Lösungen.

Zur Stärkung liberaler Demokratien wartet die Autorin in ihrem neuen Buch mit zehn Vorschlägen auf. Einige davon sind – Geschäftsmodell Querdenkerin – durchaus provozierend. Wie wäre es etwa, die Stimmabgabe bei Wahlen verpflichtend zu machen? Oder andersherum: das Recht, wählen zu gehen, an Mindeststandards in der Bildung zu knüpfen? Oder die Stimme von besser informierten Bürgern stärker zu gewichten? Und wie wäre es, von Politikern eine berufliche Erfahrung außerhalb der politischen Welt als Einstiegsvoraussetzung zu verlangen? Oder sie besser und gemessen an ihrer Leistung zu bezahlen? Moyo, passionierte Vielreisende, findet für jeden dieser Vorschläge Beispiele aus aller Welt.

Es gehört viel Selbstbewusstsein dazu, sich auf immer neuen Themenfeldern so weit vorzuwagen. Seine Stärke hat „Edge of Chaos“ in überraschenden Vergleichen: etwa, dass die Einkommen in China heute genauso gleich oder ungleich verteilt sind wie in den USA. Insgesamt kommt Moyos jüngstes Buch jedoch nicht an die Intensität von „Dead Aid“ heran. Diesem Erstlingswerk merkte man auf jeder Seite an, wie nah Moyo das Schicksal ihrer afrikanischen Heimat geht.

Seit sieben Jahren lebt Moyo inzwischen in New York. Ihr Urteil über US-Präsident Donald Trump fällt ausgesprochen differenziert aus. Trump habe die sozialen Ängste und den Frust der Menschen über die Globalisierung so gut erspürt und thematisiert wie kaum jemand zuvor. Er habe mit der Steuerreform oder der Infrastrukturinitiative das derzeit hohe Wirtschaftswachstum der USA ermöglicht.

Und, das betont die Ökonomin: Wirtschaftswachstum und Prosperität seien Voraussetzung für den Bestand liberaler Demokratien. „Wenn die Wirtschaft wächst, egal wo, löst das schon viele Probleme.“

Auch international sei möglicherweise gerade ein Einzelkämpfer wie Trump nötig, um die Diskussionen über die Lastenverteilung in der Nato oder über Reformen im internationalen Handelssystem anzustoßen. „Vielleicht brauchten wir einen Schock für das System. Auch wenn wir die Art des Botschafters nicht mögen.“ Denn Trumps Implementierungsstil sei für viele Menschen, auch sie selbst, „schwer zu schlucken“.

Ein falsches Bild von Afrika

Dabei erlebt Moyo vor allem die Einwanderungsdebatte Trumps aus einer besonderen – wie sie sagt: emotionalen – Position: „Ich war eine Immigrantin in Europa, jetzt bin ich eine Immigrantin in den USA.“ Sie wisse, was es heiße, seine Familie, seine Freunde und alles, was man kenne, zu verlassen, „um an einem Platz zu leben, an dem man sehr oft als Bürger zweiter Klasse betrachtet wird“.

Deshalb stört es Moyo bei aller thematischen Emanzipation von Afrika, wenn Menschen über sie sagen, sie sei ja „nicht wirklich afrikanisch“. „Natürlich bin ich afrikanisch“, meint Moyo. „Ich bin in Sambia geboren, habe dort meine prägenden Jahre verbracht.“

Ihre Mutter, die weiter in Sambia lebt, habe kürzlich zu ihr gesagt: „Heute wollen Staaten, dass du ihre Staatsbürgerschaft annimmst. Aber wenn du mit einem Boot über das Mittelmeer gekommen wärst, würden sie das nicht wollen.“ Moyo nickt zur Bestätigung und sagt: „Sie hat recht.“ Millionen Afrikaner seien gut qualifiziert, würden aber schnell vorverurteilt.

Doch sie verstehe auch die Gastländer, die sagten, dass sie nicht die Ressourcen hätten, eine unbegrenzte Zahl an Einwanderern, vor allem illegalen Immigranten, aufzunehmen. Auch hier hat sie eine Zahl parat: 50 Prozent. So hoch wird nach Schätzungen der Vereinten Nationen 2075 der Anteil Afrikas an der Weltbevölkerung sein.

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