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Buchtipp: „Ehrlichkeit ist eine Währung“ Theo Waigels Biografie bietet deutsche Zeitgeschichte im Schnelldurchlauf

Der Ehrliche ist nicht der Dumme – nach diesem Motto legt der CSU-Politiker seine Memoiren vor. Waigels Leben ist eine Abfolge von Anekdoten.
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Der ehemalige Bundesfinanzminister stellt seine Biografie vor. Quelle: dpa
Theo Waigel

Der ehemalige Bundesfinanzminister stellt seine Biografie vor.

(Foto: dpa)

Politik ist die Kunst des Wortes und des Symbols. Theo Waigel ist in beiden Kategorien hoffähig. In neuneinhalb Jahren als Bundesfinanzminister („meine Hundejahre“) illustrierte er etwa seinen Sparwillen im Boulevardzeitungs-Interview mit der Mitteilung, er gehe seit Jahren zum gleichen, billigen Friseur in einem Münchener Vorort.

Als der CSU-Grandseigneur nun seine Autobiografie im Bayerischen Hof in München im „Fürstensaal“ vorstellt, benutzt er wie ein Zauberer die passend zum Buchinhalt zurechtgelegten Requisiten: den großen Schlüssel, den der Oberkommandierende der Sowjetarmee in Deutschland 1994 beim Abschied aus Berlin-Karlshorst schenkte; das Bajonett des Vaters, mit dem er im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte; den Füller, mit dem Waigel den Maastricht-Vertrag zur Einführung des Euros unterschrieb, etwas zittrig, aber immerhin.

Theo Waigel lebt mit solchen Symbolen. Sie bedeuten ihm Frieden, Glück und Wohlstand. Erst recht aber blüht er bei Geschichten auf. Sein Leben ist eine einzige Abfolge aus Anekdoten, die denn auch seine faktengesättigten Erinnerungen aus mehr als 60 Jahren Politik auflockern.

Er sei „für eine passende Anekdote, eine gute Pointe oder eine scharfzüngige Bemerkung jederzeit empfänglich gewesen“, schreibt er und konstatiert: „Zum Anspruch, ich selbst zu sein, zählt für mich die Ehrlichkeit.“ Gelogen habe er nie, geschwiegen schon, zitiert Waigel den Altkanzler Konrad Adenauer.

Der Ehrliche ist nicht der Dumme – Witz und Moral haben den Bauernsohn aus dem bayerisch-schwäbischen Dorf Oberrohr zum Deutschlandgestalter werden lassen, der Geschichte schrieb. Bei den Verhandlungen mit Gorbatschows rostender Sowjetunion (Königsberg war nicht zu kaufen gewesen) genauso wie bei der deutschen Einheit oder Europas Wirtschafts- und Währungsunion.

Theo Waigel: Ehrlichkeit ist eine Währung – Erinnerung
Econ Verlag
2019
352 Seiten
24 Euro

Seine Memoiren („eine Sauarbeit“) hat er diktiert, auch ein Geschenk des Autors an sich selbst kurz vor seinem 80. Geburtstag am Ostermontag. Natürlich kennt die Welt ihn als Mann mit den schwarzen Knäueln im Gesicht, als einen, dessen Augenbrauen („Gott gewollt“) ihn zum Darling der Karikaturisten machten. Aber er ist andererseits einer, der humoristisch auch dieses Sujet überwindet – und den der christliche Glaube geerdet hat, entscheidend geprägt vom Theologen Eugen Biser und vom Philosophen Joseph Bernhart.

Vor dem Leser entblättert sich im Schelldurchlauf deutsche Zeitgeschichte aus der Sicht eines lebensbejahenden Juristen, der 1972 – mit 29 Jahren – in den Bundestag einzog. Der als Finanzminister Kritik anzog, aber die Macht genoss. Er zitiert Franz Grillparzer: „...nur nach der Pfeife des Ministers der Finanzen / müssen sie alle tanzen.“ Geizkragen ist für ihn kein Schimpfwort.

Man muss schon mit Stoizismus ausgestattet sein, um es – so wie Waigel – sowohl mit Helmut Kohl als auch mit Franz Josef Strauß gut ausgehalten zu haben, den Antipoden der Union. Der Autobiograf führt seine Karriere darauf zurück, nie „Duckmäuser“ gewesen zu sein.

Wer Anekdoten so liebt wie Theo Waigel, stenografiert (das kann er wirklich) und schreibt alles unaufhörlich auf. Als Einziger verfügt er über das Kreuther Protokoll der CSU-Sitzung 1976 zur Trennung von der CDU. 200 Meter Aktenwand sind über Dekaden zusammengekommen; ein weiteres Buch wäre möglich, mit Tagebüchern und Briefen.

Die Ära als Parteichef (1988 bis 1999) rekapituliert Waigel als Sorgenzeit: Er fürchtete stets eine Debatte zum Nachteil der CSU darüber, dass er als gläubiger Katholik von seiner Frau getrennt lebte und eine Freundin hatte. Der Plan, 1993 Ministerpräsident zu werden, scheiterte denn auch an einer „üblen Kampagne“ rund ums Private.

Rivale Edmund Stoiber bekam den Posten. Waigel schreibt, er habe 1994 seinen Fehler korrigieren können, sich nicht früher zu seiner heutigen Frau, der Skirennläuferin Irene Epple, bekannt zu haben. Botschaften hinterlässt Waigel zur EU und zur CSU. Europas Union sei, schreibt er, „ungeachtet aller berechtigten Kritik, ein Garant des Friedens“.

Und so preist er den neuen Pro-Europa-Kurs der CSU mit freundlichsten Tönen. Zum zeitweiligen Rechtsruck findet er klare Worte. Aber auch zum Intimfeind Stoiber, dem anderen Ehrenvorsitzenden der CSU: „Es ist angemessen, wenn er sich mein Buch selbst kauft.“

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