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Buchtipp Ein gutes Gespräch – wie geht das?

Ein Medienwissenschaftler und ein Psychologe haben ein Buch zur Coronakrise geschrieben – unbeabsichtigt. Ihr Thema: die Gesprächsprobleme der Jetztzeit.
25.04.2020 - 09:09 Uhr Kommentieren
„Die Kunst des Miteinander-Redens ist kein Luxus-, sondern ein Überlebensthema“, schreibt Friedemann Schulz von Thun. Quelle: mauritius images / fStop
Austausch über Schnurtelefon

„Die Kunst des Miteinander-Redens ist kein Luxus-, sondern ein Überlebensthema“, schreibt Friedemann Schulz von Thun.

(Foto: mauritius images / fStop)

München Man sehnt sich in diesen Tagen nach dem alten Leben zurück und hat doch nur das neue. Man schwärmt von den langen Gesprächen im Restaurant und spricht den Monolog des Alltags. Man träumt von Freiheit und hat Ausgangssperre.

Was sich hier um uns herum abspielt, ist ein unfreiwilliges Sozial- und Menschenexperiment auf unbestimmte Zeit, eine Umkehrung der Verhältnisse – also auch eine Einladung für Profis der Kommunikation. Wie gehen wir in unseren neuen Käfigen miteinander um? Wie entwickeln sich Beziehungen und Gesellschaften? Reden wir noch – oder hassen wir schon?

„Die Quarantäne erzwingt Nähe“, sagt Bernhard Pörksen, „das kann zu intensiven Zuwendungen und Dialogen führen, aber auch zu enthemmter Aggression im kleinen Kreis.“ Eine Beruhigung ist das nicht gerade, vielleicht eine Ermutigung.

Der Professor für Medienwissenschaften an der Universität in Tübingen hat zusammen mit dem Psychologieprofessor Friedemann Schulz von Thun ein Buch für die Coronazeit geschrieben – unbeabsichtigt.

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    Es ist ein Werk über den richtigen, guten Dialog. Diese Frage habe ihn seit 1998 beschäftigt, sagt Pörksen, seit seinem Erstlingswerk „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, das er zusammen mit dem Kybernetiker Heinz von Foerster verfasste.

    Bernhard Pörksen, Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens.
    Carl Hanser Verlag
    224 Seiten
    20 Euro

    Und so ist das neue Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens“ über fünf Jahre hinweg entstanden. Es dokumentiert intensive Unterhaltungen der beiden Autoren über die Gesprächsprobleme dieser Zeit, festgehalten auf 826 Transkript-Seiten. Da ist die prompte Eskalation öffentlicher Debatten. Die Wut und der Hass. Die „Erregungsdemokratie“. Der Hype und das Spektakel als Elemente der rhetorischen Kampfzone. Eine verheerende Entwicklung: „Die Kunst des Miteinander-Redens ist kein Luxus-, sondern ein Überlebensthema“, schreibt Schulz von Thun.

    Für Pörksen sei es das Hauptanliegen zu zeigen, „dass Miteinander-Reden unter den gegenwärtigen Bedingungen wichtiger wird und wirksamer werden muss“. Die gesellschaftliche Mitte sei – von Trump bis Corona – gefordert wie nie: Sie müsse sich „engagierter zuschalten, hartnäckig für eine Sprache der Mäßigung einstehen und nicht die Rhetorik der Eskalation bedienen: Wenn man sofort pauschal Formulierungen wie ,weißer, alter Mann‘, ,hysterische Feministin‘ oder ,krimineller Flüchtling‘ benutzt, ist jeder Dialog sicher ruiniert.“

    Im Zweifel also erst einmal abwarten. Luft holen. Nicht selbst aufrüsten. Es gilt das Leitbild des „liebenden Kampfs“. Kleines Problem: Die andere Seite muss auch so denken.

    Der Grünen-Co-Chef Robert Habeck und zwischenzeitlich auch CSU-Leiter Markus Söder – bevor er Maskenmann wurde – hätten sich „Instrumente der dialogischen Zuwendung abgeschaut“, lobt Pörksen: „Das ist sinnvoll, weil viele des konfrontativen Spektakels überdrüssig sind.“ Der Professor sieht einen neuen Bedarf an guten Gesprächen, an einem Ausweg aus lärmenden Debatten wie in einer jener TV-Talkshows, in denen es nicht um Erkennen oder Verstehen geht, sondern ums Gewinnen vor einem Millionenpublikum.

    Reden in der Quarantäne

    Fragt man Pörksen, was denn in der Coronakrise mit unserer Redefähigkeit und Dialogstärke passiert, in der Ära von „Balkonien“ und virtuellen Yoga-Sessions, entfaltet der Professor eine breite Analyse der „Gleichzeitigkeit des Verschiedenen“ in der Gesellschaft. In den Kommunikationskanälen sei alles präsent und läge nebeneinander: Hysterie und Desinformation, aber auch Hypersensibilität sowie authentische Wertschätzung.

    Es herrsche eine „allgemeine kommunikative Verunsicherung“, resümiert Pörksen. Das Netz sei dabei eine riesige Maschine, die Differenzen offenbare. Niemand kann mehr eine heile Welt konservieren. Es gibt nur Paralleluniversen. Vor allem auf Youtube hat sich in der Coronakrise eine Welt mit allen möglichen Irrwitzigkeiten eröffnet, mit verwegensten Virus-Verschwörungstheorien.

    Über solche Extreme hinweg wird Dialog schwieriger. Polarisierungen sind Gift für Verständigungen, vor allem, wenn sie sich rituell verfestigen. Und der Prototyp des Polarisierens und Verfestigens ist Donald Trump mit seinem „censorship through noise“, wie Pörksen es nennt: einer Zensur durch ein tägliches Angebot an „Informationskonfetti, Pöbeleien und Desinformation“

    Trump habe das Mediensystem so „gehackt“. Zugleich aber biete sich der US-Präsident als autoritäre Führungsfigur an, „zumindest strategisch nicht dumm“, findet der Medienwissenschaftler. Trump ist hier nicht einfach ein Lügner, sondern Meister der Metakommunikation.

    Und was sagen Sie, Herr Pörksen, zur Kritik von FDP-Chef Christian Lindner, die Regierung spreche in der Krise „zu uns wie mit Kindern“? Das wäre ja auch kein Dialog, wie man ihn pflegen wolle.
    Die Antwort fällt harsch aus: „Das Sprücheklopfen verdeckt, dass der konzeptionelle Überbau fehlt.“

    Lindner glaube, dass zwischen CDU und AfD ein Milieu existiert, das die FDP mit „Anti-Political-Correctness-Gedröhn“ für sich gewinnen könne. Aber: „Dieses Milieu mag wirtschaftsliberal sein, gesinnungsliberal ist es nicht, oft eher verbittert und verhockt. Nötig wäre, dass sich der Liberalismus unter der Herausforderung des Nationalismus und im Angesicht des Populismus neu gründet.“

    Im Buch streiten sich die Autoren, ob es richtig war, dass der einstige SPD-Chef Sigmar Gabriel in Dresden mit Vertretern von Pegida geredet hat. Für Schulz von Thun (Leitmotto: „Die Wahrheit beginnt zu zweit“) lautet die Antwort: Ja. Pörksen dagegen hält das für einen Fehler, man dürfe keinen roten Teppich für Rechtsextremismus ausbreiten.

    Menschen sind Dialogtiere

    Der Grundsatz eines guten Gespräch ist: den anderen verstehen zu wollen. Was aber nicht bedeute, „dass man mit allen reden kann oder soll“, sagt Pörksen. „Jenseits für das, wofür man Verständnis entwickeln kann, ist klare Abgrenzung gefordert. Der Dialog ist immer eine Mischung aus Empathie und Konfrontationsbereitschaft.“ Auseinandersetzung ist hier Pflicht, muss aber ernsthaft und wertschätzend sein.

    „Menschen sind Dialogtiere, die den Sauerstoff guter Gespräche brauchen“, formuliert Pörksen im Paul-Watzlawick-Stil.

    Die Frage ist natürlich, ob dieser Sauerstoff nicht zusehends knapp wird angesichts der vielen Plattformen und Ich-Kanäle, die sich heute über Smartphones und Tablets zu einem Kosmos der Kakofonie verwachsen. Der Dialogexperte sieht uns in der „Pubertät der neuen Medienwelt“, die Social Media hätten das Publikum zum Sender gemacht, „alle sind nun medienmächtig, aber noch nicht medienmündig“. Das sei so, als ob die digitalen Medien den Übergang von Kerzen und Öllampen hin zum Neonlicht markierten – „alles ist auf einmal hell“.

    Die Theorie der Filterblasen, die der US-Wissenschaftler Eli Pariser entwarf, hält er dabei nach wie vor für einen „Mythos“. Es gebe keinen übermächtigen Algorithmus, der uns in einen Realitätenbunker lockt: „Wir googeln uns vielmehr in unsere Selbstbestätigungsmilieus hinein.“

    Wir ziehen uns in ein Tal zurück und sehen doch immer das nächste Tal. Bernhard Pörksen (Medienwissenschaftler)

    Da es permanent „Feindberührung“ mit anderen Auffassungen gebe, komme es zum „Filterclash“, zum Aufeinanderprallen von Parallelöffentlichkeiten – das sei eine tiefe Ursache für die „große Gereiztheit der Gesellschaft“. Pörksen: „Wir ziehen uns in ein Tal zurück und sehen doch immer das nächste Tal.“

    An dieser Stelle kommen klassische Medien ins Spiel, die sozusagen Brücken über Täler schlagen können. „Seriöser Journalismus ist so wichtig und so bedroht wie noch nie“, sagt Pörksen. Das Problem sei die Digitalisierung, klassische Medien hätten kein robustes Geschäftsmodell mehr, „wohingegen man mit publizistischem Dreck viel Geld verdienen kann“.

    Immerhin hätten die klassischen Medien ihre „Diskursharmonie“ ein Stück weit aufgegeben, die sie zu Beginn der Coronakrise mit der Politik pflegten. Der vorher zahme Journalismus kritisiere jetzt die von Berlin verordneten Denkverbote über den „Exit“, sagt der Tübinger Professor.

    Im Buch schreibt Pörksen von „news deserts“, in den USA seien von 1970 bis 2016 rund 500 Zeitungen eingestellt worden. Es bestehe von daher das grundsätzliche Risiko, dass Populisten die Gewinner der veränderten Medienwelt sind, führt der Wissenschaftler aus.

    Im Interesse einer liberalen Demokratie müsse der Staat deshalb die indirekte Subventionierung der Presse verstärken, zum Beispiel im Vertrieb: „Tageszeitungen sollte man überall in Deutschland kaufen und beziehen können.“ Vielleicht kann man sie eines Tages sogar wieder im Café lesen und über die Lektüre, nun ja, einen Dialog führen.

    Mehr: Kundenkontakt in Zeiten von Corona – Klarheit ist oberstes Gebot

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