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Buchtipp: „Firefighting“ Warum die Finanzwelt eine Feuerwehr benötigt

Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt. Drei versierte Fachleute für Geldpolitik warnen in einem neuen Buch: Wir sind schlecht darauf vorbereitet.
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Ratlosigkeit nach Kurssturz. Quelle: Reuters
Händler der New York Stock Exchange

Ratlosigkeit nach Kurssturz.

(Foto: Reuters)

FrankfurtDas Jahr 2008 bleibt in wenig guter Erinnerung: Damals stand das internationale Finanzsystem kurz vor dem Zusammenbruch. Nur eine gemeinsame Kraftanstrengung von Notenbanken, Regierungen und einigen privaten Großbanken konnte verhindern, dass ein großer Run der Anleger folgte. Massenhaft hätte das zum Einsturz der Geldhäuser geführt, riesige Vermögenssummen wären einfach verdampft.

Die Geldwelt wieder zu stabilisieren gelang damals drei Männern: Ben Bernanke als Chef der US-Notenbank (Fed), Hank Paulson als Finanzminister und Tim Geithner, damals Fed-Chef der New Yorker Zweigstelle der Notenbank. Sie alle drei veröffentlichten bereits Memoiren über die gefährlichste Zeit der Weltwirtschaft – seit der Großen Depression der Dreißigerjahre: „The Courage to Act“ (Bernanke), „On the Brink“ (Paulson) und „Stress Test“ (Geithner).

Was sie vereint, ist die Sorge, dass eine neue Krise in einer Welt ausbrechen könnte, die nun sogar noch schlechter darauf vorbereitet ist als beim vorigen Mal. In unzähligen Vorträgen und Veranstaltungen, manchmal auch zu dritt auf dem Podium, haben sie davor gewarnt, zu leichtfertig die Stabilität des Finanzsystems aufs Spiel zu setzen. Um sie auf den Ernstfall einer neuen Krise vorzubereiten, hält Geithner regelmäßig an der Yale University Notfallübungen mit Notenbankern aus aller Welt ab.

Mit einem knappen, aber sehr klaren und inhaltsschweren gemeinsamen Buch legen die drei nun noch einmal nach: „Firefighting – The Financial Crisis and Its Lessons“. Der Titel gibt deutlich die Linie vor: Die Welt braucht nicht nur eine gute Finanzaufsicht, damit keine neue Krise eintritt. Für den Fall des Falles braucht sie auch eine Art Feuerwehr. Das hatte Geithner zuvor auch schon einmal in einem Interview mit dem Handelsblatt betont.

Wogegen sich alle drei Buchautoren wehren, ist die vor allem bei amerikanischen Konservativen weit verbreitete Idee: Zu gute Rettungsmechanismen seien gefährlich, da sie in der Finanzbranche die Anreize erhöhten, zu hohe Risiken einzugehen. Dazu die klare Meinung des ehemaligen Rettungsteams Bernanke, Geithner und Paulson: Das sei, als würde man die Feuerwehr abschaffen, um Brände zu verhüten – ein anschauliches Bild.

Ben S. Bernanke, Timothy F. Geithner und Henry M. Paulson, Jr.: Firefighting. The Financial Crisis and Its Lessons
Penguin Books
2019
240 Seiten
15,50 Euro
ISBN-13: 978-0143134480

Beunruhigend ist vor allem der im aktuellen Buch analysierte Befund, dass Amerika schlecht für eine nächste Finanzkrise gerüstet sei. Denn die Geldpolitik hat mit den derzeitigen Niedrigzinsen kaum Spielraum – anders als damals. Hinzu kommt, dass US-Präsident Donald Trump gerne Finanzspielräume ausnutzt, die er besser für Krisenzeiten unberührt ließe. „Die Politik in Washington verschwendet fiskalische Munition, wenn sie welche bunkern sollte“, heißt es.

Vor allem aber führt die seltsame Krisenverhütungsphilosophie in den USA dazu, dass ganz bewusst die Eingriffsmöglichkeiten der Notenbank im Notfall beschnitten wurden. „Insgesamt haben die Krisenmanager künftig weniger Autorität und Flexibilität, um das Finanzsystem tatkräftig zu unterstützen, als wir hatten“, schreiben die drei Finanzexperten. So darf zum Beispiel die Fed nicht mehr gezielt an einzelne Unternehmen außerhalb der Bankbranche Kredite vergeben.

Die Rettung der Versicherungsgesellschaft AIG, deren Untergang möglicherweise Häuser wie die Deutsche Bank und Goldman Sachs mitgerissen hätte, wäre demnach nicht mehr möglich. Auch die Kompetenz der Einlagensicherung (FDIC) wurde eingeschränkt.

Es stimmt zwar, dass es auf der anderen Seite leichter geworden ist, eine Bank in Notlage ohne Schaden für den Steuerzahler abzuwickeln. Aber das funktioniere eben nur, urteilen die Autoren, wenn es sich um ein Problem einer einzelnen Bank handelt – und nicht um eine ausgewachsene Finanzkrise.

Das Buch ist verständlich geschrieben. So bietet es eine gute Einführung für jeden, der die vergangene Finanzkrise verstehen und daraus Konsequenzen ziehen will. Wer dagegen eher an persönlichen Details, Atmosphäre und Anekdoten interessiert ist, wählt besser die Memoiren der drei Autoren. Ein präzises Bild über Ursachen und Verlauf der Krise sowie neue Denkanstöße liefert jedoch bestens die Neuerscheinung.

Einige Beispiele für einprägsame Kernsätze: „Die unsichtbare Hand des Kapitalismus kann keinen kompletten finanziellen Zusammenbruch verhindern, nur die sichtbare Hand der Regierung ist dazu in der Lage.“ Oder: „Finanzkrisen werden nie der Vergangenheit angehören.“ Hübsch ist auch: „Risiko findet, ebenso wie Liebe, immer seinen Weg.“ Und, ganz wichtig: „Das Vergessen ist der Feind.“

Eigene Fehler benannt

Überzeugend und glaubwürdig wirken die Autoren auch durch das Eingestehen eigener Fehler: „Selbst in den Monaten, die zur Krise führten, haben wir nicht vorausgesehen, was für ein Szenario sich da entfalten würde.“ Ihnen sei nicht bewusst gewesen, dass die Situation außer Kontrolle geriet. Auch seien sie nicht immer bei der Wahrheit geblieben. So behaupteten Paulson und Bernanke nach der gescheiterten Rettung der angeschlagenen US-Bank Lehman Brothers, man habe das Geldhaus mit Absicht untergehen lassen, um ein Exempel zu statuieren. Das war glatt gelogen, um die Märkte nicht durch das Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit noch mehr in Panik zu versetzen.

Aber auch andere bekommen ihr Fett weg. So habe der französische Präsident Nicolas Sarkozy Paulson empfohlen, die Ratingagenturen als „Bösewichter“ für die Krise verantwortlich zu machen. John McCain, damals Kandidat für das Weiße Haus, drohte Paulson, ihn öffentlich der „Sabotage“ der Wirtschaft zu bezichtigen, wenn er nicht bei der Rettung des Bankensystems mitspiele. Später zog McCain dann mit, ebenso wie der amtierende Präsident George W. Bush und sein Nachfolger Barack Obama.

Die drei Autoren spielten eine zentrale Rolle in der Finanzkrise 2008. Heute warnen sie gemeinsam vor den Folgen einer neuen Krise. Quelle: Reuters
Henry Paulson (l.), Ben Bernanke (m.) und Timothy F. Geithner

Die drei Autoren spielten eine zentrale Rolle in der Finanzkrise 2008. Heute warnen sie gemeinsam vor den Folgen einer neuen Krise.

(Foto: Reuters)

Sheila Bair, mit der sich vor allem Geithner gestritten hat, wird als jemand beschrieben, die zunächst nur die Interessen der von ihr geleiteten Einlagensicherung (FDIC) im Sinn hatte und sich erst allmählich überzeugen ließ, das gesamte Finanzsystem ins Auge zu fassen.

Für das komplizierte, von Kompetenzüberschneidungen gekennzeichnete System der Finanzaufsicht in den USA haben die Autoren kein gutes Wort übrig. Außerdem wird in ihren Berichten deutlich, wie sehr die wirren, zum Teil umstrittenen rechtlichen Strukturen, die Rettungsaktionen gebremst oder erfindungsreiche Umgehungen erfordert haben. Bei der Rettung von Bear Stearns sicherte Paulson der Fed die Unterstützung des Finanzministeriums zu – weil er dazu keine Befugnis hatte, in einer Form, die „rechtlich wenig bedeutete“, aber offenbar doch wirkte.

Das Buch ist nur 129 Seiten lang, den Rest füllen Grafiken, die zum Teil sehr aussagekräftig sind. Veranschaulicht wird etwa, dass der Aktienmarkt, Hauspreise und die Vermögen der Haushalte im Krisenjahr 2008 in den USA deutlich stärker eingebrochen sind als in der Großen Depression der Dreißigerjahre. Diese Charts, mit Unterstützung der Yale University erstellt, eignen sich auch als anschauliches Lehrmaterial.

Eine Problematik bleibt in dem empfehlenswerten Buch allerdings ausgeklammert: die fragwürdige Wirkung hoher Strafzahlungen für Banken im Anschluss an die Krise. Geldhäuser wie J.P. Morgan und Bank of America wurden mit zweistelligen Milliardenbeträgen für ihr Fehlverhalten zur Kasse gebeten. Zum Großteil betrafen diese Strafen aber Institute, die die beiden Geldhäuser in der Krise aufgefangen hatten – auch, um ihren Beitrag zu Stabilisierung des Finanzsystems zu leisten.

Werden nach dieser Erfahrung starke Banken in einer ähnlichen Situation noch einmal schwache Konkurrenten auffangen? Jamie Dimon, Chef von J.P. Morgan damals und heute, antwortete auf diese Frage im Interview sehr klar: „Nein, das Risiko ist zu groß.“

Mehr: Nach der Lehman-Pleite wurde das Schlimmste verhindert. Lesen Sie hier, warum die nächste Finanzkrise noch schlimmer werden könnte.

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