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Buchtipp: „Food Routes“ Nachhaltig essen – Das ist die Zukunft unserer Ernährung

Sicher, smart, nachhaltig: So sieht die Lebensmittelforscherin Robyn Metcalfe die Zukunft unserer Ernährung. Doch das ist ziemlich gruselig.
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Das Buch von Lebensmittelforscherin Robyn Metcalfe zeichnet ein eher gruseliges Bilder der Zukunft unserer Ernährung. Quelle: AFP
Food Routes

Das Buch von Lebensmittelforscherin Robyn Metcalfe zeichnet ein eher gruseliges Bilder der Zukunft unserer Ernährung.

(Foto: AFP)

Düsseldorf Die digitale Zukunft sieht für den New Yorker Pizzaketten-Chef Joe nachhaltig aus. Seine Zutaten bezieht er nicht mehr wie heute aus Italien, der Türkei oder Kalifornien, sondern aus der Region. Das Salamifleisch liefert ein Gen-Labor, Gemüse und Kräuter stammen aus der Containerfarm gleich nebenan.

In der gesamten Lebensmittelkette fallen kaum noch Abfälle an. Und wenn doch, wird das bisschen Bio-Restmüll gleich in Strom verwandelt. Auch die Digitalisierung hat in Joes Pizzeria voll durchgeschlagen. Die harte Arbeit im Restaurant verrichten Roboter, der alte Pizzaofen kommt höchstens noch als Showaccessoire zum Einsatz.

Dieses Zukunftsszenario entwirft die US-Lebensmittelforscherin und Historikerin Robyn Metcalfe, die früher selbst mal einen Bauernhof geleitet hat. Die Wissenschaftlerin beleuchtet in ihrem Buch „Food Routes“ die verborgenen Hintergründe unserer Nahrung und ihrer Lieferketten.

Dazu nimmt sie den Leser mit in Containerschiffe und zu Umschlagpunkten. Teilweise gerät dies etwas langatmig und assoziativ, etwa wenn die Autorin von neuen Lebensmitteltechniken über smarte Container bis zu den Logistikzentren des Handels kommt.

Dabei streift sie allenfalls die gegenwärtige ökonomische Ratio, die aus Kostengründen dafür sorgt, dass einzelne Zutaten Tausende Kilometer weit über Ozeane und Kontinente geschippert werden oder der Fisch in amerikanischem Sushi zur Verarbeitung erst von Neu-England nach Asien und dann wieder zurückgeschickt wird, weil das schlichtweg günstiger ist.

Robyn Metcalfe: Food Routes
The MIT Press
208 Seiten
ca. 20 Euro

Die aktuellen Branchengrößen kommen nur im Hinblick auf ihre Zukunftspläne vor. So diskutiert Metcalfe unter anderem die Vorteile von Unterwasserlogistikzentren oder Zeppelinen, für die der US-Handelsgigant Amazon Patente angemeldet hat. Ausführlicher präsentiert sie das Geschäftsmodell verschiedener Start-ups, die beispielsweise Fleisch aus Stammzellen züchten oder den Konsumenten das Essen direkt auf den Teller bringen. Konkret ist dabei ihre Prognose, dass sich künftig eine Vielfalt von digital optimierten Lieferdiensten entwickeln wird, die fertige oder halbfertige Gerichte samt Kochservice in die Häuser liefern.

Was an dem Buch positiv und erfrischend ist: Die Autorin kommt gänzlich ohne erhobenen Zeigefinger aus. Metcalfe gehört nicht zu jenen Ernährungsaposteln, die uns sagen, was wir essen sollen und was nicht. Sie beobachtet nur Trends und dreht sie weiter. So dürfte Metcalfes Ausgangsthese, dass Verbraucher genau wissen wollen, woher ihr Essen eigentlich kommt, nicht nur für die USA gelten.

Die Techniken des „Trackings“ und „Tracings“ entwickeln sich rasant. Im Extremfall erlauben sie schon heute, dass die Konsumenten vorab virtuell das Leben ihres nächsten Brathähnchens minutiös verfolgen können. Die Autorin zitiert etwa das US-Start-up Block Bird, das mithilfe von Blockchain-Technologie, Big-Data-Analysen und smarten Verpackungen genau an einem solchen Konzept arbeitet.

Dabei verfolgen die eingebauten Sensoren die Lebensmittel teilweise bis in unsere Küchen. Zu Recht wirft Metcalfe an dieser Stelle die Frage auf, ob wir nicht zu viele Daten preisgeben, um ein transparentes und sicheres Lebensmittelsystem zu etablieren. Können wir die Geister also wieder loswerden, wenn wir sie einmal hereingelassen haben? Und: „Werden wir es wollen?“, fragt Metcalfe – und zeigt sich skeptisch. Schließlich haben Lebensmittel immer auch etwas Fragiles und schüren Ängste.

Diesen Bedenken zum Trotz ist Metcalfe dennoch klare Technologie-Optimistin. Das wird spätestens in ihrem Zukunftsszenario deutlich, in dem die Autorin fast naiv von Firmen schwärmt, die uns nur noch Lebensmittel verkaufen werden, die auf Basis unserer persönlichen Gesundheitsdaten entwickelt wurden.

Derart individualisierte Lebensmittel könnten eines Tages Medikamente und sogar Krankenhäuser ersetzen, meint sie. Die Konsumenten bekämen künftig „Pharma auf den Tisch“, wo früher nur „Farm auf den Tisch“ gekommen sei. Dem Leser kann bei solchen Wortspielen und Visionen von 3D-gedruckten Pizzen schon mal der Appetit vergehen. In Metcalfes Welt jedoch wird die Lebensmittelkette der Zukunft smarter, schneller, sicherer und nachhaltiger. Man kann nur hoffen, dass es auch wirklich so kommt.

Mehr: Der Pionier und Marktführer für Pflanzenfleisch in Deutschland fordert mehr Forschungsgeld, um gegen die wachsende globale Konkurrenz zu bestehen.

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