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Buchtipp: Herr Sonneborn geht nach Brüssel Wie der Ex-Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn Brüsseler Abgeordnete zur Weißglut bringt

Sei fast vier Jahren sitzt Martin Sonneborn im EU-Parlament. Jetzt veröffentlicht der Satiriker ein Buch über seine Abenteuer als Abgeordneter.
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Warum Martin Sonneborn EU-Parlamentspräsident werden möchte

Straßburg „Ich glaube, ich habe gerade tatsächlich eine Abstimmung entschieden“, sagt Martin Sonneborn auf dem Weg in die „MEP-Bar“ im Straßburger Europaparlament. „Da ging ein Raunen durch den Saal, und das passiert nur, wenn am Ende eine Stimme entscheidet.“ Sonneborn tippt auf seinem Handy herum. Er versucht herauszufinden, worum es bei der Abstimmung ging und wofür genau er gestimmt hat.

Normalerweise informieren ihn die Grünen, Linken oder Sozialdemokraten, wenn es irgendwo knapp wird und sie Sonneborns Stimme brauchen. Diesmal nicht. Sein Büroleiter findet schließlich das Thema der Abstimmung „A8–0045/2019 – Jytte Guteland – Am 2“. Die Abgeordneten hatten über die Umsetzung einer EU-Richtlinie zur nachhaltigen Verwendung von Pestiziden debattiert. Der Änderungsantrag wurde 322 zu 321 angenommen, Sonneborn hat dafür gestimmt.

Seit Mai 2014 sitzt Martin Sonneborn, ehemals Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“, im EU-Parlament – als einziger Abgeordneter der Kleinstpartei „Die Partei“, deren Gründer und Bundesvorsitzender Sonneborn selbst ist. Der wurmlange Name der „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ sagt schon vieles über die Organisation aus.

Eine „Titanic“-Aktion hatte sich vor fünf Jahren verselbstständig und dazu geführt, dass 184.709 Leute den Satiriker wählten. Das Bundesverfassungsgericht hatte kurz zuvor die Drei-Prozent-Sperrklausel bei Europawahlen aufgehoben und so den Einzug von „Die Partei“ ins EU-Parlament ermöglicht. Auf Antrag von 19 Kleinstparteien, darunter auch „Die Partei“.

Seither sitzt Sonneborn in Brüssel oder Straßburg und berichtet über das Innenleben der EU. Er kümmert sich weniger um inhaltliche Projekte, sondern liefert Satire aus dem Parlamentsalltag. Sein Prinzip: Abwechselnd mit Ja und Nein stimmen, ohne Blick aufs Thema. Das bringt einige zur Weißglut.

Hans Menasse – The Austrian Boy
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180 Seiten
23 Euro
ISBN-13: 978-3205207825

„Das ist Verantwortungslosigkeit angesichts der für den Bürger oftmals weitrückenden Entscheidungen des Europäischen Parlaments“, sagt Elmar Brok, CDU-Abgeordneter und dienstältestes Mitglied des Europäischen Parlaments. „Er bringt nur sich selbst Öffentlichkeit.“ Sonneborn rechtfertigt sich: Er könne als Einzelperson weder etwas kaputt machen noch etwas bewegen in Europa.

Das EU-Parlament hat nur eine sehr beschränkte Kontrolle über die EU-Kommission. Deren Mitglieder werden von den Regierungen der 28 EU-Staaten nominiert. „Ich berichte darüber, was hier passiert, und erreiche damit eine breite Öffentlichkeit.“ Mit seinen Ideen, Beobachtungen und Witzen politisiere er junge Leute. Jetzt veröffentlicht Sonneborn ein Buch über seine Zeit als Abgeordneter: „Herr Sonneborn geht nach Brüssel – Abenteuer im Europaparlament“.

Raus mit Irland!

Beispiel gefällig? In seiner Rede 2016 zur „Lage der EU“ verlangte er den Austritt von Irland aus der Gemeinschaft. Grund: Die niedrigen Steuerzahlungen von Apple und Co. „Sehr geehrter Herr Präsident von Irland. Wenn Sie noch immer glauben, dass Apple Jobs in Irland schaffen wird – vergessen Sie es. Apple hatte immer nur einen Jobs.“ Das Video wurde auf Youtube ein Hit.

„Er sagt mit seinem Verhalten, dass es scheißegal ist, was ein einzelner Politiker hier tut, aber das stimmt so einfach nicht“, sagt Grünen-Politiker Sven Giegold. Nicht umsonst würden Lobbyisten das Parlament belagern, weil eben jede Einzelstimme zähle. „Außerdem war es seine Entscheidung, keiner Fraktion beizutreten. Die Tür zu den Linken und den Grünen wäre offen gewesen.“ Trotzdem entschied sich Sonneborn vor fünf Jahren für den Weg als fraktionsloser Einzelkämpfer und spielt diese Karte seither als Begründung für viele seiner Aktionen aus.

Manchmal blitzt im Gespräch kurz noch ein anderer Martin Sonneborn abseits der Satire durch. Dann sitzt in der Kaffeebar im EU-Parlament in Straßburg ein Mann, dem es um Inhalte statt Irrwitz geht: „Ich hab neulich mal eine Abstimmung zur Seenotrettung entschieden“, beginnt er zu erzählen und vergisst, den Satz mit einem pointierten Gag zu beenden.

Das EP sollte darüber abstimmen, ob es den Einsatz von regierungsunabhängigen Organisationen, die im Mittelmeer tätig sind, anerkennt. „Die Resolution ist mit 312 zu 310 Stimmen ausgegangen, und das zeigt mir, dass im EU-Parlament 310 Arschlöcher sitzen“, erzählt er und lässt keine Pause für ein belustigtes Schmunzeln.

Abseits der Ironie ist Sonneborn bestens informiert, diskutiert über politische Inhalte und vertritt eine klare Meinung. Das wissen auch die Linken, Grünen oder Sozialdemokraten, die ihn bei knappen Entscheidungen vorab informieren, um seine Stimme auf ihre Seite zu ziehen. Dann weiche er schon mal von seinem eigentlichen Wahlverhalten ab, nämlich in jeder 70-minütigen Sitzung abwechselnd mit Ja und Nein zu stimmen.

„Einmal ist er Humorist und dann ein sehr ernsthafter Mensch, mit dem man über Politik reden kann und der einen hohen politischen Anspruch hat“, beschreibt ihn Grünen-Politiker Giegold. „Trotzdem würde ich mir eine klügere Satire von Martin Sonneborn wünschen, die keine Klischees bestätigt oder Menschen persönlich demütigt.“

Sonneborn sieht sich als „Gatekeeper“

Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Abgeordneter? Sonneborn schaut in der Kaffeebar umher und nickt einem Kollegen zu. Es ist eines der wenigen Male, in denen er länger über eine Frage nachdenken muss. Einer der ernsteren Sonneborn-Momente. „Ich bin eigentlich ein Gatekeeper“, sagt er schließlich. „Alle Informationen über das EU-Parlament und die Politiker sind hier öffentlich zugänglich, aber ich biete meinen Blickwinkel auf diese skurrile Welt.“

So lässt sich in Sonneborns Buch etwa nachlesen, dass es in Brüssel „nach einer aus EU-Mitteln finanzierten intensiven einwöchigen Recherche des Ehrenvorsitzenden der PARTEI Hamburg“ das billigste Bier in der parlamentseigenen „Mickey Mouse Bar“ gibt. „Eine sympathische Subvention und vermutlich eins der langlebigeren EU-Hilfsprogramme„, so Sonneborn.

Hinlangen, das kann der Satiriker, sowohl im Buch als auch im richtigen Leben. In der „MEP-Bar“ auch im EU-Parlamentsgebäude in Straßburg sein Lieblingsort lassen große Glaswände den Blick auf den Fluss frei, es wirkt hell und offen. Aber der Satiriker hat Düsteres im Sinn. „Da hinten kommt Axel Voss, der die Upload-Filter in Europa federführend als Berichterstatter durchbringt“, sagt er. Die Filter sollen den Datenschutz in Europa sichern, sind bei Experten aber umstritten.

Doch um Zensur oder Zukunft der Medien schert sich Sonneborn offenbar weniger als über Herrn Voss selbst: „Das ist auch einer der netteren Dümmeren. Wir sind der festen Überzeugung, dass der Mann nicht versteht, was er da macht. Es ist so lustig, schauen Sie mal, wenn er da gerade so rum winkt. Ein naiver, freundlicher, älterer Herr.“ Voss sieht solche Angriffe gelassen: „Der zwei Jahre jüngere Kollege Sonneborn ist ja in erster Linie Satiriker, und deshalb macht das Suchen nach der Ernsthaftigkeit in seinen Einschätzungen keinen Sinn.“

„Moment, schauen Sie mal kurz dort drüben hin“, sagt plötzlich Sonneborn. „Das ist Albert Deß. Der Mann kam neulich rotzbesoffen auf mich zu: ‚Herr Sonneborn, wissen Sie, warum ich Vorsitzender der Freundschaftsgruppe zu Brasilien bin‘, ‚Herr Deß, nein, warum‘, ‚Weil es da die schönsten Pferde gibt‘.

Dann hat er sein Handy rausgeholt und ein Bild gezeigt, auf dem ein Rennpferd am Strand zu sehen war, und dann schob er das zur Seite, und dort war eine extrem leicht bekleidete Frau neben dem Pferd zu sehen, die hat er dann groß gezogen und wiederholt: Weil es da die schönsten Pferde gibt, hahaha‘. Das ist stellvertretend für die ältere Garde an Konservativen, die hier im EP sitzt.“ Mit dem Zitat konfrontiert, äußert sich der CSU-Politiker, indem er sich nicht äußert: „Zu Aussagen von Herrn Sonneborn beziehe ich grundsätzliche keine Stellung“, so Deß per E-Mail.

Politiker des WLANs wegen

Sonneborn schießt scharf und direkt gegen seine Mitstreiter. Das merkt man auch im Buch, wenn er Parlamentarier beschreibt, die auf Lobbyisten-Empfängen herumfläzen und auf das Gratisessen warten. Oder Politiker, die nur anwesend sind, um sich in die Liste für das Tagegeld einzutragen. Vieles davon klingt nach Klischee, und doch spielt auch Sonneborn auf seine satirische Weise mit den Ineffizienzen europäischer Bürokratie.

So erzählt Sonneborn etwa, dass ihm Frankreich viel besser als Brüssel gefalle. „Hier ist es luftiger und glasiger“, versucht er das Gefühl zu beschreiben. Genau das spiegelt auch die Kaffeebar auf der Rückseite des Plenarsaals wieder. „Das Allerwichtigste ist aber der subventionierte Kaffee und das gratis WLAN“. Sonneborn wartet auf eine Reaktion und zündet dann bei der nächsten Frage gleich den nächsten Gag.

Ist das heute ein typischer Arbeitstag, Herr Sonneborn?

„Ja, Sie sehen hier die Hochleistungsarbeit des Europäischen Parlaments.“

Inwiefern?

„Wir haben zum Teil 240 Abstimmungen in 40 Minuten festgemacht und die meisten mit Handzeichen.“ Da hätten selbst die Ukip-Leute hinterher rebelliert, die EU-skeptische und rechtspopulistische Partei aus Großbritannien, „obwohl die natürlich viel trainiertere rechte Oberarme haben“.

Sonneborn ist ein Meister darin, den Satiriker zu mimen, dem das politische Drumherum komplett egal zu sein scheint. Und doch schafft er das nicht so ganz an diesem Tag. Ob beim Kaffeetrinken, vor dem Aufzug oder auf dem Weg zu seinem Büro – Sonneborn checkt ständig sein Handy. Man merkt, es ist ihm nicht egal, was er gerade entschieden hat. „Hoffmann, können Sie da mal dran bleiben?“, fragt er seinen Büroleiter immer mal wieder.

Ende Mai steht die nächste Europawahl an. Und der Satiriker Sonneborn hält seine Mission offenbar noch nicht für beendet und bereitet sich gerade auf den Wahlkampf vor. Bleibt aus Sicht des Kandidaten nur zu hoffen, dass die Wähler nicht abwechselnd erst mit Ja und dann mit Nein stimmen.

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