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Buchtipp: „Hey Siri, willst du mich heiraten?“ Wie ein Teenager mit Autismus das Familienleben aufmischt

Judith Newman ist Autorin und Mutter eines 13-Jährigen mit Asperger-Syndrom. Ihr Buch beschreibt, wie ihr Sohn Gus das Familienleben verändert hat.
Update: 03.02.2019 - 12:39 Uhr Kommentieren
Judith Newman beschreibt Autismus als eine Variante des Menschseins, die uns so vielfältig und einzigartig macht wie unser Fingerabdruck. Quelle: Moment/Getty Images
Wichtige Lektion

Judith Newman beschreibt Autismus als eine Variante des Menschseins, die uns so vielfältig und einzigartig macht wie unser Fingerabdruck.

(Foto: Moment/Getty Images)

BonnBeginnen wir mit dem Klappentext und Sie werden meine Enttäuschung von Judith Newmans „Hey Siri, willst du mich heiraten?“ nachvollziehen können. Dort also heißt es: „Gus ist 13 Jahre alt und Autist. Seine große Leidenschaft sind Wetterbeobachtungen, doch mit seinen Fragen überfordert er seine Mutter regelmäßig. Bis diese zufällig auf Siri stößt, Apples persönliche iPhone-Assistentin. Nicht lange, und Siri wird Gus‘ beste Freundin – immer ansprechbar, stets freundlich und nie um eine Antwort verlegen. Doch Siri stillt nicht nur Gus‘ Hunger nach Daten und Fakten, sondern sie hilft ihm auch, besser zu kommunizieren …“

Keine Sorge, ich werde das Buch gleich trotzdem loben und kann Ihnen die Lektüre mit gutem Gewissen ans Herz legen (*siehe Textende Update nach Veröffentlichung). Aber ich will Ihnen das unangenehme Gefühl ersparen, durch Titel und Buchbeschreibung auf die falsche Fährte gelockt worden zu sein. So ist es mir nämlich passiert. Ich habe nachgezählt: die virtuelle Sprachassistentin Siri kommt nur in einem einzigen Kapitel auf zwölf mageren Seiten vor.

Was einen stattdessen erwartet – und ohnehin viel besser ist – ist die detailgenaue Erzählung einer Autorin über das außergewöhnliche Leben mit ihren zwei Zwillingssöhnen, Henry und Gus. Der eine, Gus, hat das Asperger-Syndrom. Newmans Erzählung ist so ergreifend und bewegend, dass man ihr den trügerischen Buchtitel sofort verzeiht.

Die Journalistin liefert nicht nur eine biografische Reportage ihrer New Yorker Familie und ihres autistischen Kindes, sondern beleuchtet alle relevanten Aspekte zum Thema. Etwa dass die Wahrscheinlichkeit, ein autistisches Kind zu bekommen umso höher ist, je älter die Eltern sind. Newmans Ehemann John, ein britischer Opernsänger, war 70 Jahre alt, als Gus geboren wurde. Newman selbst war 40 und die Zwillinge wurden auf dem Weg der In-Vitro-Fertilisation gezeugt, was ebenfalls als Risikofaktor gilt.

Über all das schreibt die Autorin auf eine Art und Weise, bei der nicht die Diagnose, sondern immer der Mensch und sein Leben mit dieser Diagnose an erster Stelle steht. Deswegen ist dieses Buch nicht nur für betroffene Eltern und Familien wichtig, sondern auch für alle anderen Menschen. Warum? Weil wir mehr Mitgefühl, Toleranz und Verständnis brauchen für Menschen, die nicht der „Norm“ (was immer diese sein mag) entsprechen, die andere Talente haben, anders besonders und liebenswert sind und die die Welt nicht genauso wahrnehmen wie wir.

Hey Siri, willst du mich heiraten? Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen meinem autistischen Sohn und seinem Handy
Fischer Taschenbuch
2018
256 Seiten
14,99 Euro
ISBN: 9783596036493

Besonders spannend ist das letzte Drittel des Buches, in dem es darum geht, was mit Gus wird, wenn er erwachsen ist – und dann vielleicht nicht mehr, wie noch als pubertierender Teenager, im Bett seiner Mutter schläft. Welche Rolle spielt Sexualität? Wäre er in der Lage, sich selbst als Vater um ein Kind kümmern zu können? Und in welchem Beruf könnte er arbeiten? Das sind Fragen, mit denen wir uns als Gesellschaft auseinandersetzen müssen.

Mehr als eine halbe Million Menschen mit Autismus werden innerhalb des nächsten Jahrzehnts erwachsen und zwei Drittel, so Newman, haben keine Pläne, was eine Ausbildung oder einen Beruf betrifft. Ab dem zwanzigsten Lebensjahr haben nur rund 58 Prozent junger Autisten irgendeine Form der Beschäftigung, verglichen mit 74 Prozent der jungen Menschen mit geistigen Einschränkungen und 91 Prozent derer mit Sprachbehinderung oder psychischen Störungen.

Autismus ist eine Variante des Menschseins

Newman schreibt dazu: „Das sind jede Menge Leute, die nicht wissen, was sie tun und wo sie hingehen sollen.“er

„Hey Siri, willst du mich heiraten?“ ist ein ungewöhnliches Sachbuch, das ein außergewöhnliches Leben beschreibt. Ein Buch, das uns als Leser dazu bringt, zu akzeptieren, dass das, was einen autistischen Menschen glücklich macht, nicht unbedingt das Gleiche sein muss, was uns „normale“ Menschen glücklich macht; etwa wie Gus, den Fahrplan der New-Yorker-U-Bahn auswendig zu können oder jeden Tag dasselbe Essen auf dem Teller zu haben oder stundenlang zwei Spielzeugzüge gegeneinander zu schlagen, weil ihn das Klickgeräusch, das dabei entsteht, extrem beruhigt.

Und die vielleicht wichtigste Lektion, die ich aus diesem Buch mitnehme: Dass Autismus keine Krankheit ist, die man in irgendeiner Art und Weise heilen muss, sondern, dass Autismus eine Variante des Menschseins ist und uns so vielfältig und einzigartig macht, wie unser Fingerabdruck. Oder wie Judith Newman schreibt: „Kennt man einen Menschen mit Autismus, kennt man einen Menschen mit Autismus.“

* Kritik an der Autorin im Netz und der Hashtag #BoycottToSiri

Ich möchte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass im Netz vielfach auch Kritik an dem Buch und der Autorin unter dem Hashtag #BoycottToSiri geäußert wird. Der Vorwurf an Judith Newman: Sie spreche sich in ihrem Buch "für Zwangssterilisation von Behinderten" aus. Sie halte ihren Sohn "für so furchtbar, dass sie ihm die Chance auf eigene Kinder nehmen will" und könne sich "nicht vorstellen, dass er ein guter Vater wäre." Newman sei "eine ekelhafte Person, die auf Kritik mit Blocken reagiert hat."

Persönlich habe ich Newmans Überlegungen, ob ihr Sohn jemals in der Lage wäre, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen tatsächlich zunächst nicht so kritisch gesehen. Schon gar nicht las ich darin einen Aufruf zur "Zwangssterilisation von Behinderten." Mir erschienen ihre ganz individuellen Überlegungen, die sie als Mutter von Gus aus lauter Sorge umtreiben, in dem Moment nicht unmenschlich. Zumal sie ja lediglich über ihre Gedanken und Überlegungen schreibt und nichts entschieden hat. Aber ja, man kann durchaus darüber diskutieren, ob es richtig ist, über jemanden zu entscheiden, ob er fähig ist, Fürsorge zu übernehmen. Insofern halte ich die Kritik, die vor allem international hohe Wellen schlägt, auch für berechtigt und wichtig und möchte jeden einzelnen bitten, sich ein Bild darüber zu machen.

Lesetipps: "An Open Letter to HarperCollins about TO SIRI WITH LOVE"
Why I Believe 'To Siri With Love' By Judith Newman Is A Book That Does Incredible Damage To The Autistic Communit
Youtube-Video: #BoycottToSiri von Amythest Schaber

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