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Buchtipp: „Kristall“ Mehr Leistung im Rausch – die Drogenökonomie im 21. Jahrhundert

Bekiffter Hedonismus war gestern: Autor Alexander Wendt sieht Drogen als ein Mittel zur Optimierung der eigenen Fähigkeiten auf dem Vormarsch.
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Mit Drogencocktails aus Crystal Meth und Ecstasy durchlebt Hauptfigur Tobi im Buch „Kristall“ seine Wochenenden. Quelle: dpa
Crystal Meth

Mit Drogencocktails aus Crystal Meth und Ecstasy durchlebt Hauptfigur Tobi im Buch „Kristall“ seine Wochenenden.

(Foto: dpa)

DüsseldorfFreitags nach der Arbeit beginnt für Tobi ein Ritual. Zuerst duscht er sich, dann rasiert er sich, packt Kondome ein und achtet darauf, genügend zu essen. Die nächsten 72 Stunden wird er kaum Hunger spüren. Nach den Vorbereitungen startet ein Party-Dauerrausch, ausgelöst durch einen Drogencocktail aus Crystal Meth und Ecstasy. Manchmal nehme er auch Speed, sagt Tobi, damit komme er „sanfter runter“. Montags geht er wieder ins Büro. Tobi ist IT-Berater.

Der Journalist Alexander Wendt, der den feierwütigen Informatiker für sein Buch „Kristall“ sprach, sagt: Leute wie Tobi gibt es seit Beginn der Zivilisation.

Unter Drogen erweitert der Mensch seine begrenzten Fähigkeiten. Er kann länger wachbleiben oder eben länger tanzen und Sex haben. Und doch, so Wendts These, gebe es inzwischen einen „gesellschaftlichen Wechsel von Lust- zu Leistungsdrogen“. Heißt konkret: Die Tobis werden seltener.

Im Silicon Valley – aber auch in westlichen Großstädten – würden stattdessen Leistungsträger immer häufiger Drogen in geringen Dosen nehmen, um sich selbst zu optimieren.

Nach einer Untersuchung der europäischen Drogenbehörde, die jährlich das Abwasser in Städten auf Rauschmittelrückstände prüfen lässt, verbrauchen Kokainkonsumenten in London während der Woche mehr Stoff als an den Wochenenden. Zwar liegt die Partymetropole Barcelona ganz vorn im Drogen-Abwasser-Ranking, doch die übrigen Plätze gehen „an ziemlich nüchterne Arbeitsstädte“, wie Wendt notiert: Antwerpen, Zürich, Sankt Gallen, Genf, Basel, Bern.

Alexander Wendt: Kristall. Tropen Verlag
Stuttgart 2018
243 Seiten
17,95 Euro
ISBN: 978-3608503531

Ein wenig fühlt sich Wendts Buch selbst wie ein kurzweiliger Trip durch die heutige Welt der Drogen an – mit all seinen Höhen und Tiefen. Der Journalist nimmt den Leser mit in Entzugsklinken, zu Drogenlobbyisten und „Grindern“, die mithilfe von Chipimplantaten die letzte Stufe der Selbstoptimierer-Leiter erklimmen möchten.

Bei all dem schimmert immer wieder Wendts eigene Faszination durch. So suggeriert der Autor mehrfach eine Entkriminalisierung etwa nach dem Vorbild Portugals, wo Drogen zwar nach wie vor illegal sind, aber niemand für kleine Mengen Rauschgift polizeilich verfolgt wird. Über solche politischen Gedankenexperimente lässt sich trefflich streiten, Wendts Buch ist ein guter Anstoß dazu.

Doch nicht nur drogenpolitisch scheint Wendt gerne anzuecken. Der Autor hat die „Gemeinsame Erklärung 2018“ gegen „illegale Masseneinwanderung“ unterzeichnet, eine Reaktion auf die Flüchtlingskrise ab 2015. Eine Buchhandlung in Berlin hatte deshalb eine Lesung Wendts abgesagt. Manchmal ist die Realität eben auch ganz schön hart.

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