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Buchtipp: „Leidenschaftlich rot“ Ein österreichischer Medienmanager will die Sozialdemokratie retten

Gerhard Zeiler hat über die Krise der Sozialdemokratie nachgedacht. Den Verzicht auf SPÖ-Vorsitz und Kanzlerkandidatur bereut er inzwischen.
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„Wirtschaftsfreundlich heißt nicht automatisch arbeiternehmerfeindlich.“ Quelle: Michael Appelt für Handelsblatt
Gerhard Zeiler

„Wirtschaftsfreundlich heißt nicht automatisch arbeiternehmerfeindlich.“

(Foto: Michael Appelt für Handelsblatt)

Wien Selbst im Heimaturlaub in Österreich kann Gerhard Zeiler das Fernsehen nicht links liegen lassen. Mit einer halbstündigen Verspätung eilt der Medienmanager nach der Aufzeichnung einer ORF-Talkshow leicht abgehetzt ins Wiener Café Imperial. Die Stimme des 64-Jährigen ist heiser vom vielen Reden. Denn Zeiler, globaler Vertriebschef von Time Warner mit Dienstsitz in New York, hat eine Mission: Er will helfen, die Sozialdemokratie zu erneuern.

„Ich bin in die Sozialdemokratie hineingeboren worden. Kritisieren reicht nicht, deswegen habe ich Vorschläge für ihre Zukunft gemacht“, sagt der Mann, der auch mal Vorstand beim deutschen Medienkonzern Bertelsmann war. Mit seinem Buch „Leidenschaftlich rot. Darum mehr Sozialdemokratie“, in dieser Woche im Wiener Verlag Brandstätter erschienen, versucht er, den Genossen in Österreich und dem Rest Europas eine Gebrauchsanweisung zu geben, Wege aus ihrer Krise zu finden.

Und noch bevor man das Buch aufschlägt, fragt man sich: Warum schreibt der das? Und warum jetzt? Es gab eine Zeit, in der hat Zeiler ernsthaft mit einem Wechsel in die Politik geliebäugelt. 2016 erwog er eine Kandidatur für den Vorsitz der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) und damit für die Kanzlerschaft in Österreich.

Doch im Wettbewerb mit Christian Kern machte er einen vorschnellen Rückzieher, den er heute zutiefst bereut. „Hätte ich gewusst, aus welchem Persönlichkeitsholz Kern geschnitzt ist, hätte ich mich für das Amt beworben“, sagt Zeiler und setzt nach: „Kern hat der SPÖ ein schweres Erbe hinterlassen.“ Auch in seinem Buch lässt Zeiler an Kern kein gutes Haar. Kern war von Mai 2016 bis Dezember 2017 Kanzler, der bisher letzte der Sozialdemokraten. Im September 2018 legte er sein Amt als SPÖ-Chef nieder und zog sich aus der Politik zurück.

Heute sagt Zeiler, der beruflich zwischen New York und seiner Familie in Salzburg pendelt, zu einem möglichen Wechsel in die Politik nur: „Ich will mit diesem Buch keine Abrechnung betreiben. Ich bewerbe mich damit für kein politisches Amt.“ Die Sehnsucht nach Zeiler in der SPÖ, geführt von der bislang erfolglosen Parteivorsitzenden Pamela Rendi-Wagner, ist ohnehin nicht besonders groß. Vor allem außerhalb seiner Heimatstadt Wien sprießt der Neid auf den international erfolgreichen Manager mit dem roten Parteibuch in Österreich.

Sozialdemokrat und Medienmanager

Niedergang und Machtverlust der SPÖ schmerzen Zeiler zutiefst. Das ist in jeder Zeile seines Buchs zu spüren. Die starke Parteibindung des im Wiener Arbeiter- und Migrantenviertel Ottakring aufgewachsenen Managers ist nicht überraschend. Er kommt aus einer zutiefst sozialdemokratischen Familie. Sein Großonkel saß bereits für die SPÖ im Parlament. Der Partei hat Zeiler, ehemaliger Redakteur der „Sozialistischen Korrespondenz“, seinen Aufstieg zum Pressesprecher der beiden Bundeskanzler Fred Sinowatz und Franz Vranitzky und später zum Generalintendanten des ORF zu verdanken.

Danach hat Zeiler in der Privatfernsehbranche große Karriere gemacht – als Geschäftsführer des Privatsenders Tele 5, als Deutschlandchef von RTL und schließlich als CEO der RTL Group – Europas größtem Fernsehkonzern. Heute ist der machtbewusste und doch bescheiden auftretende Zeiler weltweiter Vertriebschef von Warner Media mit Sendern wie HBO und CNN. Time Warner gehört seit der Übernahme im vergangenen Jahr zum Telekomgiganten AT&T.

Zeiler ist in der Branche fast ein Unikum. Denn er ist einer der wenigen Manager, die einen öffentlich-rechtlichen Sender noch ohne private Konkurrenz geführt haben, später selbst Pioniere des Privatfernsehens wurden und dann am großen Rad des amerikanischen TV-Geschäfts drehen durften.

Die Bertelsmann-Welt hat Zeiler hinter sich gelassen. Als er im Buch seinen Werdegang schildert, vermeidet er, Bertelsmann-Chef Thomas Rabe beim Namen zu nennen. Die Unsicherheit über Zeilers Zukunft bei Bertelsmann führte zu seinem damaligen Wechsel zu Turner Broadcasting, einer Tochter des zu diesem Zeitpunkt noch unabhängigen Medienkonzerns Time Warner.

Ich bewerbe mich damit für kein politisches Amt. Gerhard Zeiler über sein Buch

Die Zukunftsagenda, die Zeiler in seinem Buch entwirft, ist eine Kombination aus ökologischer und Sozialer Marktwirtschaft, welche sozialdemokratische Traditionswerte wie Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Chancengerechtigkeit und Internationalismus neu für eine globale und digitale Welt interpretiert. Er will mit scheinbaren Gegensätzen zwischen Unternehmertum und Beschäftigteninteressen aufräumen. „Wirtschaftsfreundlich heißt nicht automatisch arbeiternehmerfeindlich“, sagt er.

Erstaunlich: Der frühere CEO der im steuerlich günstigen Luxemburg angesiedelten RTL Group fordert heute einen europäischen Mindeststeuersatz als wirksames Mittel gegen „fortgesetztes Steuerdumping“. Zeiler will sozialere Ausgestaltung des Wirtschaftssystems und gleichzeitig eine stärkere Deregulierung. Der Schutz der sozial Schwächeren durch Mindestlöhne, Wohnungsbauprogrammen oder bedingungsloses Grundeinkommen hat für den überzeugten Sozialdemokraten höchste Priorität.

„Die längste Periode der wachsenden Weltkonjunktur hat es nicht vermocht, die Ungleichheit zu beseitigen. Im Gegenteil, die sozialen Differenzen wachsen. Der Lebensstandard der Schwächsten ist in ganz Europa ‧gesunken“, sagt das SPÖ-Mitglied. Seine Schlussfolgerung: „Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass wir in Mitteleuropa mehr sozialdemokratische Politik brauchen.“

Die Wähler in Deutschland und Österreich sehen das bislang anders. Nicht nur die deutsche SPD fährt bei Landtagswahlen katastrophale Ergebnisse ein, sondern auch ihre österreichische Schwester SPÖ. Bei den Nationalratswahlen im Oktober mussten die Genossen trotz Ibiza-Affäre herbe Stimmenverluste hinnehmen. Für eine Regierung wird die SPÖ nicht mehr gebraucht. Altkanzler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz verhandelt derzeit über die erste schwarz-grüne Koalition in Österreich.

Gerhard Zeiler: Leidenschaftlich rot. Darum mehr Sozialdemokratie.
Brandstätter Verlag
Wien
168 Seiten
22 Euro

Und Zeiler? Seine Liebe zum internationalen Mediengeschäft überwiegt am Ende doch die Neigung zur Politik. Bis Ende 2020 läuft sein Vertrag bei Warner Media in New York. Selbst bei seinem Arbeitsurlaub in Österreich vergeht kein Tag ohne Telefonat in die Staaten. In einer Zeit, in der die neuen Streamingdienste von Disney und Apple den etablierten Anbietern Netflix und Amazon Konkurrenz machen, ist seine Arbeit bei Warner Media interessanter denn je: „Es geht heute um die gesamte Wertschöpfungskette, und zwar im Wettbewerb mit Apple, Disney, Netflix, Amazon und anderen.“

Bei diesem Transformationsprozess dabei zu sein sei „eine unglaublich spannende Aufgabe für mich“, sagt Zeiler mit dem letzten Rest seiner angeschlagenen Stimme. Hinzu kommt, dass bei der Integration von Warner in den Telekomkonzern AT&T die Kästchen im Organigramm munter durcheinanderwirbeln. Derart unternehmerisch zu gestalten hält Zeiler frisch.

„Wenn es meine Gesundheit und meine Familie zulassen, mache ich sehr gerne weiter“, sagte er bereits an die Adresse von AT&T in Sachen Vertragsverlängerung. „Die neue Zeit der Streamingplattformen ist faszinierend. Der Wandel von einem linearen Fernsehnetwork zu Video-Inhalten on Demand ist die große Herausforderung der Zukunft.“

Der Zuschauer ist König

Noch vor Jahren war die Branche überzeugt, dass Content im Fernsehgeschäft King sei oder zumindest die Distribution, also der Vertrieb. Zeiler sagt dazu: „Es gab immer wieder die Frage, wer der König der Unterhaltungsindustrie ist. Heute ist klar: Es sind die Konsumenten.“ Denn der Verbraucher bestimmt, wann, wo und wie all die Serien, Filme und Shows konsumiert werden.

Zeiler, der sich bei Warner Media in New York auch um das Geschäft des größten weltweiten Nachrichtensenders CNN kümmert, macht sich im Zeitalter des Populismus große Sorgen um die Medienfreiheit. „Freie und unabhängige Medien sind die Grundlage jeder demokratischen Medienordnung“, sagt Zeiler.

US-Präsident Donald Trump hetzt seit Beginn seiner Amtszeit gegen Qualitätsmedien – egal, ob sie CNN oder „New York Times“ heißen. „Die USA sind heute ein gespaltenes Land. Sie sind ein Beispiel, wie die Mitte kleiner wird und die Ränder immer stärker“, warnt Zeiler. Die Medien inklusive des allgewärtigen Fernsehens dürfen laut Zeiler als gesellschaftlicher Kitt in einer Demokratie weder unter- noch überschätzt werden: „Wir brauchen freie Medien, doch sie allein können die Spaltung eines Landes nicht überwinden.“

Mit seiner Wahlheimat USA hadert der Manager. „Die moralische Autorität der USA ist kontinuierlich im Sinken begriffen. Dadurch werden im Gegenzug Modelle wie die illiberale Demokratie wie in Ungarn und Polen oder das postkommunistische Modell Chinas verhältnismäßig attraktiver“, formuliert er. Er warnt vor den Folgen in Europa. Die Soziale Marktwirtschaft drohe noch stärker in die Defensive zu geraten.

„Der Nationalstaat allein kann in einer globalisierten und digitalen Welt die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht lösen“, schreibt Zeiler im Buch. Seine Lösung ist ein starkes Europa, das „Prosperität und technischen Fortschritt mit Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit“ verbindet. Er ist zutiefst davon überzeugt, dass sich die Sozialdemokratie in Sachen Europafreundlichkeit von keiner Partei überholen lassen darf.

Mehr: Manche sozialdemokratischen Parteien haben geschafft, wovon die SPD nur träumt: Sie haben sich erneuert und Wähler zurückgewonnen. Drei Erfolgsbeispiele.

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