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Buchtipp Ökonomen erklären, was Liebe, Geld und Kindererziehung miteinander zu tun haben

An überfürsorglichen Helikoptereltern haben sich schon viele Autoren abgearbeitet. Nun entdecken sogar Wirtschaftswissenschaftler das Thema Erziehung.
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Helikopter-Eltern wachen über ihre Kinder. Quelle: Jan von Holleben
Fürsorge von oben

Helikopter-Eltern wachen über ihre Kinder.

(Foto: Jan von Holleben)

DüsseldorfEines Tages grübelte Matthias Doepke über sich als Vater. Der Ökonom hat drei Söhne, vier bis zehn Jahre alt. Ihm fiel auf, dass er sich in der Erziehung ganz anders verhielt als seine Eltern. Die ließen ihm in seiner Kindheit viel Freiheit, auf dem Bauernhof in der Nähe von Hannover. Doch bei seinen Kindern ist er mehr „involviert und zudringlich“, wie er feststellt.

Woran liegt das? Die Frage diskutierte Doepke mit einem Kollegen – Fabrizio Zilibotti, auch er Familienvater. Der Italiener Zilibotti lehrt als Wirtschaftsprofessor an der US-Eliteuni Yale, der Deutsche Doepke an der Northwestern University in der Nähe von Chicago.

Aus ihrem Gedankenaustausch entstand eine wissenschaftliche Abhandlung, jetzt das Buch „Love, Money & Parenting“ – was Liebe, Geld und Kindererziehung miteinander zu tun haben. „Wir wollten unser eigenes Verhalten verstehen“, schreiben sie. Ein interessanter Ansatzpunkt in einer Zeit, in der Schlagworte wie „Helikoptereltern“ oder „Tigermama“ reüssieren. Nicht nur Doepke und Zilibotti gehen der Frage der Kindererziehung analytisch-empirisch nach.

Auch die Soziologin Caitlyn Collins untersucht die Einflussfaktoren mithilfe von Interviews mit mehr als hundert Müttern. Sie wollte verstehen, welche Faktoren „Müttern das Arbeiten“ ermöglichen: „Making Motherhood Work“ heißt ihr neues Buch. Beide Werke nehmen den Leser mit auf eine Reise. Sie führt zu Eltern und Kindern in Schweden, Deutschland und den USA.

Eines stellen die Autoren Doepke und Zilibotti gleich am Anfang ihres Buchs klar: „Das ist keine Anleitung zur Kindererziehung.“ Worum es stattdessen geht, zeigt sich in der Illustration auf dem Titel, ein Kinderwagen mit zwei Geldmünzen-Rädern: wie sehr sich Ökonomie auf unseren Umgang mit dem Nachwuchs auswirkt.

Wie lassen sich Kinder erziehen? Die beiden Ökonomen unterscheiden zwischen „Zwang“ und „Überzeugung“ mit dementsprechend „freizügigen“ oder „autoritären“ Eltern. „Nach unserer Überzeugung ist kein Ansatz besser als der andere“, stellen sie fest, warnen aber vor den „negativen Konnotationen“ und „bekannten Auswirkungen“ von Prügelstrafen.

Insgesamt hätten alle Eltern beide Erziehungsansätze in sich. Sie seien zwischen ihnen hin- und hergerissen. „Wenn keiner von den beiden Erziehungsstilen klar besser ist, kommt es auf die relativen Kosten und Nutzen an.“ Das Zurechtweisen und die Einmischung stellen Kosten in Form von Zeit und Nerven dar.

Das Kind „machen zu lassen“ spart Geld

Insofern entstehen weniger Kosten für Eltern, die, salopp formuliert, ihre Kinder machen lassen, was sie wollen. Aber auch dort entstehen Kosten: Eltern müssen ihre plärrenden Kinder oder „den Unfrieden mit Nachbarn oder Freunden“ aushalten.

Was das konkret bedeutet, erzählt Zilibotti in einer Anekdote von einem skandinavischen Freund. Ihre beiden Familien gehen gern zusammen picknicken, allerdings mit einem Vorbehalt: Wenn der vierjährige Sohn des Skandinaviers sich nicht ruhig verhält und Unsinn macht, wird der Ausflug einfach abgebrochen. „Die Option ,Wir essen jetzt‘ stand nie zur Debatte“, erinnert sich Zilibotti, der aus seiner Kindheit in Italien eine andere Erziehung gewöhnt ist.

Matthias Doepke, Fabrizio Zilibotti: Love, Money, & Parenting.
Princeton University Press
Princeton 2019
384 Seiten
ca. 26 Euro
ISBN: 9780691184210

Vor der industriellen Revolution wollten Eltern vor allem eins von ihren Kindern: dass sie gehorchen. „Es gab wenig Anreiz, die Kinder das Leben unabhängig entdecken zu lassen.“ Das Buch zitiert Georg Friedrich Händel, der eigentlich Anwalt werden sollte und gegen den Willen seines Vaters Musiker wurde.

Das Bild änderte sich Ende des 18. Jahrhunderts mit der industriellen Revolution. Die Chance, sozial aufzusteigen, wächst. Für Eltern lohnt es sich, in ihre Kinder zu investieren. „Der Wert der Gefügigkeit sinkt mit dem steigenden Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt“, bringen es die Autoren im schönsten Wirtschaftsdeutsch auf den Punkt.

Auch sinkt die Fertilitätsrate. Heißt: Die Familien werden immer kleiner, die Eltern haben mehr Zeit und Geld, sich um die vergleichsweise kleinere Kinderschar zu kümmern.

Religiöse Menschen erziehen autoritärer

Mit dem Wohlstand stirbt die autoritäre Erziehung aus. Knapp ein Viertel aller vor 1962 geborenen Schweden wurden von ihren Eltern geschlagen, in Deutschland und Österreich sogar die Hälfte. Heute würden nur sechs Prozent aller schwedischen Eltern ihre Kinder auch nur „in milder Weise züchtigen“, ähnlich stark ist der Abfall hierzulande zu beobachten.

Interessanterweise neigen Eltern in stark katholischen Ländern noch eher zu autoritärem Verhalten. Noch heute toleriert rund die Hälfte der Italiener körperliche Strafen, ein Viertel von allen italienischen Eltern sogar mehrmals im Monat.

Das gilt auch für Protestanten, wie Zahlen in den USA zeigen. „Ihre Perzeption der Welt ist die einer stabilen Welt“, versuchen die Autoren, das Phänomen zu erklären. Daher sei es für sie weniger von Bedeutung, dass ihre Kinder „unabhängig und imaginativ“ seien, als dass sie sich einfügten.

Caitlyn Collins: Making Motherhood Work.
Princeton University Press
Princeton 2019
360 Seiten
ca. 26 Euro
ISBN: 9780691185156

Insgesamt wird diese autoritäre Erziehung laut Doepke und Fabrizio immer häufiger durch eine „autoritative“ ersetzt. Der kleine Unterschied im Wortlaut beschreibt jene Eltern, die liebevoll auf Kinder eingehen und gleichzeitig ein bestimmtes Maß an Autorität ausüben. Wie sehr sie sich dabei in das Leben ihres Nachwuchses einmischen, hängt von ökonomischen Faktoren ab, wie die Autoren sagen. Das zeigen Unterschiede in Ländern wie Schweden, Deutschland oder den USA.

Die Faustformel lautet: Je größer die Ungleichheit in einer Gesellschaft, desto mehr intervenieren Eltern. Es lohnt sich für sie, das Leben und die Ausbildung ihrer Kinder zu managen. Wer es dort auf die richtige Highschool und Universität schafft, findet leichter Arbeit und verdient deutlich mehr.

Die USA als Land der Helikoptereltern

Umgekehrt sinkt der Anreiz für Eltern in einem Land mit weniger Ungleichheit. In Statistiken zeigen die Ökonomen, dass sich im egalitären Schweden die Eltern eher passiv verhalten, während sich in den USA die Helikoptereltern oder Tigermamas ausbreiten.

Auch in Deutschland geht es für Eltern um einiges. Anders als beispielsweise in den USA ist das Schulsystem stark nach Leistung gegliedert. Wer es nicht ins Gymnasium schafft und das Abitur ablegt, verdient später im Schnitt weniger. „Für ambitionierte Eltern ist es ein wichtiges Ziel, die Kinder ins Gymnasium zu bringen.“

Allerdings sind in Deutschland die Bildungsstätten überwiegend öffentlich. In den USA ist das anders. Um in eine gute Universität zu kommen, zählen nicht nur Geld und gute Testergebnisse, sondern auch – anders als hierzulande – das Engagement der Kinder außerhalb der Schule. Amerikaner bringen daher ihre Schützlinge mit Praktika oder Sport auf Trab – die berühmte „Soccer Mom“ verbessert die Chancen des Kindes, in eine bessere Uni zu kommen.

Doepke und Zilibotti  untersuchen auch, wie Mütter Kind und Karriere vereinbaren können. Wer mehr darüber erfahren will, sollte aber besser das Buch „Make Motherhood Work“ von Collins lesen. Die Hochschuldozentin lehrt Soziologie an der Washington University in St. Louis und forschte fünf Jahre zum Thema. Dabei sprach sie mit 135 Müttern, gleich verteilt in Schweden, Deutschland, Italien und den USA.

Ihr Fazit: In keinem Land der Welt haben es Mütter so schwer wie in den USA, nur 65,5 Prozent hätten einen Job. Ganz anders in Schweden, wo 83 Prozent arbeiten. Auch in Deutschland hätten es Mütter laut Collins nicht leicht, es würde noch immer das Vorurteil der „Rabenmutter“ herrschen. Dementsprechend würden nur 69 Prozent der Mütter arbeiten.

Hohe Benachteiligung für Mütter in Deutschland

Die Unterschiede in den einzelnen Ländern macht die Soziologin an den Ausgaben für „Familienleistungen“ im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt fest. Da überrascht es wenig, dass Schweden mit 3,63 Prozent am meisten ausgibt, währen die USA nur auf 1,19 Prozent kommen.

Was erstaunt: dass Deutschland trotz Ausgaben von 3,05 Prozent auf eine vergleichsweise schwache Beschäftigungsquote und auf eine hohe Gehaltsbenachteiligung von Müttern kommt. Während in Schweden Frauen mit mindestens einem Kind im Schnitt 21 Prozent weniger verdienen als Männer in gleicher Position, sind es in Deutschland 25 Prozent.

Die Amerikanerin spricht von einer „nationalen Krise“ in ihrem Land und empfiehlt, bestimmte Programme aus den anderen Ländern wie Kindergärten oder Elternzeit zu übernehmen oder auszubauen. Denn die Arbeitswelt verändere sich, Frauen würden angesichts schwacher Geburtenraten immer mehr von Unternehmen gebraucht. Auch fühlt sie sich persönlich getroffen: „Ich bin wütend.“ Dem dürften sich deutsche Mütter, aber auch Väter wohl anschließen.

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