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Buchtipp: „Schuldig“ „Vom Himmel zur Hölle, und zurück“ – Die Geschichte des Thomas Middelhoff

Mit viel Selbstkritik blickt Thomas Middelhoff in seinem neuen Buch auf sein bisheriges Leben zurück. Es ist ein Striptease auf 287 Seiten.
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„Ich surfte um die Welt und war nicht wirklich irgendwo.“ Quelle: Stefan Thomas Kroeger/laif
Selbstkritiker Middelhoff

„Ich surfte um die Welt und war nicht wirklich irgendwo.“

(Foto: Stefan Thomas Kroeger/laif)

Hamburg Wer ist Thomas Middelhoff heute? Der Mann, der als Chef von Bertelsmann das Internet nach Deutschland brachte und bei Karstadt-Quelle (Arcandor) scheiterte. Der in Deutschland zum Symbol für unsympathischen Turbokapitalismus wurde. Der 2014 hart bestraft wurde mit mehrjähriger Haft wegen Untreue und Steuerhinterziehung und jetzt sein zweites Buch schrieb, „Schuldig – Vom Scheitern und Wiederaufstehen“. Er selbst hat sich auf einer Pressekonferenz, mit Lächeln, als „Ex-Manager, Ex-Häftling und versuchsweise Autor“ vorgestellt.

Wer Middelhoff 2019 aber wirklich verstehen will, muss über Scheitern, Schreiben und Glauben reden. In der „Schmökerstube“ im 25hours-Hotel, Hafen-City in Hamburg, will er zunächst über Versagen sprechen.

I. Scheitern

Damit ist es so eine Sache. Ein „Tabuthema“ sei das, schreibt Middelhoff, damit sei oft „Stigmatisierung“ verbunden. Andererseits ist es ein Modethema. Wer als toller, kreativer Unternehmer gelten will, muss mindestens einmal gescheitert sein. Auf „Fuck-up-Nights“ zelebrieren Protagonisten ihr Teilzeit-Unglück.

Middelhoff hat bei einem dieser Events in Frankfurt festgestellt, dass seine Vorredner Scheitern so darstellten, als sei das vom Himmel gefallen: „Nicht ich, sondern die anderen waren schuld, heißt es oft. Ich war zwar im Gefängnis, aber ich bin unschuldig. Das waren die Anwälte. Es gibt immer eine Relativierung der eigenen Schuld.“

Relativieren will Middelhoff nichts mehr. Deshalb hat er das Buch geschrieben. Es ist ein Striptease auf 287 Seiten, was es sicherlich besonders macht, ganz nach der inneren Linie: je ehrlicher, desto selbsttherapeutischer. Je radikaler, desto befreiender. Er sei im Leben „x-mal gescheitert“, sagt der Autor, etwa in der Jahrgangsstufe 10 nicht versetzt worden.

Thomas Middelhoff: Schuldig. Vom Scheitern und Wiederaufstehen
Adeo Verlag
208 Seiten
22 Euro

Der Trend der Lebensentwicklung aber habe weiter angehalten – bis er im November 2014, bei der Verhaftung im Gerichtssaal, auf vielen Ebenen des Lebens fallierte. Wirtschaftlich (Privatinsolvenz), gesellschaftlich (Straftäter), gesundheitlich (Autoimmunkrankheit), familiär, insgesamt in der Reputation. Middelhoff: „Nichts vorher hat mich aufschrecken lassen. Ich habe versucht, Dinge zu verdrängen und durch einen überproportionalen Arbeitseinsatz vor mir selbst wegzulaufen – seit den Anfangsjahren bei Bertelsmann.“

Die 17 Jahre im Gütersloher Medienkonzern haben ihn geprägt. Die Vorwürfe der Ehefrau über die permanente Arbeitsbelastung habe er abgewehrt „mit der großen Verantwortung und der Aufgabe, die ich habe. Ich war vollgefüllt mit Aktivitäten.“ Das bedeutete Reisen, Fahrer, Hubschrauber, Privatjet – eine abgeschottete Welt, zu der die Gremien und der Konferenz-Bullshit eines Konzerns gehören.

Akribisch, fast akademisch erklärt der gläubige Katholik Middelhoff im „Schuldig“-Buch, wie er gegen alle Todsünden der katholischen Lehre verstieß. Er hätte versuchen sollen, „zu meinen Werten zu stehen, auch wenn mich das einen Karriereschritt gekostet hätte“, sagt er: „Die Charaktereigenschaften entscheiden, dass man da bleibt, wo man ist. Meine haben sich in die falsche Richtung entwickelt. Das hat mir das Genick gebrochen.“

Dass er moralisch im Hause Bertelsmann scheiterte, das auf Ethik Wert legt, ist eine besondere Pointe. „Heute sehe ich es sehr kritisch, wenn Firmen ihre Unternehmenskultur so herausstellen“, sagt Middelhoff. „Da werden oft Dinge hervorgetragen, die nicht gelebt werden. Häufig werden Wahrheiten verbogen.“

Gegen welche der katholischen Todsünden haben Sie am meisten verstoßen?
Gegen die Unfähigkeit, im Augenblick zu leben. Ich surfte um die Welt und war nicht wirklich irgendwo. Und ich war maßlos. Das würde ich in einem Atemzug nennen mit Stolz und Hochmut. Meine berufliche Entwicklung führte zu immer weniger Demut.

Zu welchem Fehler trieb Sie der Stolz? 
Wahrscheinlich, dass ich 2004 von der Finanzfirma Investcorp in London zurück nach Deutschland ging, als CEO von Karstadt-Quelle. Ich aber wollte es allen zeigen, auch den Journalisten, das kriege ich hin.

Sie wollten sozusagen mit Ihrem Nachfolger Gunter Thielen und mit Liz Mohn korrespondieren, die Sie 2002 entlassen hatte.
Und das auf Augenhöhe: „Passt mal auf, Ihr habt einen Fehler gemacht!“ Thielen kommt an einigen Stellen im Buch vor. Er hätte eigentlich den Job bei Karstadt-Quelle haben sollen. Irre, wie das Leben manchmal spielen kann. Das ist ja die zweite Facette: „Thielen, pass mal auf, ich nehme Dir das jetzt weg!“

Man lernt in diesem Bekenntnis-Buch: In der gehobenen Wirtschaft geht es manchmal zu wie im Fußballklub. Es ist auch eine Warnung vor Gier. Middelhoff, der für einen Deal von Bertelsmann einen Sonderbonus in Höhe eines hohen zweistelligen Millionenbetrags bekam, schaffte es so ins exklusive Netzwerk der Privatbank Sal. Oppenheim und des Steuersparkünstlers Josef Esch.

„Ich habe alles blind unterschrieben. Die mussten sich gar nicht groß anstrengen, ich war so gierig nach allem Möglichen.“ Nach einer Villa in St.-Tropez, nach einer Jacht. Zusehends aber fehlte die Empathie für Mitmenschen: „Ich bin nicht eiskalt, bin aber so herübergekommen.“

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