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Buchtipp: „Szenen aus dem Herzen“ Warum das Buch über Greta Thunbergs Familie furchtbar, aber wichtig ist

Essstörungen und Schreianfälle: Bis ins letzte Detail legt die Mutter der Klimaaktivistin die Leiden ihrer Familie offen.
01.05.2019 - 09:37 Uhr Kommentieren
Mit „Fridays for Futures“ hat die junge Schwedin eine weltweite Jugendbewegung ausgelöst. Quelle: dpa
Greta Thunberg

Mit „Fridays for Futures“ hat die junge Schwedin eine weltweite Jugendbewegung ausgelöst.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Greta Thunberg, soviel vorweg, hat sich als Klimaaktivistin hochverdient gemacht. Die von ihr losgetretene Jugendbewegung „Fridays for Futures“ hat in tausenden Familien Diskussionen darüber ausgelöst, was jeder Einzelne zur Rettung der Umwelt beitragen kann und muss. Gute, notwendige Diskussionen. Zugleich aber ist Greta Thunberg eine schutzbedürftige 16-Jährige, die am Asperger-Syndrom und einer Reihe weiterer psychischer Erkrankungen leidet.

Und hier beginnt das Problem. Im Fischer-Verlag erscheint in diesen Tagen die deutsche Übersetzung eines Buchs, das offiziell von Greta Thunberg, ihren Eltern und ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Beata Ernman verfasst wurde. Tatsächlich aber handelt es sich im Wesentlichen um die in Ich-Form erzählte Lebens- und Leidensgeschichte von Gretas Mutter Malena Ernmann.

Wäre „Szenen aus dem Herzen – Unser Leben für das Klima“ ein pseudodokumentarischer, sarkastischer Roman – er wäre brilliant: Künstlermutter, einst selbst von Essstörungen und depressiven Schüben geplagt, ist mit dem Verlauf ihrer Musikerkarriere nicht ganz zufrieden.

Sie kompensiert das unterbewusst, indem sie sich auf die Dauertherapierung ihrer verhaltensauffälligen Kinder konzentriert. Am Ende glaubt die Mutter, der kaltherzige Materialismus, der das Weltklima zerstört, habe auch ihre Seele und die Seelen ihrer Kinder geschädigt.

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    Besondere Pointe: Gerade wegen ihrer Erkrankung gehört Greta in den Augen der Mutter „zu den wenigen, die unsere Kohlendioxide mit bloßem Auge erkennen können.“ Die Krankheit als segensreiches Unglück, das den Menschen verfeinert und ihn zu besonderen Einsichten befähigt – dieses Motiv kennen wir aus Thomas Manns „Zauberberg“.

    Malena und Beata Ernman; Greta und Svante Thunberg: Szenen aus dem Herzen
    Fischer
    2019
    256 Seiten
    18 Euro

    Doch leider handelt es sich bei „Szenen aus dem Herzen“ um ein Sachbuch. In zahlreichen „Szenen“ genannten Kurzkapiteln geht es darin vordergründig um Greta und das Weltklima. In Wahrheit dreht sich das Werk in einer Art Bewusstseinsstrom immer und immer wieder um Malena Ernman.

    Über ihre letzte Opernaufführung schreibt die Sängerin: „Diejenigen, die die Aufführung erlebt hatten, sagten, dass der Schlussapplaus unvergleichlich gewesen sei. Die Zuschauer hätten sich von ihren Plätzen erhoben und emphatisch gejubelt.“

    Selbst die Leiden ihrer Töchter erscheinen vor allem als Opfergang der Mutter. Mit bizarrem Zeigestolz schildert sie nicht nur Gretas Krankengeschichte , sondern auch die ihrer kleinen Schwester: „Am Ende wird bei Beata ADHS diagnostiziert, mit Zügen von Asperger, OCD und eine Störung mit oppositionellem Trotzverhalten.“

    Diese von der eigenen Mutter publik gemachte Diagnose dürfte Beata Ernman, die bislang nicht im Licht der Öffentlichkeit stand, nun bis ans Ende ihrer Tage verfolgen. Ein furchtbares, ein wichtiges Buch. Es behandelt gleich zwei Übel unserer Zeit: Den Klimawandel – und den Narzissmus.

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