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Buchtipp: „Uncanny Valley“ So lebt es sich als junge Frau im Silicon Valley

Mit Mitte 20 zog es Anna Wiener in die Welt der Start-ups. Was sie dort erlebte, hat sie jetzt aufgeschrieben. Ein faszinierendes Stück Literatur.
16.01.2020 - 18:29 Uhr Kommentieren
Im Silicon Valley arbeiten vor allem viele Männer. Quelle: Annie Spratt/Unsplash
Start-up-Kultur

Im Silicon Valley arbeiten vor allem viele Männer.

(Foto: Annie Spratt/Unsplash)

Hamburg In der Statistik gibt es den Begriff des „Survivor Bias“: Über bestimmte Phänomene berichten in der Regel nur die Überlebenden. Dieses Phänomen führt zum Beispiel dazu, dass die Regale von Buchhandlungen und Online-Versandhäusern voll sind mit Werken von erfolgreichen Start-up-Unternehmern und Wagniskapitalisten. Die Autoren singen in der Regel ein Loblied auf das „Risk Taking“ oder fordern ihre Leser auf: „Lean In!“ Gib alles und gehe Risiken ein, dann wirst du im digitalen Kapitalismus erfolgreich sein, lautet die Botschaft.

Tatsächlich, das zeigen alle Statistiken, scheitert die Mehrzahl der Start-ups ebenso wie ein Großteil der Wagniskapitalinvestments. Voller Einsatz und hohe Risiken können zu überragendem Erfolg führen oder zu grandiosem Misserfolg. Doch übers unternehmerische Scheitern schreibt kein echter Unternehmer gerne ein Buch. Das Survivor Bias wirkt zuverlässig.

Inzwischen jedoch beginnt sich in den Büchern über den digitalen Kapitalismus auch eine umgekehrte Form des Survivor Bias herauszubilden, man könnte von einem „Victim Bias“ sprechen: Bücher von Intellektuellen, die in die Welt der Start-ups gewechselt sind, in der Regel nicht als Gründer, sondern als Angestellte, und die in dieser Welt nicht heimisch geworden sind.

Auch hier gilt: Wären diese Autoren von ihrem neuen Start-up-Leben begeistert gewesen, würden sie keine Erfahrungsberichte in Buchform schreiben, sondern im Silicon Valley am nächsten großen Ding arbeiten.

Zu den Pionieren der Opferliteratur gehörte der Journalist Dan Lyons, der im gestandenen Alter von 54 Jahren als Marketingexperte in einem Start-up landet, dessen Gründer seine Kinder sein könnten. Auf Deutsch erschien sein Buch unter dem etwas unglücklichen Titel „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“. Lyons beschrieb vor allem die Generationenkluft zwischen ihm und den Mittzwanzigern, die in der Tech-Welt dominieren.

Anna Wiener gehört selbst zu dieser jungen Generation. Es ist gar nicht so leicht auf den Punkt zu bringen, was ihr Stück Silicon-Valley-Opferliteratur so faszinierend macht. In „Uncanny Valley“, was auf Deutsch so viel heißt wie „Unheimliches Tal“, beschreibt Wiener nichts wirklich Spektakuläres.

Anna Wiener: Uncanny Valley. A Memoir.
MCD
288 Seiten
24,99 Euro

Sie schildert ihren eigenen Lebensweg, den so oder so ähnlich Tausende andere vor und nach ihr gegangen sind: Nach ihrem Uniabschluss in Soziologie arbeitet Wiener zu einem miesen Gehalt in einer kleinen New Yorker Autorenagentur. Ihr Leben kreist um ihre Hipster-Freunde in Brooklyn, ihre Kreditkartenschulden und ihre permanenten Selbstzweifel.

Um etwas mehr zu verdienen, heuert sie bei einem New Yorker E-Book-Start-up an und wird nach wenigen Monaten wieder gefeuert. Dank einer Empfehlung der Gründer bekommt sie immerhin das Angebot für einen Job im Kundenservice eines anderen Start-ups in San Francisco. Sie tut, was Amerikaner seit Jahrhunderten tun, um ihr Glück zu suchen: Sie zieht gen Westen.

Obwohl Wieners Arbeit nur aus wenig mehr besteht als dem Beantworten von Kunden-E-Mails, verdient sie bald 100.000 Dollar pro Jahr. Das reicht, um ein Einzimmerapartment zu mieten und regelmäßig per „Lyft“ aus dem Büro nach Hause zu fahren – der Konkurrent „Uber“ gilt unter ihresgleichen als nicht cool genug.

Wiener lernt ihren Lebensgefährten kennen, dessen Robotic-Start-up von Google aufgekauft wird. Am Arbeitsplatz wird sie von einem Kollegen sexuell belästigt – was ihren Vorgesetzten nicht weiter interessiert. Sie ist schockiert, in welchem Ausmaß sie am Arbeitsplatz Zugang zu privaten Nutzerdaten hat, und versucht erfolglos, die Programmiersprache Java zu erlernen.

Sie wechselt zu einem anderen Start-up, erlebt einen Shitstorm, nimmt ein paar Drogen, gerät in eine Gruppensexparty und wundert sich immer wieder über die Vorliebe der Valley-Elite für Outdoorklamotten („Gekleidet wie für eine Gletscherüberquerung“).

Wiener wird Zeugin, wie in ihrer Nachbarschaft allmählich die Schwulenbars und Kramläden verschwinden zugunsten neuer „Smarthomes“ mit separaten Hundeduschen im Eingangsbereich. Staunend beobachtet sie die Gentrifizierung San Franciscos und ist selbst Teil von ihr.

Was Start-up-Gründer und Wagniskapitalisten ausmacht

Mit einem feinen Blick für die Schicht- und Milieuunterschiede im modernen Amerika beschreibt Wiener die unterschiedlichen Typen in der Start-up-Szene des Silicon Valley. Ja, fast immer sind es „Typen“, denn Frauen sind in der Tech-Branche fast so selten wie Schwarze.

Wieners Selbstzweifel sind mit ihr nach Westen gereist. Sie ist fasziniert von der Unbedingtheit der Start-up-Gründer und Wagniskapitalisten um sie herum und ahnt doch, dass sie nie zu ihnen gehören wird. Sie gruselt sich vor deren libertärem Gesellschaftsbild, ihrer Staatsverachtung und ihrem Effizienzkult.

Diese Memoiren einer Frau von Anfang 30 wirken über weite Strecken wie ein Roman von Jonathan Franzen. In dessen Büchern passiert ja auch nicht wirklich viel, aber sie liefern eine faszinierende Anatomie der amerikanischen Mittelschicht mitsamt ihren Sehnsüchten und Neurosen.

Die Sinnlosigkeit ihrer Arbeit empfindet Wiener als immer unerträglicher. 2018 kündigt sie. Als ihr Arbeitgeber kurz darauf an Microsoft verkauft wird, kann sie ihre Aktienoptionen einlösen. Sie sind etwa 200.000 Dollar wert. „Ich fühlte keinen Stolz, nur Erleichterung und Schuld“, schreibt Wiener am Ende ihres Buches.

Mehr: IT-Konzerne haben heute eine immense Markmacht. Schuld sei daran das wettbewerbsrechtliche Laisser-faire der 70er-Jahre, sagt ein Jurist und Ökonom.

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