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Schwein gehabt

Die Grundfrage bei der Sozialstaatsdebatte muss doch lauten: In was für einer Gesellschaft wollen wir eigentlich leben?

(Foto: Frabian Blank on Unsplash)

Buchtipp: „Was würdest du tun?“ Was das bedingungslose Grundeinkommen mit Menschen macht

Grundeinkommen – ja oder nein? Dieser Bericht von 24 Gewinnern eines Grundeinkommens ist ideologiefreier Stoff für eine nötige Grundsatzdebatte.
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BonnGerechtigkeit kann unglaublich kompliziert sein. Ständig werden neue Begriffe im Kampf gegen Armut eingeführt: Bürgergeld, Grundrente, solidarisches Grundeinkommen oder ganz aktuell die Respekt-Rente – ein Vorschlag von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Semantisch ausgefeilte Begriffe, die immer wieder aufpoppen in seitenlangen Leitartikeln, hitzigen Talkshow-Runden, politischen Podcast-Folgen und schön animierten Erklärvideos.

Mir schwirrt da gerade ordentlich der Kopf. Ich vermisse bei den ganzen diffusen Debatten oft das, worum es jenseits von ausgeklügelten Finanzierungsfragen, Arbeitsmarkteffekten und Sozialstaatstheorien eigentlich auch geht: um Gefühle und Bedürfnisse, um die Erfahrungen und Hoffnungen derjenigen Menschen, über die geredet wird.

Und ich vermisse die Frage: In was für einer Gesellschaft wollen wir eigentlich leben? Es geht um Würde und letztlich auch um unser Menschenbild: Wird der Mensch nur aus Not, Hunger und Angst aktiv? Oder wird er, ausreichend genährt und gestärkt, ebenso kreativ, tätig und produktiv?

Genau da schließt das Buch von Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen „Was würdest du tun? Wie uns das bedingungslose Grundeinkommen verändert“ nun eine Lücke.

Die Autoren liefern frei von Ideologie und Populismus äußerst nützlichen Stoff für eine Grundsatzdebatte, an deren Ende wir einen gesamtgesellschaftlichen Konsens organisieren müssen, damit unsere Sozial- und Rentensysteme demnächst nicht implodieren. Erschienen im richtigen Moment und damit eines der wichtigsten Bücher in diesem Winter.

Michael Bohmeyer, Claudia Cornelsen: Was würdest Du tun? Wie uns das Bedingungslose Grundeinkommen verändert – Antworten aus der Praxis
Verlag Eco, 2019
288 Seiten
16 Euro
ISBN: 978-3-430-21007-2

Basis für das Buch, dessen Erstauflage bereits am Erscheinungstag im Januarausverkauft war, bildet ein Gesellschaftsexperiment des Berliner Jungunternehmers Michael Bohmeyer, Jahrgang 1984. Seit 2014 verlost er per Crowdfunding eingesammeltes Geld an Wildfremde.

Bewerben kann sich jeder, auch Menschen, die selbst kein Geld spenden. Es ist das erste und einzige nichtstaatliche Pilotprojekt dieser Art. Ein Experiment, das seit fünf Jahren aus der Mitte der Gesellschaft getragen wird und nicht, etwa wie in Finnland, auf staatliche Initiative durchgeführt wird.

Die Gewinner bekommen ein Jahr lang steuerfreie 1.000 Euro im Monat auf ihr Konto überwiesen, ganz ohne Bedingungen. Einzig bei Hartz-IV-Empfängern werden die monatlichen Grundeinkommenszahlungen als Einkommen gewertet und deswegen verrechnet.

Auf die Idee kam Bohmeyer, als er mit Ende 20 ein erfolgreiches IT-Unternehmen im Online-Handel aufgebaut hatte und plötzlich von den Erträgen leben konnte. Er hat also selbst zeitweise eine Art Grundeinkommen erhalten in Form von Gewinnausschüttungen, die auf den Monat gerechnet damals bei knapp 1.000 Euro lagen.

„Ich bin dann kreativer geworden, auch mutiger. Und ich habe mich gefragt: Wenn mich das so verändert, würde es anderen wohl genauso gehen?” Quelle: dpa
Michael Bohmeyer

„Ich bin dann kreativer geworden, auch mutiger. Und ich habe mich gefragt: Wenn mich das so verändert, würde es anderen wohl genauso gehen?”

(Foto: dpa)

Für Bohmeyer, der sich bis dahin stets getrieben und gehetzt gefühlt hatte, war das eine „lebensverändernde Erfahrung“. „Ich fand es unheimlich schwer, nichts zu machen“, erzählt er in einem Interview mit der Zeit. „Aber ich bin dann kreativer geworden, auch mutiger. Und ich habe mich gefragt: Wenn mich das so verändert, würde es anderen wohl genauso gehen?“ So entstand der Verein „Mein Grundeinkommen“.

Es gibt bereits mehr als 250 Gewinner

Viele hielten ihn zunächst für einen Spinner. Inzwischen aber hat die Idee eines Grundeinkommens einen rasanten Aufstieg hingelegt. Umfragen zeigen: Vor zehn Jahren kannte nur jeder Dritte die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Inzwischen befürwortet etwa jeder Zweite die Einführung eines Grundeinkommens.

Mehr als 250 Menschen haben bereits ein solches Grundeinkommen gewonnen, und mehr als eine Millionen Menschen beteiligen sich an dem Projekt. Für den Verein, der jährlich drei Millionen Euro über Spenden einwirbt und monatlich mehr als zwölf mal das bedingungslose Grundeinkommen verlost, arbeiten inzwischen 25 Mitarbeiter.

Über die Erfahrungen der ersten Gewinner haben Bohmeyer und Co-Autorin Cornelsen dieses knapp 300-seitige Buch geschrieben. Sie haben Geschichten gesammelt, die einem das Herz öffnen.

Sie zeigen, was das Grundeinkommen mit den 24 Menschen gemacht hat, die die Autoren auf ihrer Zehn-Tages-Tour quer durch ganz Deutschland persönlich getroffen und gefragt haben: Was machst du mit dem Geld? Was hat sich für dich durch das Grundeinkommen verändert? Wie lebt es sich, wenn deine Existenz gesichert ist, ohne dass du etwas dafür tun musst?

Zusammengekommen sind 24 Porträts von Grundeinkommens-Pionieren, die unterschiedlicher nicht sein könnten: etwa die 44-jährige Anna-Maria, die im April 2018 als 146. Gewinnerin ausgelost wird und mit dem Geld endlich von ihrem gewalttätigen Ehemann wegziehen kann. Die prekär beschäftigte Multijobberin Gabi, die immer funktionieren muss die dank des Geldes bei einem Arbeitgeber, der sie ausbeutet, zu kündigen.

Manche sind faul, verschwenderisch oder konsumgeil

Oder Bastian, der seit vier Jahren auf der Straße lebt und dem das Grundeinkommen im noch laufenden Insolvenzverfahren etwas Luft verschafft. Aber auch ganz „normale“ Angestellte wie der 34-jährige Janek aus Köln sind dabei, der das Geld eigentlich nicht bräuchte. Er spekuliert daher an der Börse mit Aktien, während ein anderer Gewinner in ein unbezahltes Praktikum investieren will, um überhaupt wieder Arbeit zu finden.

Kurz: Die Leute geben das Geld ganz unterschiedlich aus. Aber alle berichten, dass sie besser schlafen und gesünder und zuversichtlicher leben.

Diese so unterschiedlichen Menschen, denen die Autoren begegnen, zeigen mit ihrer Biografie sehr anschaulich, was bedingungslos eben auch heißt: Menschen, die das Grundeinkommen bekommen, dürfen auch doof sein, faul, verschwenderisch und konsumgeil.

So zeichnet das Buch ein aufschlussreiches Psychogramm unserer Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Autoren gehen aber auch den kontrovers diskutierten Fragen nach, die mit dem SPD-Vorschlag gerade wieder im Raum stehen.

Wer geht denn dann noch arbeiten? Legen sich dann nicht alle Menschen in die Hängematte? Wer macht dann die Arbeiten, zu denen keiner Lust hat, wie die Müllabfuhr? Und wird nicht alles teurer, wenn Menschen mit Grundeinkommen mehr Geld ausgeben?

Wertvoll macht das Buch, dass Bohmeyer und Cornelsen auch ihre eigenen Fragen und Zweifel am Grundeinkommen mitteilen. Sie sind nicht angetreten nicht an, um andere von der Idee zu überzeugen, sondern um sich selbst diese offenen Fragen zu beantworten.

Gegen Ende der Lektüre steht dann also gar nicht mehr die Frage im Fokus, was die Menschen mit dem Geld machen – sondern die, was das Geld mit den Menschen macht.

Spannender Bericht aus dem Soziallabor

Oder wie es dm-Gründer Götz Werner, Gallionsfigur der Bedingungslosen Grundeinkommens-Bewegung in Deutschland, im Vorwort für das Buch schreibt: „Es geht um die Erfahrung der Bedingungslosigkeit im Menschsein. Es geht darum, dass wir uns wechselseitig ermöglichen, die uns innenwohnenden Potentiale zu entfalten.“

„Was würdest du tun?“ ist ein relevanter Bericht aus einem der spannendsten Soziallabore der Welt – und liefert dringend nötige Perspektiven für eine Gesellschaft und Arbeitswelt im Umbruch. Als Pflichtlektüre für Andrea Nahles, Hubertus Heil, Annegret Kramp-Karrenbauer, Christian Lindner und Johannes Vogel sehr zu empfehlen.

Ja, gerade die Politiker, die sich durchaus ein Beispiel nehmen könnten an der Wirtschaft, die der Politik weit voraus ist: So zeigen Top-Manager wie dm-Chef Götz Werner, Telekom-Chef Timotheus Höttges oder SAP-Vorstand Bernd Leukert, die sich öffentlich für ein Grundeinkommen stark machen, mehr Sinn für Demokratie und Soziales, als das gesamte im Bundestag vertretene Parteienspektrum zusammen.

Sollten also auch Politiker dieses überzeugende und obendrein auch für wirtschaftspolitische Laien wie mich sehr gut verständliche Buch tatsächlich lesen, besteht künftig durchaus Hoffnung auf eine klügere Politik. Bis dahin macht „Was würdest du tun?“ alle anderen klug und selbst wenn es eingefleischte Rationalisten nicht überzeugen wird, so inspiriert es sie vielleicht zum Nachdenken.

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