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Buchtipp: „Why Nationalism“ Warum die linke Nationalheldin Yael Tamir den Patriotismus retten möchte

In ihrem neuen Buch schreibt die israelische Politikerin Yael Tamir über Populismus, Positives an Trump und den Irrtum der Globalisierungsanhänger.
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Die Autorin warnt vor zu viel Globalisierung. Quelle: Jonas Opperskalski für Handelsblatt
Yael Tamir

Die Autorin warnt vor zu viel Globalisierung.

(Foto: Jonas Opperskalski für Handelsblatt)

Tel AvivNicht schon wieder, mag man reflexartig aufstöhnen. Wohl kaum ein Thema wird aktuell in den Verlagsvorschauen mit so viel Überdruss behandelt wie der weltweite Populismus und seine Gefahren – als ob die Bühne der Donald Trumps und Victor Orbáns nicht schon groß genug wäre. Insofern begibt sich Yael Tamir, israelische Ex-Ministerin und Polit-Philosophin, nicht nur auf schwieriges, sondern vor allem auf wettbewerbsträchtiges Terrain.

Doch die Intellektuelle aus Nahost weiß zu überraschen, zu provozieren und gegen die herrschende Meinung anzuschreiben. So auch in ihrem neuesten Buch „Why Nationalism“, das in diesen Tagen erschienen ist. Darin warnt die 65-Jährige nicht etwa vor zu viel Populismus, sondern vor zu viel Globalisierung.

Als linke israelische Intellektuelle steht sie dabei nicht im Verdacht, rechte Parolen zu unken. Tamir, in ihrer Heimat als „Juli“ bekannt, gehörte zu den Gründungsmitgliedern der israelischen Friedensbewegung „Peace Now“ und war bis 1999 Vorsitzende einer Menschenrechtsorganisation, die bei der Regierung von Benjamin Netanjahu inzwischen als „palästinenserfreundlich“ in Ungnade gefallen ist.

Bis 2010 saß die Polit-Philosophin für die Arbeitspartei Awoda in der Knesset und führte drei verschiedene Ministerposten und zwei verschiedenen Premierministern. Ihre Meinung dürften ihr viele Genossen als Verrat an der Solidarität der Völker übel nehmen.

Aber Widerspruch sei ihr willkommen, sagt sie keck und lächelt verhalten: „Würde ich wie andere Linke oder wie das progressive Lager denken, hätte ich das Buch ja nicht zu schreiben brauchen.“ Dabei wirkt sie so, als würde sie sagen wollen: „Ich nehme die Herausforderung an.“

Sophie Passmann: Alte weiße Männer
Kiepenheuer & Witsch
Köln
306 Seiten
12 Euro
ISBN-13: 978-3462052466

Seit ihrem Ausstieg aus dem Parlament leitet Tamir das Shenkar College für Ingenieurwissenschaften, Design und Kunst unweit von Tel Aviv. Zudem lehrt sie an der Blavatnik School of Government der renommierten University of Oxford, wo sie unter Sir Isaiah Berlin in politischer Philosophie promoviert hatte. Tamir doziert mit sanften Gesten in ihrem geräumigen Präsidentenbüro im Shenkar College.

Ihr Handy klingelt. Sie schaut kurz aufs Display und sagt: „Das muss ich schnell beantworten“, weil, wie sie nachher wissen lässt, sonst die besten Karten fürs Jazzfestival in Eilat weg gewesen wären. Manchmal ist auch bei einer linksliberalen Intellektuellen das Private schrecklich unpolitisch.

Von wegen Vielfalt

Dann kommt sie auf ihr Lieblingsthema zurück: Die Irrtümer linker Politiker, die glauben, dass soziale Vielfalt zu Toleranz und Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Menschen führen würde. „Aber die Forschung unterstützt diese Annahme nicht“, sagt Tamir.

Der Brexit, die Wahlergebnisse in Italien, der Aufschwung rechter Kräfte in Deutschland, Ungarn, Polen und anderswo: Auch die Europäische Union habe nicht zu einer Überwindung des Nationalismus geführt, sondern ihn geradezu beflügelt, meint die politisierende Philosophin, die einst mit ihrer Partei an die Werte der Sozialistischen Internationalen glaubte.

Dass der national dominierte Diskurs in der EU nicht verschwunden sei, habe sie selbst einmal an der Europäischen Universität Florenz erlebt. Während einer Kaffeepause auf der Terrasse mit Blick über die Toskana-Metropole stellte sie zu ihrer Überraschung fest, dass die Akademiker aus Deutschland, Italien oder Frankreich jeweils an separaten Tischen Platz genommen hatten.

Für Tamir ein Schlüsselerlebnis: „Das Gefühl, dass man unter seinesgleichen sein will, ist offenbar nicht verschwunden. Vielleicht wurde es sogar stärker. Auch bei der Elite.“

In ihrem Buch schreibt Tamir: „Eine der größten Gefahren für die staatliche Einigkeit ergibt sich aus der individualistischen Natur des heutigen Globalismus.“ So wie andere größere Bewegungen verselbstständigte sich auch die Globalisierung mit der Zeit – und zwar zuungunsten vieler Bürger, wie Tamir meint. So hätten große Teil der „ehrlich arbeitenden Mitte“ real nicht davon profitiert, dass die Welt dichter zusammengewachsen sei.

Das sei nicht nur ein „moralischer Fehler“, sagt Tamir, sondern auch ein Schlag gegen die Demokratie, weil nur eine Minderheit Vorteile genieße. Viele würden der Politik deshalb misstrauen, hätten sich von ihr entfremdet. Statt den Bürgern zuzuhören und sie ernst zu nehmen, sage man ihnen, sie seien nicht klug genug. Die Reaktion, so Tamir, sei „ein Aufbäumen des Populismus“, wie wir es gerade erleben.

Dass auch viele Sozialdemokraten die Nachteile der Globalisierung lange Zeit übersehen haben, ist für Tamir zwar bedauerlich, aber verständlich. „Die meisten Vertreter der Linken haben von der Globalisierung profitiert“, erklärt sie den Hang der Genossen, den Nationalstaat gering zu schätzen. Und sie nimmt sich dabei nicht aus. Sie selbst sehe sich als Weltbürger; in Israel lebend, mit Hochschulen in Princeton, Harvard, New York, Florenz oder Budapest verbunden.

Dennoch sei sie über die Jahre zu der Ansicht gekommen, dass die Globalisierung den meisten falsche Versprechungen mache. Als sie zu Beginn des Jahrtausends nach einem Verleger für ihren Pro-Nationalismus-Essay suchte, stieß sie zunächst auf Widerstand. „Du liegst falsch“, hielt man ihr damals vor und behauptete: „Globalisierung ist ein Segen.“

Als ob sie ihrer Beobachtung Nachdruck verschaffen möchte, wirft sie den Kopf leicht nach hinten, sanft und kämpferisch zugleich. Zwar ist Tamir der Ansicht, dass kein Land globale Herausforderungen im Alleingang lösen könne. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass Nationalstaaten überflüssig seien, sei falsch, so Tamir. Ob Luftverschmutzung oder Künstliche Intelligenz: Die Herausforderungen müssen auch auf der lokalen und nationalen Ebene angepackt werden, wo sich die Bürger verantwortlich fühlen.

Natürlich könne Nationalismus auch zerstörerisch sein kann, wie die „extremen Formen“ Faschismus und Nationalsozialismus in der Vergangenheit gezeigt hätten. Dennoch fördere dosierter Nationalismus die Pflege der Kultur, den Aufbau von Identitäten und die Einleitung eines konstruktiven Dialogs.

Die gesamte Zukunft der sozialen Sicherheit beruhe auf einem solchen Gemeinschaftsgefühl, das Bürger aus unterschiedlichen sozialen Klassen zusammenhalte. „Die Entstehung des Wohlfahrtsstaats kann ich mir ohne die Solidarität der Bürger nicht vorstellen“, meint Tamir.

Marx hat sich getäuscht

Wenn die Sozialdemokratie weiterhin von globalen Lösungsansätzen träume, werde sich der Niedergang der Linken nicht aufhalten lassen, ist Tamir überzeugt. Nur lokal ausgerichtete Strategien würden die Chance auf ein Comeback der Linken bieten.

Denn in einem Punkt habe sich Karl Marx getäuscht: „Die Arbeiter der Welt werden sich nie vereinen.“ Marx sei davon ausgegangen, dass nicht nur der Kapitalismus, sondern auch der Nationalstaat die Arbeiter ausbeute. „Doch“, so Tamir, „Tatsache ist, dass der Arbeiter vom Nationalstaat profitiert hat.“

Für den „America-first-Slogan“ von US-Präsident Donald Trump zeigt Tamir deshalb durchaus Verständnis, artikuliere er doch lediglich die Absicht, für die Bürger Verantwortung zu übernehmen. Zwar sei Trump eine Person, die einem „schon auf die Nerven gehen“ könne. Und er tue „schreckliche Dinge“, trenne zum Beispiel an der Grenze Kinder von ihren Müttern.

Gleichzeitig warnt Tamir vor Heuchelei: Auch ein Land wie Kanada, das sich weltoffen gebe, beschränke die Einwanderung. Für jeden, der neu in ein Land komme, sei erst einmal der Staat verantwortlich. Das koste Geld und weitere Ressourcen. Solche nationenbezogenen Überlegungen sind aus Tamirs Sicht deshalb lediglich im Kriegs- oder Katastrophenfall antastbar.

„America first“ habe deshalb auch bei Trumps Vorgängern gegolten – mit Ausnahme von Barack Obama. Wegen seiner global ausgerichteten Politik fühlten sich viele Amerikaner vom Weißen Haus allein gelassen. Die Wähler würden erwarten, dass Politiker ihre Wohlfahrt erhöhen: „Das ist der Kontrakt, deshalb wurden sie gewählt.“ Und das sei die „Essenz der sozialdemokratischen Überzeugung“. Das klingt ja fast nach linkem Mainstream.

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