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Demografie

Grenzen des Wachstums.

(Foto: dpa)

Buchtipps Die Wende ist in Sicht – drei Bücher zur Weltbevölkerung

Die Macht der Demografie: Zwei Bücher räumen mit der Sorge vor der Bevölkerungsapokalypse auf – eines mit dem Heilsversprechen des Internets.
21.06.2019 - 15:16 Uhr Kommentieren

Berlin Bewunderung und Entsetzen zugleich – das war deutlich aus den Worten herauszuhören. Es sei „eine niederschmetternde Tatsache“, schrieb Carl Djerassis, „dass bei seiner Geburt im Jahr 1923 rund 1,9 Milliarden Menschen auf der Erde lebten und es an seinem 100. Geburtstag wohl 8,5 Milliarden sein werden.“

Der inzwischen verstorbene Vater der Antibabypille beteuerte im Jahr 2001: „Das hat es in der Geschichte noch nie gegeben – dass sich im Laufe eines einzelnen Lebens die Weltbevölkerung mehr als vervierfacht hat. Und das wird es auch nie wieder geben.“

Nicht erst seit Erscheinen der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ Anfang der 1970er-Jahre stellt sich die Frage, wie viele Menschen unsere Erde über die heutigen sieben Milliarden hinaus noch verkraften kann. Die Demografie ist ein machtvoller Faktor, der die Zukunft des Planeten bestimmt, aber auch jeden Einzelnen betrifft. In Deutschland zeigt sich das an der Debatte über die Zukunft der Alterssicherung oder den meist jungen Flüchtlingen, die sich aus Armutsregionen mit hohen Geburtenraten ihren Weg zu uns bahnen.

Drei neue Bücher nähern sich aus unterschiedlicher Perspektive der Demografie: Sie beleuchten, wie das Zusammenspiel aus höherer Lebenserwartung und steigenden Geburtenraten die Welt von heute formte, wie es weitergeht mit dem Bevölkerungswachstum und wie die Digitalisierung das Leben von Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern verändert.

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    In „Die Macht der Demografie“ nimmt Paul Morland die Leser mit auf eine spannende Zeitreise. Sie setzt im 19. Jahrhundert ein, als die „Malthusianische Falle“ erstmals nicht mehr zuschlägt. Thomas Robert Malthus, englischer Landpfarrer und erster politischer Ökonom der Geschichte, hielt einen Grundsatz für unverrückbar: Eine Bevölkerung wächst so lange, bis sie das Land, das sie ernähren muss, überlastet. Kriege, Hungersnöte und Seuchen verringern die Einwohnerzahl dann wieder auf ein vertretbares Maß.

    Paul Morland: Die Macht der Demografie – und wie sie die moderne Welt erklärt
    Ecowin 2019
    432 Seiten
    26 Euro
    ISBN-13: 978-3711002389

    Mit der industriellen und landwirtschaftlichen Revolution wurde dieses Gesetz hinfällig. Was folgt, ist eine Geschichte vom „Rise and fall of powers“, vom Aufstieg und Niedergang großer Mächte, die Morland aus demografischer Perspektive erzählt. Höhere Geburtenraten und sinkende Kindersterblichkeit lassen zuerst die Bevölkerung im industriellen Mutterland rapide wachsen und legen den Grundstein für das britische Empire. In Deutschland oder Russland wird die Demografie erst mit Verzögerung zum Machtfaktor. China tritt aus dem weltpolitischen Schatten, als die Industrialisierung auch Asien erreicht.

    In seinem ersten populärwissenschaftlichen Buch beschreibt der in London lehrende Demografieforscher, wie Fruchtbarkeit Kriege beeinflusste, wie die Menschheit lernte, Sex und Fortpflanzung zu trennen, wie China und Japan zu alternden Riesen wurden. Es ist eine naturgemäß statistiklastige, aber dennoch kurzweilige Lektüre – wenn man auch nicht jedem Schluss des Autors sofort bereitwillig folgen mag. Sicher hat auch eine steigende Geburtenrate in der Sowjetunion mit dazu beigetragen, Hitlers Vormarsch bei Stalingrad zu stoppen – aber eben nur als einer von vielen Faktoren.

    Die scheinbar unaufhaltsame Bevölkerungsexplosion, die in den ersten Kapiteln beschrieben wird, stoppte zunächst im Westen, dann auch in vielen Ländern rund um den Globus. Mit Ausnahme Afrikas liegt die Fertilität in den meisten Weltregionen unter der Rate, die nötig wäre, die Bevölkerung langfristig stabil zu halten oder weiter kräftig wachsen zu lassen. Volkswirtschaften wie die USA verdanken ihr Wachstum vor allem der Zuwanderung. China und Japan sind längst zu alternden Riesen geworden, Japan wird in den nächsten 35 Jahren ein Viertel seiner Bevölkerung einbüßen.

    Der Sozialforscher Darrell Bricker und der Journalist John Ibbitson gehen ausführlich den Gründen für die Entwicklung nach, die Morland beschreibt. Ihre provokant zugespitzte These vom „Empty Planet“ dürfte den Kanadiern eine breite Leserschaft bescheren. Durchaus zu Recht, stellen sie doch die noch vorsichtige Prognose der Vereinten Nationen infrage, der zufolge die Weltbevölkerung bis zur Jahrhundertwende auf über elf Milliarden steigen und erst danach langsam sinken wird.

    Darrell Bricker, John Ibbitson: Empty Planet
    Robinson 2019
    304 Seiten
    17,53 Euro
    ISBN-13: 978-1472142955

    Es sind mehrere Gründe, die die Trendwende womöglich schneller einleiten als gedacht. Zum einen führt die zunehmende Verstädterung – seit 2007 wohnt mehr als die Hälfte der Erdenbürger in Städten – zu sinkenden Geburtenraten. Galt ein Kind auf dem Land lange als zusätzliche helfende Hand, so ist es in der Stadt ein weiterer Esser, der erst einmal ernährt werden will – zumindest, wenn man in einem der vielen Slums dieser Welt lebt.

    Die Kinderzahl sinkt mit zunehmendem Wohlstand sowie mit steigendem Bildungsgrad, stärkerer Emanzipation und höherer Erwerbsbeteiligung von Frauen. Der schwindende Einfluss der (katholischen) Kirche spielt ebenso eine Rolle wie Telenovelas, die das Idealbild der Kleinfamilie in die Wohnzimmer von Millionen Lateinamerikanern transportieren. Hinzu kommt politische Steuerung wie die Ein-Kind-Politik, von der sich China inzwischen reumütig wieder verabschiedet hat, oder das „Schließen der Fabrik“, wie in Brasilien der Trend zur Sterilisation von Frauen genannt wird.

    Ökonomische Logik bestimmt zunehmend die Kinderzahl – nicht nur im reichen Westen, sondern auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern.

    Man kann Bricker und Ibbitson vorwerfen, dass ihr Buch auf Momentaufnahmen fußt: auf Gesprächen mit Demografieforschern und mit jungen Leuten in Kanada, Brasilien, Kenia und anderen Ländern, die mit den Autoren über ihre Familienplanung geredet haben. Zuweilen beschleichen den Leser deshalb Zweifel – etwa ob das Kastenwesen Indiens, in dem allein die Männer den Ton angeben, nicht doch stärker ist als der Emanzipationsdrang und Bildungshunger junger Frauen.

    Auch überzeugt nicht jedes Resümee. Natürlich kann Verstädterung die Kinderzahl senken und ökologisch sinnvoll sein, weil Menschen in Hochhäusern, die mit der U-Bahn zur Arbeit fahren, weniger Energie verbrauchen als Menschen auf dem Land. Doch Urbanisierung als Patentrezept zu empfehlen, muss für Bewohner der wachsenden Slums und Favelas in Asien, Afrika und Lateinamerika wie blanker Hohn klingen.

    Dennoch spricht viel dafür, dass die Menschheit die „Grenzen des Wachstums“, die der Club of Rome in den 1970er-Jahren beschwor, vielleicht gar nicht austestet. Die meisten Leser ihres Buches werden den Tag noch erleben, an dem die Weltbevölkerung zu sinken beginnt, sind Bricker und Ibbitson überzeugt. Die Welt werde vielleicht nicht leer, aber „sauberer, sicherer, ruhiger“.

    Payal Arora: The Next Billion Users
    Harvard University Press 2019
    2019
    269 Seiten
    28,71 Euro
    ISBN-13: 978-0674983786

    Auch Morland glaubt nicht an die Bevölkerungsapokalypse: „Der Autor ist zuversichtlich, dass in Fragen der Demografie, ebenso wie bei vielen anderen Themen, die Entscheidungen der einfachen Leute, sofern sie über die entsprechende Bildung und die technischen Mittel verfügen, die besten für die jeweilige Gesellschaft sein werden und auch für den Planeten als Ganzes.“

    Auf ganz andere Weise nähert sich die indischstämmige Autorin Payal Arora der Macht der Demografie. Die in Amsterdam lehrende Kommunikationswissenschaftlerin lenkt den Fokus auf „The Next Billion Users“, jene Milliarden Menschen in der Welt „jenseits des Westens“, die nach und nach Anschluss an das Internet finden. Arora, die ihr Berufsleben in der Privatwirtschaft wie in der Entwicklungshilfe verbracht hat, wirft den Digitalkonzernen aus dem Silicon Valley vor, die Dritte Welt als Versuchslabor und „die Armen“ als Versuchskaninchen zu missbrauchen. Sie räumt mit der Theorie von Technologie-Gurus und vermeintlichen Philantropen auf, dass man Kindern in den Slums nur einen Laptop oder ein Smartphone geben muss, damit sie sich selbst Mathe beibringen.

    Konzerne und Geldgeber wie die Bill & Melinda Gates-Stiftung setzten auf einen „tektonischen Wandel“ durch Technologie, statt langsame und mühsame Veränderungen in der Gesellschaft durchzusetzen. Die Demokratie werde Twitter übertragen, die Bildung Google, kritisiert Arora.

    Sie zeigt, wie Facebook und Co. ihre Reichweite steigern, indem sie Menschen in Entwicklungsländern zu Kunden zweiter Klasse machen, die von kostenpflichtigen Medien- oder Bildungsangeboten ausgeschlossen sind. Und dass „der Süden“ nicht viel anders tickt als „der Westen“: Auch dort nutzen Menschen das Internet, um Musik zu hören, zu chatten oder Pornos zu schauen, nicht um sich mit Bildung aus ihrer prekären Lage zu befreien.

    Technologieskeptikern, Kapitalismuskritikern und vielen Entwicklungshelfern wird dieses Buch eine willkommene Bestätigung sein. Alle anderen haben die Hauptthese, dass es nicht für jedes menschliche Bedürfnis eine App geben kann, auch nach der Hälfte der gut 200 Seiten verstanden.

    Mehr: Lange galt die schnell wachsende Bevölkerung in Indien als Pluspunkt. Doch jetzt gibt es nicht genug Jobs.

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