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Rupi Kaur

Die indisch-kanadische Schriftstellerin hat 3,7 Millionen Follower auf Instagram.

(Foto: imago/Hindustan Times)

Buchtipps Diese Literatur-Stars dichten auf Instagram

Die Lyrik erlebt ihre Renaissance – ausgerechnet im Internet. Die digitalen Dichterinnen sind jung und schreiben gern über Liebe und Selbstfindung.
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Düsseldorf Die Texte von Clara Louise gehen ihren Fans unter die Haut. Regelmäßig bekommt die 26-jährige Autorin Fotos von Körperteilen zugeschickt, die tätowiert sind mit Worten. Es sind Sätze, die etwas kitschig klingen, etwa so: „Sorge für dich, als wärst du die Liebe deines Lebens“, oder: „Du bist da, um da zu sein, und nicht nur, um so zu tun als ob.“

Sie alle stammen aus Louises Feder. Und sie alle sind zuerst auf Instagram erschienen, einer Plattform, die eher für Posing als für Poesie bekannt ist. Ihre Gedichte tippt Clara Louise noch mit der Schreibmaschine, doch bearbeitet sind die Bilder mit einem digitalen Fotofilter.

„#instapoetry“ heißt das Hashtag zu diesem Trend, der beweist, dass man nicht nur mit Schminktipps und Mode auf Social Media erfolgreich sein kann – sondern auch mit einem literarischen Nischengenre: der Lyrik. Viele der digitalen Dichter sind gerade dabei, zu echten Stars zu avancieren – auch auf dem analogen Buchmarkt.

Allein Clara Louise, der auf Instagram rund 160.000 Menschen folgen, hat ihren ersten Gedichtband „Von verlassenen Träumen und einem leichteren Morgen“ mehr als 20.000 Mal verkauft. Auf Amazons Lyrik-Bestsellerliste rangiert die 26-Jährige damit aktuell vor Rilke, Goethe und Ringelnatz. Andere Instagram-Poeten sind ähnlich oder sogar noch erfolgreicher auf der Bilderplattform unterwegs.

Drei Millionen verkaufte Bücher

Zum Beispiel Rupi Kaur, Follower-Zahl: 3,7 Millionen. Mit ihrer Anhängerschaft ist die indisch-kanadische Schriftstellerin nicht nur Spitzenreiterin, sondern auch Vorbild und Frontfrau der neuen Generation von Poeten, die in dem sozialen Netzwerk Verse verbreiten und häufig über Themen wie Liebe oder Selbstfindung schreiben. Kaurs Erstlingswerk „Milk and Honey“ erschien 2014, ist in 30 Sprachen übersetzt worden und hat sich mehr als drei Millionen Mal verkauft.

„Vor 20 Jahren hätte ich das Buch niemals veröffentlichen können“, sagte die Künstlerin kürzlich in einem Interview. Lyrik – das sei früher doch nur etwas für wohlhabende weiße Männer gewesen, so Kaur. Instagram dagegen habe das Gedichteschreiben demokratisiert.

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Das sieht auch Toan Nguyen so, Partner bei der Werbeagentur Jung von Matt/Sports und Experte für digitale Popkultur: „Instagram-Poesie ist ein nächster logischer Schritt einer Demokratisierung, in der die Community entscheidet, wer und was gut ist.“ Tatsächlich seien die meisten Poeten auf Instagram weiblich.

Auf der Plattform hätten sie die Freiheit, „ganz unkuratiert vermeintliche Nischenthemen zu adressieren“ – Gleichstellung, Sexualität, Hautfarbe, Depression. Online fänden sich immer Gleichgesinnte, sagt Nguyen. „In der digitalen Welt gibt es keine Nische mehr.“

Was mit Likes auf Social Media startet, landet immer häufiger im normalen Buchhandel oder auf Bestsellerlisten und verwandelt die einst brotlose Dichtkunst in einen Business-Case. In den USA etwa stieg die Zahl der verkauften Poesiebände zwischen 2015 und 2017 jährlich um ein Fünftel, wie die Marktforscher der NPD Group melden – und sie wissen auch, wer für das Wachstum verantwortlich ist: Die Hälfte aller Werke stamme von Künstlern, die ihre Lyrik massenwirksam auf Instagram teilten. In Großbritannien gab es nach Angaben von Nielsen Book Scan im vergangenen Jahr sogar einen neuen Umsatzrekord im Lyrikbereich, getrieben von Schülerinnen und jungen Frauen.

Dichterin Clara Louise berichtet, dass sie mit dem Verkauf ihres Debütwerks 400.000 Euro eingenommen hat, etwa ein Viertel davon bleibt als Gewinn für ihre eigene Firma. Die Künstlerin ist auch Geschäftsfrau: Weil sich keiner der von ihr angeschriebenen Verlage für ihre Gedichte interessierte, verlegte sie den Band selbst und nutzte dafür die Ressourcen ihrer eigenen Werbeagentur. So kann sie dieses Jahr erstmals von ihrer Kunst leben und geht im Herbst mit ihrer Band auf Deutschlandtour, um Gedichte vorzulesen und Songs zu singen.

Woher kommt diese neue Begeisterung für eine uralte literarische Gattung? Clara Louise ringt einen Moment um Worte. Dann erzählt sie von früher: „Als ich in der Schule war, haben wir wenig über Lyrik gesprochen. Vielleicht wurde mal ein Gedicht eines alten Schriftstellers analysiert, das war’s.“

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Und heute? „Bekommen es die Leute anschaulich präsentiert“ – in Retro-Optik mit Hochglanzfotos der Autorin und: in einfachen Worten. „Ich schreibe keine wahnsinnig komplexen Dinge, sondern nutze Alltagssprache“, sagt die Autorin. „Gedichte sind für mich wie Tagebuch führen“ – noch so ein Instagram-reifer Zweizeiler.

Mutmachsprüche und in Reime verpackte Alltagssorgen – darauf fußt auch ein guter Teil des Geschäftsmodells von Julia Engelmann. Sprüche wie „Lass mal an uns selber glauben, ist mir egal, ob das verrückt ist“ oder „Anders ist nicht falsch, bloß eine Variante von richtig“ sind auf ihrem Instagram-Profil in Schnörkelschrift zu lesen.

Mit diesen Ausschnitten aus ihren Gedichten unterhält die Poetin ihre gut 240.000 Follower auf der Fotoplattform. Bilder von ihr gibt es selten, höchstens um ein neues Buch zu promoten oder an einen besonders gelungenen Auftritt zu erinnern.

Bekannt geworden ist die Autorin durch einen Auftritt beim „Bielefelder Hörsaal-Slam“ mit ihrem Gedicht „One Day / Reckoning Text“. Damals studierte Engelmann noch Psychologie. An dem Abend im Sommer 2013 wird sie bei dem Reimwettbewerb an der Uni Vorletzte.

Erst als ein Blogger ein halbes Jahr später auf den Videoclip von Engelmanns Auftritt aufmerksam macht, erreicht der Fünfminüter die breite Öffentlichkeit. Das Youtube-Video wird 2014 binnen zwei Wochen fünf Millionen Mal angeschaut – und Engelmann zur Kurzzeitberühmtheit.

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Den plötzlichen Erfolg nutzte die gebürtige Bremerin für einen radikalen Karriereschwenk. Sie brach ihr Studium ab und widmete sich ganz dem Schreiben. Heute, fünf Jahre später, arbeitet Engelmann nicht nur als Dichterin, sondern auch als Musikerin und Schauspielerin. Sie hat vier Bücher geschrieben, ein fünftes erscheint noch in diesem Jahr.

Engelmann hat in Kinofilmen wie „Ich bin dann mal weg“ und „Asphaltgorillas“ mitgespielt und vor zwei Jahren ein Musikalbum bei Universal herausgebracht. Ihre Lieder und Gedichte trägt die Slammerin Engelmann auch immer noch live vor – auf ihrer vergangenen Tour an 37 Abenden.

„Seitdem das Video 2014 viral gegangen ist, kann ich von der Poesie leben. Aber ich bin auch wirklich genügsam“, sagt Engelmann. „Ich muss nicht wie Dagobert Duck durch einen Geldspeicher schwimmen.“ Wie viel sie tatsächlich verdient, möchte sie trotzdem nicht erzählen. Als Poetin würde sie viel mehr interessieren, „wie viele Leser meine Gedichte im Regal stehen haben“. Laut Goldmann Verlag, der die Bände herausgibt, sind es bisher 700.000 verkaufte Exemplare.

Engelmanns Geschäft mit Büchern, Liedern und Ticketverkäufen ist inzwischen sogar so etwas wie Family Business. Ihre Mutter ist gleichzeitig Engelmanns Managerin. Der Vater kümmert sich um den Vertrieb von Fanartikeln. Einen Businessplan würden die drei trotzdem nicht verfolgen. „Bisher ist das alles einfach so passiert“, behauptet die 27-jährige Künstlerin. Lange Zeit betrachtete Engelmann ihren eigenen Erfolg als „Eintagsfliegenmoment“. Dass ihr Ruhm immer noch anhalte, überrasche sie auch heute noch. 

Fans als Teilhaber des Erfolgs

Dass Poesie gerade auf Instagram so boome, liegt aus Sicht von Jung-von-Matt-Partner Nguyen auch an der Plattform selbst. Instagram sei mehr als „passives Scrollen im Newsfeed“, viele Follower fühlten sich für den Erfolg ihrer Idole mitverantwortlich. „Emotionale Teilhabe“ nennt der Influencer-Experte das. Und Poesie sei „emotionale Teilhabe in Reinform“.

Clara Louise arbeitet aktuell an ihrem zweiten Gedichtband. Erscheinen wird er erst im September, taucht aber schon jetzt bei Amazon unter Bestsellern in der Kategorie „Deutsche Lyrik“ auf. In den Texten wird es wieder viel um Liebe und Selbstfindung gehen – Themen also, auf die sich viele junge Menschen keinen Reim machen können. Sie suchen Sicherheit und finden die Worte der jungen Literatin. Erst in ihrem Instagram-Feed, dann bei Amazon

Von zwei bekannten deutschen Verlagen liegen Clara Louise Angebote vor, doch auch dieses Mal möchte sie Layout, Illustrationen, Bindung, Druck, Vertrieb und Marketing in Eigenregie steuern. Fast täglich bekommt ihre digitale Fangemeinde neue Auszüge präsentiert, garniert mit Werbung für den Vorverkauf. Die Zeilen klingen zum Beispiel so: „Es ist nie zu spät, um zu begreifen, dass dieses Leben mir gehört.“ Ist das Kunst, Kommerz oder Kitsch? Ihre Instagram-Fangemeinde hat sich schon entschieden: Gut 11.000 Leuten gefällt das.

Mitarbeit: Lazar Backovic

Mehr: Neu erschienene Sachbücher behandeln die Zukunft der Arbeit, den „neuen“ Menschen und die Digitalisierung. Welche Werke Sie in Ihren Koffer packen sollten.

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